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Wenn die Welt aus dem Gleichgewicht gerät: Schwindel im Alter

Kommentar schreiben Dienstag, 12. Dezember 2017
Schwindel kennt so gut wie jeder von uns. Manchmal ist er eine ganz natürliche Folge von Bewegungsveränderungen und vergeht schnell von selbst wieder – etwa wenn man zu schnell aus der Hocke oder aus dem Liegen heraus aufsteht, oder auch auf einem Schiff bei hohem Seegang. Richtig schön kann Schwindel auch sein: wenn einem geradezu „schwindelig vor Glück“ ist oder bei einer fröhlich-rasanten Fahrt mit der Achterbahn. Richtiggehend quälend wird Schwindel allerdings, wenn er häufig und/oder dauerhaft auftritt und so stark ist, dass die Lebensqualität deutlich eingeschränkt wird. Das ist vor allem bei älteren Menschen der Fall – mit zunehmendem Alter nehmen Probleme mit Gleichgewichtsstörungen deutlich zu. Von den über 65-Jährigen in Deutschland leidet gut jeder Dritte darunter, bei Menschen ab 75 Jahren gehören Schwindel in unterschiedlichen Erscheinungsformen und seine Folgen zu den vorherrschenden Beschwerden. Wenn der Schwindel kommt, wird es richtig unangenehm. Bei vielen fängt die gesamte Umgebung an, sich zu drehen. Andere glauben, gleich zur Seite zu fallen, wieder andere fühlen sich wie in einem schnell fahrenden Aufzug, manchen „zieht es den Boden unter den Füßen weg“. Bei den meisten sorgt der Schwindel für ein allgemeines Gefühl der Benommenheit und Unsicherheit. Und wer sich nicht rechtzeitig festhalten oder abfangen kann, fällt hin – mit manchmal gravierenden Folgen. Schwindel ist also – gerade bei betagteren Menschen – alles andere als eine harmlose Sache. Nicht nur, weil häufig eine ernstzunehmende Erkrankung dahintersteckt. Sondern vor allem auch, weil Probleme mit dem Gleichgewicht bei den Betroffenen Ängste und Depressionen auslösen können, die vielfach letztlich in die soziale Isolation führen.

Gefangen im „Teufelskreis Schwindel“

Denn wenn sich alles um einen herum dreht, man zu fallen droht und das Gefühl hat, keine Kontrolle mehr über seinen Körper zu haben, dann macht das unsicher, schwach und bange. Bei anhaltenden, immer wiederkehrenden Beschwerden wird die Angst, zu stürzen, zum Dauerbegleiter. Diese Angst ist durchaus berechtigt: Laut aktuellen Statistiken führen Schwindelanfälle bei rund einem Drittel der über 65-Jährigen und bei etwa der Hälfte der über 80-Jährigen einmal im Jahr zu einem Sturz. Und da ältere Menschen sich schlechter abfangen können und porösere Knochen haben, passieren bei vielen Stürzen schwere Brüche, die dann bei etwa einem Fünftel aller Betroffenen unweigerlich in die Pflegebedürftigkeit führen. Aus Angst vor solchen Folgen gehen viele Schwindelpatienten kaum noch aus. Dies wiederum erhöht nicht nur das Risiko, depressiv zu werden. Der damit einhergehende Bewegungsmangel schwächt die Gelenke, die Muskeln und die Knochen, was wiederum das Sturzrisiko erhöht. Außerdem werden auch die Gleichgewichtsorgane im Innenohr immer leistungsschwächer, wenn sie nicht durch Bewegung trainiert werden. Das damit verbundene schlechtere Körper- und Balancegefühl verstärkt wiederum die negativen Folgen, die ein Schwindelanfall haben kann. Ein echter Teufelskreis also – Grund genug, dem Schwindel auf den Grund zu gehen und etwas gegen ihn zu tun!

Was ist Schwindel überhaupt, und wie entsteht er?

Das Gleichgewicht und die Fähigkeit, sich im Raum zu orientieren, hängt von drei Sinnesorganen ab: dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr, den Augen und der Tiefenwahrnehmung, für die unsere Muskeln und Gelenke verantwortlich sind. Das Gleichgewichtsorgan erfasst und verarbeitet die Drehbewegungen von Kopf und Körper, die Augen leiten die optischen Informationen über die Umgebung ans Gehirn weiter. Gelenke und Muskeln schließlich lassen uns spüren, wo und wie wir gerade körperlich positioniert sind. Das Gleichgewichtszentrum im Gehirn vergleicht all die eingehenden Informationen und koordiniert sie im Normalfall so, dass wir körperlich in der Balance bleiben und uns wohlfühlen. Widersprechen sich aber mehrere der genannten Sinnesinformationen oder werden vom Gehirn nicht richtig verarbeitet, stellt sich Schwindel ein. Ein Beispiel: Wir fahren in einem Aufzug schnell nach oben oder unten. Rein optisch bleibt die Umgebung gleich, über die Augen erfolgt also keine Information über eine Veränderung des Umfeldes. Die Tiefenwahrnehmung jedoch reagiert, denn die Muskeln registrieren die Druckveränderung, die mit der Auf- oder Abfahrt des Aufzugs einhergeht. Widersprüchliche Informationen ans Gehirn also, die bei manchen Menschen im Aufzug zu Schwindelgefühlen führen.

Auf der Suche nach den Ursachen – warum trifft es gerade Ältere?

Im Gegensatz zu Schwindel, der bei Menschen im jüngeren Alter auftritt, hat der Schwindel bei Älteren oft keine ganz klar und schnell erkennbare Ursache. Dass Schwindel im Alter so gehäuft auftritt, liegt daran, dass mit dem Alter viele körperliche Veränderungen und Abbauprozesse einhergehen, alterstypische Erkrankungen auftreten und/oder mehr Medikamente eingenommen werden, die oft zu Schwindel führen können. Anders als bei diesen Erscheinungen, bei denen Ärzte von „Altersschwindel“ sprechen, gibt es allerdings auch Schwindelformen, die zwar ebenfalls im Alter häufiger auftreten, aber eine ganz eindeutige Ursache haben. Gut nachvollziehbar ist, dass es natürlich dann gehäuft zu Schwindel kommt, wenn die bereits beschriebenen Sinnessysteme, die für das Gleichgewicht verantwortlich sind, mit zunehmendem Alter immer schlechter funktionieren. So lässt die Leistung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr insgesamt nach, das Innenohr selbst wird schlechter durchblutet. Altersbedingte Veränderungen der Augen und Augenerkrankungen wie z.B. grauer oder grüner Star oder eine Makula-Degeneration führen zu Einschränkungen des räumlichen Sehens und der visuellen Kontrolle. Muskeln werden schwächer, die Gelenke nutzen sich ab. Aus all diesen Faktoren ergibt sich eine allgemein schwächere körperliche Koordinationsfähigkeit und Kondition und eine nachlassende Reaktionsfähigkeit - alles Auslöser für Schwindelgefühle.

Körper und Seele spielen eine Rolle

Weitere häufige Ursachen für altersbedingten Schwindel sind Blutdruckschwankungen, Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen, Diabetes und Demenz. Diese und andere Krankheiten treten im Alter gehäuft auf und beeinträchtigen die Funktion des Gleichgewichtssystems. Ebenso ist die Einnahme von oft zahlreichen Medikamenten gegen unterschiedliche Krankheiten und Beschwerden ein erheblicher Risikofaktor für das Auftreten von Schwindel und anderen Wahrnehmungsstörungen. Nicht zu unterschätzen sind – gerade bei Älteren – seelische Gründe, die sich hinter gehäuft auftretendem Schwindel verbergen können. Untersuchungen haben ergeben, dass Depressionen, Einsamkeit oder Angst die Auslöser von rund einem Drittel aller Schwindelanfälle sind. Oft ist es nicht einfach und dauert längere Zeit, die genaue Ursache des eigenen Schwindels herauszufinden, denn Schwindel ist ein besonders komplexes System. Wichtig ist es, auch in solchen Fällen nicht zu verzagen, sondern immer weiter zu forschen, um den Ursachen auf den Grund zu gehen. In aller Regel findet sich früher oder später des Rätsels Lösung und damit auch der Weg zur Heilung.

Mit Schwindel zum Arzt: Diagnose und Behandlung

Ältere Menschen, die immer wieder mit Schwindel zu kämpfen haben, sollten auf jeden Fall zunächst ihren Hausarzt aufsuchen – nur ein Mediziner kann herausfinden, was hinter dem Schwindel steckt. Bei einem ausführlichen Anamnesegespräch wird der Arzt viele Fragen stellen, u.a.: Wie genau fühlt sich der Schwindel an? Seit wann, wie häufig, wie lange und in welchen Situationen tritt er auf? Welche Begleitsymptome bringt er mit sich? Außerdem wird der Arzt erfragen bzw. untersuchen, unter welchen Erkrankungen der Patient bereits leidet, wie er sich ernährt, welche Medikamente er einnimmt usw. Bei einer körperlichen Untersuchung prüft der Arzt körperliche Fähigkeiten wie das Seh- und Koordinationsvermögen. Ergibt sich aus der Anamnese der Verdacht auf eine ernsthafte Erkrankung, wird der Patient zu einem Facharzt überwiesen. In sehr vielen Fällen jedoch hat bereits der Hausarzt entscheidende Hinweise auf die Ursache des Schwindels herausgefunden und wird eine entsprechende Behandlung einleiten. Liegt dem Schwindel eine bestimmte Erkrankung zugrunde, wird natürlich diese primär behandelt – womit in der Regel dann auch der Schwindel nachlässt bzw. verschwindet. Sind seelische Ursachen für den Schwindel verantwortlich, kann eine Psychotherapie, oft begleitet von einem Verhaltenstraining, der richtige Weg zur Heilung sein. Helfen können auch sogenannte Antivertiginosa, also Akutmedikamente gegen Schwindel. Diese beheben zwar nicht die Ursachen, können aber, indem sie die belastenden Symptome bekämpfen, Bewegungsmangel und Stürzen vorbeugen – eine mitunter wichtige Maßnahme, um zu verhindern, dass der Schwindel chronisch wird. Die Antivertiginosa sind somit wichtige Mittel, um zunächst die Lebensqualität und einen funktionierenden Alltag der Betroffenen wiederherzustellen. Sie sind allerdings keinesfalls zur Selbstmedikation geeignet!

Was tun bei akuten Attacken?

Überfällt einen ein Schwindelanfall, ist erst einmal das A und O, sich vor einem Sturz und daraus folgenden Verletzungen zu schützen. Wenn irgend möglich, sollte man schnellstens Halt an einer gut befestigten Stelle suchen, sich hinlegen oder hinsetzen. Hilfreich ist es auch, ruhig zu atmen und den Blick auf einen festen Punkt gegenüber zu heften. Menschen, die häufig bzw. regelmäßig unter Schwindelattacken leiden, sollten auf jeden Fall ihre heimische Umgebung sturzsicher machen, für ausreichend Festhaltepunkte in der Wohnung sorgen, Stolperfallen vermeiden und selbstverständlich nicht auf Leitern oder gar auf wackelige Hocker oder Stühle klettern. Für unterwegs sind ein Rollator oder Gehstock die besten Mittel, um im Zweifel einen Sturz abzufangen.

Schwindel vermeiden – schon einfache Maßnahmen helfen

Um Schwindel gar nicht erst die Chance zu geben, zum unerwünschten Lebensbegleiter zu werden, kann jeder selbst einiges tun – und das ist noch nicht einmal schwer. Zunächst gilt es, Risikofaktoren zu minimieren, allen voran Herz-, Kreislauf- und Durchblutungsstörungen sowie Schwankungen des Blutdrucks und des Blutzuckers. Eine gesunde Lebensweise,  gute und ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung sind hierfür – neben der medikamentösen Behandlung von vorliegenden Erkrankungen – die besten Maßnahmen. Auch bestimmte natürliche, pflanzliche Medikamente eignen sich zur Vorbeugung von altersbedingten Erkrankungen und daraus folgendem Schwindel. Hierzu können der Arzt oder der Apotheker Auskunft geben. Neben ausreichend Bewegung werden auch spezielle Übungen empfohlen, die die Muskeln kräftigen und die Gleichgewichtssinne trainieren. Sie unterstützen die körpereigenen Fähigkeiten zur Koordination und sorgen für mehr Sicherheit bei alltäglichen Bewegungen - und damit im Endeffekt auch für seelisches Wohlbefinden. Ärzte und Physiotherapeuten kennen das jeweils geeignete Training und können ihren Patienten die einzelnen Übungen zeigen, sodass diese auch zuhause gut damit arbeiten können. Auch im Internet finden sich wirksame Übungen und weitere wertvolle Tipps zum Thema Schwindel, etwa auf der Webseite der Deutschen Seniorenliga www.schwindel-im-alter.de.
Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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