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Langzeitstillen - zu Recht verschrien?

Kommentar schreiben Montag, 09. März 2020

Vielleicht gehörst Du zu der großen Gruppe von Personen, die gerade nicht stillen. Vielleicht bist Du ein Mann und willst den Artikel schon wegklicken. Doch Stopp! Stillen und insbesondere das Stillen schon älterer Kleinkinder sorgt in der breiten Öffentlichkeit immer noch für Aufsehen, bis hin zu erstauntem Kopfschütteln. 22 Dies mag verwunderlich erscheinen in Zeiten, in denen der Anblick einer weiblichen Brust beinahe etwas Alltägliches geworden ist. Doch vielleicht liegt genau hier die Ursache des peinlich berührt seins und der häufig ablehnenden Worte. In einem dürfte in unserer Gesellschaft Konsens herrschen. Die Brust dient in erster Linie dem Säugling als unersetzbare Nahrungsquelle. Dagegen scheint das Stillen über das erste Jahr nach der Geburt hinaus ein großes Tabuthema zu sein. So beträgt die durchschnittliche Stillzeit hierzulande lediglich acht Monate.

 

Inhaltsverzeichnis:

 

Langzeitstillen, jeder versteht darutner etwas anderes  

Der Begriff Langzeitstillen vermittelt, es handele sich um etwas, welches über das Normale hinaus stattfindet. Unter den verschiedenen Quellen, welche versuchen das Übliche zu definieren hat, sich für Deutschland das Robert-Koch-Institut (RKI) als maßgebend herausgestellt. In seiner Empfehlung erachtet es eine Stilldauer von sechs Monaten für die Entwicklung des Kindes für sinnvoll. Zusätzlich spricht sich das RKI bis zum zweiten Lebensjahr für eine parallele Ernährung mit Muttermilch und Beikost aus.1,2,3 Angaben über die Dauer des Stillens, also auch Daten über Langzeitstillen können wissenschaftlich zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar benannt werden.4 So liegt es nahe, Stillen, welches über den vom RKI empfohlenen Rahmen hinausgeht, als Langzeitstillen zu definieren.

Nicht das Vorhandensein geeigneter Nahrung für Kleinkinder5, sondern vorwiegend die Arbeitsbedingungen der Mütter scheinen das Abstillen zu beeinflussen.6 Vielleicht erklärt dies den vergleichsweise hohen Anteil von Frauen in gehobenen Bildungsschichten, welche sich für ein längeres Stillen entscheiden.7

Wie sehr das Stillverhalten von sozialen und Umweltfaktoren abhängig ist, zeigt der Vergleich zwischen verschiedenen Zeitaltern. Vor über zwei Millionen Jahren wurden die Säuglinge lediglich für 12 Monate von der Mutterbrust ernährt8. Deutlich länger wurden die Kleinen in der Steinzeit mit Muttermilch ernährt. Noch vor 40 Jahren galt es als unschick sein Baby zu stillen. Eine Tradition gelang ins Wanken.9 Heute gehören Männer mit Kinderwagen ebenso in unser Alltagsbild wie das breite Selbstverständnis zu stillen.  

 

Muttermilch für das Kindergartenkind?  

Außenstehende halten das Verhalten langzeitstillender Mütter meist für befremdlich. Die Frauen selbst dagegen empfinden das Stillen bis hin zu fünf und mehr Jahren als normal. Ist es die Eifersucht des Partners? Der Einfluss des Vaters auf das Stillverhalten der Frau ist in einigen Studien belegt.10 Neben einem möglichen sexuellen Aspekt kann eine finanzielle, also auch berufliche Notwendigkeit gegen ein längeres Stillen sprechen. Gleich nach der Geburt sucht das Kind instinktiv die Brust der Mutter. Der frühe Körperkontakt (Bonding) scheint dem Mann indes verwehrt. Doch einzig das Stillen kann er nicht leisten. Das als Bindungshormon bekannte Oxytocin wird indes bei jeder Art positiven Körperkontaktes zwischen Elternteil und Kind ausgeschüttet.

Kinder- und Jugendpsychologen sehen keinen Anhalt für die Befürchtung, langes Stillen würde die Kinder in erwachsenem Alter unselbstständig machen.11 In unserer Gesellschaft sind jedoch Extreme in beide Richtungen bekannt. Kinder, welche nicht gestillt werden ebenso, wie Mütter, welche ihrem Kind bis ins vorpubertäre Alter hinein die Brust anbieten. Wissenschaftliche Arbeiten konnten aufzeigen, dass Kinder aus Gesellschaften, in denen Stillen traditionell verhaftet ist, ein höheres Maß an sozialer Kompetenz zeigen als Kinder die keine Brustnahrung erhielten.19,20 Selbst sexueller Missbrauch wird im Zusammenhang mit Langzeitstillen in manchen Beiträgen erwähnt. Die Beispiele vermögen einen Einblick zu geben, wie schmal der Grat zwischen Akzeptanz und Ablehnung sein kann.

 

Gefährdet Langzeitstillen das Wohl des Kindes?  

Langzeitstillen ist nicht gleichzusetzen mit ausschließlichem Stillen.18 Eine alleinige Ernährung mit Muttermilch könnte weder die Mutter leisten, noch könnte die Brustnahrung ein Kleinkind ausreichend mit Nährstoffen versorgen. Laut einer Arbeit aus dem Jahr 2010 sind Kinder, welche länger als sechs Monate gestillt wurden, besser gegen psychische Probleme gewappnet.16 Mütter die ihre Kinder auch nach dem zweiten Lebensjahr stillen, berichten jedoch von gelegentlichen intimen Momenten, bei denen die Versorgung mit Nährstoffen nicht mehr im Mittelpunkt steht.12 Dennoch kann nach Ablauf eines halben Jahres immer noch über 90 Prozent des Energiebedarfs durch die Muttermilch gedeckt werden. Selbst nach 16 Monaten kann das Kind die Hälfte der benötigten Kalorien allein durch das Stillen aufnehmen.13 Ähnlich umfangreich sieht die Situation bei der Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen aus.14

Ebenso kann das Stillen aus Sicht der Allergologen einen wirksamen Schutz bei der Entstehung von Allergien beitragen. Mindestens vier Monate sollte der Säugling ausschließlich Muttermilch erhalten. Die Gabe von Kuhmilch oder Sojamilch, wie sie meist als Ersatz für die Muttermilch gegeben wird, kann hingegen zu einer Übersensibilisierung und der Entwicklung vielfältiger Allergien führen.15 Verschiedene Organisationen, wie die American Academy of Pediatrics kommen zu dem Schluss, dass das Stillen über die empfohlenen Richtlinien hinaus ohne negative Auswirkungen auf Mutter oder Kind möglich ist. Wichtig sei indes, dass beide, Mutter und Kind diesen Wunsch äußern.17

 

Was, wenn der Milchfluss versiegt? 

Die weitaus häufigste Ursache für ein vorzeitiges Abstillen liegt in einem Mangel an Muttermilch begründet.21 Vielfach wird der Verzicht auch mit Schmerzen beim Stillen begründet. Ebenso können soziologische Gründe bisweilen zu einem frühzeitigen Verzicht auf das Stillen führen. Ein Fünftel aller an einer Studie beteiligten Mütter gab an, für das Stillen in der Öffentlichkeit kritisiert worden zu sein.23 Bereits Ende des 18. Jahrhunderts gab es erste Bemühungen, Babys neben der Muttermilch industriell hergestellte Nahrung anzubieten.22 Vorgekaute Nahrung, wie sie in vergangenen Jahrhunderten üblich war, wurde ersetzt durch eine Vielfalt an Nahrungsangeboten. Von der Milchnahrung bis hin zur Beikost lässt sich die Ernährung für das Baby heute individuell, sogar online, planen. Gesunde Ernährung, wenn möglich in Bioqualität, hat beinahe jeder Hersteller in seinem Sortiment. Auch der eigene Garten bietet während der Saison ein reichhaltiges Angebot.

 

Was sollen Mütter nun tun?  

Kein gut recherchierter Artikel wird auf den Hinweis verzichten, Stillen bis zum sechsten Monat als die beste Ernährung für das Kind zu propagieren. Selbst namhafte Hersteller von Babynahrung weisen darauf hin. Darüber hinaus bleibt es jeweils die Entscheidung der Mutter beziehungsweise beider Partner, inwiefern das Kind weiter gestillt werden soll.  Wichtig ist ausschließlich, die altersentsprechenden Nahrungsbedürfnisse des Kindes zu kennen und zu beachten.

Die Diskussion hinsichtlich des Langzeitstillens mag bei Kritikern wie Befürwortern eine gewisse Berechtigung zu besitzen. Betrachtet man indes die hohe Zahl an Kindern (fast 90 %), welche nicht nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und der WHO gestillt werden, gibt es noch einen großen Aufklärungsbedarf rund um das Thema Stillen.

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Jürgen Kressel
Autor: Jürgen Kressel

Sein beruflicher Werdegang hat sich in letzter Zeit mit persönlichen Vorlieben verbunden. Als Medizinisch technischer Assistent haben sich die Erfahrung und Ehrgeiz zu einem ganz ordentlichen Wissen auf einigen Gebieten entwickeln können. Fachlich ist er vor allem im Bereich der Allergologie (insbesondere Nahrungsmittelallergien), Endokrinologie (allgemein und Kinderwunsch) und Gastrologie versiert. Seine letzten Berufsjahre als MTA hat er in einem Notfalllabor eines großen Krankenhauses eingebracht.

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