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Pansexualität: Die Liebe zum Menschen statt zum Geschlecht

Kommentar schreiben Freitag, 28. Juni 2019

Dass es im Liebesleben von Männern und Frauen weit mehr gibt als die „normale“ Mann-Frau-Zweierbeziehung, das hat sich ja nun schon seit langer Zeit weithin herumgesprochen. Gleichgeschlechtliche Beziehungen gehören – zumindest in aufgeklärten, freiheitlichen Gesellschaften – selbstverständlich dazu, auch bisexuelle Lebensformen finden immer mehr Akzeptanz. Seit einiger Zeit macht jedoch auch ein Begriff die Runde, der bei vielen noch einiges Stirnrunzeln auslöst und viele Missverständnisse mit sich bringt: die Pansexualität, manchmal auch Omnisexualität genannt. Wer mit den Vorsilben „pan“ und „omni“ (griechisch bzw. lateinisch für „alles“) etwas anfangen kann, grübelt: Finden Pansexuelle etwa alles und jeden sexuell interessant?

 

Andere, die den Begriff in einem bunten Blättchen aufschnappen, mögen glauben, dass es sich dabei um eine Modeerscheinung handelt, um einen exzentrischen „way of life“, der aus den USA zu uns schwappt. Schließlich haben sich ja bereits mehrere internationale Promis, allen voran die ziemlich exhibitionistisch veranlagte Sängerin und Schauspielerin Miley Cyrus, medienwirksam als „pansexuell“ geoutet. Richtig aber ist nur dies: Pansexualität ist eine durchaus ernstzunehmende sexuelle Orientierung, die langsam, aber sicher weltweit immer mehr Aufmerksamkeit erfährt.

 

Was steckt hinter der Pansexualität?

 

Will man mehr über Pansexualität erfahren und gibt den Begriff in eine Internet-Suchmaschine ein, landet man als erstes beim Online-Lexikon Wikipedia. Demnach handelt es sich bei Pan- oder Omnisexualität um „eine sexuelle Orientierung, bei der Personen in ihrem Begehren keine Vorauswahl nach Geschlecht bzw. Geschlechtsidentität treffen.“ Ein pansexueller Mensch ist folglich „in der Lage, für Menschen aller Geschlechtsidentitäten sexuelle oder romantische Gefühle zu empfinden.“1

 

Das heißt nichts anderes, als dass Pansexuelle in der Auswahl ihrer Sexual-/Liebes- und Lebenspartner sich nicht auf biologisch eindeutig definierte Geschlechter, also Männer und/oder Frauen, beschränken. Sie können, wie die Wissenschaftsjournalistin Carola Felchner im medizinischen Online-Portal Netdoktor erläutert, „sexuelle und romantische Gefühle auch für Menschen entwickeln, die sich nicht oder nicht nur mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren.“

 

Neben Männern und Frauen sind es also auch Bisexuelle, Transgender-Menschen, Transsexuelle oder Hermaphroditen (Intersexuelle, Zwitter), die für einen pansexuell orientierten Menschen als Partner infrage kommen.2

 

Wie Netdoktor und alle weiteren ernstzunehmenden Quellen beschreiben, gibt es nur eine einzige Beschränkung für Pansexuelle: sie begehren ausschließlich erwachsene Menschen. Damit lässt sich ein weit verbreitetes Vorurteil gegenüber dieser sexuellen Orientierung von vornherein ausräumen, wonach Pansexuelle in der Auswahl ihrer Liebesobjekte völlig wahllos seien, auch Kinder und Tiere begehrten und auch Fetische für ein befriedigendes Liebesleben brauchten, etwa Küchenutensilien und andere Dinge.

 

Auch Verhaltensweisen wie ständiges Fremdgehen und unzählige Sexpartner gehören nicht zwingend zur Pansexualität. Solche und weitere, zum Teil hanebüchenen Vorurteile beruhen ausschließlich auf Unkenntnis und sollten keinesfalls übernommen werden! Auf den Punkt gebracht, lässt sich Pansexualität vielmehr so definieren: Der Mensch als Ganzes, nicht sein Geschlecht, steht bei der Partner- und Beziehungswahl im Vordergrund.

 

Bisexuell, polysexuell, pansexuell ...

 

Sehr häufig wird Pansexualität mit Bi- oder auch Polysexualität verwechselt. Es gibt zwischen diesen Formen jedoch ganz klare Unterschiede. So beziehen sich Bisexuelle ausschließlich auf die biologischen Geschlechter „männlich“ und „weiblich“, während für pansexuell Liebende ja, wie erklärt, diese „binäre“ Geschlechtereinteilung nicht mehr bindend ist. Polysexuelle können zwar ebenfalls mehr als zwei Geschlechtsidentitäten begehren, jedoch nicht alle, so wie es bei Pansexuellen der Fall ist.

 

... was bin ich?

 

Ähnlich wie bei homosexuell bzw. lesbisch veranlagten Menschen, kann es auch ganz schön mühevoll und schmerzhaft sein, einer eigenen pansexuellen Orientierung auf die Spur zu kommen – und sich damit zu outen. Viele spüren schon als Jugendliche, dass für sie die gängigen Mann-Frau-Bewertungen nicht oder nicht nur zutreffen. Sie merken aber auch, dass sie nicht „einfach nur“ schwul oder lesbisch sind, und dass sich Emotionen und sexuelles Begehren an den unterschiedlichsten Menschen festmachen können. Entscheidend für den Mut zum Coming-out ist sicherlich das eigene Umfeld und wie tolerant bzw. eng die wichtigen Menschen in der Familie oder im Freundeskreis diese Themen sehen und bewerten.

 

Wie Carola Felchner in netdoktor schreibt, spürten viele Pansexuelle, „dass sie nicht ins klassische Raster passen, ihnen fehlt jedoch ein Begriff, um ihre Ausrichtung zu beschreiben.“ Viele haben also bereits eine klare innere Haltung zu ihrer sexuellen Orientierung entwickelt, lange bevor sie sich selbst als „pansexuell“ bezeichnen würden.2 

 

Am besten lässt sich herausfinden, ob dieses „Etikett“ zu einem passt oder nicht, wenn viele entsprechende Gespräche und Erfahrungen nicht nur mit hetero-, bi- oder klar homosexuellen Personen ausgetauscht werden, sondern auch in die ganze Vielfalt der sogenannten „queeren“ Szene eingetaucht wird. Wem das – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich oder unangenehm ist, der findet sicherlich zunächst in einer Sexualberatungsstelle Hilfe, die es inzwischen zumindest in größeren Städten zuhauf gibt.

 

Zur eigenen pansexuellen Identität zu finden, kann übrigens eine echte Bereicherung sein. Der Horizont öffnet sich, die Persönlichkeit kann sich enorm weiterentwickeln: die unterschiedlichsten Sexualitäten und Geschlechteridentitäten werden anerkannt. Das bedeutet eben auch, dass bestehende gesellschaftliche Einschränkungen überwunden werden und vielfach eine besonders individuelle und selbstbewusste Lebensführung möglich wird – selbstverständlich nur, wenn es gelingt, zu einer Lebensform und der zugehörigen inneren Haltung zu stehen, die gesellschaftlich (noch) weitgehend kritisch betrachtet wird.

 

Unterschiedlichste Bewertungen in Wissenschaft und Gesellschaft

 

Tatsächlich ist Pansexualität nicht nur gesellschaftlich umstritten, sondern wird auch medizinisch-wissenschaftlich sehr unterschiedlich bewertet. Einen guten Überblick über die verschiedenen Einschätzungen gibt die Soziologin, Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin Lea Schütze in ihrem ausführlichen Beitrag im „Gender Glossar“. 3

 

Dort ist etwa zu lesen, dass zumindest in früheren Zeiten pansexuelles Verhalten von manchen Psychiatern als Persönlichkeitsstörung, z.B. als Symptom einer Borderline-Störung, gesehen wurde, während sich andere Wissenschaftler schon vor Jahrzehnten scharf dagegen verwehrten, Pansexuelle als „pathologische Fälle“ abzuwerten. Heute hat sich glücklicherweise in der Psychologie und Psychiatrie weitgehend die Einstellung durchgesetzt, dass Pansexualität wertfrei gesehen und in die normalen Spielarten der menschlichen Sexualität eingeordnet werden sollte.

 

Vertreter von feministischen und queeren Haltungen befürworten dagegen einhellig die Pansexualität, etwa als „subversiver Handlungsraum in heteronormierten Umwelten“, wie Lea Schütze schreibt. Demnach werde Pansexualität u.a. als „Gegenkonzept“ zur vermeintlichen „Natürlichkeit heterosexueller Zweierbeziehungen“ verstanden.

 

Wenige Zahlen und Fakten

 

Lea Schütze, die seit langer Zeit über queeres Leben und Genderfragen forscht und somit Expertin für unterschiedlichste sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten ist, bestätigt – ebenso wie weitere Experten, einschlägige Internetseiten und Foren – dass man sich bisher sozialwissenschaftlich insgesamt nur sehr wenig mit Pansexualität befasst hat. Kein Wunder also, dass zuverlässige Zahlen und wissenschaftlich untermauerte Aussagen darüber kaum zu finden sind. Die Lebenssituation, im Speziellen das Liebes- und Sexualleben von Heterosexuellen wie auch Homosexuellen wird regelmäßig durch offizielle Studien erforscht, doch über Pansexualität als solche wurden bislang keine ernstzunehmenden Untersuchungen angestellt.

 

Was Zahlen angeht, so gibt es bis heute zum Anteil an sogenannten LGBT-Menschen (Lesbian, Gay, Bi, Trans) in der Bevölkerung nur Schätzungen; darunter dürfte sich dann auch der weit kleinere Anteil an pansexuellen Menschen befinden. Erste konkrete Zahlen, die grobe Hinweise liefern könnten, finden sich in der sogenannten Dalia-Studie: Das Berliner Umfrage-Startup Dalia hatte dafür via Internet rund 12.000 Menschen in ganz Europa befragt und gewann daraus signifikante Erkenntnisse für neun von 28 Ländern. Eines der Ergebnisse: In Deutschland gibt es wohl einen LGBT-Bevölkerungsanteil von 7,4 Prozent, was bedeuten dürfte, dass es vielleicht einige zehntausend, vielleicht auch hunderttausend pansexuelle Menschen hierzulande gibt.4

 

Interessant sind in diesem Zusammenhang die im Internet veröffentlichten Beobachtungen des BBZ (Begegnungs- und Beratungszentrums) „Lebensart“ in Halle (Saale), wonach zumindest in Sachsen-Anhalt sich immer mehr jüngere Menschen als pansexuell bezeichneten.5 Außerdem stellt das BBZ fest, dass „die Enttabuisierung von inter- und transgeschlechtlichen sowie nichtbinären Menschen, in den letzten Jahren eine sexuelle Orientierung bekannter werden lassen, die faktisch die Auflösung des geschlechtlichen Begehrens bedeutet.“ So sei auf Dating-Portalen im Internet festzustellen, dass etwa ein Drittel der dort aktiven Frauen bi-neugierig/interessiert bis orientiert seien und Männer (oft anonym) „gleichzeitig nach Frauen, Paaren, Transsexuellen und Transvestiten und manchmal auch nach Männern“ suchten.

 

In Partnerbörsen angekommen

 

Tatsächlich findet sich inzwischen in so gut wie allen größeren Dating- und Partnerbörsen auch eine Nische für sexuelle Orientierungen wie Pansexualität, zum Teil sogar mit eigenen, für Toleranz werbenden Artikeln dazu, wie etwa bei Elite-Partner.6 Hier wird nicht nur für einen offenen Umgang mit der eigenen Sexualität, wie sie auch sei, plädiert, sondern auch an den Verband der VLSP (Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie) verwiesen, der u.a. Hilfestellung auf dem Weg zur Selbstakzeptanz geben könne und in seinem Artikel „Fragen zu sexueller Orientierung und Homosexualität“ zu einem offenen Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung rät, um so verstärkt gegen Vorurteile und Diskriminierung vorzugehen.7 

 

„Wenn Sie als pansexueller Mensch in die Öffentlichkeit gehen, geben Sie so der breiten Masse die Möglichkeit, mit Ihnen persönlich in Kontakt zu treten und Sie als Individuum wahrzunehmen“, heißt es darin.  

 

Die Online-Börse www.gleichklang.de, seit Jahren schon ein bunter Treffpunkt für Nicht-Mainstream-Menschen aller Art, betreibt sogar ein eigenes Internetportal für Pansexuelle.8 Dort heißt es zwar, dass es „noch abzuwarten“ bleibe, ob sich Pansexualität als individuelle sexuelle Orientierung etablieren werde.

 

Doch wird diese Form der sexuellen Orientierung hier ausdrücklich positiv bewertet; sie sei gekennzeichnet „durch eine progressive gesellschaftliche Grundposition, die die Akzeptanz für die verschiedensten geschlechtsbezogenen, geschlechtsübergreifenden und sexuellen Lebensweisen in den Mittelpunkt stellt.“ Eine pansexuelle Gesellschaft „wertschätzt den Menschen an sich, egal ob es sich um heterosexuelle Männer und Frauen, bisexuelle Männer und Frauen, homosexuelle Männer und Frauen, transsexuelle Menschen oder um Hermaphroditen (Zwitter, Intersexuelle) handelt.“

 

Ein Plädoyer für Vielfalt und Toleranz

 

Wie immer man Pansexualität – ob bei sich oder anderen – auch bewertet, so gehört sie doch zumindest zur menschlichen Vielfalt dazu. Wer in einer offenen, toleranten und diversen Gesellschaft und Kultur leben will, muss auch Pansexualität als sexuelle Orientierung akzeptieren.

 

Wie sagte schon der berühmte Sexualforscher Alfred C. Kinsey, Jahrgang 1894: „Man darf die Welt nicht in Böcke und Schafe einteilen. Nicht alle Dinge sind entweder schwarz oder weiß. Es ist ein Grundsatz, dass die Natur selten getrennte Kategorien aufweist. Nur der menschliche Geist führt Kategorien ein und versucht, die Tatsachen in getrennte Fächer einzuordnen. Die lebendige Welt ist ein Kontinuum in allen ihren Aspekten. Je eher wir uns dessen in Bezug auf menschliches Sexualverhalten bewusst werden, umso eher werden wir zu einem wirklichen Verständnis der Realitäten gelangen.“ 9

 

Und, etwas einfacher formuliert, ermuntert das Online-Magazin von Elite-Partner. „Machen Sie Ihr persönliches Glück nicht vom Geschlecht abhängig“, und betont: „Wenn Sie pansexuelle Neigungen haben, schöpfen Sie im wahrsten Sinne des Wortes aus den Vollen. Nichts muss, alles kann!“ Wie wahr. Denn kommt es denn letztlich darauf an, wen wir wie lieben? Wohl kaum. Die Liebe selbst ist es doch, die zählt.6

 

 

 

 

Quellenangaben (Stand 24.06.2019):

 

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Pansexualit%C3%A4t

2 https://www.netdoktor.de/sexualitaet/pansexuell/

3 https://gender-glossar.de/glossar/item/23

4 https://www.jetzt.de/lgbt/dalia-studie-zu-lgbt-anteil-in-der-bevoelkerung

5 http://www.bbz-lebensart.de/CMS/uploads/Bisexualitaet_Pansexualitaet.pdf

6 https://www.elitepartner.de/magazin/pansexuell.html

7 www.vlsp.de

8 www.pansexuell.de

9 Alfred C. Kinsey: 1948, zitiert nach Haeberle, in https://de.wikipedia.org/wiki/Kinsey-Skala

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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