© Brian Jackson

E-Rezept: Noch Sand im Getriebe

Kommentar schreiben Dienstag, 25. Juni 2019

In Regierungskreisen wird aktuell darüber diskutiert, warum die Bundesregierung bislang keine konkreten Vorgaben zur Ausgestaltung der elektronischen Verordnung von Rezepten unternahm. Konkret wirft die Grünen-Fraktion der Regierung in einer kleinen Gesundheitsanfrage konzeptionelle Probleme vor. Fraglich ist, ob das E-Rezept wirklich die Versorgung des Patienten verbessert oder zum Status quo ante wird. Der Blick auf den Apothekenmarkt zeigt, dass sich Gegner und Befürworter noch die Waage halten.

 

Fehlende Vorgaben für das elektronische Rezept

 

Laut einer kleinen Gesundheitsanfrage der Grünen im Bundestag unterlässt die Regierung „jegliche Vorgaben zur Ausgestaltung und Interoperabilität des elektronischen Rezepts“. Fraglich ist insbesondere, wie genau ein elektronisches Rezept vom Arzt aussehen muss, damit es vom Arzt über Patient bis zur Apotheke gelangen kann. Daneben weist die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Grüne auf fehlende Übergangsregelungen zwischen papiernem und elektronischem Rezept hin. In einer kürzlichen Bundestagsrede kritisierte Kordula Schulz-Asche, Bundestagsabgeordnete der Grünen, das ab Februar 2020 geplante E-Rezept mit den Worten: „Zu begrüßen ist, dass nun endlich das elektronische Rezept kommt. Unverständlich ist aber, warum Sie keine konkreten Vorgaben zu seiner Ausgestaltung machen. Somit bleibt völlig offen, ob und wie das eRezept die Versorgung verbessert.“

 

Bislang fragwürdiges gematik-Konzept

 

Die Grünen-Fraktion befürchtet vor allem, dass die bisherigen Bestrebungen der Bundesregierung „zu nationalen Insellösungen“ führen. Die bedeutendste/bedeutsamste Kritik der kleinen Bundestagsanfrage betrifft das gematik-Konzept (gematik/Gesellschaft für Telematik im Gesundheitswesen). Die Gesellschaft legt die informationstechnischen Grundlagen, um den Datenaustausch bei Beteiligten des Gesundheitswesens (Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken) zu ermöglichen. Erst durch die Vernetzung mittels einer Telematikinfrastruktur ähnlich einer „Daten-Autobahn“ können Anwendungen wie das E-Rezept oder der E-Medikationsplan starten.

Nach Kenntnis der Bundesregierung setzt die gematik für zukünftige elektronische Verschreibungen offenbar nicht auf internationale Standards, sondern lediglich auf nationale, „proprietäre XML-Technologie“. Auch ist offen, ob der Standardisierungsprozess auch wissenschaftliche Fachgesellschaften einbindet.

 

Bundesregierung spielt Leistungserbringern den Ball zu

 

Bislang zeigte sich die Bundesregierung gemeinsam mit Bundesgesundheitminister Jens Spahn (CDU) sehr interessiert an der Digitalisierung des Gesundheitswesen. Im Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV), das im Juli in Kraft tritt, plädierte man für eine sogenannte „Selbstverwaltung“ der zuständigen Gesundheitsorgane, um elektronische Rezepte auf den Weg zu bringen. Dies bedeutet, dass konkrete Anpassungen der Rahmenverträge zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und dem Deutschen Apothekerverband ausgehandelt werden. Bei den Verwendungsregelungen für virtuelle Rezepten werden die Apotheker allerdings als Verhandlungspartner ignoriert. Diese werden stattdessen zwischen den Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem GKV-Spitzenverband ausgehandelt.

 

Kritik der ABDA an gesonderten E-Rezept-Verhandlungen

 

In einer Stellungnahme zur Anhörung des GSAV-Gesetzes im Bundestag rügte die ABDA diese gesonderten Verhandlungen der Leistungserbringer (Ärzte, Kassen und Apotheken) zu Rahmenbedingungen des eRezepts. „Die einzelnen Verfahrensabschnitte der Verwendung von Verschreibungen in elektronischer Form, das heißt das Erstellen des elektronischen Verordnungsdatensatzes, dessen Übermittlung durch den Arzt an die Apotheke sowie die Übermittlung der Abrechnungsdaten durch die Apotheke an die Krankenkasse, sind derart eng mit einander verknüpft, dass eine Festlegung von Regelungen im Wege vollkommen voneinander getrennter Verhandlungen nicht zielführend ist“,  sagte die ABDA in ihrer Stellungnahme.

 

Wer steuert bis wann die Einführung des E-Rezepts?

 

Das neue Gesetz schreibt den Apothekern vor, bis spätestens zum Februar 2020 strukturelle Voraussetzungen für die Ablösung der bisherigen Rezepts in Papierform zu schaffen. Gleichzeitig sollen Kassen und Kassenärzte bis Frühjahr 2020 notwendige Verwendungsregelungen für elektronische Rezepte erarbeiten. Zudem räumt das Gesetz der gematik eine Frist bis Juni 2020 ein, informationstechnische Maßnahmen durchzuführen.

 

Roll-Out der eRezept-Projekte „Gerda“ und „TK E-Rezept“

 

Mit der weiträumigen Verhandlungsfrist bis Frühjahr beziehungsweise Sommer 2020 streut das neue GSAV-Gesetz e-Vorläufermodellen möglicherweise Sand vor die Räder. Sie bedürfen bereits heute konkreter Vorgaben der Bundesregierung zur telematischen Struktur, um nicht als Selbstläufermodelle zu enden. Als erstes Pilotprojekt hatte die Techniker Krankenkasse ihr Modell „E-Rezept“ im Januar 2019 gestartet. Es testete die technische Umsetzbarkeit und Operabilität virtueller Verordnungen mit fünf Ärzten und einer Hamburger Apotheke. Inzwischen ging es nach bestandener Testphase bereits in die Echtphase über. Als zweites Projekt geht das Projekt „Gerda“ der Landesapothekerkammer in Baden-Württemberg im Sommer an den Start. Es wird mit 1 Million Euro von der Bundesregierung gefördert. Das Projekt erprobt E-Rezepte im Zuge der Online-Praxis „Docdirekt“.

 

Ambivalentes Meinungsbild unter den Apothekern

 

Unter den Apothekern scheint die Sorge um das E-Rezept nach wie vor groß. Glaubt man der  Marketingagentur Dr. Kaske, könnte die Einführung des E-Rezepts in knapp 10 Jahren über 7000 Apotheken ihre Existenz kosten, zumal sich bei ihrer zeitgleichen Umfrage unter Apothekern gezeigt hätte, dass unter 285 teilnehmenden Apotheken 86 Prozent die Einführung des E-Rezepts fürchten. Sie befürchten der Studie zufolge, dass die Patienten mit den E-Rezepten zu Versandapotheken im Ausland abwandern. 92 Prozent der Hersteller sähen der Studie zufolge im OTC-Geschäft der Versandapotheken großes Potenzial. Auch im RX-Onlineversand sei für 80 Prozent der Hersteller Potenzial auszuschöpfen. Genaue Hintergründe zu ihrer „E-Rezept-Studie“ im vergangenen April erteilt das Marketingunternehmen nicht. Datengrundlage sei eine Befragung von 5.000 Verbrauchern, 235 Apotheken und 107 Herstellern gewesen.

 

Quellen:

 

Gesetzesentwurf für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung vom 27.03.2019:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/087/1908753.pdf

Kleine Gesundheitsanfrage der Bundestagsfraktion Bündnis90/Grüne an den Deutschen Bundestag vom 12.03.2019 unter Mitarbeit von Kathrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/087/1908780.pdf

Bundestagsrede von Kordula Schulz-Asche vom 06.06.2019 zum Thema „Arzneimittelversorgung“:

https://www.gruene-bundestag.de/parlament/bundestagsreden/2019/juni/kordula-schulz-asche-arzneimittelversorgung.html

Stellungnahme der ABDA zum Referentenentwurf eines Gesetzess für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV):

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_

Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/Stellungnahmen_WP19/GSAV/ABDA.pdf

Gematik-Konzept:

https://www.gematik.de/telematikinfrastruktur/

Studie des Marketingunternehmens Dr. Kaske ohne Angaben von Hintergründen auf eine apomio-Anfrage:

https://drkaske.de/studien/e-rezept-studie-2019/

Artikel apomio vom 26.09.2018: E-Rezept. Digitalisierung im Sinne des Patienten?

https://www.apomio.de/marketing-fuer-versandapotheken/artikel/e-rezept-digitalisierung-im-sinne-des-patienten

Artikel Apotheke Adhoc, Bundesregierung: eRezept Sache der Selbstverwaltung:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/politik/bundesregierung-erezept-sache-der-selbstverwaltung-interoperabilitaet/

Artikel Apotheke Adhoc, DAV steuert Einführung des E-Rezepts:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/politik/dav-steuert-einfuehrung-des-erezepts-digitalisierung/

 

Maria Köpf
Autor: Maria Köpf

Frau Maria Köpf ist seit 2018 als freie Autorin für apomio tätig. Sie ist ausgebildete Pharmazeutisch-technische Assistentin und absolvierte ein Germanistik- und Judaistik-Studium an der FU Berlin. Inzwischen arbeitet Maria Köpf seit mehreren Jahren als freie Journalistin in den Bereichen Gesundheit, Medizin, Naturheilkunde und Ernährung. Mehr von ihr zu lesen: www.mariakoepf.com.

Schreib einen Kommentar

help
help
help

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Zu unseren Datenschutzbestimmungen.

Beiträge die Sie auch interessieren könnten

Rezept-Versandverbot: Eine Gegenüberstellung
Rezept-Versandverbot: Eine Gegenüberstellung

Das Bangen und Hoffen um ein RX-Versandverbot ist seit dem EuGH-Urteil im Oktober 2016 nach wie vor ein heißes Eisen für Befürworter und Gegner. In den Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wird hier immer noch mit „gleich langen Spießen“ gefochten. Zwei Jahre später, zum Apothekertag Mitte Oktober 2018, will Gesundheitsminister Spahn nun ein Gesamtpaket zu dem Thema vorlegen. Letztlich geht es um immense Einbußen, die deutschen Versandapotheken durc...

––– Weiter lesen