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Schlafwandeln: Wach ohne Bewusstsein

Kommentar schreiben Freitag, 19. Februar 2016

Während sich die einen im Bett räkeln und schlafen, gehen andere auf nächtliche Wanderschaft. Das Schlafwandeln ist eine mysteriöse und doch recht verbreitete Schlafstörung. Vor allem Kinder vor der Pubertät sind betroffen, doch auch Erwachsene hält es nicht immer im Bett. Doch warum wachen manche Menschen nachts unbewusst auf und wandeln durch die Gegend? Wir erklären, was beim Schlafwandeln passiert und wie sich Angehörige oder Partner des Nachts am besten verhalten. 

In Filmen oder Comics haben sie ihre Augen geschlossen und bewegen sich wie ferngesteuert und mit ausgestreckten Armen vorwärts. Dabei balancieren sie gerne einmal auf Dächern oder steigen in den Wagen und fahren los. Viel hat diese Vorstellung mit dem tatsächlichen Schlafwandeln nicht zu tun. Doch eines stimmt: Der Schlafwandler findet meist seinen Weg zurück ins Bett und kann sich am nächsten Tag nicht an seinen nächtlichen Ausflug erinnern.

Das Schlafwandeln (Somnambulie) ist eine Störung des Aufwach-Machanismuses und gehört zu den Parasomnien. Das sind ungewöhnliche Ereignisse, die sich während  des Schlafes oder im Übergang zwischen Schlaf und Wachsein ereignen. Das Schlafwandeln umfasst sowohl einfache Handlungen wie das Aufsetzen im Bett oder das desorientierte Umherschauen im Schlafzimmer, wie auch komplexe Handlungen wie das Wandern durch die Wohnung, das Zubereiten einer Mahlzeit oder auch das Verlassen des Hauses.

Schlafwandeln: Das Gehirn erwacht nicht komplett

Das Schlafwandeln findet immer während der Tiefschlafphase statt und kommt daher meist im ersten Drittel der Nacht vor. Ursache ist eine Art Schaltfehler im Gehirn. Im Übergang zwischen dem Tiefschlaf und einem leichteren Schlaf kommt es zum teilweisen Erwachen bestimmter Gehirnregionen, während andere noch weiter schlafen. Das teilweise Erwachen wird dabei von gewissen Triggern (Auslösern) verursacht. Das können ein Geräusch, die Auswirkungen eines Infekts, Schlafmangel, die Einnahme bestimmter Medikamente oder abendlicher Alkoholkonsum sein.

Bei Kindern ist die Ursache für einen nächtlichen Spaziergang vermutlich das noch nicht fertig ausgereifte Nervensystem. Durch Fehlkopplungen kommt es zum teilweisen Erwachen. Deshalb sind vor allem Kinder vom Schlafwandeln betroffen. Etwa jedes dritte Kind erfährt einmal eine somnambule Aktivität. Mit der Pubertät „verwächst“ sich diese Störung meistens. Schlafwandeln bei Kindern ist in der Regel absolut ungefährlich und bedarf keiner Behandlung. Tritt die Somnambulie allerdings erstmals im Erwachsenenalter auf, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Ein psychisches, aber auch ein physisches Leiden kann Schlafwandeln verursachen.

Halbes Hirn funktionsfähig

Löst ein Trigger den teilweisen Weck-Vorgang aus, kann der Schlafwandler viele verschiedene Dinge tun. Da das Hirnareal für Muskelbewegung aktiviert ist, sind seine Augen geöffnet und der Körper ist quasi funktionstüchtig. Der Schlafwandler kann sich aufsetzen, aufstehen und ganze Spaziergänge unternehmen, ohne dabei aktiv bei Bewusstsein zu sein. Vor allem Alltagshandlungen werden wie gewohnt ausgeführt. Da sich der Bereich im Gehirn, der für Erinnerung und Wahrnehmung verantwortlich ist noch im Tiefschlaf befindet, kann sich der Betroffene nicht mehr an die nächtlichen Abenteuer erinnern.

Dabei bringen sich Schlafwandler immer wieder selbst in Gefahr. Die Motorik ist eingeschränkt. Eine umgeschlagene Teppichecke, eine Stufe oder Gegenstände auf dem Boden können zu gefährlichen Stolperfallen werden. Der Schlafwandler ist zwar in der Lage seine Umgebung zu erkennen, kann aber nicht wirklich darauf reagieren.

Schlafwandeln = Mondsüchtigkeit? Mythos!

Es wird angenommen, dass sich der Schlafwandler an einer Lichtquelle orientiert und darauf zugeht. Früher war nachts der Mond die einzige Beleuchtung. Deshalb ging man lange davon aus, dass Somnambulen „mondsüchtig“ seien. Dabei handelt es sich allerdings um einen Mythos. Durch die Dunkelheit kann der Schlafwandler nicht viel wahrnehmen und orientiert sich an jedem Licht, das auf seinem Weg liegt. Das kann ein Nachtlicht im Schlafzimmer, die Lichtanlage im Treppenhaus oder auch Leuchtreklame sein.

Die somnambule Phase dauert meist wenige Sekunden oder Minuten an. In den wenigsten Fällen erstreckt sich die halb wache Phase über eine halbe Stunde oder länger. Nach dem kurzen Ausflug, findet der Schlafwandler seinen Weg wieder zurück ins Bett oder sucht sich einen anderen Schlafplatz. So geht er eventuell ganz normal zu Bett und wacht zusammengerollt auf dem Teppich im Wohnzimmer wieder auf. Die Erinnerung an den Spaziergang fehlt.

Ausgelebte Träume? Mythos!

Auch der Spruch: „Er träumt eben und lebt seine Träume aus“ ist ein Mythos. Während der Tiefschlafphase träumen wir nicht. Traumbilder entstehen in der wesentlich aktiveren REM-Phase. Hier sind wir allerdings wie gelähmt, da wir sonst unentwegt ausschlagen würden. Ein Aufstehen ist in dieser Schlafphase also ausgeschlossen.

Schlafwandeln als Anzeichen für Krankheit

Bei Erwachsenen sollte das Schlafwandeln als ernsthaftes Symptom behandelt und von einem Arzt abgeklärt werden. Denn häufig handelt es sich gar nicht um Somnambulie sondern um einen nächtlichen epileptischen Anfall, der sich auf diese Weise äußert. Mittels genauer Anamnese und verschiedenen klinischen Untersuchungen, kann der Arzt eine Diagnose stellen. Hierzu kann auch eine nächtliche Überwachung in einem Schlaflabor helfen. Dabei werden nachts die Hirnströme überwacht und aufgezeichnet.

Durch diese Überwachung wurde klar: Nicht nur wer sich aufsetzt oder aufsteht ist Schlafwandler. Auch bei scheinbar noch schlafenden Personen konnte eine Veränderung der Hirnströme festgestellt werden, die sonst nur während der Phase der Somnambulie vorkommt.

Den Schlafwandler nicht wecken? Richtig!

Oft hört man, man solle einen schlafwandelnden Menschen keinesfalls aufwecken. Das ist wahr. Denn der Schlafwandler wäre desorientiert, verwirrt oder würde sich gar erschrecken. Gerade wenn er sich in einer bedrohlichen Situation wie an einem offenen Fenster oder vor einer Treppe befindet, könnte das zu einem Unglück führen. Deshalb gilt: Den Schlafwandler ruhig ansprechen und wenn nötig sachte zurück ins Bett geleiten.

Schlafwandler können oft ganze Gespräche führen, fallen aber durch ein merkwürdiges Verhalten auf. Sie haben oft einen starren Gesichtsausdruck und bewegen sich etwas unkoordiniert. Sie sollten es vermeiden den Betroffenen zu erschrecken und auch auf eventuell aggressive Reaktionen vorbereitet sein. Dies ist zwar selten, kann aber vorkommen. Viele Schlafwandler essen während der somnambulen Phase. Sie verzehren dabei unter Umständen Schokolade mitsamt Papier, Nudeln ohne sie zu kochen oder verdrecktes Obst und Gemüse. Wer sich etwas zu Essen auf den Nachttisch legt, verhindert so vielleicht den nächsten Spaziergang und vespert stattdessen während der heiklen Phase im Bett.

Therapie: Grundproblem beheben und Entspannungsübung

Einen erholsamen Schlaf erlangt man zurück, wenn man die Grunderkrankung (evtl. Nervenkrankheit oder psychisches Leiden) therapiert. Auch regelmäßiger Schlaf, die Reduktion von Stress und psychischer Belastung sowie Entspannungsübungen vor dem Schlafen gehen, kann einen gesunden Schlaf unterstützen und Somnambulie verhindern. Die Trigger sollten – sofern bekannt – gemieden werden.

Wichtig ist Selbstschutz: Ist bekannt, dass Sie schlafwandeln, dann sollten Sie nötige Vorkehrungen treffen. Türen und Fenster gehören abends verschlossen, damit der Schlafwandler nicht unbemerkt aus Wanderschaft gehen kann. Stolperfallen sollten entfernt werden, da durch die Sturzgefahr auch die Verletzungsgefahr steigt. In manchen Fällen hilft bereits ein kalter und unangenehmer (etwa mit Noppen überzogen) Boden, damit sich der Schlafwandler nicht erhebt und die Ruhestätte verlässt. Auch ein keines Glöckchen am Bein kann den Betroffenen beim Aufstehen vielleicht wecken und so den Spaziergang verhindern.

Es gibt Medikamente, die die Tiefschlafphase verringern und so das Risiko für Somnambulie verringern. Ob solche Präparate geeignet sind, muss der behandelnde Arzt entscheiden. Betreuung, Hilfe und Tipps gibt es bei Neurologen und Psychologen.

Lisa Vogel
Autor: Lisa Vogel

Von Juli 2014 bis März 2018 arbeitete Lisa Vogel als Werkstudentin in der Redaktion bei apomio.de und unterstützt das Team nun als freie Autorin. Sie hat ein Studium im Fach Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften und Medizin an der Hochschule Ansbach mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen. Hier erlangte sie sowohl journalistische als auch medizinische Kenntnisse. Derzeit vertieft sie ihre medialen Kenntnisse im Master Studium Multimediale Information und Kommunikation.

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