Hilfe bei Stuhlinkontinenz - Das Tabuthema

Kommentar schreiben Freitag, 17. April 2015

Unter dem Begriff Stuhlinkontinenz ist das Unvermögen, den Stuhl willkürlich bzw. reflektorisch zurück zu halten, zu verstehen. Die Ausprägung der Inkontinenz kann hierbei stark variieren. Was sind die Ursachen für diesen Zustand? Sind alle Altersgruppen betroffen? Gibt es eine Therapiemöglichkeiten? Alles rund um das Thema Stuhlkontinenz im Überblick.

Was versteht man unter Stuhlinkontinenz?

In Deutschland leiden schätzungsweise 5 Prozent der Bevölkerung (etwa 4 Millionen Menschen) an Stuhlinkontinenz, medizinisch als anorektale Inkontinenz bezeichnet. Die Betroffenen sind nicht mehr imstande, ihre Defäkation (der physiologische Vorgang der Rektumleerung) vollständig bewusst zu steuern, weswegen es zu einem ungewollten Abgang von Stuhl kommt. Stuhlinkontinenz. Ein Thema, das nur ungern angesprochen bzw. über das nur ungern geredet wird. Denn viele Leidtragenden, die an einer Stuhlinkontinenz leiden, schämen sich und hüllen sich in Stillschweigen, anstatt sich ärztlichen Rat einzuholen. Zusätzlich lastet also noch ein psychischer Druck auf ihnen.

Was sind die Ursachen einer Stuhlinkontinenz?

Die Ursachen für eine Stuhlinkontinenz sind vielfältig. Folgende Ursachen können eine Stuhlinkontinenz auslösen:

  • angeborene Fehlbildung
  • Schlaganfall
  • Morbus Alzheimer
  • Multiple Sklerose
  • Gehirntumor
  • Querschnittslähmung
  • Hämorrhoiden
  • Analprolaps (Hervortreten von Darmschleimhaut aus dem After)
  • Diarrhoe (Durchfall)
  • Entzündliche Erkrankungen des Darms
  • Reizdarm
  • Abszesse
  • Dammriss
  • Beckenbodensenkung (häufig altersbedingt durch Bindegewebsschwäche und Abbau der Beckenmuskulatur)
  • vaginale Entbindung
  • operative Eingrippe
  • Unfall/Trauma
  • Medikamente
  • Abführmittel in hoher Dosierung
  • Psychosen

Stadien und Formen der Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz ist keine Altersfrage, sondern kann jeden treffen. Die Häufigkeit der Stuhlinkontinenz nimmt allerdings mit dem Alter zu: bei den geriatrischen Patienten („den älteren Patienten betreffend“) ist mit bis zu 30 Prozent Stuhlinkontinenz zu rechnen.

Die Ausprägung der Stuhlinkontinenz kann unter den Betroffenen stark variieren: Die Einen haben zum Beispiel „nur“ unkontrollierbare Blähungen während die Anderen den normalen Stuhl nicht zurück halten können. Aus diesem Grund gibt es folgende Stadien in Bezug auf die Stuhlinkontinenz:

  1. Stadium: Teilinkontinenz 1. Grades
  • Stuhlschmieren bei Belastung (z.B. schweres Heben) und Diarrhoe (Durchfall)
  1. Stadium: Teilinkontinenz 2 Grades
  • Inkontinenz für Winde und dünnen Stuhl
  1. Totalinkontinenz
  • völliger Kontrollverlust

Auch sind unterschiedliche Formen einer Stuhlinkontinenz bekannt:

  1. Form: primäre Stuhlinkontinenz

Bei dem Begriff der primären Stuhlinkontinenz handelt es sich um die sogenannte Neuralinkontinenz. Diese kann sich auf Grund verschiedener Ursachen äußern:

  • angeboren bei z.B. kongenitalem Megacolon/Hirschsprung-Krankheit (bestimmte Nervenzellen sind in der Darmwand nicht angelegt)
  • traumatisch bei z.B. Bandscheibenvorfall, Wirbelkörperfraktur mit Querschnittlähmung
  • zerebral z.B. bei Demenz, Hirntumor
  • spinale z.B. Multiple Sklerose
  1. Form: sensorische Stuhlinkontinenz

Bei der sensorischen Stuhlinkontinenz besteht eine Dysfunktion bzw. ein Verlust der Sensoren im Analkanal und Rektum mit fehlendem Stuhldrang aufgrund von beispielsweise Hämorrhoiden, Analprolaps (Hervortreten von Darmschleimhaut aus dem After), Analatresie (Öffnung des Rektums bzw. After ist nicht vorhanden/ nicht korrekt angelegt), nach gynäkologischen und anorektalen Operationen

  1. Form: muskuläre bzw. motorische Stuhlinkontinenz

Die muskuläre bzw. motorische Stuhlinkontinenz ist durch eine Schädigung des Sphinkters (Schließmuskel) erfolgt; zum Beispiel durch ein Dammriss, Tumor, gynäkologische oder proktologische Operationen oder Sphinkterschwäche im Alter

  1. Form: reservoirbedingte Stuhlinkontinenz

Die reservoirbedingte Stuhlinkontinenz kommt zum Beispiel bei einem Kurzdarmsyndrom, bei tiefer Rektumresektion (operative Entfernung des Enddarms), bei ileoanaler Anastome (operativ hergestellte Verbindung zwischen dem Darmabschnitt Ileum und dem Anus) vor

  1. psychische Stuhlinkontinenz

Die psychische Stuhlinkontinenz tritt infolge eines Traumas, einer Psychose, Enkopresis (Einkoten) auf.

Diagnose: Stuhlinkontinenz

Wenn sich der Betroffene vertrauensvoll einem Arzt zuwendet, ist zunächst im Hinblick auf eine zu bestätigende Diagnose der Stuhlinkontinenz ein ausführliches Anamnesegespräch durchzuführen. In diesem Gespräch werden Themen wie Beschwerdebeginn, Stuhlfrequenz, Stuhlbeschaffenheit, Anzahl und Ablauf von Geburten, eventuelle vorherige Operationen und vorherige Erkrankungen besprochen.

Im Anschluss daran folgt die klinische Untersuchung: die Inspektion der Analregion. Hierbei können, falls vorhanden, Veränderungen der Analschleimhaut, mögliche Narben, Fisteln, Hämorrhoiden festgestellt werden. Darüber hinaus beurteil der Arzt die Anatomie des Schließmuskels sowie dessen Verschlusskraft. Eine Proktoskopie oder Rektoskopie ist ebenfalls Teil der klinischen Untersuchung. In der Regel verläuft die Untersuchung relativ schmerzfrei; trotz allem empfinden Betroffene diese Art von Untersuchung als unangenehm, da diese die Intimsphäre betrifft.

Therapiemöglichkeiten bei Stuhlinkontinenz

Eine Therapie ist nur mit der Behebung der Grundkrankheiten möglich und richtet sich nach der Form bzw. Ursache der Stuhlinkontinenz. Die Therapiemöglichkeiten reichen unter anderem von Medikamenten wie gezielte Abführmitteln (um den Darm für eine Zeit lang „leer“ zu haben und keine unerwarteten Stuhlleerungen erfolgen können), über Beckenbodentraining bis hin zu Operationen. In der Regel werden allerdings nicht-operative Möglichkeiten in Betracht gezogen, bevor eine Operation in Frage kommt.

Ist die Stuhlinkontinenz durch eine entzündliche Erkrankung des Darms bedingt, können diese zum Beispiel medikamentös behandelt und behoben werden.

Eine weitere nicht-operative Behandlungsmaßnahme ist die Stärkung des Beckenbodenmuskulatur, die gezielt die Muskulatur im Anal-und Beckenbereich aufbaut und besonders bei Patientinnen mit einer Bindegewebsschwäche und welche, die viele Geburten hinter sich hatten, sehr wirksam ist.

Auch die Ernährung spielt eine große Rolle: Die Umstellung auf eine ballastreiche Kost lässt das Stuhlvolumen erhöhen und die Stuhlkonsistenz normalisieren. Zudem sollten auf blähende Speisen und Alkohol verzichtet werden.

Bei einer muskulären bzw. motorischen Stuhlinkontinenz kann demnach ein rekonstruktiver OP-Eingriff zur Wiederherstellung der sensorischen sowie motorischen Kontinenz durchgeführt werden. Postoperativ kann ausgiebiges Sphinktertraining betrieben werden (Beckenbodengymnastik).

Nicht immer ist eine vollständige Stuhlkontinenz zu erreichen. Allerdings kann man mit der „Schwäche“ umgehen: Spezialisten führen mit den Betroffenen ein sogenanntes „Toilettentraining“ durch, um zum Beispiel das Einführen regelmäßiger Zeiten für Toilettengänge näher zu erläutern. Auch der Alltag kann mit Inkontinenz-Produkten, wie Einlagen oder Analtampons, deren Materialien und Leistungsfähigkeit sich in den vergangenen Jahren deutlich gebessert haben, so normal wie möglich gestaltet werden.

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J. Ehresmann
Autor: J. Ehresmann

Judith Ehresmann ist als gelernte Operationstechnische und Chirurgischtechnische Assistentin in einem Krankenhaus beschäftigt. Das Schreiben hat sich immer mehr als Gegengewicht zu ihrem Vollzeitberuf im Gesundheitswesen entwickelt. Vor allem auch als Ausdruck ihres medizinischen Interesses, mit dem Wunsch, dieses auf ihre Mitmenschen zu übertragen. Frau Ehresmann schreibt unter anderem für den Thieme Verlag und ist seit November 2014 auch als Autorin für apomio.de tätig.

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