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Kontrollillusion: Was können wir wirklich kontrollieren?

Kommentar schreiben Donnerstag, 08. März 2018

Kaum etwas fürchten wir mehr, als die Kontrolle zu verlieren. Es macht Angst, einer Person oder Sache ausgeliefert zu sein. Wir wollen Einfluss nehmen und unser Leben selbst bestimmen. Dafür stellen wir Regeln auf, entwickeln Verhaltensweisen, Strategien und Rituale, auf die wir uns erfahrungsgemäß fest verlassen können. Dann können wir uns beruhigt zurücklehnen. Doch worauf haben wir tatsächlich Einfluss? Und wo ist das Gefühl der Kontrolle nur Illusion? Wo bilden wir uns nur ein, etwas im Griff zu haben, das wir nachweislich gar nicht kontrollieren können, nur damit wir uns besser fühlen?

Warum wollen wir die Kontrolle haben?

Kontrolle heißt Selbstbestimmung und Macht. Wir wollen Gesundheit, Beziehung, Finanzen und Beruf nicht dem Zufall überlassen, wie ein Blatt im Wind. Stattdessen ziehen wir alle Register, um das quirlige, unberechenbare Leben unter das Joch unserer Wünsche und Vorstellungen zu zwingen. Keine unliebsamen Überraschungen! Die Angst vor dem Unbekannten, für das es noch kein Handlungskonzept gibt, Unsicherheit, Chaos und Stress können mit der Fähigkeit, die Kontrolle zu gewinnen, reduziert werden und ihren Schrecken verlieren. Alles unter Kontrolle – endlich Ruhe, Halt und Sicherheit im Leben. Das ist unser tiefer Wunsch. Aber ist das wirklich machbar?

Was ist Kontrollillusion?

Kontrollillusion heißt, so zu handeln, als ob man Vorgänge beeinflussen könnte, die nachweislich nicht beeinflussbar sind, sondern dem Zufallsprinzip unterliegen. Zum Beispiel würfelt man mit besonders viel Elan, um eine hohe Zahl zu würfeln, und besonders sanft, um eine niedrige Zahl zu bekommen. Mal gelingt es und mal nicht. Es ist Zufall und hat nichts mit der Stärke des Würfelns zu tun. Wenn es jedoch ein paar Mal hintereinander gelungen ist, folgt daraus die Überzeugung, besser gesagt die Illusion, dass man es tatsächlich in der Hand hat, welche Zahl man würfelt. Gelingt es, schreibt man den Erfolg seinen Fähigkeiten zu. Klappt es nicht, sind die schlechten äußeren Umstände die Schuld. Man ist abgelenkt worden oder mit dem Würfel ist etwas nicht in Ordnung. So gibt es nie einen Grund, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Es herrscht das Zufallsprinzip. Man hat keine Kontrolle darüber. Das gilt für das Würfeln genauso wie für den Lottogewinn. Hier könnte man sich z.B. der Illusion hingeben, dass man eher gewinnt, wenn man die Zahlen auspendelt oder zumindest selbst auswählt, als dass es ein Lotto-Service tut.

Woher kommt die Kontrollillusion?

Bekannt geworden ist die Kontrollillusion durch Arbeiten der US-amerikanischen Psychologin Ellen Langer. Sie fand heraus, dass wir uns im Laufe der Evolution so entwickelt haben, dass wir hinter jedem Ereignis einen Sinn vermuten, den wir herausfinden möchten. Alles scheint vorherbestimmt und passiert aus bestimmten Gründen. Als Kinder denken wir, dass es eine ordnende Kraft gibt, die allem in der Natur ihren Sinn und Zweck verleiht. Als Erwachsene bekommt die Vernunft den Vortritt. Alles ist rationell erklärbar. Der Kinderglauben schwingt aber weiter unterschwellig mit, als Hang zum Aberglauben. Es existiert weiter die Vorstellung, dass es übernatürliche Kräfte gibt, die man anzapft und die einem unterstützen, wenn man die richtigen Rituale und Verhaltensweisen an den Tag legt. Man hat dann selbst in schwierigen Situationen scheinbar die Möglichkeit, etwas auszurichten. In der Sprache der Psychologie nennt man dieses Verhalten Kontrollillusion.

Wo leben wir im Alltag häufig in der Illusion, die Kontrolle zu haben?

Sehr verbreitet ist Kontrollillusion bei jeder Form von Glücksspiel, Lotterie-Teilnahme, Aktienkäufen und –verkäufen. Aber sie kann sich auch auf jeden anderen Lebensbereich wie Partnerschaft, berufliche Ziele, Kindererziehung und Gesundheit beziehen. Und sie tritt besonders in Kraft, wenn einen die Felle davon schwimmen. Da muss doch etwas zu machen sein! Das muss man doch noch in den Griff bekommen! Und dann werden aus der Mischung von Angst, Stress und Verzweiflung heraus die wahnwitzigsten Versuche gemacht, um wieder Gewalt über die Situation zu gewinnen. Man überbewertet jeden Blick, jedes Wort, fängt an, das Tarot zu befragen, um Infos zu bekommen, die einem sonst keiner geben kann. Erkennt man nämlich den tieferen Sinn, warum etwas so gekommen ist, kann man es das nächste Mal anders machen. Und hat dann die Sache vermeintlich wieder unter Kontrolle. Ein interessantes Beispiel von Kontrollillusion sind Fußballspiele und der Drang, ständig den Trainer zu wechseln. Wenn zwei ähnlich starke Teams gegeneinander spielen, werden sie mal verlieren und mal gewinnen, unterm Strich mit einer recht ausgeglichenen Bilanz. Möglich ist, dass ein Verein auch mal 6 Spiele hintereinander verliert und in Folge dessen ein neuer Trainer eingestellt wird. Wird dann das 7. Spiel wieder gewonnen, gilt dies als Beweis für einen erfolgreichen Trainerwechsel. Die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg war allerdings ohnehin sehr groß und statistisch absehbar.

Welche Vorteile hat die Kontrollillusion?

Das Gute, den Erfolg hat man dank seiner „Kontrollfähigkeiten“ selbst geschaffen. Man verfügt über die besonderen Fähigkeiten dazu. Die Misserfolge gehen auf das Konto der Außenwelt, der äußeren Umstände, für die man nichts kann. So gesehen hat man immer alles richtig gemacht.

Was können wir wirklich kontrollieren?

Wir können Sachlagen analysieren, Erfahrungen auswerten, alles perfekt organisieren, den Überblick bewahren, managen, unser Bestes geben. Das ist sehr viel! Aber im Ergebnis wird immer eine Unbekannte mit auftreten. Wir können uns aus der Erkenntnis von Studien mit der richtigen Ernährung, genug Bewegung, Entspannung, Psychohygiene und dem Verzicht auf Genussmittel bestmöglich gesund erhalten. Dadurch haben wir, statistisch gesehen, Kontrolle über unsere Gesundheit. Dennoch wird es immer auch mal jemanden geben, der diese Auflagen alle erfüllt hat und trotzdem mit 60 an Lungenkrebs stirbt, obwohl er nie eine Zigarette in der Hand gehalten hat. Das Leben ist nicht so logisch, wie wir es gerne hätten, und deshalb auch nur begrenzt kontrollierbar. Das heißt, wir können uns gut fühlen, beruhigt und zufrieden sein, wenn wir unser Bestes für eine Sache gegeben haben. Und dann müssen wir loslassen. Mehr können wir nicht tun oder gar erzwingen. Inwieweit und warum die Unbekannte im Ergebnis mitspielen wird, ist von uns nachweislich nicht zu beeinflussen. Alles andere ist Illusion.

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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