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Waldspaziergang: Medizin für das Herz-Kreislauf-System
Spazierengehen wird meist unterschätzt. Allein 3000 Schritte am Tag genügen, um das Risiko für Arterienverkalkungen (und somit das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall) erheblich zu reduzieren. Bei einem langen Spaziergang werden fast genauso viele Kalorien verbrannt, als wäre man dieselbe Strecke gejoggt. Das liegt daran, dass man beim Spazierengehen viel kleinere Schritte macht, als beim Joggen. Und pro Schritt muss natürlich die gesamte Körpermasse in Schwung gebracht werden. Waldluft kann den positiven Effekt von Bewegung auf das Herz-Kreislauf-System noch steigern, wie Forscher aus Südkorea gezeigt haben. Sie schickten eine Gruppe an Versuchspersonen für einen einstündigen Spaziergang in den Wald, die andere Gruppe ging in die Stadt zum Spazierengehen. Das Ergebnisse war verblüffend: Bei den Waldspaziergängern ist nicht nur der
Blutdruck
signifikant gesunken, auch die Lungenkapazität hatte zugenommen, sowie die Elastizität der Arterien. Bei den Stadtspaziergängern konnte kein Unterschied zwischen dem Vorher- und Nachher-Tests gefunden werden. Der Wald hat somit einen unglaublichen Effekt auf unseren Körper.
Waldluft: Medizin zum Atmen
Dass Waldluft gesund ist, wird schon seit langer Zeit vermutet und behauptet. 2004 konnten Wissenschaftler in einem medizinischen Experiment die wohltuende Auswirkung des sogenannten Waldbadens auch wissenschaftlich beweisen. Das Spazierengehen im Wald fördert die Entstehung von drei unterschiedlichen Anti-Krebs-Proteinen und unterstützt die Bildung von hohen Mengen der natürlichen Killerzellen. Die Killerzellen sind dafür verantwortlich, uns vor Viren zu schützen und bekämpfen außerdem bösartige Krebszellen. Bereits ein ganzer Tag im Wald führt zu einem Anstieg der natürlichen Killerzellen um fast 40 %. Diese Wirkung hält sogar sieben Tage lang an. Ein ausgiebiger Spaziergang lässt die Anzahl der Killerzellen somit regelrecht in die Höhe schnellen. Die Frage, die sich viele Forscher nun natürlich stellen ist, was diese heilsame Wirkung der Waldluft ausmacht. Ist es die saubere Luft? Oder sind es vielleicht die aromatischen Stoffe, nach denen der Wald so herrlich duftet?
Terpene mit faszinierender Wirkung
Bei jedem Atemzug im Wald atmen wir einen bunten Cocktail aus bioaktiven Substanzen ein, die von den Bäumen und Pflanzen an die Luft abgegeben werden und wunderbar riechen. Das aromatische Gemisch ist eigentlich Teil der pflanzlichen Kommunikation. Über die gasförmigen Substanzen, die unterschiedliche Bedeutungen haben, tauschen sich die Gewächse aus und informieren sich gegenseitig über schädliche Organismen. Diese Substanzen gehören in die Stoffgruppe der sogenannten Terpene. Um die Wirkung der Terpene zu überprüfen, haben Forscher ein ausgeklügeltes Experiment durchgeführt. Sie luden Versuchspersonen zu einer Hotelübernachtung ein. Die Hälfte der Teilnehmer schlief in einem Zimmer mit einem versteckten Duftzerstäuber, der über die Nacht hinweg die Luft mit Terpenen anreicherte. Die anderen schliefen mit gewöhnlicher Luft. Die Blutabnahme zeigte ein bahnbrechendes Ergebnis: Terpene haben eine faszinierende Wirkung auf unser
Immunsystem
. Die Teilnehmer, die nachts Terpene einatmeten, hatten eine deutliche Steigerung von Aktivität und Anzahl der natürlichen Killerzellen. Terpene gelangen zum Großteil über die Lunge in unser Blutkreislaufsystem und erreichen so Zellen und Organe. Im Gehirn führen sie dazu, dass gesundheitsförderliche Neurotransmitter und Hormone ausgeschüttet werden. Sie stärken die Abwehrkräfte, wirken sich positiv auf den Blutzuckerspiegel aus, senken den
Blutdruck
und reduzieren Stresshormone. Als besonders wirksame Terpene haben sich Limonene und Pinene gezeigt. Nach Regen und Nebel und vor allem im Sommer ist die Konzentration der Terpene im Wald am höchsten.
Der Anblick genügt
Doch es muss nicht unbedingt ein ausgiebiger Spaziergang im Wald sein. Miyazaki, Japans führender Wissenschaftler im Bereich der Waldmedizin fand heraus, dass allein beim Anblick eines Waldes der Cortisol Spiegel um 13,4 % sinkt. Eine andere Studie, die die Wirkung von Pflanzen auf Heilungsprozesse genauer untersucht hat, konnte ebenfalls zeigen, dass allein der Anblick der grünen Natur eine unglaubliche Wirkung auf unseren Körper hat. Für den Beweis wurden Patienten mit Erkrankungen der Gallenblase mit einem standardisierten Verfahren operiert (somit können die Unterschiede später nicht auf unterschiedliche Operationen zurückgeführt werden). Die Behandlung und die Unterbringung waren identisch, bis auf den Ausblick aus dem Zimmerfenster: Die eine Hälfte der Patienten genoss ein Zimmer mit Blick auf einen Baum oder Wald, die andere Hälfte hingegen konnte nur die Krankenhausmauer sehen. Auch die Ergebnisse dieser Studie waren deutlich: Die Patienten mit Waldausblick wurden nicht nur schneller gesund, sondern benötigten auch weniger Schmerzmittel und litten unter weniger Komplikationen nach der Operation, als die Patienten mit Blick auf die Hausmauer. Auch die Wohnsituation steht im Zusammenhang mit der
Gesundheit
. Menschen, die in der Nähe von Waldgebieten wohnen, sterben seltener an Krebs. Dieses Ergebnis fand sich aber nicht nur in ländlichen Regionen, auch in Stadtvierteln steigt der Gesundheitsstatus von Menschen entsprechend der Anzahl an Bäumen, die dort wachsen. Das heißt, je mehr Bäume und Pflanzen in der Umgebung von Menschen sind, desto geringer ist ihr Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
Diabetes
, Bluthochdruck und anderen Zivilisationskrankheiten zu leiden. Pflanzen haben nicht nur einen präventiven Effekt vor Krankheiten, statistisch gesehen wird man durch Pflanzen in der Umgebung einer Verjüngungskur unterzogen: Menschen in grünen Gebieten sind genauso gesund wie sieben Jahre jüngere Leute aus ihrer Region. Somit gilt die heilsame Wirkung der Natur auch in Großstädten.
Waldluft: Heilung und Prävention für Körper und Geist
Auf Grund der vielen positiven Forschungsergebnissen werden immer mehr Wald-Therapie-Zentren gegründet und anerkannt. Hier bekommen Patienten geführte Wanderungen, nehmen an speziellen Gesundheitsprogrammen teil und können eine Vielzahl an Waldspaziergängen machen. Außerdem können sich Patienten auch direkt unter den Bäumen untersuchen lassen. Doch man sollte sich die Wirkung der Waldluft nicht nur bei Erkrankungen als unterstützende Maßnahme zunutze machen, sie sollte vielmehr zur Vorbeugung von Krankheiten dienen. Der Waldmediziner Qing Li empfiehlt Menschen pro Monat zwei volle Tage in einem Waldgebiet zu verbringen. So bleibt die positive Wirkung nachweislich für einen Monat erhalten und man ist gut gewappnet für den Alltag. Aber nicht nur unser
Immunsystem
profitiert von einem Waldspaziergang. Auch unsere Psyche genießt den Gang durch den Wald. Schon fünf Minuten an der Waldluft tragen dazu bei, dass sich unsere Stimmung hebt und unser Selbstwertgefühl verbessert. Wenn auf dem Weg ein See oder ein Bach passiert wird, ist dieser Effekt sogar noch höher. Die Natur hat uns mit vielen kleinen Wundermitteln beschenkt. Es liegt also an uns, das Angebot auch zu nutzen.
Runter von der Couch – rein in den Wald
Vor allem jetzt im Frühling ist der Spaziergang eine große Bereicherung für uns. Die ersten kleinen Blumen blühen am Wegrand, die Laubbäume fangen an zu treiben, es gibt einfach so viel zu entdecken im Wald. Wie wäre es also mit einer kleinen Runde nach der Arbeit, oder vielleicht lieber ein ausgiebiger Spaziergang am Wochenende mit der ganzen Familie? Die frische Luft reinigt unsere Lungen, wir tanken Energie, können vom Stress des Tages abschalten und bringen gleichzeitig unser
Immunsystem
auf Hochtouren. Nach einem Spaziergang im Wald fühlen wir uns rundum erholt und haben für unseren Körper gut gesorgt.