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Naturheilkunde im Mittelalter und heute

Kommentar schreiben Mittwoch, 09. Oktober 2019

Naturheilkunde ist ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Medizin. Sie sieht den Menschen in seiner Einheit von Körper, Seele und Geist und behandelt ihn ganzheitlich. Schulmedizinische Hardliner dagegen werten diesen Ansatz als mittelalterlich ab und verschreiben sich allein den (sich ständig widersprechenden) wissenschaftlichen Studien. Erfahren Sie mehr zur Naturheilkunde im Mittelalter und heute und, welche Methoden immer noch erfolgreich eingesetzt werden.

 

Welches Bild von Krankheit und Heilung herrschte im Mittelalter vor?

 

Es gab zwei Parteien: Im Zuge von Aberglauben und Inquisition wurde Krankheit als Strafe Gottes oder als Teufelswerk betrachtet. Auch Dämonen wurde die Schuld gegeben. Diagnostiziert wurde der Dämon z.B. im Urin. Ihm sollte mit den unterschiedlichsten Methoden der Garaus gemacht werden. Gegen jeden Dämon gab es ein Mittel: Zaubersprüche, welche z.B. einen Wurm als vermeintlichen Verursacher einer Krankheit an die Oberfläche brachten, ihn in einen Pfeil leiteten und ihn in den Wald zurück zur Heimstätte der Dämonen schossen.

Kräuter fanden Anwendung, auch zur Vorbeugung: So sollten Dämonen mit dem starken Geruch von Knoblauch, Dill und Baldrian oder durch Räuchern von Eisenkraut, schwarzem Holunder und Wacholder ferngehalten werden. Gottesdiener sagten den bösen Geistern mit Weihrauch den Kampf an. Bei Ärzten und in der Klostermedizin wurde u.a. nach der Vier-Säfte-Lehre1 behandelt. 

 

Was versteht man unter der Vier-Säfte-Lehre?

 

Die Vier-Säfte-Lehre oder Humoralpathologie wurde in der Antike von den griechischen Ärzten Hippokrates und Galenos entwickelt. Sie gingen davon aus, dass der Stoffwechsel des Menschen von den vier Säften Blut, Schleim (Phlegma), gelbe Galle (Cholera) und schwarze Galle (Melancholie) beherrscht wurde. Die Gesundheit hängt von dem Gleichgewicht der Säfte bzw. der ihnen entsprechenden Qualitäten Kälte, Wärme, Feuchtigkeit und Trockenheit ab.

 

Der Ansatz, dass Gesundheit von dem Gleichgewicht der Gegensätze abhängt, ist auch aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (Ausgleich von Yin und Yang) und dem indischen Ayurveda (Ausgleich der Doshas Vata, Pitta, Kapha) bekannt. Als Ursachen für ein Ungleichgewicht gelten auch in der Vier-Säfte-Lehre eine ungesunde Lebensführung, z.B. schlechte Ernährung, Vergiftungen durch das Mutterkorn im Getreide, aber auch das Klima bei zu feuchter Luft oder zu hoher und zu niedriger Temperatur.2

 

Die Vier-Säfte-Lehre wurde im Mittelalter in der Klostermedizin übernommen. Die vier Säfte sind auch Basis des Gemütszustands: Wer zu viel gelbe Galle hat, ist ein Choleriker, bei zu viel schwarzer Galle ist er melancholisch. Zu viel Schleim bedeutet, ein träger Phlegmatiker zu sein, und zu viel Blut verweist auf einen energiegeladenen Sanguiniker. Zum Ausgleich und zur Entgiftung wurde zur Ader gelassen, purgiert, d.h. abgeführt mit Knoblauch, Sellerie, Wermut, Aloe und Ingwer sowie Erbrechen hervorgerufen mit der Brechwurz. Es wurden Diäten verordnet und der ganze Körper und Mensch beachtet, nicht nur eine krankhafte Körperregion.3

 

Von 980 bis 1037 lebte der persische Arzt Avicenna zu der Zeit, in der man den fiktiven „Medicus“ ansiedelt. Er beschäftigte sich neben Medizin mit Alchemie, Astronomie, Mathematik, Physik und Philosophie. Der Universalwissenschaftler schuf das Grundlagenwerk Qanun at-Tibb, den Kanon der Medizin, in dem er das medizinische Wissen von Persien, dem alten Rom und Griechenland vereinte. Er erkannte, dass es Ansteckung und Klima waren, die Krankheiten verbreiten. Er hinterließ eine Sammlung an Rezepten für Medikamente, wies die Chirurgen an, Geschwüre früh genug zu entfernen, und erkannte schon den Zusammenhang zwischen Psyche und körperlicher Krankheit. Sein Werk zählte bis zur Neuzeit zu den wichtigsten Lehrbüchern der Medizin.1

 

Welche Krankheiten prägten das Mittelalter?

 

Am bekanntesten ist die Pest. Als Ursachen des schwarzen Todes wurden giftige Dünste und schlechte Sternenkonstellationen vermutet. Noch einfacher war es, die tödliche Krankheit Ausländern, Sinti und Roma und vor allem den Juden in die Schuhe zu schieben. Sie wurden als Brunnenvergifter verleumdet. Heute weiß man, dass es das Bakterium Yersinia pestis ist, welches die Krankheit auslöst.

 

Übertragen wird es durch Flöhe, die es von Ratten aufgenommen haben. Auch Pocken-Epidemien wüteten im Mittelalter. Lepra ist eine weitere häufige Erkrankung im Mittelalter, die es auch heute noch gibt. Lepra wurde durch die Kreuzzüge eingeschleppt. Die Erkrankten wurden wie Aussätzige behandelt. Syphilis befällt zuerst Schleimhaut und Lymphknoten, im späteren Stadium Haut, Organe und das Nervensystem. Weitere häufige Erkrankungen im Mittelalter sind Typhus, Ruhr, Milzbrand und Malaria.4

 

Wie wurde das Heilwissen überliefert?

 

Das medizinische Wissen aus Klöstern wurden schriftlich auf Lateinisch überliefert und war nur dem Sprachkundigen zugänglich. Ansonsten wurden die Kenntnisse mündlich weitergegeben.

 

Welche Rolle spielte Hildegard von Bingen?

 

Hildegard von Bingen wurde 1098 geboren und kam schon als Kind ins Kloster. Mit 35 Jahren wurde sie leitende Äbtissin und gründete später selbst ein Kloster.5 Ihr medizinisches Wissen fasste die emanzipierte Kräuterkundige und Wissenschaftlerin in ihrem Buch Causae et curae zusammen.3 Hildegard von Bingen erkannte schon den Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Sinnen. Als Theologin war ihr das Heil der Seele im Gesundungsprozess ein wichtiges Anliegen.

 

Der Weg zur Heilung lag bei ihr in einer gesunden Ernährung, Fasten, einer religiösen Lebensführung und der Wahrnehmung göttlicher Naturgesetze. Die Visionärin erforschte und vermittelte die Heilkräfte von Pflanzen und Edelsteinen. Wissen erhielt sie auch durch göttliche Eingebung. Ihr medizinisches Wissen ist auch heute noch in ihren Schriften (Büchern) nachzulesen, die von dem Arzt Dr. med. Gottfried Hertzka vom Lateinischen ins Deutsche übertragen wurden (So heilt Gott, Die große Hildegard-Apotheke).

 

Welche Mittel der Naturheilkunde werden heute noch angewendet?

 

Die heutige Pflanzenheilkunde hat ihren Ursprung in der Klostermedizin. Sie wurde durch weitere Heilpflanzen erweitert und in ihrer Wirkung durch Studien bestätigt. Dass Ausgeglichenheit zwischen den Polen die Gesundheit fördert, ist gemeinhin anerkannt und mit modernen Begriffen wie Work-Life-Balance besetzt worden. Fasten und Entgiftungskuren mit Heilpflanzen für Leber und Nieren werden auch heute durchgeführt. Der Aderlass, der im Mittelalter als Allheilmittel von den Ärzten und Heilern überstrapaziert wurde, hat heute nur noch ein kleines Anwendungsgebiet.

 

Eine Neuauflage der Vier-Säfte-Lehre ist die Traditionelle Europäische Medizin. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die individuelle Konstitution des Menschen zu stärken, Dysbalancen zu regulieren und Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Dazu nutzt sie Methoden wie Klostermedizin, Heilpflanzen nach der Signaturenlehre, Wasseranwendungen, Aderlass, Schröpfen und Spezialmassagen. Wie schon in den alten Überlieferungen angeführt, betrachtet sie den Menschen als Ganzes und in der Verbindung zu seinen Lebensumständen, der Umwelt, dem Klima, den Jahreszeiten und der Lebensphase und richtet ihre Behandlungen daran aus.6

 

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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