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Nachgefragt bei Frau Helm: Endlich etwas nur für mich!

Kommentar schreiben Dienstag, 21. Januar 2020

Beate Helm hat als Heilpraktikerin jahrelange Berufserfahrung in den Bereichen Naturheilkunde und Psychotherapie. Heute leitet sie ihr eigenes Ausbildungsinstitut und ist zudem als Autorin tätig. In ihrer apomio-Kolumne „Nachgefragt bei Frau Helm“ berichtet sie regelmäßig und ganz persönlich über eigene Erfahrungen, Meinungen und Wissenswertem zu den Themen Gesundheit, Prävention, natürliches Heilen und Persönlichkeitsentwicklung.

Endlich etwas nur für mich!

Anfang Dezember war Null Weihnachtsstimmung. Es war definitiv zu warm. Selbst hier im Norden des Landes. Zu warm für einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, der mir sehr unwirklich, fast schon deplatziert erschien. Was sollte ich da? Einzige Ausnahme in der fehlenden Weihnachtsstimmung: Ich war bei einer Adventskalender-Gruppe mit dabei: Für 24 Leute Plätzchen gebacken, sie mit Chai-Tee in einer Weihnachtsdose verpackt und dafür 24 verschiedene Päckchen, inklusive meinem, bekommen. Eine tolle Idee! Die liebevoll verpackten kleinen Geschenke zierten meine große Fensterbank, beleuchtet mit einer Lichterkette. Das war schön. Ich freute mich jeden Morgen wie ein kleines Kind, das Päckchen des Tages zu finden und zu öffnen. Das Motto war: Endlich etwas nur für mich. Ich fühle mich reich beschenkt. Und es war so einfach.

 

Endlich etwas nur für mich – ohne schlechtes Gewissen?

 

Gar nicht so einfach. Als größte Hürde stehen mir meine Arbeit, und meine unzähligen Buchideen im Weg. Was könnte ich alles 24 Stunden lang am Tag tun? Eine endlose Reihe an Einfällen und angefangenen Werken poppen in meinem Geist auf und lassen Luxusthemen wie „Endlich nur etwas für mich“ in den Hintergrund treten. Wann soll ich das denn noch einbauen? Keine Chance! Das schlechte Gewissen macht sich also gegenüber meiner Arbeit und meinen Ideenzetteln auf meinem Schreibtisch breit, die mich eindringlich bis vorwurfsvoll anstarren. Endlich etwas nur für mich – haben, tun, genießen, erleben? Luxus pur! Keine Zeit! Und ein schlechtes Gewissen! 

 

Die kleinen Geschenke für jeden Tag und nur für mich – eine ständige Erinnerung

Sicher kein Zufall, dass ich zu dieser Gruppe eingeladen worden bin. Es gibt keine Zufälle im Leben. Es ist wohl gerade dran, mich mit den Geschenken des Lebens auseinanderzusetzen. Also gut, nehme ich die Einladung an, mein Leben näher zu betrachten! Ich werde ohnehin jeden Tag gnadenlos daran erinnert.

 

Werde ich schon reichlich beschenkt und weiß es nur noch nicht?

 

Habe ich vielleicht eine Ecke in meinem Leben übersehen, in der ich schon die ganze Zeit etwas nur für mich alleine habe? Bei näherem Hinsehen ist da schon sehr viel: Ich arbeite genau das, was ich möchte und das freiberuflich. Ich tue den ganzen Tag genau das, was mir am meisten gefällt (und was ich am besten kann). Mein Beruf ist meine Berufung und ich kann davon leben. Auch wenn ich viel Wissen und Erfahrung weitergebe und das meine Aufgabe in diesem Leben ist, der innerste Antrieb ist, das zu tun, was mir am meisten Spaß macht und was mich erfüllt. Und ich habe derzeit eine Wohnung, die mir ganz alleine gehört und in der ich gestalten und walten kann, wie ich will. Das ist doch schon Einiges. Bloß aufpassen, dass ich nicht sofort das ultraschlechte Gewissen bekomme!

 

Wo kommt es her, das schlechte Gewissen?

 

Dafür gibt es viele Gründe. Erst mal haben wir nur ein Existenzrecht, wenn wir etwas leisten und in einem vorgegebenen Umfeld funktionieren. Unser Befinden, unsere Wünsche und Bedürfnisse haben hinten anzustehen. Sie werden ausgeknipst. Dann rennen wir los, agieren, funktionieren. Löblich, löblich! Alles, was von diesem Weg abweicht, muss ausgemerzt werden. Dazu gehört auch: Endlich etwas nur für mich.

 

Wie wäre es mit mehr Selbstbewusstsein und Selbstachtung?

 

Wenn wir tief in uns präsent und verwurzelt sind, handeln wir aus unserem Zentrum heraus. Es gibt ein inneres Fundament, das uns trägt und Sicherheit verschafft. Wir kennen dieses Gefühl in einem Zustand tiefer Zufriedenheit. Der Weg dahin verläuft über eine regelmäßige Betätigung, die uns zu dem inneren Ruhepunkt führt: Tägliches Joggen, Walken, spazieren gehen, Radfahren, Yoga oder Gymnastik machen, meditieren, beten. Wenn wir verlässlich diese Zeit nur für uns nehmen, entsteht ein innerer Halt, der uns keiner mehr nehmen kann, ein unumstößliches Selbstbewusstsein. Es ist selbstverständlich, dass wir Leistung bringen, aber auch etwas nur für uns tun. Mit dieser inneren Plattform, bekommen wir kein schlechtes Gewissen. Wir sind in Balance zwischen dem Recht auf etwas, das nur für uns selbst stattfindet, und der Pflicht zur Leistung, die ganz von alleine daraus erwächst und natürlich und entspannt erbracht wird. Einfach als Folge aus dem „Endlich etwas nur für mich“. Beide Pole gehören zusammen.

 

Sich das Recht zusprechen auf etwas für sich

 

Die Geschenke von meinem Adventskalender sind ein Anfang. Sie sind nur für mich allein. Sie sind ein Startschuss in den selbstverständlichen Luxus, in das Lebensrecht und die Pflicht, mich manchmal total selbstbezogen ganz um mich und mein Wohlbefinden zu kümmern. Das ist eigentlich gar nicht Arbeit, die mir Spaß macht, oder eine Wohnung. Nein, es ist ein Freiraum gemeint, in dem ich regelmäßig und verlässlich für mich sorge, durch Bewegung, Meditation, künstlerischen Ausdruck, Spontaneität, Verrücktheit, Tiefenentspannung in der Sauna oder schlichtes Nichtstun. Etwas nur für mich.

 

Die Härte geht von mir aus, nicht von den anderen

 

Nur zu rennen, auch wenn das Rennen Spaß macht und ich es mir ausgesucht habe, ist meine alleinige Entscheidung. Natürlich bin auch ich durch Gesellschaft, Beruf, Familie und Beziehung geprägt oder habe ein Umfeld, das mich auf den ersten Blick zum Rennen mit antreibt. Aber in Wahrheit bin ich es, die all das von mir abverlangt. Das ist eine harte Erkenntnis, aber ermöglicht eine sofortige Veränderung. Je mehr ich Verantwortung für die Ereignisse in meinem Leben übernehme, umso so mehr habe ich das Zepter in der Hand und kann es selbst bestimmen. Jetzt! Endlich etwas nur für mich.

 

Nochmal die Frage: Wo bin ich schon für mich da?

 

Außer dem Adventkalender fällt mir meine Ernährung ein. Da bin ich recht liebevoll und achtsam. Daumen hoch. Und da mache ich auch viel für mich. Ansonsten sieht es gerade lau aus und es ist gut, dass wir darüber gesprochen haben…

 

Wo gebe ich nur und bekomme viel zu wenig zurück?

 

Die Frage beantwortet am besten jeder für sich ganz ehrlich, um etwas ändern zu können. Ich werde mir in dem Bereich ab jetzt kleine Räume schaffen, in denen ich nichts mehr gebe und nur für mich da bin. Zum Ausgleich.

 

Wo hätte ich das größte schlechte Gewissen, wenn ich endlich etwas nur für mich hätte?

 

Also ich merke, dass meine Fragen einen Finger nach dem anderen in eine bisher gar nicht so bewusste Wunde von mir legen. (Eigentlich wollte ich nur eine Kolumne schreiben). Ich sehe ganz klar schon die erste Aufgabenstellung für das neue Jahr. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Dann sollten wir zusammenhalten.

 

Wer für sich etwas tut, heilt auch das Umfeld und die Gesellschaft

 

Jeder, der sich in der heutigen Zeit, in der alles Gute zu knapp ist, etwas nur für sich tut und guten Gewissens genießt, ist kein Egoist. Er ist ein Heiler dieses Zeitgeistes und der Menschen darin. Jeder, der sich erlaubt, seine echten Bedürfnisse wahrzunehmen und sich um ihre Erfüllung zu kümmern, auch mal ganz für sich alleine, ermutigt und animiert andere dazu, ein Leben zu führen, in dem auch sie selbst wieder vorkommen und einen wertgeschätzten Platz erhalten. Diese Entwicklung kommt nicht von außen. Wir müssen sie selbst initiieren und leben. Dann ändert sich auch das Umfeld. Je mehr wir uns selbst wichtig nehmen, umso mehr werden wir von anderen ernst genommen und geachtet. Es geht nur in dieser Reihenfolge.

 

Was schenken wir uns selbst?

 

Für unsere Lieben ist natürlich immer gesorgt. Aber haben wir auch ein kleines Plätzchen für uns selbst vorgesehen? Etwas, das bei all dem Trubel nur für uns alleine da ist? Ein zugegeben ungewöhnlicher Impuls, aber auch ein notwendiger. Ich gehe noch einen Schritt weiter und richte meinen Blick auf das neue Jahr. Wo habe ich da Zeit, endlich etwas nur für mich zu haben? Wie sieht es bei Ihnen aus für 2020? Je mehr wir für uns da sind, umso mehr Menschen gibt es, die selbstbewusst in sich verwurzelt sind und wirklich etwas zu geben haben. Ich wünsche uns das Beste auf diesem Weg, mit allem, was Sie sich wünschen und nicht vergessen: Endlich etwas nur für Sie!

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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