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Rasenmäher-Eltern – und wie sie die Entwicklung des Kindes beeinflussen

Kommentar schreiben Dienstag, 14. Januar 2020

Helikopter-Eltern sind den meisten von uns ein Begriff. Im Laufe der letzten Jahre hat sich die Versinnbildlichung einer Elternschaft, die kontrollierend über ihrem Nachwuchs kreist, im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt. Demgegenüber ist die Bezeichnung „Rasenmäher-Eltern“ relativ neu. Sie meint die Steigerungsform der altbekannten Helikopter-Eltern. Statt lediglich über dem Nachwuchs zu kreisen, befinden sich Rasenmäher-Eltern im Zentrum des Geschehens. Sämtliche Hindernisse und Widrigkeiten, die das Leben so zu bieten hat, mähen sie ihrem Kind ganz einfach aus dem Weg. Oftmals sogar, bevor der Nachwuchs überhaupt etwas davon mitbekommt.

 

Im folgenden Artikel beschäftigen wir uns ausgiebig mit der Rasenmäher-Erziehung. Was sind Rasenmäher-Eltern überhaupt und woher kommt das Bedürfnis, seinem Kind sämtliche Stolpersteine aus dem Weg zu räumen? Besonderes Augenmerk soll darauf gelegt werden, inwiefern eine solche Erziehung die Entwicklung des Kindes beeinträchtigt. Abschließend wird dargelegt, warum Erziehung zur Selbständigkeit so wichtig ist und wie eine solche am besten gelingt.

 

Was sind Rasenmäher-Eltern?

 

Helikopter-Eltern als Bezeichnung für überfürsorgliche Eltern hat mittlerweile Eingang in unseren alltäglichen Sprachgebrauch gefunden. Unzählige Literatur, die sich mit dem Phänomen solcher stetig über dem Nachwuchs kreisender Eltern beschäftigt, ist in den letzten Jahren erschienen. Demgegenüber ist Rasenmäher-Eltern ein relativ neuer Begriff.

 

„Rasenmäher-Eltern“ – oder auch „lawnmower parents“ – hebt das Konzept der elterlichen Fürsorge auf die nächste Stufe. Eltern geben sich nun nicht mehr damit zufrieden, schützend über dem Kind zu kreisen und bei Bedarf einzugreifen, vielmehr sind sie mittendrin im Geschehen. Hindernisse werden aus der Welt geschafft, noch bevor der Nachwuchs überhaupt damit in Berührung kommen kann. Mama und Papa kümmern sich darum, dass dem Kind auf seinem Lebensweg nichts und niemand in die Quere kommt. Die Metapher des rasenmähenden Elternteils veranschaulicht den zugrundeliegenden Gedanken: Stolpersteine und Hindernisse, mit denen sich das Kind konfrontiert sehen könnte, werden ohne Rücksicht auf Konsequenzen ganz einfach aus dem Weg gemäht!1

 

Was zunächst sogar ein wenig amüsant klingt, stellt einen massiven Eingriff in die Sozialerfahrung des Kindes dar. Rasenmäher-Eltern greifen aktiv ein, um Kinder vor jeglichen Auseinandersetzungen und Misserfolgen zu schützen. Mit Schwierigkeiten soll der Nachwuchs gar nicht erst in Berührung kommen – mit weitreichenden Folgen für sein gesamtes weiteres Leben!2 Damit eine solche Form des Eingreifens überhaupt möglich ist, ist zwangsläufig auch engmaschige Kontrolle notwendig. Häufig fallen Rasenmäher-Eltern in Kindergarten und Schule besonders auf. Auch in alltäglichen kindlichen Konfliktsituationen, wie sie etwa auf dem Spielplatz vorkommen, treten sie gerne in Erscheinung.3

 

Woher kommt der Drang, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen?

 

Rasenmäher-Eltern agieren häufig unbewusst, beziehungsweise sind sie sich über die Konsequenzen ihres Handelns gar nicht so richtig im Klaren. In der Regel etabliert sich solch ein Erziehungsstil aus bedingungsloser Liebe und weil man – wie die meisten anderen Eltern auch – nur das Beste für sein Kind möchte. Unter Umständen fließen auch persönliche Erfahrungen mit Widrigkeiten und Niederlagen mit hinein.4

 

Besonders häufig sind Rasenmäher-Eltern in der gebildeten Mittelschicht zu finden. Sie sind beruflich erfolgreich und gut situiert. Auch die Familiengröße ist oftmals überschaubar und die elterliche Fürsorge konzentriert sich auf lediglich ein bis zwei Kinder. Gerade in dieser Konstellation möchte man sein Kind bestmöglich auf ein erfolgreiches und leistungsorientiertes Leben vorbereiten.5

 

Doch auch Ängste spielen in solche Erziehungskonzepte hinein. Helikopter-Eltern haben nicht selten diffuse Angst vor Gefahren oder Sorge, dass das eigene Kind im Leben versagen könnte – das nämlich wäre auch untrennbar mit dem Scheitern der eigenen Erziehung verbunden.6

 

Rasenmäher-Eltern: Gut gemeint ist nicht zwingend gut

 

Motive von Rasenmäher-Eltern sind in der Regel ausgesprochen ehrenhaft. Solche Eltern sind sehr auf das Wohl ihrer Kinder bedacht, wollen ihr Bestes und tun alles, um sie erfolgreich und kompetent ins Leben zu entlassen. Dennoch trifft hier ein bekanntes Sprichwort leider besonders gut zu: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint! Bei der Rasenmäher-Erziehung bleibt die Selbständigkeit des Kindes nämlich massiv auf der Strecke. Außerdem wird die kindliche Eigenverantwortung untergraben, ebenso wie die Fähigkeit, eigene Ziele zu verfolgen. Indem Hindernisse stets aus dem Weg geräumt werden, wird das Kind zudem um die Möglichkeit gebracht, an Problemen zu wachsen. Auch die Erfahrung, aus eigenem Antrieb und eigener Kraft etwas erreichen zu können, fehlt häufig.7

 

Misserfolge versetzen Kinder von Rasenmäher-Eltern schlichtweg in Panik und führen dazu, dass vergleichsweise schnell mit vermeidendem Verhalten reagiert wird. Infolgedessen nimmt nicht nur die Motivation ab, auch Problemlösungskompetenzen bleiben auf der Strecke. Kindern, denen alles abgenommen wird, fällt es schwer, eigene Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus können Risiken kaum abgeschätzt, geschweige denn eingegangen werden. Häufig macht sich das Gefühl bemerkbar, Problemen alleine nicht gewachsen zu sein, was sich negativ auf den Selbstwert auswirkt. Bei Misserfolg und Grenzen von außen fällt es Kindern zudem schwer, ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten. Die Schuld wird dann häufig bei anderen gesucht. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass die Erwartungshaltung in den Familien mitunter recht hoch ist. Kinder mit Rasenmäher-Eltern sind demzufolge nicht selten hohem Druck ausgesetzt.8

 

Folgen einer Rasenmäher-Erziehung im Überblick:

 

  • Selbständigkeit leidet massiv
  • Eigenverantwortung bleibt auf der Strecke
  • Motivation, eigene Ziele zu verfolgen, schwindet
  • Erfahrung, selbst etwas erreichen zu können, fehlt
  • Risiken können nicht abgeschätzt werden
  • Gefühl, Problemen alleine nicht gewachsen zu sein, stellt sich ein
  • Problemlösungskompetenz wird kaum ausgebildet
  • Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen, kommt abhanden
  • Bei Grenzen und Misserfolg kommt es zu Gefühlen von Panik, Schuldzuweisungen und vermeidendem Verhalten
  • Eigene Entscheidungen können nur schwer getroffen werden
  • Erwartungshaltung der Eltern führt mitunter zu starkem Druck

 

Rasenmäher-Erziehung: Erziehung zur Unselbständigkeit

 

Rasenmäher-Eltern erziehen ihre Kinder zur Unselbständigkeit. Wenn man Kindern alles abnimmt, wirkt man einer positiven Entwicklung massiv entgegen. Dabei sind Kinder von Natur aus ausgesprochen motiviert und durchaus bereit, zu lernen und eigene Erfahrungen zu sammeln.9 Gibt man seinem Nachwuchs also Raum, sich auszuprobieren und zu entfalten – und das ganz ohne Kontrolle und permanentes Eingreifen – trägt das maßgeblich dazu bei, wesentliche soziale Fähigkeiten und Kompetenzen zu entwickeln. 

 

Was brauchen Kinder?

 

Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder genügend Raum, sich ausprobieren zu dürfen. Geduld sowie Vertrauen in sie und ihre Fähigkeiten, das ist es, was Eltern bereit sein müssen, zu geben. Dass ihnen tatsächlich etwas zugetraut wird, ist wesentlich für Kinder. Nur so entwickeln sie Kompetenzen und Selbstwert. Erfahrung darf durchaus auch mit Rückschlägen verbunden sein. Kinder profitieren davon, wenn sie spüren, dass Niederlagen kein Beinbruch sind. Im Gegenteil, jedes Scheitern birgt immer auch Chancen. Wenn Fehler nicht angstbesetzt sind, motivieren sie durchaus dazu, Lösungen zu finden und daran zu wachsen.10

 

Schafft man seinen Kindern Freiräume, bedeutet das immer auch, dass eigene Ängste und Bedenken ausgehalten und bearbeitet werden müssen. Zweifelsfrei kostet es einiges an Überwindung, das Kind den Schulweg oder den Schwimmbadbesuch mit Freunden alleine bewältigen zu lassen. Im Endeffekt profitieren davon aber beide – Kinder und Eltern!11

 

Tipps für die Praxis

 

Niemand ist davor gefeit, unbewusst ein wenig zum Helikopter-Elternteil zu werden. Wichtig ist allerdings, dass man dem entgegensteuert, sobald man es bemerkt. Hilfreiche Tipps für die Praxis haben wir auf Lager:

 

Freiraum für eigene Erfahrungen schaffen

 

Was es braucht, um Erfahrungen zu sammeln? Ein wenig Freiraum, der überhaupt erst Platz für Erfahrungen schafft! Ermöglichen Sie Ihrem Kind also unbedingt genügend Raum für eigene Erfahrung und das am besten ohne Ihre Anwesenheit. Ob es im Alleingang den Schulweg meistert, beim Bäcker Brot kauft, die Freundin aus der Nachbarschaft besucht oder an einer Freizeitfahrt teilnimmt – positive Entwicklung ist garantiert! 

 

Mithilfe einfordern und nicht alles abnehmen

 

Das Kind könnte sich sein Müsli selbst zubereiten, aber Mama geht das schneller von der Hand? Im Kinderzimmer sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen und Papa räumt auf? Indem man Kindern alles abnimmt, bringt man sie um die Erfahrung, selbst etwas zu schaffen. Zudem nagt es am kindlichen Selbstbewusstsein, wenn Eltern ständig eingreifen. Was da nämlich zwangsläufig mitschwingt, ist der unausgesprochene Satz: „Ich trau dir das nicht zu!“

 

Verantwortung übernehmen lassen

 

Verantwortung lernt man, indem man sie übernimmt. Greifen Sie in jene Bereiche ein, die eindeutig in der Verantwortlichkeit des Kindes liegen, bringen Sie es um wesentliche Lernerfahrung. So sollten Kinder ihre Hausaufgaben alleine erledigen. Auch das Lernen für Tests oder Klassenarbeiten braucht ein gewisses Maß an Eigenverantwortung. Bei Fragen oder Problemen dürfen Eltern selbstverantwortlich gerne helfend eingreifen.

 

Nicht mit Lob und Ermutigung geizen

 

Dem Kind Raum für eigene Erfahrungen geben, ihm etwas zutrauen und es ermutigen, wenn es unsicher ist, schafft eine gute Basis, um Ziele zu erreichen. Kleinere und größere Erfolge sollten dabei natürlich stets gelobt und auf diese Weise entsprechend gewürdigt werden.

 

Probleme und Konflikte selbst lösen lassen

 

Haben Kinder die Möglichkeit, Konflikte und Probleme selbst zu lösen, lernen sie dabei fürs Leben. Problemlösungskompetenz, Konfliktverhalten, Grenzsetzung oder Kompromissfähigkeit – all das kommt nicht von ungefähr. Intervenieren Sie also bei Streitigkeiten auf dem Spielplatz, oder wenn das Kind sein Referat nicht fristgerecht fertig hat, nicht vorschnell. Lassen Sie Ihren Nachwuchs stattdessen einfach machen!

 

Misserfolge als Teil des Lebens sehen

 

Sie möchten Ihr Kind vor Misserfolg und Rückschlägen schützen? Wieso das denn? Immerhin gehören diese zum Leben dazu. Sehen Sie Fehler also unbedingt als Chance für Ihr Kind, denn aus diesen kann es lernen. In weiterer Folge entwickelt es wichtige Kompetenzen und macht es das nächste Mal vermutlich besser!

Daniela Jarosz
Autor: Daniela Jarosz

Daniela Jarosz ist Sonder- und Heilpädagogin. Während des Studiums hat sie sich intensiv mit Inhalten aus Medizin und Psychologie auseinandergesetzt. Sie arbeitet seit vielen Jahren im psychosozialen Feld und fühlt sich außerdem in der freiberuflichen Tätigkeit als Autorin zuhause. Im redaktionellen Bereich hat sie sich auf die Fachrichtungen Medizin, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Work-Life-Balance sowie Kinder und Familie spezialisiert.

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