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Das angebliche Apothekensterben: Märchen oder Fakt?

Kommentar schreiben Dienstag, 20. August 2019

Es ist amtlich: Immer mehr Apotheken in Deutschland müssen schließen. Kontrovers beurteilt werden die Ursachen, die zu diesem Rückgang führen.

In den letzten 10 Jahren schlossen jährlich rund 250 Apotheken. Im Jahr 2018 sank die Zahl  der Vor-Ort-Apotheken erstmals seit über 25 Jahren auf unter 19.500 Apotheken. Dazu in Bezug gesetzt werden  müssen zeitliche, wirtschaftliche und politische Dimension. Die optimistische Sicht vorneweg: 30 Jahre lang sanken die Werte nicht unter den Stand von 1990. 16 Jahre lang betrug die Gesamtzahl deutscher Haupt- und Filialapotheken sogar über 21.000 Präsenzapotheken.

 

ABDA steht angeblichem Apothekensterben gelassen gegenüber

 

Für den erkennbaren Rückgang der Apothekenzahlen seit 10 Jahren machte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt in der „Apotheken-Umschau 5/2018“ politische Entwicklungen verantwortlich: „Wenn so viele Apotheker keine Perspektive mehr für eine Existenz als Selbstständige sehen, liegt das nicht nur am scharfen Wettbewerb, sondern leider auch an den politischen Rahmenbedingungen“, sagte der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).

 

Ein Problem mit drei Dimensionen

 

Der Rückgang bundesweiter Standortapotheken ist laut Christian Splett, Pressereferent der ABDA, zwar ein durchaus beunruhigendes, aber noch kein versorgungskritisches Geschehen: „Oft ist in Zeitungen von einem so genannten ‚Apothekensterben‘ zu lesen. Ganz sachlich kann man von einem ein- bis zweiprozentigen Rückgang pro Jahr sprechen, der für jede einzelne Apotheke und deren Patienten natürlich sehr schmerzlich ist“, sagt Splett im Gespräch über die Apothekenausdünnung. „Momentan ist die Versorgung in Deutschland noch flächendeckend gegeben, aber wir brauchen positive Impulse und klare Rahmenbedingungen, damit dies in 10 oder 15 Jahren auch noch der Fall ist.“

 

Im Gespräch mit apomio ordnet Splett die Unkenrufe vieler Medien deshalb als durchaus ernstzunehmendes Alarmsignal ein. Der aktuellen Situation steht die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) mit Sorge um die Zukunft gegenüber. Der Dachverband deutscher Apotheker fährt dabei einen unveränderten politischen Kurs: „Die drei Herausforderungen sind der ordnungspolitische Rahmen, eine pharmazeutische Perspektive und wirtschaftliche Anreize. Das lässt sich an der Gleichpreisigkeit von rezeptpflichtigen Arzneimitteln, an eigenen pharmazeutischen Dienstleistungen und an Zuschüssen, die den Apothekenbetrieb fördern, festmachen“, so Splett.

 

Hoffnungsträger „Apotheken-Stärkungsgesetz“

 

Diesbezüglich zeigt sich die ABDA mit dem am 17. Juli 2019 vom Bundeskabinett beschlossenen Gesetzesentwurf zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken (Apotheken-Stärkungsgesetz) äußerst zufrieden. Das geplante „Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheke“ will zunächst die Gleichpreisigkeit  bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln wieder herstellen. Wenn ausländische Apotheken inländische Patienten mit Rabatten von bis zu 10 Euro locken, wird dies zukünftig unter Strafe gestellt.

 

Außerdem veranschlagt der Entwurf zum geplanten Apotheken-Stärkungsgesetz zusätzlich 205 Millionen Euro zugunsten in Deutschland ansässiger Apotheken. Für Notdienste plant er statt bisheriger 16 Cent künftig 21 Cent Festzuschlag zur Sicherstellung von Notdiensten ein – die Pauschale soll dem Deutschen Apothekerverband 40 Millionen Euro Mehreinnahmen einbringen, die der Verband an betreffende Apotheken weiterleitet. Hinzu kommen neuartige pharmazeutische Dienstleistungen wie eine neue Apothekenimpfpraxis, die Intensivbetreuung bei einer Krebstherapie oder die Therapieunterstützung bei einer Pflegebedürftigkeit. Für diese bislang in der Arzneimittelpreisverordnung nicht vorgesehenen Posten plant der vom Kabinett verabschiedete Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums 150 Millionen Euro ein. Für zeitintensive Betäubungsmittel-Dokumentationen wird es rund 15 Millionen Euro mehr geben. Die höheren Apothekenhonorare von insgesamt 205 Millionen sollen dem Bundesgesundheitsministerium zufolge künftig für einen „fairen Wettbewerb“ zwischen Deutschen Apotheken und ausländischen Versandapotheken sorgen.

 

Sondersituation der Landapotheken

 

Doch bleibt anzunehmen, dass das Apotheken-Stärkungsgesetz auch zukünftig nicht automatisch jede Apotheke sichert. Gerade auf dem Land müssen sich Apotheken intensiv am jeweiligen Kundenbedarf orientieren. Hier führt die alternde Gesellschaft zwar perspektivisch zu steigendem Arzneimittelbedarf. Ältere Menschen werden gemeinhin zunehmend immobil und wählen den einfachsten Versorgungsweg.

 

Das schafft insbesondere auf dem Land Konkurrenz zu Versorgungsmodellen in städtischen Gebieten und zu Versandapotheken. Gerade in schwach besiedelten Gebieten kann der Wegfalls eines einzigen Arztes zur Schließung einer Apotheken führen, selbst wenn der Rezeptbedarf hoch ist. Umgekehrt sichert beispielsweise der Einzugskreis von Stadtapotheken der Innenstadt rund 400 bis 500 Ärzte. Viele dieser städtischen Ärzten sind unter 40 Jahre alt und sichern städtischen Apotheken eine ausreichende Rezeptanzahl.

 

Erfahrungsgemäß zieht es daher junge Apotheker eher in die Stadt. Versandapotheken können die entstehende Versorgungslücke auf dem Land, die sich durch fehlende Übernahmen von Apotheken pensionierter Landapotheker auftut, in vielen Regionen schließen. Einige hundert deutsche Präsenzapotheken haben eine Versandhandelserlaubnis, die ihnen den bundesweiten Medikamentenversand ermöglicht.

 

Maria Köpf
Autor: Maria Köpf

Frau Maria Köpf ist seit 2018 als freie Autorin für apomio tätig. Sie ist ausgebildete Pharmazeutisch-technische Assistentin und absolvierte ein Germanistik- und Judaistik-Studium an der FU Berlin. Inzwischen arbeitet Maria Köpf seit mehreren Jahren als freie Journalistin in den Bereichen Gesundheit, Medizin, Naturheilkunde und Ernährung. Mehr von ihr zu lesen: www.mariakoepf.com.

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