© Cathy Yeulet

Sexualität nach den Wechseljahren: Was ändert sich?

Kommentar schreiben Dienstag, 12. März 2019

Die Wechseljahre stellen einen tiefgreifenden Einschnitt im Leben jeder Frau dar. Der Hormonhaushalt im Körper sortiert sich neu, damit gehen viele physische und auch psychische Wandlungen einher. Dazu kommt, dass im Alter ab etwa Mitte fünfzig sich auch das Leben an sich oft noch einmal drastisch verändert – die Kinder gehen aus dem Haus, beruflich stellt sich vielleicht noch ein letztes Mal die Frage nach einem Neuanfang, auch die Partnerschaft wird vielfach in Frage gestellt. Nicht wenige Frauen wagen zu Beginn der dritten Lebenshälfte sogar noch einen ganz großen Sprung, sie trennen sich von ihrem Partner, suchen nach anderen Lebensinhalten, erfinden sich noch einmal neu. Ganz wichtig ist auch in dieser Lebensphase die Sexualität – sei es mit dem langjährigen Partner oder mit neuen Lieben. Und es steht fest: Sex nach den Wechseljahren ist anders. Manchmal schwieriger, manchmal besser. Manchmal braucht es Medikamente und Hormone, manchmal genügt es schon, sich selbst im eigenen Neu-Sein zu akzeptieren lernen. Wesentlich ist dabei immer, sich offen mit den Veränderungen im Sexleben auseinanderzusetzen – für sich selbst, aber auch zusammen mit dem Partner.

Sex und Leidenschaft sind keine Frage des Alters – das hat sich in unserer alternden Gesellschaft wohl inzwischen herumgesprochen. Erotik, Lust und Sinnlichkeit sind vielen Frauen und Männern auch im höheren Alter noch ganz wichtig. Vor allem für Paare heißt das also: Sex bleibt ein spannendes Thema – und damit auch der Sex selbst spannend bleibt, braucht es den regelmäßigen Austausch im Gespräch, vor allem wenn sich die Dinge verändern. Bei Frauen sind es auf körperlicher bzw. organischer Ebene vor allem die wechseljahrestypischen Umstellungen im Hormonhaushalt, die ihre sexuelle Aktivität enorm beeinflussen können. Die Lust oder die Erregbarkeit lässt häufig nach, oft kommen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr dazu. Zusammen mit den entsprechenden Veränderungen, denen auch Männer ab fünfzig unterworfen sind, sorgen sie bei vielen „in die Jahre gekommenen“ Paaren für Irritationen im Intimbereich – es herrscht Flaute oder der Sex ist nicht mehr so lustvoll und „einfach“ wie früher.

Weniger Östrogene – mehr Einschränkungen beim Sex

Sind die Wechseljahre mit ihren oft belastenden Symptomen wie Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen und Gewichtszunahme vorbei, hat der weibliche Organismus die Produktion des Sexualhormons Östrogen stark gedrosselt. Das sorgt bei vielen Frauen für ein Phänomen, das den gemeinsamen Sex so richtig vermiesen kann: Scheidentrockenheit. Wegen des jetzt herrschenden Östrogenmangels wird die Schleimhaut der Scheide nicht mehr ausreichend befeuchtet, sie wird zudem dünner und damit – vor allem auch an den Schamlippen – sensibler, empfindlicher gegenüber Reibungen und anfälliger für Infektionen und Entzündungen. Somit kommt es beim Sexualakt zu Schmerzen, da kein ausreichender Flüssigkeitsfilm mehr da ist, der die Reibung beim Eindringen des Penis´ vermindert, nicht selten leidet die Frau jetzt vermehrt unter Scheideninfektionen oder Blasenentzündungen. Dass das die Lust auf Sex nicht gerade steigert, versteht sich wohl von selbst.

Glücklich ist die Frau, die jetzt einen verständnisvollen Partner an der Seite hat, der sich Zeit nimmt und Interesse daran hat, sie ausreichend zu erregen, bevor es zur Penetration kommt. Denn bei lustvoller Stimulation wird die Scheide dann oft auch ganz ohne Hilfsmittel noch ausreichend feucht – es braucht eben mehr Geduld, Zeit und ggf. auch die Bereitschaft, mal was Neues auszuprobieren. Viele Frauen berichten, dass sie, um auf Touren zu kommen, nach Ende der Wechseljahre andere Arten der Stimulation brauchen als vorher.

Hilft auch das nichts, sollten Frauen den Gang zum Sexologen (Facharzt für sexuelle Störungen) oder Frauenarzt nicht scheuen und dort das offene Gespräch suchen. Der Facharzt kann zum einen viele körperliche Symptome erklären – bekanntlich verhilft ja oft schon das Wissen über die Vorgänge im eigenen Körper zu Erleichterung, sodass sich neue Lösungswege auftun können. Zum anderen kann die Frau gemeinsam mit dem Mediziner entscheiden, ob ggf. hormonhaltige Medikamente (z.B. Creme, Zäpfchen, Tabletten oder auch ein hormonhaltiger Ring, der in die Scheide eingeführt wird) zum Einsatz kommen sollten. Frauen, denen hormonfreie Mittel lieber sind, sollten es mit einem hochwertigen Gleitgel versuchen, das z.B. feuchtigkeitsspendende Hyaluronsäure enthält. Diese Gels werden gezielt vor dem Sex oder während des Geschlechtsverkehrs angewendet und können auf sehr einfache Weise Abhilfe schaffen. Bei der Wahl des individuell richtigen Produktes können ebenfalls Ärzte oder auch der Apotheker beraten.

Die Psyche liegt mit im Bett

Natürlich gibt es auch Fälle, die sich weder durch ein liebevolles Miteinander noch durch mechanische Hilfsmittel noch mittels Medikamenten bessern lassen. Dann könnte es sein, dass die Ursache im – manchmal sehr tief liegenden – Inneren der Seele zu finden ist. Vielleicht stimmt schon lange etwas mit der Partnerschaft nicht mehr, man hat es sich nur noch nicht eingestanden? Vielleicht ist einer oder sind beide unfähig, Worte zu finden für die „unheimlichen“ Dinge, die da „plötzlich“ vor sich gehen – und liegt Abend für Abend sprachlos, in stummer Verunsicherung oder Verzweiflung neben dem anderen, während seit dem letzten Sex immer mehr Wochen, Monate oder Jahre vergehen? Wer das nicht auf Dauer hinnehmen möchte, ist bei einer psychologischen Beratung, beim Sex- oder Paartherapeuten gut aufgehoben. Sich zu einem solchen Schritt zu entscheiden, kann manchmal schwierig sein und einige Zeit brauchen. Doch einzeln oder im Paargespräch wird dann oft deutlich, was hinter den Schwierigkeiten beim Sex steckt, sodass der Weg zu einer wieder befriedigenden Sexualität freigeräumt werden kann.  

Denn es sind ja längst nicht immer nur körperliche Ursachen, die zu Lustlosigkeit bei älter gewordenen Frauen führen. Diese Frauen fühlen sich häufig ganz einfach zu unattraktiv, um sich noch ungehemmt dem langjährigen Partner zu zeigen. Taucht noch einmal ein neuer Mann im Leben nach den Wechseljahren auf, kann die Unsicherheit noch größer sein. Traurig, aber wahr: Viele Frauen jenseits der 55 fühlen sich „zu dick“, „zu welk“, „zu faltig“. Was viele Frauen im Kopf schon längst wissen, aber noch nicht ganz verinnerlichen können, nämlich dass Liebe, Geborgenheit und Sex wahrlich nicht abhängig sind von einem schönen Äußeren, braucht häufig noch die Bestätigung von außen. Wenn der Mann deutlich signalisiert, dass er die Frau anziehend, sexy, schön und liebenswert findet, sodass sie insgesamt das Gefühl hat, so angenommen zu werden wie sie ist – nur dann wird die Frau sich öffnen, sich wieder ohne Hemmungen dem Liebesspiel hingeben und über eventuelle Störungen in ihrem Lustempfinden sprechen können.

Auch der Austausch mit anderen Frauen kann hilfreich sein, um wieder zu einem besseren Körpergefühl zu finden und zu lernen, das eigene, älter gewordene Spiegelbild zu mögen. Sport und Bewegung, Tanzen und andere Dinge, die einfach Spaß machen, sind ebenfalls gute Methoden, um sich in der eigenen Haut wieder wohler zu fühlen – und ganz nebenbei, falls gewünscht, vielleicht auch noch das eine oder andere Kilo loszuwerden.

Und dann gibt es natürlich auch noch die Frauen 50plus, die jetzt ganz andere, neue Lebensinhalte spannend finden. Vielleicht sind die ersten Enkelkinder angekommen, und die Rolle der Großmutter passt wie angegossen? Oder es wurde eine ehrenamtliche Tätigkeit aufgenommen, die die Frau rund um die Uhr beschäftigt und begeistert? Da kann es schon sein, dass völlig vergessen wird, dass frau auch noch ein sexuelles Wesen ist. In solchen Fällen ist häufig der Partner gefragt – er sollte seiner Frau geduldig, möglichst vorwurfsfrei und liebevoll signalisieren: Hey, ich will und begehre dich noch!

... und was ist mit den Männern?

Lustlosigkeit bei der Frau – das kann natürlich auch an dem Menschen liegen, der am anderen Ende des Bettes liegt. Denn auch Männer erleben so etwas wie Wechseljahre, und ihr älter werdender Körper lässt sie immer mal wieder im Stich. So haben viele Männer beispielsweise nach einem Herzinfarkt Angst davor, wieder Sex zu haben, und ziehen sich, statt darüber zu sprechen, gegenüber ihrer Partnerin völlig zurück. Die wiederum fühlt sich zurückgewiesen, glaubt, ihr Mann habe keine Lust mehr auf sie. Auch Impotenz oder Erektionsschwierigkeiten belasten häufig das Sexleben reifer Paare. Allein unter der sogenannten erektilen Dysfunktion, also unter Erektionsstörungen, leidet hierzulande mindestens jeder dritte Mann ab 60. Hier kommt oft ein wahrer Teufelskreis in Gang: Es hat ein, zwei Mal nicht geklappt, der Mann hat anschließend immer größere Angst, erneut im Bett zu „versagen“, schneidet sich sozusagen selbst die Lust ab und will es irgendwann nicht einmal mehr probieren. Und die Partnerin? Ist entsprechend frustriert.

Sex ist so viel mehr als Geschlechtsverkehr

Mal ganz davon abgesehen, dass sich Erektionsprobleme und Impotenz in vielen Fällen durch Medikamente oder auch durch Hilfsmittel wie z.B. eine Vakuumpumpe beheben oder zumindest vermindern lassen – gerade bei solchen Schwierigkeiten ist es auch wieder das Reden miteinander, das Frau und Mann am ehesten wieder zusammenführen kann. Vertraute Paare, die das offene Gespräch gelernt haben und sich regelmäßig über ihre Bedürfnisse und Gefühle austauschen können, sind hier eindeutig im Vorteil. Wer noch üben muss und will, sollte das Gespräch nicht erst dann suchen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen bzw. der Wind im Bett schon längst abgeflaut ist. In Zeiten, in denen sich alles noch weitgehend ok anfühlt, fällt es meist leichter, sich einander anzuvertrauen. Damit ist eine gute Gesprächsbasis für Phasen geschaffen, in denen Probleme angepackt werden müssen. Und nicht selten liegt genau in solchen schwierigen Phasen eine große Chance, gerade für reifere Paare in der dritten Lebensphase: die Chance, wieder neu aufeinander zuzugehen und sich noch einmal neu zu entdecken. Miteinander reden, da sind sich viele Sexualtherapeuten einig, ist und bleibt die beste Voraussetzung für ein zufriedenstellendes Sexleben.

Was für Singles und reife Paare gleichermaßen gilt und manche erstaunen mag: Eine erfüllte Sexualität ist auch mit eingeschränkten Körperfunktionen, mit nachlassender Potenz, Schmerzen bei der Penetration und Phasen der Lustlosigkeit möglich. Paare, die sich seelisch nahe sind, erfahren diese Nähe auch auf körperlicher Ebene. Das Glücksgefühl, das sich beim Erleben tiefer Verbundenheit und Zärtlichkeit einstellt, kann die Wonnen eines Orgasmus locker noch übertreffen. „Der Weg ist das Ziel“ – hier passt diese Weisheit wieder einmal ganz genau. Gerade mit zunehmendem Alter verschieben sich bei vielen noch einmal die Prioritäten. Leistung und Stehvermögen – ohnehin in keinem Alter das Wichtigste beim Sex, bei jungen Menschen aber durchaus noch weit vorne auf der Liste – spielen eine immer kleinere Rolle. Vertrauen, Geborgenheit, Berührungen und Küsse, liebevolle Blicke und Worte – das sind die „Top-Erfolgsfaktoren“ beim Sex zwischen reifen Menschen. Schön, wenn man das im Laufe vieler Jahre miteinander entwickeln kann. Schön aber auch, wenn sich zwei gleichermaßen gereifte, selbstsichere Menschen kennen- und liebenlernen, die ihre Bedürfnisse kennen und voreinander vertreten können.      

Wer sich selbst liebt, hat den besten Sex

Zum Glück sind auch immer mehr der vielen alleinstehenden Frauen jenseits der Wechseljahre noch offen für eine späte neue Liebe und tollen Sex, wollen sich neuen Erfahrungen mit allen Unsicherheiten, Unwägbarkeiten und körperlichen „Schwächen“ öffnen. Zu dieser Gruppe gehören vor allem diejenigen, die gelernt haben, zu sich zu stehen, sich anzunehmen, wie sie sind, ja sich selbst zu lieben. Reife Frauen, die in ihrer persönlichen Entwicklung so weit gekommen sind, wird es insgesamt leichter fallen, sich mit all ihren körperlichen und seelischen „Alterserscheinungen“ einem bisher unbekannten Mann zu zeigen. Somit werden sie es in der Regel auch leichter haben, eine lustvolle, befriedigende Sexualität zu leben.

Überhaupt zeigt sich bei vielen Frauen, dass die Zeit nach den Wechseljahren nicht etwa eine Zeit der Verluste, des Dahinwelkens und Unsichtbar-Werdens ist. Vielmehr beschreiben viele 50plus-Frauen eine neue Zufriedenheit, ein zunehmendes Einswerden mit sich selbst und ein gestärktes, beflügeltes Selbstvertrauen, das auf viel Selbsterfahrung und Auseinandersetzung mit dem eigenen Frausein basiert. Klingt gut – und fühlt sich noch viel besser an. Frauen jenseits der 55 tragen Bunt statt Beige, singen, tanzen, lernen Yoga, gehen neuen Hobbies nach und lieben freier als je zuvor – nicht zuletzt, weil auch die Angst, beim Sex schwanger zu werden, jetzt im Bett nichts mehr verloren hat. So wundert es nicht, dass viele Frauen im fortgeschrittenen Alter Lust und Liebe noch einmal neu entdecken. Sie fordern von ihrem langjährigen Partner, beim Sex endlich einmal neue Wege zu gehen. Sie besuchen – allein oder zu zweit – Tantra-Workshops. Sie lösen sich aus Beziehungen, die ihnen nicht (mehr) gut tun und trauen sich, als reife Singlefrau ein neues Leben zu beginnen. Sie melden sich bei Partnerbörsen an oder entscheiden sich, lieber unverbindliche Dates zu haben als noch einmal eine neue Beziehung einzugehen. Und das – versteht sich – natürlich je nach individueller Einstellung, ganz unabhängig von gesellschaftlichen Diktaten oder öffentlich propagierten „Werten“, die festlegen wollen, was im Alter wie zu sein hat, was „normal“ ist und was „sich gehört“.

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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