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Das Tourette-Syndrom: Leben mit den Tics

Kommentar schreiben Montag, 07. Januar 2019

Unkontrollierte Zuckungen der Arme, lautes Grunzen, Schreilaute und Schimpfworte – all das sind mögliche Symptome bei einem Tourette-Syndrom. Sie werden Tics genannt. Die spontanen Entladungen können körperlich und verbal zum Ausdruck kommen, ohne dass der Betroffene mit seinem Willen dagegen angehen kann. Unterdrückt er die Tics, die er manchmal schon im Vorfeld spürt, gelingt ihm das nur kurz und sie treten dann umso heftiger auf. Man kann sich das vorstellen, wie wenn man niesen muss oder einen Schluckauf hat. Keine Chance, es zu verhindern. Lesen Sie hier, wie es zu einem Tourette-Syndrom kommt, welche Tics es gibt, wie die neuropsychiatrische Krankheit verläuft und welche Behandlungen möglich sind. 

 

Welche Symptome zeigen sich bei einem Tourette-Syndrom?

Typisch sind plötzliche, unwillkürliche, schnelle und unvorhersehbare Bewegungen. Diese motorischen Tics wiederholen sich in immer gleicher Weise meist in Serie hintereinander, mehrmals am Tag oder fast jeden Tag. Manchmal treten die Symptome aber auch über Wochen oder Monate gar nicht und dann ganz plötzlich wieder auf. Sie unterscheiden sich auch in ihrer Ausprägung. Daneben treten verbale Tics auf. Das sind ungewöhnliche Geräusche oder ungewollte Äußerungen, zu denen Schimpfwörter oder obszöne Wörter zählen können. Die verbalen Tics stellen sich im Laufe der Erkrankung ein. Sie müssen nicht gleichzeitig mit den motorischen Tics vorkommen. Definiert ist ein Tourette-Syndrom, das nach dem französischen Arzt und Entdecker von Tic-Störungen Georges Gilles de la Tourette benannt ist, dadurch, dass mehrere motorische Tics zusammen mit mindestens einem verbalen Tic auftreten und mindestens ein Jahr lang anhalten. Tourette-Patienten sind nicht in ihrer Intelligenz oder Leistungsfähigkeit eingeschränkt und haben dieselbe Lebenserwartung wie Menschen ohne das Syndrom.

 

Welche Formen von Tics gibt es?

Man unterscheidet zwischen einfachen und komplexen Tics. Einfache motorische Tics sind z.B. Augenblinzeln, Naserümpfen, Grimassenschneiden und Kopfwerfen. Zu den einfachen vokalen Tics zählen Laute ohne Bedeutung, Husten und die Imitation von z.B. Tiergeräuschen. Komplexe motorische Tics sind das imitierende Grimassenschneiden, das Nachahmen von Bewegungen und Handlungen anderer (Echopraxie), das Wiederholen eigener Bewegungen und Handlungen (Palipraxie) und das Ausführen unwillkürlicher obszöner Gesten (Kopropraxie), z.B. Zunge herausstrecken, Mittelfinger zeigen oder Masturbationsbewegungen machen. Die komplexen vokalen Tics sind ähnlich: Bei der Echolalie werden gehörte Wörter oder Sätze wiederholt. Bei der Palilalie wiederholt der Patient die eigenen Worte und Sätze immer leiser und dafür immer schneller. Bei der Koprolalie werden Wörter aus der Fäkalsprache verwendet.

 

Welche Ursachen hat das Tourette-Syndrom?

Die Ursachen sind noch nicht endgültig geklärt. Man geht von einer genetischen Veranlagung aus. Sie muss durch weitere Faktoren, wie z.B. Rauchen und Stress in der Schwangerschaft, Sauerstoffmangel während der Geburt oder bakterielle Infektionen aktiviert werden. Folge sind Störungen im Gehirn aufgrund krankhafter Veränderungen des Stoffwechsels der Botenstoffe Dopamin und Serotonin, vielleicht auch Noradrenalin und Glutamin. Die Störungen manifestieren sich vor allem in den Basalganglien im Gehirn. Sie sind dafür zuständig, ob Impulse in Handlungen umgesetzt werden oder nicht. Untersuchungen dieses Hirngewebes zeigen, dass bestimmte Regionen in ihrer Größe vermindert und die Anzahl der Interneuronen, d.h. der Schalt-Nervenzellen verringert sind. Auch Entwicklungsstörungen des Gehirns aufgrund von Fehlfunktionen im Immunsystem werden diskutiert. Ungeklärt ist auch noch, warum das Tourette-Syndrom bei Jungen dreimal so häufig auftritt als bei Mädchen.

 

Wie sehen Verlauf und Prognose beim Tourette-Syndrom aus?

Die Krankheit manifestiert sich in der Kindheit, meist ab dem 7. Lebensjahr, und hat seine stärkste Ausprägung in der Pubertät. Erste Symptome sind oft Tics im Gesicht wie plötzliches Zusammenkneifen der Augen, Augenblinzeln, plötzliches Öffnen des Mundes, das Verziehen der Mundwinkel, Naserümpfen und plötzliches, symmetrisches Armbeugen mit und ohne Laute. Für zwei Drittel der Erkrankten ist die Prognose günstig. Nach Abschluss der Pubertät, spätestens Mitte 20 sind die Symptome vollständig oder soweit zurückgegangen, dass sie nicht mehr stören. Bei dem übrigen Drittel jedoch bleiben die Symptome auch im Erwachsenenalter erhalten oder werden sogar noch ausgeprägter.

 

Welche Situationen verschlimmern das Tourette-Syndrom, welche bessern die Symptome?

Anstrengung, Belastungen, Stress und emotionale Erregung wie Freude, Angst oder Ärger verstärken die Symptome oder lösen sie sogar aus. In einem entspannten Zustand dagegen oder wenn der Erkrankte sich auf etwas vollkommen konzentriert, verbessern sich die Symptome.

 

Welche seelischen Störungen treten gehäuft zusammen mit dem Tourette-Syndrom auf?

Häufige Komorbiditäten sind Zwangsstörungen und ritualisiertes Verhalten, z.B. bis eine Bewegung nach eigenen Vorstellungen richtig und perfekt ist. Die überschießenden Entladungen sind oft auch mit innerer Unruhe, ADHS oder dem Restless-Legs-Syndrom gekoppelt. Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, erschwerte Impulskontrolle mit aggressiven Worten und Handlungen, Sexsucht sowie Schlafstörungen und Depressionen können zusätzlich auftreten. Auch Angststörungen, soziale Phobien und Autismus in der Kindheit (Asperger Syndrom) sind mögliche Komorbiditäten des Tourette-Syndroms.

 

Welche Folgen hat das Tourette-Syndrom?  

Die unkontrollierbaren Töne und Bewegungen machen den Erkrankten unsicher und lösen unangenehme Reaktionen des Umfelds wie Abwendung, Abweisung und Diskriminierung aus. Je nach Ausprägung fällt es mit einem Tourette-Syndrom schwer, sich selbstbewusst und frei in seinem privaten und beruflichen Leben zu entfalten. Der Erkrankte zieht sich zurück und tendiert zu sozialer Isolation.

 

Wie kann ein Tourette-Syndrom behandelt werden?

Eine Heilung ist nicht möglich. Es können aber die Symptome besser kontrolliert werden. Bei leichter Ausprägung sind verhaltenstherapeutische Methoden wie das Habit-Reversal-Training, Psychoedukation, um die Krankheit besser verstehen und bewältigen zu können, und Entspannungsverfahren gegen Stress als Krankheitsauslöser und –verstärker geeignet. Bei starken Ausprägungen werden Psychopharmaka eingesetzt. Die Medikamente können die Tics bis zu 50 % reduzieren, haben aber auch starke Nebenwirkungen. Wenn alle bisher genannten Methoden nicht ausreichend Erleichterung und Linderung verschaffen, bleibt die Möglichkeit einer Operation. Ziel ist eine tiefe Hirnstimulation. Sie wird durch einen Hirnschrittmacher bewirkt, der unter die Bauchhaut eingepflanzt und über Elektroden mit dem Gehirn verbunden wird. Der Effekt kann sehr positiv sein oder ganz ausbleiben.

 

Hat ein Tourette-Syndrom auch Vorteile?

Die verminderte Selbstkontrolle hat auch positive Aspekte: Menschen mit Tourette-Syndrom habe eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit, was sich z.B. beim Sport vorteilhaft auswirkt. Auch die Gedankengänge sind beschleunigt und sprunghaft. Das kann zu ungewöhnlichen Ideen und Lösungen führen. Wer sich mit einem Tourette-Syndrom auf etwas stark konzentriert, hat keine Tics. Er kann die starke innere Anspannung in hohe Kreativität, z.B. beim Komponieren, Improvisieren und Spielen von Musik, kanalisieren, so die Erfahrung des Neurologen Oliver Sacks. Wird die Entladung umgeleitet in einen kreativen Ausdruck, kann der Erkrankte unglaubliche Werke zustande bringen.

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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