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Breast Implant Illness (BII): Können Brustimplantate krank machen?

Kommentar schreiben Dienstag, 27. Oktober 2020

Im Netz liest man die Geschichten immer wieder: Frauen, die davon überzeugt sind, dass ihre Brustimplantate sie krank machen würden. Die genannten Symptome sind diffus und reichen von Haarausfall und Depressionen über Schüttelforst bis hin zu Hautauschlägen. Medizin und Forschung stehen aktuell noch vor einem Rätsel, in wissenschaftlichen Studien konnte noch kein Zusammenhang zwischen Implantaten und den Beschwerden nachgewiesen werden. Was also ist dran an Breast Implant Illness (BII), zu Deutsch Brustimplantat-Krankheit?

Inhaltsverzeichnis

 

Was ist Breast Implant Illness?

Breast Implant Illness ist ein Begriff, den betroffene Frauen und Mediziner gleichermaßen verwenden, um eine breite Palette an diffusen Symptomen zu beschreiben, die bei manchen Patienten nach dem Einsetzen von Brustimplantaten auftreten. Berichte über die Beschwerden sind weder auf einen bestimmten Hersteller noch auf einen besonderen Implantat-Typ zurückzuführen. Darüber hinaus umfassen sie Implantate, die mit Silikon gefüllt sind und auch solche, die auf Kochsalzlösung basieren. Auch die Oberflächenstruktur der plastischen Einsätze lässt keine Rückschlüsse auf die Beschwerden zu: die Symptome treten sowohl bei Implantaten mit glatter als auch rauer Oberfläche auf.1

Deshalb und aufgrund der Tatsache, dass Forscher derzeit über noch nicht genügend Daten verfügen, um die Brustimplantat-Krankheit auch als solche bestätigen zu können, gilt Breast Implant Illness aktuell nicht als offiziell existierende Krankheit. Eine Klassifizierung per ICD-10-Code der WHO (dient der Klassifikation und Einordnung von Krankheiten und Medikamenten) liegt nicht vor.2

Wie weit verbreitet ist die Brustimplantat-Krankheit?

Durch die fehlende Klassifikation der Beschwerden ist es aktuell nicht möglich, eine konkrete Anzahl an Erkrankten zu nennen. Nichtsdestotrotz scheint es etliche Frauen zu geben, die nach einer Brustvergrößerung unter BII-Beschwerden leiden. So haben sich in den letzten Jahren vor allem in den USA immer mehr Betroffene mit BII-Symptomen an Ärzte und die FDA (Food and Drug Administration) gewandt. Zudem schließen sich im Netz tausende Frauen Online-Communities an, um sich über Brustimplantat-Krankheiten auszutauschen und so mehr Bewusstsein für die Beschwerden zu schaffen.

Welche Symptome können bei der Brustimplantat-Krankheit auftreten?

Frauen, die unter BII leiden, klagen über zahlreiche diffuse, zusammenhangslose Beschwerden, die in unterschiedlicher Intensität auftreten.

Folgende Symptome sind möglich:

  • Haarausfall
  • Schüttelfrost
  • Depressionen
  • Hautausschläge
  • Schlafstörungen
  • chronische Schmerzen
  • ausgeprägte Müdigkeit
  • Lichtempfindlichkeit
  • hormonelle Beschwerden
  • neurologische Störungen
  • Kopfschmerzen
  • Brustschmerzen
  • Benommenheit
  • „Brain Fog“ (Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen)
  • Angstzustände3,4

Da Breast Implant Illness keine bestätigte Erkrankung ist, gibt es derzeit auch keine Symptome, die dem Beschwerdebild offiziell zugeordnet sind, vielmehr stammen die genannten Leiden aus Einzelberichten von Betroffenen. Was erschwerend hinzu kommt: Viele der Symptome können durch zahlreiche andere Gegebenheiten beziehungsweise Krankheiten verursacht werden. Dazu zählen beispielsweise die Wechseljahre sowie Autoimmun- und Schilddrüsenerkrankungen.

Die Behandlung von BII

Ein Arzt lächelt in die Kamera.Einen konkreten Behandlungsplan für Breast Implant Illness gibt es aufgrund der noch nicht vorhandenen Klassifikation nicht – es bleibt also nur die Ausschlussdiagnose. Frauen mit Beschwerden, die vermutlich auf die Brustimplantate zurückzuführen sind, müssen sich auf mehrere Arzt-Termine einstellen. Betroffene sollten grundsätzlich zuerst den behandelnden Chirurgen aufsuchen. Dieser wird überprüfen, ob mit den Implantaten aus physikalischer Sicht alles in Ordnung ist. Komplikationen sind nämlich durchaus möglich und vor allem bei qualitativ minderwertigen Exemplaren nicht zu unterschätzen: Sie können beispielsweise auslaufen, sich seltsam verformen oder verrutschen.

Liegt eine solche Komplikation nicht vor, folgt in der Regel der Gang zum Haus- oder gegebenenfalls Facharzt. Er kann wiederum eine Reihe von Tests durchführen (etwa Blut- und Ultraschalluntersuchungen), um festzustellen, ob allgemeine Krankheiten wie Autoimmun- oder Schilddrüsenerkrankungen vorliegen oder ob die Frau sich in den Wechseljahren befindet.

Kann auch der Haus- oder Facharzt keine körperlichen Ursachen für das Leiden feststellen, gibt es noch die Möglichkeit der Implantat-Entfernung. Dieser Schritt und vor allem die Art und Weise sollten gut besprochen werden: Es gilt potentielle Risiken im Zusammenhang mit der Entfernung zu klären, zudem ist es wichtig herauszufinden, ob der Arzt über den aktuellen Stand der Implantat-Sicherheit und der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Laufenden ist. Darüber hinaus gibt es noch die Möglichkeit, im Anschluss an die Entfernung ein neues Implantat einzusetzen oder die Brust mit Eigenfett wiederaufzubauen.

Manche Frauen, die vermuten, an Breast Implant Illness zu leiden, entscheiden sich für die sogenannte En-bloc-Kapsulektomie. Hier wird nicht nur das Implantat entfernt, sondern auch das umgebende Gewebe. Dieses wurde nach Einsetzen des Implantats nach und nach vom Körper gebildet. Ob die Entfernung der Gewebekapsel tatsächlich nötig ist, sollten Patientinnen ausführlich mit ihrem Arzt besprechen, da der Eingriff zum einen sehr invasiv und somit risikobehaftet ist und es zum anderen keine validen Hinweise darauf gibt, dass die Entfernung des zusätzlichen Gewebes Frauen mit der Brustimplantat- Krankheit tatsächlich hilft.5 

Interessant:
Unabhängig von der Art der Implantat-Entfernung berichten einige Betroffene, dass ihre Symptome nach dem Eingriff tatsächlich verschwunden sind. Ob die Entfernung aber wirklich der Grund für die Verbesserung ist, können Forscher aktuell noch nicht sagen – die unbewusste Voreingenommenheit oder der Glaube an den Eingriff könne auch dazu beitragen.6

 

Wie entsteht die Brustimplantat-Krankheit?

Ähnlich wie bei der Diagnose und Behandlung ist es aktuell kaum möglich, valide Aussagen über die Ursache der Brustimplantat-Krankheit zu treffen. Es gibt jedoch Vermutungen, welche Gegebenheiten möglicherweise die Beschwerden hervorrufen.

Zu diesen gehören:

  • Der Organismus reagiert mit Entzündungen auf den Fremdkörper.
  • Der Körper reagiert negativ auf die chirurgischen Maßnahmen und gewählte Ansätze.
  • Die Frau reagiert negativ auf die eingesetzten Bestandteile des Implantats, etwa auf das Silikon.7

Exkurs: Komplikationen bei Brustimplantaten

Eine Brustvergrößerung – unabhängig von Material und Methode – ist ein medizinischer Eingriff, der wie jeder andere auch zu Komplikationen und später auftretenden Nebenwirkungen führen kann. Laut FDA (Food and Drug Administration) liegt das Risiko von unerwünschten Ergebnissen oder Komplikationen bei mindestens 1 Prozent der Brustimplantat-Patientinnen.8 Diese Komplikationen können unter Umständen dazu führen, dass die Brustimplantate wieder entfernt werden müssen.

Folgende Komplikationen können beispielsweise auftreten:

Kapselkontraktur

Bei der Kapselkontraktur verhärtet sich das um das Implantat gebildete Gewebe in der Brust, was zu einem schmerzhaften Zusammenziehen führt. Es gibt vier Grade der Kontraktur (Baker-Grade):

  • Grad 1: Die Brust ist weich und sieht normal aus.
  • Grad 2: Die Brust ist etwas fester als gewöhnlich, sieht aber natürlich aus.
  • Grad 3: Die Brust ist fest und sieht abnormal aus.
  • Grad 4: Die Brust ist hart und sieht deformiert aus.

Die Grade 3 und 4 gelten im Regalfall als behandlungsbedürftig. Chirurgen müssen möglicherweise die Implantate entfernen.

Bruch

Bei einem Bruch ist ein Riss oder ein Loch in der Außenschale des Implantats entstanden.

Folgende Gründe kann es dafür geben:

  • Alterung des Implantats
  • Trauma oder starker Druck von außen, beispielsweise während eines Unfalls oder bei einer Mammographie (Methode zur Früherkennung von Brustkrebs)
  • Kapselkontraktur
  • Schäden durch chirurgische Instrumente, etwa schon während des Einsetzens
  • Schäden durch Eingriffe an der Brust, zum Beispiel bei Biopsien (Entnahme von Gewebe)
  • zu viel oder zu wenig Füllung bei Implantaten mit Kochsalz

Wie merkt man, dass ein Implantat kaputt ist?

Eine Frau fasst sich an die Brust.Frauen mit Kochsalzlösung gefüllte Implantate bemerken einen Riss oder ein Loch im Normalfall sehr schnell, da die Flüssigkeit ausläuft und dadurch das Implantat leert. Das heißt, die Brüste verlieren ihre ursprüngliche Form und Größe.

Anders bei Silikon-Implantaten: Hier liegen in der Regel sogenannte stille Brüche vor. Das Silikon tritt zwar etwas aus, verbleibt aber für gewöhnlich in der Kapsel, die das Implantat umgibt. Das heißt Form und Größe der Brüste ändern sich nur selten, das Austreten der Flüssigkeit wird meist erst bei einem MRT entdeckt (Magnetresonanztomografie; bildgebendes Verfahren). Nur sehr selten kann die Frau selbst feststellen, dass etwas nicht stimmt: möglich ist eine Deformation, Kribbeln oder die Bildung von kleinen Knoten über dem Implantat- oder Brustbereich.

Verschiebung/Fehlstellung

Hier befindet sich das Implantat an der falschen Position. Dies kann entweder schon während der OP passieren oder erst nach dem Eingriff. Ursache ist beispielsweise die Einwirkung von außen (etwa durch einen Unfall), eine Kapselkontraktur oder schlichtweg die Schwerkraft.

Fazit: Breast Implant Illness

Obgleich die Brustimplantat-Krankheit noch keine offiziell bestätigte Erkrankung durch die WHO (Weltgesundheitsorganisation) ist, so ist sie in den Medien und in den sozialen Netzwerken durchaus präsent. Auch die Forschung beschäftigt sich mittlerweile mit den Beschwerden und den genannten Symptomen. Betroffene Frauen sollten sich deshalb nicht davor scheuen, einen Arzt aufzusuchen, wenn sie vermuten, unter Breast Implant Illness zu leiden. Es gibt durchaus Möglichkeiten, andere Erkrankungen auszuschließen und gegen die Beschwerden vorzugehen. Eine Option, wenn auch die gravierendste, ist die Entfernung der Implantate. Betroffene sollten sich vorab ausführlich von ihrem behandelnden Arzt beraten lassen, um Für und Wider in Ruhe abwägen zu können.

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Sandra Stöckl-Bayerlein
Autor: Sandra Stöckl-Bayerlein

Sandra Stöckl-Bayerlein ist freiberufliche Medizinredakteurin, Texterin sowie Lektorin und unterstützt seit 2020 das Team von apomio.de. Nach dem Studium der Journalistik mit Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften war sie zunächst mehrere Jahre bei einer Pharma-Agentur und dem dazugehörigen digitalen Gesundheitsnetzwerk tätig, bevor sie sich entschied, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Spezialisiert ist sie im wahrsten Sinne des Wortes auf Projekte von Kopf bis Fuß, am liebsten im Bereich der digitalen Gesundheitskommunikation.

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