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Synästhesie: Klänge sehen und Worte schmecken

Kommentar schreiben Dienstag, 13. März 2018
Worte schmecken, Töne sehen und Zahlen fühlen: Synästhetiker erfahren Reize über mehrere Sinneskanäle gleichzeitig und nehmen die Umwelt sehr intensiv und meist bunt wahr. Viele Größen aus Kunst und Musik sowie bekannte Schriftsteller waren vermutlich Synästhetiker. Vielen Betroffenen ist nicht bewusst, dass sie Dinge anders wahrnehmen. Forscher haben nun vermutlich die Ursache für Synästhesie entdeckt.  Synästhesie – das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Vermischung der Sinne“. Für Menschen mit einer normalen Wahrnehmung, sind verschmelzende Sinneseindrücke kaum vorstellbar. Für Synästhetiker haben beispielsweise Buchstaben oder Zahlen spezielle Farben. Forscher nennen diese Art der Wahrnehmung auch „coloured hearing“. Es handelt sich um eine der häufigsten Formen der gesteigerten Wahrnehmung.

Synästhesie: Verknüpfung von Sinneseindrücken

Denn Synästhesie ist nicht gleich Synästhesie: Welche Sinneswahrnehmungen miteinander verknüpft sind ist von Person zu Person verschieden. Die einen sehen Farben und geometrische Formen, wenn sie Klänge hören, andere Schmecken etwas wenn sie einen haptischen Eindruck wahrnehmen. Auch die Verknüpfung von Geruch und Buchstaben oder Geschmack und Formen und Farben ist möglich. Durch die verschiedenen Ausprägungen ist das Phänomen schwer zu beschreiben und zu kategorisieren. Früher galt Synästhesie als eine psychische Krankheit und wurde dementsprechend behandelt. Ende des 19. Jahrhunderts rückte das Phänomen erstmals in den Fokus der Forschung. Heute weiß man, Synästhetiker sind nicht krank, ihr Gehirn reagiert nur anders, intensiver auf äußere Reize. Eine Synästhesie besteht von Geburt an ein ganzes Leben lang. Häufig bemerken Betroffene erst im Erwachsenenalter, dass sie Dinge anders wahrnehmen als andere. Die Dunkelziffer der Betroffenen ist daher sehr hoch. Doch es wird geschätzt das etwa jeder 1000. Mensch Synästhetiker ist. Frauen sind etwas häufiger davon betroffen als Männer, Linkshänder wahrscheinlich eher als Rechtshänder.

Was ist die Ursache für Synästhesie?

Nun glauben Forscher die Ursache für die Verknüpfte Wahrnehmung ausgemacht zu haben: Da Synästhesie in Familien gehäuft auftritt, wurde schon länger eine genetische Disposition vermutet. Nun konnte ein Team aus Wissenschaftlern um Simon Fisher vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik 37 Gene ausmachen, deren Beteiligung an der Entstehung der veränderten Wahrnehmung wahrscheinlich ist. Die Anlage für Synästhesie kann somit vererbt werden. Durch verschiedene Untersuchungsmethoden wurde deutlich, dass Synästhetiker außergewöhnliche Strukturen im Gehirn aufweisen. Verschiedene Areale sind stärker miteinander verknüpft als bei anderen Menschen. Es besteht ein übermäßiger Austausch zwischen den Regionen und durch diese Hyperkonnektivität sind die Sinneseindrücke verknüpft. Diese Theorie könnte das „coloured hearing“ erklären: Die Gehirnareale für Farben und für Buchstaben liegen räumlich relativ nah beisammen und werden durch einen äußeren Reiz gemeinsam aktiviert. Synästhetiker bilden sich die Farben zu Buchstaben, Zahlen oder Klängen nicht ein, sie nehmen sie tatsächlich wahr.

Kann man Synästhesie testen?

So kann ein Synästhetiker einem Buchstaben immer wieder dieselbe Farbe zuordnen. Ein Versuch mit Nicht-Synästhetiker hat gezeigt, dass sie Farben eher nach der aktuellen Stimmungslage bestimmten Klängen oder Lauten zuordnen. Werden sie aufgefordert die Zuordnung nach einem längeren Zeitraum zu wiederholen, gibt es Abweichungen. Bei Synästhetiker ist das nicht so. Buchstaben und Zahlen haben immer dieselbe Optik. Speziell entwickelte Tests können dabei helfen zu bestimmen, ob eine gesteigerte Wahrnehmung durch eine Synästhesie vorliegt. Einen Test gibt es auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Synästhesie.

Eine Synästhesie entwickeln: Schlaganfallpatient fühlt Farben

In Kanada konnten Mediziner bei einem Patienten eine sich entwickelnde Synästhesie beobachten. In Folge eines Hirnschlages bemerkte der Betroffene nach und nach, dass Worte, die in einem bestimmten Blau-Ton geschrieben waren, Ekel in ihm hervorriefen. Auch Geschmäcker traten fortan Hand in Hand mit bestimmten Farben auf. Die Wissenschaftler vermuten, dass durch den Schlaganfall Veränderungen im Gehirn aufgetreten sind. Areale, die normalerweise nicht miteinander verbunden sind, können durch die Veränderung in engem Kontakt stehen und so die veränderte Wahrnehmung auslösen. Eine Untersuchung im Kernspintomographen zeigte bei diesem Patienten das Aufleuchten untypischer Hirn-Areale beim Hören von Musik. Der Patient beschrieb das Gefühl während dem Hören der Musik als ekstatisch. Kontrollpersonen im selben Alter und mit ähnlichen Bildungsniveau zeigten diese Aktivität nicht.

Wenn die Zeit dreidimensional und farbig wird

Auch das Konzept von Zeit können Synästhetiker mitunter anders wahrnehmen. Sie berichten etwa, dass eine Woche ein geometrisches Gebilde ist, etwa eine Ellipse und jeder Wochentag eine spezielle Farbe hat. So fällt es Synästhetikern leichter Termine in einen räumlichen und zeitlichen Kontext zu setzen – sie können Zeit visuell kartographieren. Jeder Tag hat seine eigene Farbe, jede Stunde ist eine Art Schublade. Termine können so dreidimensional visualisiert und abgelegt werden. Dieses Phänomen tritt unter Synästhetikern eher selten auf und wird als Zeit-Raum-Synästhesie bezeichnet. Ebenso wie der Buchstabe „A“, für den einen ein knalliges Rot und für den anderen eher ein sattes Gelb ist, kann die Vorstellung von Zeit ebenfalls verschieden sein.

Synästhesie und Kreativität

Synästhesie kommt nicht sehr häufig vor. Einen großen Anteil an Synästhetikern findet man allerdings in kreativen Berufen. Musiker und Künstler haben häufig eine eigene Wahrnehmung. Bereits Wassili Kandinsky, Johann Wolfgang von Goethe und der Komponist Franz Liszt sollen Synästhetiker gewesen sein. Liszt soll bei einer Orchesterprobe seine Musiker angewiesen haben „etwas blauer“ zu spielen, so die Deutsche Gesellschaft für Synästhesie. Komponisten mit einer gesteigerten Wahrnehmungskraft können ihre Stücke sehen und so ihre Wirkung und ihren Klang leichter verändern. Auch Künstler schöpfen viel aus der Synästhesie: Farben, geometrische Figuren und Formen vor dem inneren Auge lassen sich leicht in die Kunst übertragen. Wahrnehmungsverändernde Drogen sollen eine ähnliche Wirkung wie Synästhesie aufzeigen. Ein LSD-Rausch kann durch das Sehen von Klängen und das Fühlen von Worten oder Gerüchen gekennzeichnet sein und ähnelt so der Wahrnehmung von Synästhetikern. Auch während epileptischen Anfällen kann es zu ähnlichen Wahrnehmungen kommen.

Synästhesie und Gedächtnis

Neben dem schöpferischen Schaffen beeinflusst Synästhesie offenbar das Gedächtnis. Dadurch, dass Worte, Buchstaben und Zahlen Farben haben, fällt es Synästhetikern häufig leichter, sich an Worte und Zahlenkombinationen zu erinnern. Die Kombination aus Farben einer Telefonnummer rufen sie sich leichter ins Gedächtnis als die Zahlen selbst. Die gesteigerte Wahrnehmung kann so ideal für Gedächtnisstrategien verwendet werden. Die Forschung zu Synästhesie steckt trotz der bisherigen Erkenntnisse noch in den Kinderschuhen. In Zukunft werden wir sicher noch mehr über das faszinierende Phänomen erfahren.
Lisa Vogel
Autor: Lisa Vogel

Von Juli 2014 bis März 2018 arbeitete Lisa Vogel als Werkstudentin in der Redaktion bei apomio.de und unterstützt das Team nun als freie Autorin. Sie hat ein Studium im Fach Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften und Medizin an der Hochschule Ansbach mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen. Hier erlangte sie sowohl journalistische als auch medizinische Kenntnisse. Derzeit vertieft sie ihre medialen Kenntnisse im Master Studium Multimediale Information und Kommunikation.

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