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Die Leberreinigung: hilfreich, nutzlos – oder sogar schädlich?

Kommentar schreiben Montag, 19. September 2016

Als „Leberreinigung“ oder „Gallenspülung“ wird ein diätetisches Verfahren in mehreren Varianten bezeichnet, das meist auf der Einnahme von Magnesiumsulfat (Bittersalz), Olivenöl und Grapefruitsaft oder Saft anderer Zitrusfrüchte basiert. Zum Teil kommen auch noch weitere Zutaten dazu. Ziel ist es, Ablagerungen der Leber und Gallenblase (in der Regel Gallensteine) zu binden und aus dem Körper auszuscheiden und damit vor allem die Gallengänge zu reinigen.

Die Argumente für eine Leberreinigung: Da eine überlastete Leber nicht mehr gut arbeiten könne und zu Symptomen wie Müdigkeit, Rückenschmerzen, einem zu hohen Cholesterinspiegel, Völlegefühl, erhöhter Infektanfälligkeit und anderen körperlichen Beeinträchtigungen führe, sei eine regelmäßige Leberreinigung sinnvoll und förderlich für eine gute Gesundheit. Es soll dadurch eine verbesserte Allgemeingesundheit und eine Erhöhung des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit erreicht werden und der Körper, indem er von schädlichen Stoffen befreit wird, wieder in die Balance gebracht werden.

Viele Informationen zur Leberreinigung gibt es im Internet, in Büchern und in alternativmedizinischen und naturheilkundlichen Kreisen. Auch bieten einige Heilpraktiker solche Verfahren an. Alternativ zum Verfahren mit Magnesiumsulfat, Olivenöl und Saft von Zitrusfrüchten wird in den genannten Medien zudem auch noch eine ganzheitliche, weit aufwändigere Methode zur Leberreinigung angeboten.

Wie läuft eine Leberreinigung ab?

Bei der verbreiteten Bittersalz-Olivenöl-Grapefruitsaft-Methode – oder den von ihr leicht abweichenden Varianten – beginnt man in der Regel damit, einen oder auch mehrere Tage entweder fettfrei zu essen oder nur zu trinken. Am letzten dieser Tage nimmt man über den Tag verteilt mehrere Portionen eines Abführmittels (Bittersalz) ein und trinkt vor dem Zubettgehen eine Mischung aus festgelegten Mengen von Olivenöl und Grapefruitsaft. Das viele Fett aus dem Olivenöl führt nun dazu, dass Gallenflüssigkeit, die sich in der fettfreien Zeit aufgestaut hat, ganz plötzlich und mit hohem Druck ausgestoßen wird. Dadurch sollen die Gallenwege durchspült werden, Gallensteine in Bewegung geraten und am Ende ausgeschieden werden.

Beim anschließenden Durchfall, der sich meist am nächsten Morgen einstellt, findet man in der Regel Steinchen im Stuhl. Glaubt man den Verfechtern dieser Methode der Leberreinigung, so stammen diese Steine aus der Gallenblase und der Leber. Empfohlen wird meist, mehrere Leberreinigungen in regelmäßigen Abständen durchzuführen, da nicht alle Ablagerungen bzw. Steine gleich beim ersten Mal abgingen.

Alternativ dazu wird von anderen Alternativmedizinern eine „ganzheitliche Leberreinigung“ empfohlen, die oben beschriebene Methode wird als „Pseudo-Leberreinigung“ abgelehnt. Vertreter dieses Verfahrens – wie auch Schulmediziner und andere Kritiker – sagen, dass es sich nach der oben erläuterten Methode bei den abgehenden Steinen lediglich um Fettsteine handele. Bei der ganzheitlichen Leberreinigung soll dagegen die Leber über mehrere Wochen bis Monate hinweg unterstützt, entlastet und aktiviert werden. Ziel ist, dass das Organ sich langfristig selbst regeneriert und wieder vollständig arbeiten kann. Die ganzheitliche Leberreinigung besteht im Wesentlichen aus einer basischen Ernährung, einer Darmreinigung, der Einnahme von Bitterstoffen, Extrakten aus verschiedenen Pflanzen und speziellen Kräutermischungen und Arzneien sowie dem Verzehr von bestimmten Lebensmitteln, die eine leberreinigende Funktion haben sollen, darunter Knoblauch, Zwiebeln, grünes Blattgemüse und grüner Tee.

Die Leber: ein wichtiges Organ und eine wahre „Allround-Künstlerin“

Die Leber ist ca. 1.500 bis 2.000 Gramm schwer und ist das größte unserer inneren Organe. Sie sieht keilförmig aus und liegt im rechten Oberbauch. Eine gesunde Leber fühlt sich weich an, ist elastisch und hat eine dunkelbraune Farbe.

Durch die Leber fließen jeden Tag etwa 2000 Liter Blut. Als einziges Körperorgan – abgesehen vom Herzen – ist die Leber Teil zweier Blutkreisläufe. An ihrer Unterseite liegt die Leberpforte, wo Leberarterien und die Pfortader in das Organ eintreten. Die Leberarterien bringen sauerstoffreiches Blut aus dem Herzen in die Leber hinein, die Pfortader transportiert sauerstoffarmes Blut aus den Bauchorganen. In ihm befinden sich Nahrungsteile aus dem Darm, Abbauprodukte aus der Milz und Hormone aus der Bauchspeicheldrüse. Auch viele oral eingenommene Arzneimittel gelangen über die Blutgefäße zunächst in die Leber.

Was die Leber alles kann

Die Leber ist ein Multifunktions-Organ. Sie entgiftet und reinigt den Körper ständig und ist beteiligt am Stoffwechsel von Fetten, Kohlenhydraten und Eiweißen.

Über Dünndarmschleimhaut und Pfortader und mit dem Blutstrom landet – in verdauter Ausführung – alles, was wir essen und trinken, in der Leber, ebenso wie Schadstoffe und Gifte, die über die Haut und die Atmung in den Körper gelangen. Ihre Arbeit als Entgiftungsorgan nimmt die Leber auf, sobald durch die Blutgefäße unerwünschte Stoffe in sie gelangen, also giftige Abbauprodukte, Alkohol und schädliche Bestandteile der Nahrung. Soweit möglich, werden diese Schadstoffe in der Leber umgewandelt, unschädlich gemacht  und in neutralisierter Form ausgeschieden. Aus rotem Blutfarbstoff entsteht in der Leber gelbes Bilirubin, das über den Gallengang in den Darm gelangt und dort mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Wenn die Leber nicht gut funktioniert, staut sich das Bilirubin im Körper – es kommt zur Gelbsucht mit der typischen Gelbfärbung von Haut und Augen.

Die Leber stellt den überwiegenden Teil des täglich benötigten Cholesterins her. Diese fettähnliche, lebenswichtige Substanz ist unter anderem wesentlich am Aufbau der Zellmembran sowie an vielen Stoffwechselvorgängen des Gehirns beteiligt. Gleichzeitig produziert die Leber aus Cholesterin sauren Gallensaft zur Fettverdauung – täglich mehr als einen halben Liter davon. Die Flüssigkeit wird in der Gallenblase eingedickt und in den Darm weitergeleitet. Somit sorgt die Leber dafür, dass wir fettiges Essen verdauen können und zudem die wichtigen fettlöslichen Vitamine aus der Nahrung verwerten können. Das Organ entscheidet bei der Fettverdauung außerdem auch darüber, ob das Fett zu Energie verbrannt oder als Fettpolster auf Hüften, Bauch und Co. landet.

In der Leber entstehen auch viele wichtige Bluteiweiße und einige Gerinnungsfaktoren, die wichtig sind, damit eine Wunde aufhört zu bluten. Sie speichert außerdem überschüssige Glukose und stellt sie dem Körper bei Bedarf (wenn der Glukosespiegel im Blut zu sehr absinkt) wieder zur Verfügung. Ebenso ist die Leber Speicherorgan für Vitamine und Spurenelemente wie Eisen, Kupfer, Zink und Mangan und Hormone.

Nicht zuletzt hat die Leber noch eine hervorragende Eigenschaft: Sie kann sich zu einem Gutteil selbst regenerieren und z.B. operativ entferntes Gewebe teilweise neu bilden. Bei einem gesunden Menschen reicht schon ein Drittel der Lebermasse zum Leben aus.

Überlastung der Leber: Erste Hilfe durch Leberreinigung?

Es scheint nur logisch, dass die menschliche Leber durch ungesunde Ernährungsgewohnheiten und zu fette Nahrung, Medikamenteneinnahme und Gifte wie Alkohol oder Umweltschadstoffe überlastet werden kann. Wenn man weiß, welch vielfältige und wichtige Aufgaben die Leber hat, kann man ebenso gut nachvollziehen, dass eine geschwächte, nicht mehr voll funktionsfähige Leber den gesamten Organismus belastet.

Eine kranke, schwache Leber macht sich demzufolge mit Symptomen wie Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Appetitlosigkeit, Infektanfälligkeit, Gewichtsveränderungen, Bauchschmerzen, Verdauungsproblemen sowie einer Gelbfärbung der Haut oder Augen bemerkbar. Mit Hilfe einer regelmäßigen Leberreinigung, sagen deren Befürworter, könnten solche Symptome ganz verschwinden, sodass die Leber wieder kraftvoll arbeiten könne. Zu den allgemeinen positiven Auswirkungen einer Leberreinigung gehörten eine Stärkung des Immunsystems, ein besseres Allgemeinbefinden, mehr Schwung und Energie und sogar eine Linderung von Depressionen und Stimmungsschwankungen.

Die Wirksamkeit ist stark umstritten

Nicht nur Schulmediziner, sondern auch zahlreiche naturheilkundlich orientierte Mediziner lehnen die Leberreinigung als wirkungslos ab. Wissenschaftler verweisen darauf, dass die versprochenen Effekte bisher in keinem Fall nachgewiesen werden konnte. In der Regel wird eine Leberreinigung von Kritikern zwar als wirkungslos, jedoch meist als harmlos und unschädlich eingeschätzt. Allerdings sei – vor allem bei der Bittersalz-Olivenöl-Saft-Methode – die Einnahme der vermeintlich leberreinigenden Substanzen oft mit heftigem Durchfall und Bauchschmerzen verbunden. Der wichtigste Kritikpunkt bei dieser Methode ist, dass es sich bei den abgehenden Steinen nicht um Gallensteine und/oder schädliche Ablagerungen aus Leber und Gallengängen, sondern um steinartige Gebilde handele, die durch eine Verklumpung der verabreichten Substanzen im Darm entstünden. Diese würden mit dem Stuhlgang ausgeschieden und irrtümlich für Gallensteine gehalten werden, zeigten jedoch bei genauerer Betrachtung deutliche Unterschiede zu Gallensteinen.

Das dies mit hoher Wahrscheinlichkeit so ist, illustriert der Fall eines 59-Jährigen, den ein Internist an die Öffentlichkeit brachte. Bei dem Patienten waren zunächst Gallensteine festgestellt worden, die jedoch keine Beschwerden auslösten. Dennoch wollte der Mann dagegen vorgehen und führte in Eigenregie eine Leberreinigung nach der oben erwähnten Methode durch. Als Folge fanden sich in seinem Stuhl Gebilde, die durchaus für Gallensteine gehalten werden konnten. Als jedoch auch nach mehrmaliger Durchführung des Verfahrens die Steine nicht weniger wurden, wandte sich der Patient an den Internisten. Dieser stellte nach einer eingehenden Untersuchung der im Stuhl gefundenen Steinchen fest, dass es sich bei ihnen eindeutig nicht um Gallensteine handelte. Stattdessen stellte sich heraus, dass die schmierigen Steinchen nach der gemeinsamen Einnahme von fettigem Olivenöl, saurem Grapefruitsaft und der Bittersalzlösung durch den chemischen Prozess der Verseifung entstanden waren.

Unter Umständen kann es auch gefährlich werden

Daneben wurde vor einigen Jahren ein weiterer Fall bekannt, bei dem es zu einer kritischen Situation für den Anwender der „alternativen Leberreinigung“ kam. Wohl durch die hohe Fettbelastung kam es zu einem Steinabgang, der mit schlimmen Kolikschmerzen verbunden war. Die Bauchspeicheldrüse, die angesichts der Fettmengen Schwerstarbeit leisten musste, hatte sich entzündet, der Patient musste operiert werden.

Naturgemäß sehen die Befürworter der verschiedenen Methoden einer Leberreinigung den Sachverhalt völlig anders. Sie bestreiten nicht, dass ihre Methode einer wissenschaftlichen Überprüfung bisher nicht standgehalten hat. Jedoch verweisen sie auf zahlreiche Anwender, die nach der Leberreinigung über ein deutlich gesteigertes Wohlbefinden, mehr Energie, eine bessere Verdauung und zahlreiche weitere positive gesundheitliche Veränderungen berichteten.

Leberreinigung: Wenn, dann nur nach gründlicher Abwägung

Als Fazit kann man wohl nur eine Empfehlung aussprechen: Wer eine Leberreinigung erwägt, sollte sich vorher gründlich untersuchen lassen, unter Umständen mehrere Meinungen verschiedener Mediziner einholen und sich vor allem nicht von großen Versprechungen im Internet locken lassen. Wer dann eine maßvolle Methode wählt, um seine Leber wirkungsvoll zu entlasten und seiner Gesundheit einen Gefallen zu tun – der wird sich damit wohl zumindest nicht schaden.

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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