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Wie Soziale Medien das Selbstbild Jugendlicher beeinflussen

Kommentar schreiben Aktualisiert am 28. April 2020

Internet und Soziale Medien haben die Kommunikationskultur Jugendlicher nachhaltig verändert. Der Raum, in dem sich junge Leute darstellen, ausprobieren und austauschen, ist heutzutage grenzenlos. Das wird entsprechend genutzt und bringt zwangsläufig Vor- und Nachteile mit sich. Soziale Netzwerke wie Instagram, TikTok, Snapchat oder YouTube faszinieren und boomen gleichermaßen.

 

Der folgende Artikel beschäftigt sich mit dem Einfluss sozialer Medien auf das Selbstbild Jugendlicher. Im Vorfeld wird ein entsprechender Wandel skizziert sowie die Faszination sozialer Netzwerke in den Blick genommen. Hauptaugenmerk liegt auf einer kritischen Auseinandersetzung mit der Frage, ob Social Media dem Selbstbild Jugendlicher schadet. Abschließend wird auf die Rolle von Eltern und Pädagogen eingegangen. Praktische Tipps dürfen hier nicht fehlen.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Internet und Social Media: Das soziale Umfeld Jugendlicher im Wandel

 

Die heutige Generation Kinder und Jugendlicher ist die erste, die mit virtuellen Welten und sozialen Medien aufwächst. Für sie sind diese nichts Neues, sind sie doch stets dagewesen.

 

Anhand unserer digitalen Kommunikationskultur zeigt sich ein gesellschaftlicher Wandel, der längst vollzogen ist: Geschah Interaktion zwischen Jugendlichen früher vorwiegend analog im kleinen Kreis (Schulkollegen, Vereinskollegen, Freunde,...), sind Umfeld und Möglichkeiten durch neue Medien und soziale Netzwerke heute stark erweitert.1

 

War damals die Peer-Group entsprechend eng gefasst und fanden Ausprobieren und Vergleiche in kleinem Rahmen statt, steht heutigen Jugendlichen dafür nicht nur sprichwörtlich die ganze Welt offen. Dass das für Verunsicherung sorgen kann, ist nicht von der Hand zu weisen.2

 

Der Raum, in dem Jugendliche sich ausprobieren und vergleichen, ist mittlerweile grenzenlos. Das transportiert allerdings auch eine Vielzahl von Realitäten, Werten sowie Rollenbildern. Individuelle Persönlichkeit und Selbstbild werden folgend zwangsläufig auch in Interaktion mit digitalen Welten ausgebildet. Doch nicht selten sind vermeintliche Realitäten gut getarnte Scheinrealitäten – Risiken sind dann häufig vorprogrammiert.3

 

Was fasziniert Jugendliche an Sozialen Netzwerken?

 

Soziale Netzwerke wie TikTok oder Snapchat faszinieren junge Leute, das steht außer Frage. Sie sind ein Ort, an dem sich die Jugend darstellen und ausprobieren kann – und das fernab vom Einfluss Erwachsener. Es geht darum, Rückmeldung zu bekommen und auf diese Weise Anerkennung zu erfahren – nicht unwichtig für das Selbstbewusstsein junger Menschen. Insofern sind virtuelle Welten für Jugendliche durchaus identitätsstiftend und tragen wesentlich zur Entwicklung des Selbstbildes bei.4

 

Internet und Social Media schaffen Raum weitab von örtlichen Gegebenheiten. Interaktion und Austausch sind durch das Medium Internet über die Grenzen hinaus möglich. Eine Vielzahl von Möglichkeiten tut sich da auf – ganz unabhängig von lokalen Bedingungen. Für Jugendliche, die sich in ihrer direkten Umgebung fehl am Platz fühlen, ist das durchaus ein Segen.5

 

Nicht zuletzt schaffen soziale Netzwerke natürlich ein Gefühl von Gemeinschaft. Hier vernetzen sich junge Leute mit ihrer Peer-Group, generieren nicht nur „Likes“, sondern auch ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl. Gerade in diesem Alter ist das besonders wichtig und stärkt den Selbstwert.6

 

Jugendliche im Internet - von Selbstdarstellung und Selbstbild

 

Soziale Netzwerke dürfen (und sollen!) reflektiert und kritisch betrachtet werden. Man sollte aber tunlichst davon absehen, sie gänzlich zu verteufeln. Gerade für die junge Generation schaffen sie nämlich Raum für all jenes, das so wichtig ist, um ein gesundes Selbstbild zu entwickeln – Experimentieren, Auseinandersetzung, Kommunikation und Austausch mit anderen, vor allem der Peer Group.7

 

Dass es im Jugendalter stark um Selbstdarstellung geht ist im Prinzip nichts Neues. Lediglich die Bühne hat sich sichtlich verändert. Junge Leute probieren sich im Internet aus. Sie nutzen Soziale Medien zur Entwicklung ihres Selbstbildes. Damit dieses stimmig ausfällt und kein Schaden entsteht, ist ein kritischer, verantwortungsvoller Umgang mit virtuellen Welten wesentlich. Von klein auf muss ein solcher gefördert werden, Eltern und Pädagogen stehen hier ganz besonders in der Verantwortung.8

 

Insofern darf behauptet werden, dass Soziale Medien für Jugendliche Alltag sind. Ohne diese schließen sie sich aus, landen zwangsläufig im Abseits. Auch Selbstdarstellung im Internet darf grundsätzlich als normal angenommen werden. Objektiv betrachtet ist sie weder per se positiv, noch negativ. Sie ist stets, was man daraus macht!9

 

So kann Selbstdarstellung in sozialen Medien die Entwicklung des Selbstbildes durchaus positiv fördern. Jugendliche probieren sich und ihre Wirkung im Netz aus, erhalten entsprechende Rückmeldung. Das kommt der Identitätsbildung durchaus entgegen. Problematisch wird es allerdings dort, wo Realitäten verzerrt werden. Scheinwelten und gespielter Perfektionismus können der Entwicklung eines stimmigen Selbstbildes schaden. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Nutzung sozialer Medien immer auch ein Drahtseilakt, der ein gewisses Selbstbewusstsein sowie kritische Auseinandersetzung braucht.10

 

Soziale Medien: Perfektion, Druck und Selbstzweifel

 

Fanden Vergleiche früher in kleinerem Rahmen statt, können sich Jugendliche heute auf Knopfdruck mit der ganzen Welt messen. Dort finden sich vermeintliche Ideale und realitätsferne Vorbilder zuhauf. Perfektion wird nicht nur großgeschrieben, junge Menschen verlangen sich diese auch selbst ab. Das schürt Selbstzweifel und ist mitunter mit enormem Druck verbunden. Das eigene Selbstbild kann auf diese Weise leicht negativ beeinflusst werden, das Selbstbewusstsein leidet.11

 

Ideale, die den Jungen und Mädchen im Internet begegnen, werden mittlerweile nicht mehr nur von großen Stars wie Schauspielern oder Musikern geprägt. Immer mehr Einfluss kommt in diesem Zusammenhang den „kleinen“ Stars sozialer Medien – sogenannten Influencern zu. Sie geben sich betont nahbar, treten als „Menschen wie du und ich“ auf, was Vergleiche auf eine ganz neue Ebene hebt. Hinter den Kulissen geht es hier natürlich um Marketing. Um das zu erkennen, müssen es Jugendliche allerdings schaffen, hinter solche Kulissen zu blicken.

 

Ein Mädchen sieht in einen zerbrochenen SpiegelNicht nur perfektes Aussehen als solches steht in der Welt der Influencer im Zentrum, auch über vielseitige Talente verfügen die Social Media-Stars. Ob Musik, Mode und Lifestyle, Sport oder Handarbeit – es gibt nichts, worin sie nicht gut sind. So vermitteln sie (Rollen-)Bilder, die jedoch nicht zwingend der Wirklichkeit entsprechen müssen – immerhin macht Photoshop vieles möglich! Dennoch messen sich Jugendliche an genau solchen schlanken, schönen und sportlichen Idealen. Dabei ziehen sie zwangsläufig den Kürzeren, was sich negativ auf Selbstbild und Selbstwert auswirken kann.12

 

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Druck auf die Jugend durchaus gewachsen ist. Nicht nur muss sie perfekt aussehen, sie muss auch mit besonderem Lifestyle und Talenten überzeugen. Ständige Beschäftigung mit sich selbst und damit verbundene Selbstkritik können leicht Überhand nehmen. Das kann Selbstzweifel schüren und wirkt sich mitunter negativ auf Selbstbild, Selbstbewusstsein und der Beziehung zum eigenen Körper aus.13

 

Unüberlegte Mediennutzung birgt Gefahren

 

Die Gefahr unkritischer Mediennutzung liegt auf der Hand: Generell kann die Vermittlung falscher Ideale und Werte (Körperideale, Schönheitsideale, Rollenbilder, ...) in sozialen Medien dazu beitragen, dass ein negatives Selbstbild entsteht. Auch die Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein sind mitunter drastisch. Gerade die Zeit der Pubertät ist zudem eine, in der man in höherem Maße unsicher und selbstkritisch ist.

 

Doch auch darüber hinaus birgt Mediennutzung Gefahren, nämlich in Bezug auf private Daten und Inhalte. Jugendliche grenzen sich zwar recht deutlich gegenüber Erwachsenen ab, sind in der Peer-Group aber häufig recht offen. So bleibt in sozialen Netzwerken Privates – wie etwa Daten zur eigenen Person oder sehr offenherzige Bilder – durchaus nicht immer privat. Gerade wenn man dazu neigt, sich mit eigentlich Fremden zu vernetzen, erhöht das das Risiko für Datenmissbrauch, Stalking oder auch Cyber-Mobbing.14

 

Schadet Social Media dem Selbstbild Jugendlicher?

 

Neue Medien sind weder „gut“, noch „schlecht“. Es kommt stets darauf an, was man selbst daraus macht, welche Ressourcen (Selbstbewusstsein, Hintergrundwissen) man mitbringt. Dass mediale Welten immer auch Scheinwirklichkeiten transportieren, ist Tatsache. Wichtig ist es, kritisch zu bleiben, zu hinterfragen und reflektiert mit Social Media umzugehen. Andernfalls kann es tatsächlich zu negativen Auswirkungen auf den Selbstwert kommen.

 

Ein positives Selbst- und Körperbild ist für die psychische und physische Gesundheit Jugendlicher wesentlich. Dementsprechend kann ein negatives Selbstbild weitreichende Folgen haben. Essstörungen, übertriebener Körperkult, Fitnesswahn, selbstverletzendes Verhalten, Ängste, Depression oder Suizidalität – um nur einige zu nennen.15

 

Zur Rolle von Eltern und Pädagogen

 

Damit Jugendliche entsprechend kritisch mit sozialen Medien umgehen können, braucht es Vorbildwirkung, Aufklärung und klare Vorgaben. Eltern sollten den Internetkonsum ihrer Kinder aufmerksam im Blick behalten, ihnen aber dennoch den nötigen Freiraum lassen – nicht immer ein leichtes Unterfangen.16

 

Wesentlich ist, dass Eltern und Pädagogen Interesse am (virtuellen) Leben des Kindes zeigen. Zudem sollten bestimmte Regeln bei der Nutzung sozialer Medien selbstverständlich sein. Je jünger der Jugendliche, desto wichtiger! Das betrifft etwa Ausmaß von Online-Zeiten, Vereinbarungen zum Abschluss von Mitgliedschaften in sozialen Netzwerken oder Privatsphäre-Einstellungen.17

 

Die Relevanz entsprechender Aufklärung darf nicht unterschätzt werden. Um Dinge reflektieren und hinterfragen zu können, benötigt es Wissen. Dieses vermitteln Eltern und Pädagogen am besten im direkten Gespräch. Besonders Körper- und Schönheitsideale (gerade auch in Zusammenhang mit Bildbearbeitung) gilt es zu thematisieren.18

 

Praktische Tipps im Überblick

 

Zum Abschluss haben wir noch einige praktische Tipps auf Lager:

 

Kritisches Denken fördern

 

Kritisches Denken fördert man am besten durch möglichst viel Information. So sollten Jugendliche entsprechend über Körperbilder, Geschlechtsstereotype, verzerrte Realitäten (Bildbearbeitung etc.) und ähnliches Bescheid wissen. Nur auf diese Weise können Medieninhalte auch tatsächlich hinterfragt werden. Wesentlich ist außerdem eine Aufklärung über Datenschutz und -sicherheit. Viele Jugendliche sind sich gar nicht richtig darüber bewusst, dass einmal geteilte Inhalte in der Regel unwiderruflich im Netz bleiben.19

 

Authentizität wahren

 

Gerade im Hinblick auf das Selbstbild ist Authentizität besonders wichtig. Sich selbst zu inszenieren, bedeutet eben auch tatsächlich sich SELBST zu inszenieren. So darf gerne gemeinsam überlegt werden, was denn das Kind ausmacht. Manchmal hilft es, auch einmal in die beobachtende Rolle zu schlüpfen. Wie würde der Jugendliche sein Profil sehen und bewerten, wäre es nicht sein eigenes? Wirkt es denn stimmig?20

 

Selbstbewusstsein stärken

 

Sich immer wieder auf seine Stärken zu besinnen („Was macht dich aus?“ „Worin bist du gut?“), aber auch Schwächen zu akzeptieren, stärkt das Selbstbewusstsein. Jugendliche dürfen und müssen sich vergleichen. Das sollte aber im direkten Umfeld passieren, nicht im Rahmen von Scheinrealitäten.21

 

Bei Bedarf Unterstützung und Hilfe in Anspruch nehmen

 

Nicht alle Erwachsene sind technikaffin. Manchen fehlt auch schlicht das Interesse für Soziale Medien und Co. Darüber hinaus gibt es Situationen – etwa Datenmissbrauch, Stalking oder Cyber-Mobbing – die Eltern und Pädagogen überfordern können. In solchen Fällen ist es ratsam, Hilfe von außen anzunehmen.

 

Nicht zuletzt können professionelle Unterstützungsangebote auch dabei helfen, Informationen zu erhalten oder offene Fragen zu klären. So sind etwa die Initiativen Klicksafe oder Saferinternet empfehlenswerte Anlaufstellen.

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Daniela Jarosz
Autor: Daniela Jarosz

Daniela Jarosz ist Sonder- und Heilpädagogin. Während des Studiums hat sie sich intensiv mit Inhalten aus Medizin und Psychologie auseinandergesetzt. Sie arbeitet seit vielen Jahren im psychosozialen Feld und fühlt sich außerdem in der freiberuflichen Tätigkeit als Autorin zuhause. Im redaktionellen Bereich hat sie sich auf die Fachrichtungen Medizin, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Work-Life-Balance sowie Kinder und Familie spezialisiert.

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