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Internet- und Smartphonesucht: Wenn Facebook und Co. zur Droge wird

Kommentar schreiben Donnerstag, 31. März 2016

Immer online, immer erreichbar. Ein Tag ohne Internet ist für die meisten undenkbar. Jugendliche verbringen im Schnitt 3 Stunden am Tag mit WhatsApp, Facebook und Online-Spielen. Alle 10 Minuten geht der Blick auf das Display. Nimmt die Batterieleistung ab, wird ganz nervös nach einer Möglichkeit zum Aufladen gesucht. Auf keinen Fall will man von der digitalen Welt abgeschnitten sein. Ist das noch gesund und normal? Wann wird aus Surfen eine Sucht? Was sind die Anzeichen? Was kann man tun? Worauf müssen Eltern achten?

Was ist Internetsucht?

Von Internet- oder Onlinesucht spricht man, wenn das Internet zwanghaft und gesundheitsgefährdend genutzt wird. Der Süchtige hat die Kontrolle über sein Nutzungsverhalten verloren, isoliert sich zunehmend und vernachlässigt seine sozialen Kontakte. Die Meinungen der Experten gehen auseinander, ob es sich um eine Sucht, Zwangsstörung oder Störung der Impulskontrolle handelt. Aufgrund dieser Uneinigkeit ist das Phänomen noch nicht als Krankheit definiert und anerkannt. Folge ist, dass die Krankenkassen die Kosten der Behandlung nicht übernehmen.

Internetsucht in Deutschland

Insgesamt soll es in Deutschland mehr als eine halbe Million Internetsüchtige geben. Der Anteil unter den Jugendlichen ist erwartungsgemäß hoch. Nach einer europaweiten Studie mit 13300 14-17-Jährigen sollen 2011 1,2 % internetsüchtig und 13 % gefährdet sein. Nach einer neuen Studie 2015 waren schon 3,4 % onlinesüchtig. Das weibliche Geschlecht chattet und recherchiert am liebsten und kauft ein. Jungs und Männer verlieren sich vor allem in Online-Spielen.

Wie viel online ist noch normal?

So lange es neben dem digitalen auch noch ein funktionierendes „analoges Leben“ gibt, braucht man sich keine Gedanken zu machen. Es ist durchaus möglich, dass ein Teenager echte Freunde hat und die Schule mit Erfolg oder zumindest regelmäßig besucht. Wenn er dann noch 500 Freunde auf Facebook hat, täglich eine Stunde mit WhatsApp beschäftigt ist und jede Kleinigkeit im Netz nachschaut, kostet ihn das zwar viel Zeit, aber er steht noch mit beiden Beinen im Leben. Es ist heute einfach die Art der Kommunikation und unerlässlich, um dazu zu gehören. Telefoniert wird nur noch ca. 10 Minuten täglich. Was auf jeden Fall passiert, ist eine Fragmentierung des Tages. Sich eine Stunde hinzusetzen und zu lernen, geht nicht mehr, wenn alle 10 Minuten das Smartphone gecheckt und etwas mit ihm getan werden muss.

Was sind Anzeichen für eine Sucht?

Wenn die Wegnahme des Smartphones zu Stress, Aggression, Wut und Frustration führt, kann von Entzugserscheinungen gesprochen werden. Wie bei jeder Sucht verharmlost der Nutzer seinen unkontrollierbaren Drang zum Surfen, Chatten und Spielen vor sich selbst und anderen. In Wirklichkeit bestimmt das Internet seinen Tagesablauf. Kids und Erwachsene sitzen bis spät nachts vor dem Monitor oder Display, kommen morgens nicht aus dem Bett, versäumen Schule und Job. Die Fixierung auf die digitale Welt lässt das reale Leben immer mehr in den Hintergrund treten und verblassen. Wahrscheinlich war es vorher schon blass. Digitale Kontaktaufnahme und Kommunikation ist einfacher als im wirklichen Leben. Konfrontationen kann man aus dem Weg gehen. Menschen werden einfach aus der Kontaktliste gelöscht, blockiert und freigegeben, wie es gerade beliebt. Oder man ist im realen Leben vielleicht kein Held, und holt sich Anerkennung und Erfolg beim Online-Spiel. Spannende Games mit Sieg, schnelle Erreichbarkeit und positives Feedback bei Kontakten führen zur Ausschüttung von Glückshormonen. Das wirkliche Leben vielleicht weniger. Bei der Onlinesucht werden Beziehung, Freunde, Schule und Job, chronisch vernachlässigt. Essen und Körperhygiene auch. Erstes Zeichen ist auf jeden Fall die Überreaktion auf den Entzug des Suchtmittels, die Unmöglichkeit eines digitalfreien Abends oder gar Sonntags. Als exzessiv gilt die Nutzung des Internets von über 6 Stunden am Tag. Ein Zeichen der Sucht sind 12 Stunden täglich über einen längeren Zeitraum.

Wer ist besonders gefährdet?

Vor allem sozial unsichere Menschen tendieren zum suchtartigen Eintauchen in die digitale Welt. Das gilt besonders für Kinder und Jugendliche. Unterstützt der moderate Umgang mit sozialen Netzwerken noch die Bindung zu Freunden, trägt die exzessive Nutzung zur Entfremdung vom Umfeld bei. Die Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit wird noch mehr geschwächt. Ein anderer Ansatz besagt, dass Internetsucht Folge von schon vorhandenen Grundkrankheiten wie Depressionen und Angststörungen ist.

Wie sieht die Therapie aus?

Wird von einer anderen Grundkrankheit ausgegangen, wird sie behandelt und auch von der Krankenkasse bezahlt. Dasselbe gilt für die Diagnose „abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“, die ersatzweise herangezogen wird. Spezielle Therapien gibt es z.B. in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hannover. Die Kids werden 2-3 Monate auf kalten Entzug gesetzt. Kein Handy, Tablet, PC. Nichts. Sie werden wieder an Sport und Musizieren herangeführt, kochen in der Gruppe. Der erste Kontakt findet in der Klinikschule statt, um zu lernen, Bewerbungen zu schreiben. Das Smartphone gibt es wieder nach 3 Monaten, wenn sie nach Hause gehen. Viele gehen aber auch direkt in eine Einrichtung, in der sie weiterhin unterstützt werden. Anlaufstellen und gezielte Therapie gibt es noch viel zu wenige. Was sich als hilfreich erwiesen hat, sind Selbsthilfegruppen.

Worauf müssen Eltern achten?

Erstens sollten sie selbst ein gutes Vorbild sein. Wird ihr eigener Alltag vom ständigen erreichbar und online sein geprägt, ist es schwierig, ihren Kindern das Gegenteil zu verordnen. Zuhause sollte es handyfreie Zeiten geben, kein Handy beim Essen, feste Regelungen. Pädagogisch empfohlen werden Handys für Kinder ab 9 Jahren. Die Reife, um die Gefahren des Internets zu verstehen, haben Kinder ab 12. In dem Alter sollte höchstens 60 Minuten ohne Unterbrechung das Netz genutzt werden. Wichtig ist die Aufklärung über Sicherheit im Internet, den Schutz persönlicher Daten. Eine monatliche Kostenbegrenzung versteht sich von selbst. Um einen Grund zu verhindern, pausenlos aufs Smartphone zu schauen, nämlich die Uhrzeit zu checken, empfiehlt sich eine Armbanduhr. Ein Wecker am Morgen, statt sich vom Handy wecken zu lassen, verhindert den Blick aufs Display und die erste Surf-Runde gleich nach dem Aufwachen.

Offtime – die App zur Selbstkontrolle

Um zu prüfen, wie viel das Smartphone genutzt wird, zur Selbstkontrolle oder der Kontrolle der Kinder, gibt es die App Offtime. Sie zeigt z.B. an, wie oft das Handy am Tag entsperrt wurde, wie viele Minuten pro Aktivierung die Nutzung dauerte und wie viele Stunden am Tag mit dem Smartphone verbracht wurden.

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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