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Kriegsopfer - Wenn die Psyche keinen Frieden kennt

Kommentar schreiben Freitag, 27. März 2020

Im Krieg passiert Unfassbares: Gewalt, Grausamkeit und Verfolgung. Menschen müssen Erfahrungen machen, die sie seelisch nicht verarbeiten können. Als Schutz betäubt sich der Körper selbst und mit ihm die Gefühlswelt, um zu überleben. Dieses Schutzschild tragen die Traumatisierten weiter mit sich, auch noch nach dem Krieg. Der Totstellreflex bleibt. Trauma- und Angststörungen, Sucht und Depressionen treten auf. Für Kinder sind die Erfahrungen besonders schlimm. Sie lernen ein normales Leben gar nicht erst kennen. Wo gibt es gerade Krieg? Welche Folgen hat Krieg auf den Alltag und die Psyche der Menschen? Welches besondere Leid haben die Kinder? Wie kommt man aus dem seelischen Trauma wieder heraus? Was können Angehörige tun?

 

Inhaltsverzeichnis:

 

Wie viele bewaffnete Konflikte gibt es aktuell und was ist Krieg?

 

Aktuell finden weltweit 27 bewaffnete Konflikte statt.1 Als Krieg wird ein bewaffneter Konflikt zwischen Staaten oder Bevölkerungsgruppen bezeichnet, bei dem nicht nur sporadisch, sondern kontinuierlich gewaltsam mit Waffen gekämpft wird. Die Kämpfe werden bei den beteiligten Gruppen zentral organisiert und es ist auf mindestens einer Seite das Militär einer Regierung beteiligt. Mit zehn Kriegen und bewaffneten Konflikten steht Afrika an der Spitze.2

 

Was passiert beim Syrienkrieg?

 

Die meiste Aufmerksamkeit bekommt aber nach wie vor der Syrienkrieg. Er begann 2011 mit friedlichen Protesten der Bürger, die sich gegen das unterdrückende Assad-Regime wandten. Sie riefen nach mehr Demokratie und bessere Lebensbedingungen. Nachdem Assad die Demonstrationen brutal niedergeschlagen hatte, gründete sich die Freie Syrische Armee. Zu den Demonstranten kamen Teile der offiziellen syrischen Armee, die nicht länger gegen die eigenen Leute kämpfen wollten. Bis heute haben mächtige Gruppierungen das Assad-Regime (z.B. Putin, Iran, Libanon) und die Freie Syrische Armee (Türkei, Saudi-Arabien, Libyen) unterstützt. Gleichzeitig bekämpft ein internationales Bündnis die Terrorgruppe Islamischer Staat in Syrien. Die Türkei bekämpft die Kurden. 3 Auf dem Rücken des inzwischen zerstörten Syriens mit einer bitterarmen Bevölkerung wird ein Stellvertreterkrieg mit den unterschiedlichsten Interessen geführt.

 

Wie kam es zum jüngsten Krieg in Afghanistan?

 

Auslöser für den Krieg in Afghanistan 2001 waren die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York, für die sich Mitglieder der Organisation Al-Qaida, die mit den Taliban in Afghanistan verbündet waren, verantwortlich erklärte. Die Zerstörung des World Trade Centers mit über 3000 Toten war für die amerikanische Regierung eine Kriegserklärung. Ziel ist, die Herrschaft der Taliban zu beenden und in Afghanistan Demokratie einzuführen.4

 

Warum findet Krieg in Jemen statt?

 

Wie in langwierigen, anderen Kriegen auch, wirken im Jemenkrieg andere Staaten mit, um ihre Interessen zu vertreten. Der Kampf zwischen dem USA-gesponserten Saudi-Arabien, zusammen mit anderen Staaten wie Kuweit und Ägypten und den Huthi-Rebellen in Jemen findet zu Lasten der Zivilbevölkerung statt.5

 

Welche Lebensbereiche werden durch den Krieg beeinträchtigt?

 

Alle! Es steht kein Stein mehr auf dem anderen, außen wie innen. Angst beherrscht das Leben. Die Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten muss sichergestellt werden, was sich im Krieg zunehmend schwierig gestaltet. In Jemen haben 56 % der Bevölkerung keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung, 73 % sind von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten, 4 % sind an Cholera erkrankt.5 In Syrien haben 60 % der Bevölkerung keine Grundversorgung mehr. Am schlimmsten sind die Bilder der Gewalt, die am Tag lähmen und nachts den Schlaf rauben, und die Ungewissheit, was kommt. Aus Angst vor dem Tod und zum Schutz der Kinder verlassen viele Menschen Ihre Heimat, Ihr Umfeld, Ihren Job, Ihr bisheriges Leben ins Ungewisse: Von Syrien aus sind fast 5 Millionen Menschen ins Ausland geflohen. Etwa 6,5 Millionen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. 470 000 Menschen sind laut UNO im Syrienkrieg schon getötet worden.5

 

Wie wirkt Krieg auf die Psyche der Opfer?

 

22 % der Menschen in Konfliktgebieten sind psychisch krank. Das sind dreimal so viele als in normalen Lebenssituationen.10 Die Studie11 der WHO, die zu diesem Ergebnis gelangt, basiert auf 129 Einzelstudien aus 39 Ländern. Sie differenziert noch, dass fünf Prozent der Menschen in Krisengebieten eine schwere Depression, Trauma- oder Angststörung haben, vier Prozent an mittelschweren und dreizehn Prozent an leichten seelischen Störungen leiden.10 Die häufigste Folge traumatischer Erlebnisse und seelischer Schocks ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Der Betroffene ist in ständiger Anspannung. Alles, was an die traumatische Erfahrung erinnert, z.B. ein Geräusch, Geruch, Menschen, die ähnlich aussehen oder genauso sprechen, rufen das Ereignis und mit ihm die Gefühle wieder wach. Aber auch ohne Auslöser können die Erfahrungen und Emotionen plötzlich auftauchen, Panik, Trauer, Wut auslösen und den Schlaf rauben.


Der Betroffene hat Angst, die Kontrolle über sich und sein Leben zu verlieren und verrückt zu werden. Er ist schreckhaft, reagiert bei jeder Kleinigkeit über, was nicht nur ihn, sondern auch sein Umfeld beängstigt. Er will nicht mehr daran erinnert werden und nicht mehr daran denken, aber es funktioniert nicht. Also zieht er sich immer mehr zurück und kann depressiv werden: Nichts macht mehr Freude. Das Leben ist düster und schwer.

 

Keine Motivation mehr für Nichts und Niemanden. Um schreckliche Erfahrungen zu überleben, setzt der Körper Opiate frei. Er spürt nichts mehr und kann z.B. mit schwerer Verletzung noch laufen, um sich zu retten. Das „Abtöten“ findet auch auf seelischer Ebene statt. Es kann unbehandelt jahrelang anhalten.11

 

Wie sind insbesondere Kinder vom Krieg betroffen?

 

420 Millionen Kinder leben in Gebieten mit Krieg oder bewaffneten Konflikten – fast doppelt so viele wie vor zwanzig Jahren. Tausende werden verletzt, getötet, verschleppt, sexuell missbraucht, zwangsverheiratet oder in bewaffnete Gruppen gezwungen. Sie leiden wie alle im Krieg an Unterernährung, Mangel an Trinkwasser und medizinischer Versorgung. 27 Millionen können nicht in die Schule gehen. Aber auch in Schulen und Krankenhäusern werden sie angegriffen. Hilfsorganisationen werden selbst verfolgt oder es wird ihnen der Zugang zu den Kriegsopfern verwehrt.6


250 000 Kinder unter 18 Jahren, davon 5 bis 20 % Mädchen, werden als Kindersoldaten missbraucht, von Armeen und Rebellengruppen gleichermaßen. Sie werden mit falschen Versprechungen oder einem kleinen Sold gelockt oder einfach entführt. Dann macht man sie durch Misshandlungen, Drogen, Geld oder sexuellen Missbrauch gefügig. Kinder sind leichter zu manipulieren und zu totalem Gehorsam zu zwingen als Erwachsene. Sie werden angetrieben, zu töten, zu plündern, über Minenfelder zu gehen oder zu spionieren. Sie haben keine Kindheit.

 

Sie können sich nicht entwickeln, lernen, wer sie sind, Vertrauen ins Leben gewinnen oder gar ein Selbstbewusstsein aufbauen. Sie stumpfen ab gegenüber Gewalt und Grausamkeit, sind seelisch und zum Teil auch körperlich traumatisiert. Kindersoldaten werden in mindestens 16 Ländern der Welt eingesetzt, z.B. in Kolumbien, Mali, Liberia, Libyen, Sudan, Kongo, Jemen, Syrien, Irak, Afghanistan, Indien und Myanmar.7


Doch auch ohne zum Kindersoldatenleben gezwungen worden zu sein, erfahren Kinder im Krieg die unfassbarsten Grausamkeiten. Mohamad Hamza, Neuropsychologe, der für die unabhängige Syrisch-Amerikamische Gesellschaft8 tätig ist und Tausende Syrer betreut hat, kennt die brutalsten Erfahrungen, mit denen die Kinder (über-)leben müssen: zerstörte Gebäude, zerfetzte Körper, schreiende Menschen, verbrennende Lehrer, sterbende Eltern und Geschwister. Hunger, Durst, Vergewaltigung, Folter, die dazu kommen - für diese Gesamtheit an unfassbaren Erfahrungen mit dem emotional zerstörerischsten Trauma hat Mohamad Hamza einen neuen Begriff für die Diagnose gefunden: Human Devastation Syndrome, zu Deutsch Menschliches Vernichtungssyndrom.    

 

Wie kommt man heraus aus den psychischen Störungen?

 

Durch eine Psychotherapie! Das ist die einzige Möglichkeit. Aber auch das ist leichter gesagt als getan. Vor Ort bei kriegerischen Auseinandersetzungen ist die Versorgung eigentlich nicht vorhanden. In ärmeren Ländern gibt es nicht so viele Psychiater. Während in Deutschland auf eine Million Menschen über 130 Psychiater kommen, liegt das Verhältnis z.B. in Afghanistan bei einem Psychiater für 10 Millionen Menschen.10 Neben dem Mangel an Fachpersonal kann es auch zu Problemen mit Sprach- und Kulturschranken kommen, wenn z.B. Geflüchtete in fremden Ländern unterkommen.

 

Was können Angehörige tun?

 

Es ist wichtig, die Symptome einer möglichen Posttraumatischen Belastungsstörung, einer Depression, bipolaren (manisch-depressiven) Störung, Angststörung und auch Schizophrenie zu kennen und einordnen zu können. Heilung bringt nur die Ermutigung und Unterstützung dazu, eine Therapie durchzuführen. Falls der Betroffene sich dauerhaft sperrt, kann der Angehörige auch selbst eine Therapie machen, um besser mit der Situation umgehen zu können.

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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