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Auswirkungen der Coronakrise auf den Pharmamarkt

Kommentar schreiben Mittwoch, 22. April 2020

Die Gefährdungssituation durch die sich grenzüberschreitend entwickelnde Erkrankung COVID-19 in Deutschland führte seit Ende Januar zu enormen Hamsterkäufen in Apotheken. Seit Beginn der Corona-Krise zeigt sich jedoch enormes Engagement der Vor-Ort- und Versandapotheken, den Anforderungen der Patienten gerecht zu werden.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Der deutschen Wirtschaft droht bedingt durch die fortschreitende Corona-Krise ein extremer Einbruch. Allerdings kann sich in der derzeitigen Lage auch zeigen, welcher der aktuellen Marktteilnehmer unseren Versorgungsalltag zum Positiven beeinflusst. Beispielsweise die Telemedizin erlebt offenbar derzeit ein so nie dagewesenes Plus: Die Anbieter Kry und TeleClinic erhielten laut Angaben von Dr. Kaske innerhalb der letzten Zeit 200 Prozent (Kry) beziehungsweise 50 Prozent (TeleClinic) mehr Anfragen pro Woche.1 Das sehen laut Tagesspiegel-Civey vom 11. März auch die Patienten so: 51,4 Prozent gaben bei einer kürzlichen Befragung an, dass sie Sprechstunden mit ihrem Arzt per Videochat nutzen würden, wenn ihre Krankenkasse die Kosten trägt.2

 

Die Vorstellung, in dieser Zeit zum Arzt zu gehen und sich versehentlich im Wartezimmer des Arztes mit einem heiklen Virus anzustecken, behagt wohl manchem Menschen derzeit nicht – und hilft der Telemedizin und anderen digitalen Angeboten damit massiv auf die Sprünge. Dass die derzeitige Lage darauf hinwirkt, dass das so weiter geht, glauben offenbar auch 71 Prozent aller Hersteller - Investitionen sollen nun verstärkt in die Digitalisierung von Angeboten des Gesundheitswesens und der Pharmabranche fließen.3

 

Der Apothekenmarkt: Ein Umdenken hin zum eCommerce

 

Auch Fabian Kaske, Managing Director der Marketingagentur Dr. Kaske, ging kürzlich im Podcast WIRKSTOFF.A von ApothekeAdhoc auf eine Kaske-Studie zu den Auswirkungen der Corona-Krise ein. Dort stellte er heraus, dass die derzeitige Situation den eCommerce und somit das Wachstum des Versandhandels auf dem Apothekenmarkt deutlich beflügeln dürfte. Gründe dafür seien das aktuell propagierte Social Distancing aus Selbst- und Fremdschutz und die wachsende Zahl an Menschen in Quarantäne. Letztere suchten im Internet vermehrt nach Gesundheitsprodukten, kontaktarmen Lieferoptionen und seien deutlich länger im Internet als vor der Krise.

 

Zum momentanen Umdenken hin zum eCommerce auf dem Apothekenmarkt sagte Kaske im Podcast WIRKSTOFF.A: „Bisher haben viele Menschen noch gezögert, ob sie persönliche Daten und Bezahldaten preisgegeben möchten und ob die Onlinelieferung klappt.“4 Doch all das werde momentan in dieser Krise mit Ladenschließungen, Home Office & Co erlernt. „Wir gehen daher davon aus, dass sich bei fortlaufender Krise der der Versandhandelsanteil im OTC-Bereich auf ein Niveau von 30 Prozent einpendeln könnte. Zum Vergleich: Der Anteil des Versandhandels am OTC-Markt liegt derzeit noch bei 20 Prozent“, sagte Kaske im selben Podcast.5

 

Corona-Krise: Vervielfachte Nachfrage bei Versendern

 

Deutliche Bewegungen am Markt in der Hinsicht, dass sich das Versandvolumen derzeit in ungeahnte Höhen hochschraubt, sind offensichtlich. Viele Versender baten Kunden seit Ende Februar um Nachsicht, dass es aufgrund der derzeitigen Corona-Epidemie zu Verzögerungen und eingeschränkter telefonischer Erreichbarkeit käme. Zwischenzeitig mussten Berichten zufolge manche Versandapotheken kurzzeitig Neukunden ablehnen oder ihr Portal vom Netz nehmen.

 

Auch eine apomio-Rückfrage beim Bundesverband Deutscher Versandapotheken (BVDVA) kann diese Tendenz bestätigen. So berichtete die Presseabteilung des BVDVA: „Das Nachfragevolumen ist stark gestiegen und es herrscht mitunter in der Abfertigungslogistik personeller Notstand. Seitens der externen Logistik sind dem BVDVA keinerlei Engpässe bekannt.“6 Fakt sei, dass die Aufträge alle erledigt würden, auch wenn zuweilen der eine oder andere Engpass aufkomme. „Nachfragemengen über den üblichen Bedarf hinaus werden mit den Kunden geklärt und nach entsprechenden Maßstäben beliefert“, so die Einschätzung des BVDVA zur aktuellen Bewältigung der überhöhten Nachfrage.7

 

Enormes Engagement bei stationären Apotheken

 

Doch auch stationäre Apotheken bieten ihren Kunden derzeit überdurchschnittlich gute Dienstleistungen und richten sich ganz am Bedarf der Kunden aus: „Die Apotheken vor Ort passen sich mit großem Engagement an die sich ändernde Lage in der Coronakrise an“, betont Christian Splett, Pressereferent der ABDA Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auf apomio-Anfrage.8 Dafür berate und schütze jede Apotheke ihre Patienten, informiere mit Plakaten und Bildschirmen, gebe Händedesinfektion in Offizinen aus und berate am Telefon besorgte Patienten. „In den Offizinen gibt es zusätzlich Abstandsmarken und Plexiglasscheiben“, macht Splett deutlich und ergänzt: „Der Botendienst, der seit März auf Hochtouren läuft, hilft ebenfalls dabei, unnötige Kontakte und Infektionsrisiken zu vermeiden, indem sowohl in Quarantäne befindliche Menschen als auch Risikopatienten schnell und kompetent versorgt werden.“9

 

Ärgste Widernisse der Apotheken, die Lieferengpässe der letzten zwei bis drei Jahre, würden auch derzeit noch eine Rolle spielen. Doch hierbei hätten Krankenkassen „die restriktiven Rabattverträge in diesen schwierigen Zeiten angepasst“, 10 wie Splett verdeutlicht, wodurch unnötige Zweit- oder Drittkontakte der Patienten vermieden würden. Gemeint sind beispielsweise Abgabeerleichterungen für Rezepte, bei denen ein Rabattartikel gerade nicht auf Lager oder lieferfähig ist. Sämtliche GKV haben die Rabattverträge zunächst gänzlich ausgesetzt, sodass bis zum 30. April kein rabattiertes Medikament bestellt werden muss und Patienten nicht ein zweites Mal zur Apotheke müssen.11

 

Blick in die Kristallkugel: Das könnte die Zukunft bringen

 

Um eine Zukunftsprognose abzugeben, hat sich die Marketingagentur Dr. Kaske ähnliche Kriseneffekte auf den Apothekenmarkt angeschaut: „Die Sars-Krise in Asien war seinerzeit ebenfalls ein Katapulteffekt für den Onlinehandel. Auch in dieser Zeit ist der eCommerce in nie gekannte Höhen geschnellt, als die Menschen in Heimquarantäne waren“, so Fabian Kaske im Podcast mit Apotheke Adhoc.12 Diese Tendenz sei anschließend natürlich zurückgegangen, das Ganze habe sich aber danach auf einem deutlich höheren Niveau eingependelt. Als Gründe dafür nennt der Experte den Preisvorteil und die höhere Bequemlichkeit des Versandwegs für den Kunden und die gesenkte Markteintrittsbarriere nach einer derartigen Krise.

 

Ein Mann auf einem Laptop-Bildschirm hält eine Tüte nach draußenAußerdem komme in nicht allzu ferner Zukunft das eRezept hinzu: „Wir haben auf dem RX-Markt den großen 'Beschleuniger' eRezept. Die große Frage wird sein, ob das Thema krisenbedingt noch einmal verschoben wird oder doch beschleunigt wird.“ 13 Gerade in der derzeitigen Lage komme ein schlagkräftiges Argument hinzu, weil medizinische Dienste wie der digitale Arztbesuch per App momentan höhere Nutzerzahlen zeigen. „Man könnte einwerfen, dass gerade jetzt für viele Patienten das eRezept besonders spannend wäre“, analysiert Kaske in Hinblick auf Onlineverschreibungen. Das sei jedoch nicht vor dem ersten Quartal 2021 denkbar, da das eRezept noch auf die passende Telematikinfrastruktur warten muss. Der Experte glaubt, dass die Umsätze im RX-Bereich bis zur Einführung des eRezepts relativ stabil bleiben dürften. In einer Dr.Kaske-Studie zum eRezept ging die Agentur noch davon aus, dass im Worst Case bis Ende 2030 nur noch knapp 12.000 Apotheken in Deutschland existieren werden: „Was man heute schon sagen kann ist, dass durch Corona dieser Worst Case wahrscheinlicher geworden ist“, vermutet Kaske im Interview.14

 

Zwar sei auch bei den stationären Apotheken ein Umsatzwachstum zu verzeichnen durch höhere OTC-Käufe und Rezepteinlösungen, aber viele Endverbraucher würden momentan noch viel stärker den Nutzen von Onlineapotheken kennenlernen. „Dementsprechend ist Corona zwar nicht sofort negativ für die Apoteheke Vor Ort, könnte aber mittel- und langfristig An-Beschleuniger sei“, so der Experte.15

 

Apotheken in Corona-Zeiten: Das wünschen sich die Kunden

 

Auch BD Rowa, Kommissionierautomat-Hersteller in Deutschland, wollte kürzlich wissen, welche Versorgungsrolle Apotheken aktuell im Leben der Menschen übernimmt. Diesbezüglich gab das Unternehmen kürzlich eine repräsentative Umfrage unter 1000 Deutschen in Auftrag. Zum Umfrageergebnis sagte Dirk Bockelmann, Global Commercial Director bei BD Rowa: „Gerade in diesen Zeiten zeigt sich, dass die Apotheke vor Ort eine grundlegende Rolle in der Versorgung der Menschen spielt. Dazu gehören auch Pickup-Terminals, die wir beispielsweise schon in den Nachbarländern Niederlande und Belgien im Einsatz haben“, sagt Bockelmann.16 Dies schütze vor allem das Personal in Grippezeiten oder auch im aktuellen Fall wie COVID-19. In der Umfrage hatten sich demnach viele Patienten mehr Flexibiliät von stationären Apotheken gewünscht: 45 Prozent der Befragten wünschten sich 24/7-Abholfächer und knapp 38 Prozent eine diskretere Beratung. Auf der anderen Seite betrachten 81 Prozent der Umfrageteilnehmer Apotheken vor Ort als besonders angenehm, weil sie dort am schnellsten ihr Arzneimittel erlangen und gut beraten werden.17

Maria Köpf
Autor: Maria Köpf

Frau Maria Köpf ist seit 2018 als freie Autorin für apomio tätig. Sie ist ausgebildete Pharmazeutisch-technische Assistentin und absolvierte ein Germanistik- und Judaistik-Studium an der FU Berlin. Inzwischen arbeitet Maria Köpf seit mehreren Jahren als freie Journalistin in den Bereichen Gesundheit, Medizin, Naturheilkunde und Ernährung. Mehr von ihr zu lesen: www.mariakoepf.com.

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