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Oft unerkannt aber nicht zu unterschätzen: Die Sperma-Allergie

Kommentar schreiben Montag, 13. Juni 2016

Sex ist für die meisten Menschen die mindestens zweitschönste Sache der Welt. Zärtlichkeit, Leidenschaft, Erotik – wunderbar, all das zusammen mit einem geliebten Menschen ungestört zu genießen! Was aber, wenn diese Form der Zweisamkeit gestört wird – durch eine unangenehme Allergie, die ausschließlich beim Sex auftritt? Wer unter einer seltenen Sperma-Allergie leidet, dem kann die Lust an der körperlichen Liebe gründlich vergehen. Doch ist trotz dieser seltenen und unter Umständen auch gefährlichen Allergie ein weitgehend unbeschwertes Liebesleben möglich.

Eine Sperma-Allergie ist die allergische Reaktion auf männliches Sperma. Sie entsteht wie jede andere Allergie durch eine Sensibilisierung des Immunsystems, in diesem Fall auf bestimmte Stoffe in der Samenflüssigkeit. Diese sehr seltene Form der Unverträglichkeit ist selbst unter Ärzten noch relativ unbekannt – einige Frauenärzte wissen nicht einmal, dass es sie überhaupt gibt. Bis zum Jahr 2000 wurden weltweit nur etwa 100 Fälle in der entsprechenden Literatur beschrieben; erst seit etwa zehn Jahren mehren sich die Berichte darüber, und die Forschung kommt langsam in Schwung. Aus den USA wurden Schätzungen bekannt, wonach etwa 20.000 bis 40.000 Menschen betroffen sein sollen. Die Dunkelziffer ist bei dieser Allergie aller Wahrscheinlichkeit nach recht hoch, denn wie bei den meisten „intimen“ Problemen dürften sich viele Betroffenen schämen, darüber offen mit einem Arzt zu sprechen.

Betroffen sind überwiegend junge Frauen – Männer reagieren meist untypisch

Eine Sperma-Allergie tritt vor allem bei Frauen zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr auf. Allerdings sind nicht ausschließlich Frauen betroffen: In einigen Fällen können auch Männer allergisch reagieren, und zwar dann, wenn ihre Haut und die Schleimhäute in Kontakt mit dem eigenen Sperma kommen. Das wird dann als „Postorgasmic Illness Syndrome“ (POS; Krankheitsanzeichen nach dem Orgasmus) bezeichnet. Zu allergischen Reaktionen kommt es bei manchen Männern auch dann, wenn ihr Sperma mit ihrem Blut in Berührung kommt, was z.B. bei einer Sterilisation des Mannes (Vasektomie) der Fall ist. Dass Männer auf das Sperma anderer Männer allergisch sind, wurde bisher kaum beobachtet.

Die Sperma-Allergie wird von Männern meist anders erlebt als von Frauen. Oft kommt es bei männlichen Betroffenen nach dem Samenerguss zu eher unspezifischen Symptomen, die kaum an eine Allergie denken lassen, etwa Kopfschmerzen und grippeähnliche Erscheinungen, die teils über mehrere Tage anhalten. 1958 hatte ein Niederländer die Symptome der Sperma-Allergie zum ersten Mal beschrieben – erst 44 Jahre später erkannten zwei ebenfalls niederländische Forsche bei Männern das heute bekannte Post Orgasmic Illness Syndrome (POS). Eine allergische Reaktion von Männern auf fremdes menschliches Sperma ist bislang noch nicht beobachtet worden.

Ursachen und Symptome ähnlich wie beim Heuschnupfen

Bei einer Sperma-Allergie identifiziert das Immunsystem des Körpers die Proteine im Körper als feindliche Eindringliche, so als ob sie z.B. Viren oder Bakterien wären. Betroffene reagieren nicht auf das Sperma selbst, sondern allein auf das so genannte prostataspezifische Antigen (PSA), ein Protein, das in der Prostata produziert wird und sich im Ejakulat, also in der Samenflüssigkeit von Männern, befindet. Dieses Eiweiß findet sich im Sperma jedes Mannes, deswegen ist die Allergie auch nicht partnerspezifisch. Es würde also einer Sperma-Allergikerin nichts nützen, ihren Sexualpartner zu wechseln – sie würde auf das Sperma jedes Mannes mit Allergiesymptomen reagieren.

Bei den meisten Menschen braucht es eine Weile, bis die Allergie sich vollständig entwickelt. Erst nach mehrmaligem Kontakt mit Sperma macht sich die Überreaktion des Körpers bemerkbar. Das Immunsystem sensibilisiert sich über einen längeren Zeitraum, in dem die weißen Blutkörperchen das Immunglobulin E (auch kurz IgE genannt), einen Antikörper gegen das Allergen im Sperma, bilden. Sind diese Antikörper vollständig entwickelt, reagieren sie beim nächsten Kontakt mit Sperma und binden sich an die Eiweißzellen. Sie sorgen dann für die Ausschüttung von bestimmten Chemikalien wie dem bekannten Histamin, die die üblichen allergischen Reaktionen hervorrufen.

Die allergische Reaktion tritt nach ungeschütztem oralem, vaginalem oder analem Sex auf; die Reaktion erfolgt nach etwa zehn bis 30 Minuten. So lange dauert es, bis die körpereigenen Antikörper auf die allergieauslösenden Proteine in der Samenflüssigkeit ansprechen. Die Symptome ähneln oft denen eines allergischen Schnupfens: Brennen und Juckreiz, Schwellungen und Rötungen, Bildung von Quaddeln und Ausschlag im Intimbereich oder auch am ganzen Körper, stechender Schmerz an den betroffenen Körperstellen. Wenn die Allergie stärker ausgeprägt ist, kommt es auch zu Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. Wirklich gefährlich wird es, wenn in Extremfällen Atemnot auftritt und das Herz-Kreislauf-System beginnt, verrückt zu spielen: starkes Herzklopfen, Blutdruckabfall bis hin zur Ohnmacht und zum Bewusstseinsverlust können dann die Folge sein. Bei entsprechend veranlagten Allergikern droht schlimmstenfalls ein letztlich tödlicher anaphylaktischer Schock. Bleibt die Sperma-Allergie unerkannt und unbehandelt, kann sie deshalb tatsächlich lebensbedrohlich sein. Zum Glück jedoch wird die Sperma-Allergie in der Regel behandelt, denn die Symptome zeigen sich derart deutlich, dass sich Betroffene meist rechtzeitig an einen Arzt wenden.

Als weitere schwerwiegende Folge dieser Allergie kann Unfruchtbarkeit auftreten, da die weißen Blutkörperchen das Sperma daran hindern können, die Eizellen zu erreichen.

Sperma-Allergie kann eindeutig erkannt werden

Geforscht wird derzeit über Zusammenhänge der Sperma-Allergie mit anderen Allergien. Erste Ergebnisse deuten an, dass bei rund der Hälfte der Sperma-Allergiker auch andere Allergien bekannt sind, z.B. gegen diverse Stoffe aus der Umwelt. Nicht wenige leiden auch an Erkrankungen wie Neurodermitis oder unter einer Nahrungsmittelallergie. Bekannte Risikofaktoren für die Sperma-Allergie gibt es bisher nicht.

Um eine Sperma-Allergie eindeutig zu diagnostizieren, macht der Arzt häufig einen so genannten Hautpricktest mit der Samenflüssigkeit. Dabei wird die Haut des Patienten leicht angekratzt oder gestochen und dem Allergen ausgesetzt. Ist eine Allergie vorhanden, rötet sich die behandelte Hautstelle und schwillt an. Der Arzt misst dann die Intensität der Schwellung und damit der Allergie.

Es gibt auch Möglichkeiten, die spezifischen IgE-Antikörper im Reagenzglas nachzuweisen, diese sind jedoch sehr viel ungenauer als ein Hauttest und werden nur angewendet, wenn Patienten eine schwerere Hautkrankheit haben, die einen Hauttest unmöglich machen.

Welche Vorsorge kann man treffen – und wie kann man eine Sperma-Allergie behandeln?

Als Präventivmaßnahme gibt es eigentlich nur einen Weg, nämlich den, beim Geschlechtsverkehr immer ein Kondom zu verwenden. In diesen Fällen bleibt eine allergische Reaktion dann völlig aus.

Die Behandlung der Sperma-Allergie hängt von der Schwere der Allergie ab und ist im Prinzip dieselbe wie bei anderen Allergien auch. Zur Akutbehandlung von leichteren bis mittleren Symptomen kommen meist Antihistaminika (Inhaltsstoffe, die die Wirkung des Botenstoffs Histamin im Körper abschwächen oder sogar ganz stoppen) sowie Cortison- und Adrenalin-Präparate zum Einsatz. Schwere Symptome bis hin zu einer lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktion müssen sofort behandelt werden, wie es auch bei Menschen der Fall ist, die hochallergisch auf Insektenstiche, Nahrungs- oder Arzneimittel reagieren. Mediziner raten Patienten, die wissen, dass sie zum anaphylaktischen Schock neigen, dringend dazu, immer ein ärztlich verschriebenes "Nothilfe-Set" bereitzuhalten. Ein solches Set enthält ein Antihistaminikum, ein Cortisonmittel und einen Adrenalin-Autoinjektor, der ggf. lebensrettend sein kann. Viele Ärzte bieten dazu auch spezielle Schulungen an, in denen sie die Patienten nicht nur über ihre Allergie genauestens aufklären, sondern ihnen auch erklären, wie sie mit dem Autoinjektor und den Medikamenten umgehen müssen. Gut ist, wenn auch der Partner, Freunde und Verwandte dies wissen. Ansonsten sollte bei schweren Reaktionen sofort ein Notarzt gerufen werden.

Eine Heilung ist möglich

Zur längerfristigen Behandlung, ggf. auch zur vollständigen Beseitigung der Allergie, ist eine Hyposensibilisierung möglich. Dabei wird unter ärztlicher Aufsicht das in der Samenflüssigkeit enthaltene Allergen schrittweise in immer höheren Dosen verabreicht, so dass sich der Körper langsam daran gewöhnt. Entweder wird dabei Samen gezielt in die Vagina der Frau gegeben, oder das Allergen wird in kurzen Zeitabständen in die Blutbahn des Allergikers injiziert. Als erfolgreich hat sich – besonders bei schweren Fällen – die so genannte „Rush-Therapie“ erwiesen, die häufig stationär im Krankenhaus durchgeführt wird. Dabei werden in einem fortgeschrittenen Stadium der Steigerungsphase mehrere Injektionen an einem Tag gegeben. Es sind mehrere Fälle beschrieben, in denen die Hyposensibilisierung nach der "Rush-Therapie" die Symptome dauerhaft beseitigt hat.

Derzeit arbeiten Wissenschaftler daran, für Sperma-Allergiker eine spezifische Immuntherapie zu entwickeln. Bis diese Therapie erfolgreich angewendet werden kann, dürften allerdings noch einige Jahre vergehen.

Was tun bei Kinderwunsch?

Eine wichtige Frage vieler Sperma-Allergikerinnen ist die nach der Fruchtbarkeit. Diese wird durch ihre Allergie grundsätzlich nicht beeinflusst. Sind die allergischen Reaktionen leichterer Natur, können Frauen während ihrer fruchtbaren Tage auf die Verwendung von Kondomen verzichten und eventuell zusätzlich allergiehemmende Medikamente einnehmen, um schwanger zu werden.

Bei starken anaphylaktischen Reaktionen ist ein solches Vorgehen natürlich nicht mehr möglich. Dann kommen entweder die schon erwähnte Hyposensibilisierung oder – falls diese nicht möglich ist oder ihr Erfolg ausbleibt – eine künstliche Befruchtung in Frage. Bei letzterer wird eine Probe des Spermas entnommen und das spezifische Allergen aus der Probe entfernt. Anschließend wird zur künstlichen Befruchtung diese allergenfreie Probe in den Uterus der Frau eingeführt. Bei gesunden Frauen führt dies oft zum Erfolg, allerdings übernimmt die Krankenkasse nicht die Kosten.

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Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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