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Konfrontation mit dem Tod - So trauern Kinder

Kommentar schreiben Dienstag, 28. Juli 2020

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, steht die Welt still. Für Kinder stellt die Konfrontation mit dem Tod eine ebensolche Belastungssituation dar wie für Erwachsene. Ihre Trauer zeigen sie jedoch in der Regel auf etwas andere Art und Weise. In ihrem Trauerprozess sind sie auf empathische Bezugspersonen angewiesen, die sie ernstnehmen und ihre Fragen ehrlich beantworten.

 

In folgendem Artikel befassen wir uns eingehend mit Trauer bei Kindern. Warum trauern Kinder anders als Erwachsene und wie zeigt sich ihre Trauer? Besonderes Augenmerk soll daraufgelegt werden, wie man Kindern den Tod begreiflich machen kann und ihnen hilft, mit Trauer umzugehen. Hier gelangt die Bedeutung von Trauerritualen in den Fokus.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Kinder trauern anders als Erwachsene

 

Ein Mädchen sitzt mit seinem Teddy auf dem Boden.Kinder haben eine eigene – oft bildliche – Denkweise. Ihr Umgang mit Tod und Trauer unterscheidet sich von dem Erwachsener mitunter enorm. Je jünger das Kind, desto schwieriger fällt es zudem die Endgültigkeit des Sterbens zu begreifen. Gerade kleinen Kindern fehlt das Verständnis dafür, dass jemand nie mehr wiederkehrt. Nicht selten warten sie vergebens darauf, dass der Verstorbene zurückkommt. Hier ist es wichtig, dass Erwachsene dem Alter des Kindes entsprechend ehrliche Worte finden, die die Tatsachen nicht beschönigen. Versinnbildlichungen, wie jemand sei eingeschlafen oder sitze auf einer Wolke, können nicht nur für Verwirrung sorgen, sondern auch Angst machen.1

 

Wie Kinder trauern, ist vom jeweiligen Alter, dem Naheverhältnis zum Verstorbenen sowie der individuellen Persönlichkeit abhängig. Sterben und Tod wird – wie bei Erwachsenen auch – stets als immense Belastungssituation erlebt, auch wenn sich das durchaus unterschiedlich äußert. Es muss hier bedacht werden, dass Kinder viel mehr im Hier und Jetzt leben, gerade was ihre Gefühlswelt anbelangt. Emotionen wie Traurigkeit, Freude, Wut oder Fröhlichkeit können mitunter sehr rasch wechseln. Der Trauerprozess findet nicht so linear wie bei Erwachsenen statt, sondern ist deutlichen Schwankungen unterworfen. Auch Wut und Aggression kommen bei trauernden Kindern viel stärker zum Ausdruck, weil die Affektregulierung noch nicht entsprechend vorhanden ist. Zudem neigen Kinder stärker dazu, den Tod nicht wahrhaben zu wollen beziehungsweise dessen Endlichkeit nicht zu begreifen. Mitunter verhalten sie sich dann so, als ob gar nichts passiert wäre, was irritieren kann.2

 

Nicht zuletzt orientieren sich Kinder – wie meistens – an Erwachsenen, was ihren Umgang mit Trauer angeht. Dass nahe Bezugspersonen dahingehend gespiegelt werden, ist demnach nicht ungewöhnlich.3

 

Wie zeigt sich Trauer bei Kindern?

 

Neben der Tatsache, dass Trauer bei Kindern sehr sprunghaft stattfindet und Endlichkeit mitunter schwer gefasst werden kann, zeigen sich innere Prozesse anhand einer Vielzahl unterschiedlicher Gefühle bis hin zur Somatisierung.

 

Klassische Anzeichen sind hier:

 

  • Ängste (oftmals starke Trennungs- und Verlustängste)
  • Schuldgefühle
  • Traurigkeit
  • Ohnmacht
  • Verzweiflung
  • Wut und Aggression
  • Niedergeschlagenheit
  • Vorwurfhaltung
  • Resignation
  • Schlafstörungen
  • Somatisierung (Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, …)
  • Regression in frühere Entwicklungsphasen (zum Beispiel: Einnässen, Rückschritt zur Babysprache etc.)4

 

Nachdem vor allem kleinen Kindern zudem sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Trauer fehlen, zeigen sich entsprechende Prozesse häufig in ihrem täglichen Tun. Etwa beim Spielen oder Malen. Hier ist es ratsam, etwas genauer hinzusehen, um Zugang zur kindlichen Gefühlswelt zu erhalten. Sehr detaillierte Fragen zu Tod und Sterben sind vor allem für ältere Kinder typisch. Sie möchten den Tod verstehen und sind auf ehrliche Antworten angewiesen.5

 

Wie erklärt man Kindern den Tod?

 

Ein Mädchen umarmt seinen Vater.Wenn Kinder nach dem Sterben fragen, ist das für Eltern nicht immer einfach. Viele Erwachsene versuchen tunlichst, Kinder vor Trauer zu schützen und gehen dementsprechend zögerlich mit Informationen um. Dabei sind Kinder auf Ehrlichkeit angewiesen, um den Trauerprozess entsprechend durchlaufen zu können. Wird Wesentliches vor ihnen verheimlicht, spüren sie das. Nicht selten hat das eine gewisse Dynamik zur Folge. Umso wichtiger ist es, dass Bezugspersonen Fragen nach dem Tod ernst nehmen und so ehrlich wie möglich beantworten.6

 

Wie man mit Kindern über das Sterben spricht, ist immer auch vom jeweiligen Alter abhängig. Je jünger das Kind, desto einfachere Worte müssen gefunden werden. Empathie ist das A&O. Fragen der Kinder einfühlsam und ehrlich zu beantworten, hat Priorität. Wichtig ist es zudem, deutlich zu machen, dass der Verstorbene nicht wiederkommt und auf Versinnbildlichung (ist eingeschlafen, weilt auf einer Wolke, …) zu verzichten.

 

Den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren, über den man sehr traurig sein darf, ist kein leichtes Unterfangen. Entsprechende Empathie braucht es in der Kommunikation.

 

Sollen Kinder mit zur Beerdigung?

 

Stirbt ein Angehöriger oder Freund der Familie, stellt sich häufig die Frage, ob Kinder mit zur Beerdigung sollen. Dies ist nicht pauschal zu beantworten, eine individuelle Betrachtungsweise ist wichtig. Fest steht: Kein Kind sollte gegen seinen Willen einer Beerdigung beiwohnen müssen, das kann traumatisierend wirken. Vor allem älteren Kindern muss aber sehr wohl die Möglichkeit gegeben werden, an der Zeremonie teilzunehmen, wenn sie das möchten. Dazu sind im Vorfeld entsprechende Informationen wichtig. Kinder müssen behutsam auf den Ablauf einer Beerdigung vorbereitet werden. Auch die zu erwartende Gefühlslage – sowohl anderer Trauergäste, als auch des Kindes selbst – sollte thematisiert werden.7

 

Sinnvoll ist außerdem, dass das Kind während der Beerdigung durch einen nahestehenden Erwachsenen, der selbst nicht allzu sehr betroffen ist, betreut wird. Auf diese Weise kann die Beisetzung bei Bedarf jederzeit verlassen werden. Manchen Kindern ist es außerdem wichtig, in den Ablauf der Zeremonie eingebunden zu werden. So können sie etwa den Grabschmuck aussuchen oder im Vorfeld einen Brief verfassen beziehungsweise ein Bild malen, das den Verstorbenen auf seinem letzten Weg begleitet. Das Gefühl, etwas beitragen zu können, kann durchaus stabilisierend wirken.8

 

Ab welchem Alter Kinder an einer Beerdigung teilnehmen können oder sollen, lässt sich nicht allgemein beantworten. Grundsätzlich muss aber natürlich bedacht werden, dass die Beisetzung ein Ereignis ist, das nicht wiederholt werden kann. Der Zeremonie beizuwohnen, kann für die Verarbeitung der Geschehnisse von großer Bedeutung sein. Je kleiner das Kind ist, desto geringer ist jedoch der Mehrwert einer Teilnahme. Vor allem Kinder unter drei oder vier Jahren kann man kaum auf den Ablauf vorbereiten. Außerdem reagieren sie auf die emotionsgeladene Stimmung mitunter deutlich, sind dann vielleicht aufgebracht, unruhig oder ängstlich.9

 

So helfen Sie Ihrem Kind, mit Tod und Trauer umzugehen

 

Was Kinder brauchen, um bestmöglich durch den Trauerprozess zu kommen, sind Erwachsene, die ihnen Geborgenheit schenken, ihre Fragen aufrichtig beantworten, mit ihrer Gefühlswelt umgehen können und sie ernstnehmen. Trauernde Kinder sind also auf empathische Bezugspersonen angewiesen, die nichts schönreden oder gar verheimlichen. Darüber hinaus kann Kontakt mit anderen Betroffenen (Selbsthilfegruppe) oder aber auch therapeutische Begleitung sinnvoll sein.

 

Vor allem kleine, aber auch größere Kinder profitieren mitunter davon, ihrer Trauer kreativ Ausdruck zu verleihen. Was hier als hilfreich empfunden wird, ist individuell ganz verschieden. Manche Kinder basteln oder gestalten gerne, während andere Tanz, Theater oder Rollenspiele für sich nutzen. Auch im freien Spiel und beim Malen und Zeichnen können verschiedenste Gefühle gut bearbeitet werden.10

 

Je kleiner das Kind, desto wichtiger ist es, Alltagsroutinen so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Das schafft Struktur und gibt ein Gefühl von Sicherheit.11

 

Darüber hinaus ist es unbedingt notwendig, dass Eltern die Trauer ihrer Kinder als etwas Individuelles akzeptieren. So gibt es beispielsweise Kinder, die sich wenig öffnen. Vor allem Jugendliche neigen dazu, Gefühle lieber mit Freunden zu besprechen als innerhalb der Familie. Solche Verhaltensweisen sollten von Erwachsenen respektiert werden. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass nicht immer wieder Bereitschaft zum Gespräch signalisiert werden kann. Druck ist hier aber absolut fehl am Platz.

 

Ebenfalls ist es ratsam, das Umfeld des Kindes (Kindergarten, Schule, Vereine, …) über den Verlust zu informieren. So können auffallende Verhaltensweisen besser eingeordnet werden und entsprechende Rücksichtnahme ist möglich.

 

Trauer bei Kindern: Rituale können helfen

 

Trauerrituale können Kindern Struktur und Halt geben. Auch für den Verarbeitungsprozess selbst spielen sie eine bedeutende Rolle. So helfen sie nicht nur dabei, dem Verstorbenen zu gedenken, ebenso verleihen sie unterschiedlichen Emotionen Ausdruck. Darüber hinaus ist das Gefühl, aktiv etwas tun zu können, für viele Kinder hilfreich - gerade in einer Situation, in der sie sich sehr ohnmächtig fühlen.

 

Wie solch ein Trauerritual für Kinder aussehen kann, ist von individuellen Wünschen, Bedürfnissen und Ideen abhängig. Einen festen Rahmen gibt es nicht. Rituale entstehen häufig anlassbezogen und spontan. Einige Ideen möchten wir abschließend dennoch gerne mit auf den Weg geben:

 

  • Das Grab, einen bestimmten Ort im Garten oder den Lieblingsplatz des Verstorbenen liebevoll schmücken
  • Als Schmuck darf gerne Selbstgestaltetes (Windrad, ein bemalter Stein, ein Windlicht, …) dienen.
  • Luftballons mit verschriftlichten Gedanken steigen lassen
  • Einen Brief oder ein Gedicht schreiben, kleinere Kinder malen ein Bild
  • Eine Schatzkiste mit verschiedenen Erinnerungen füllen
  • Eine Kerze gestalten, die zum Gedenken angezündet werden kann
  • Gemeinsam in schönen und lustigen Erinnerungen schwelgen
  • Ein spezielles Erinnerungsstück (Kaffeetasse, Kissen, T-Shirt, …) aufbewahren
  • Einen Gedenkbaum (oder eine andere Pflanze) einpflanzen
  • Beim Begräbnis: einen Brief, ein Stofftier oder anderes Erinnerungsstück mit ins Grab legen; Musik oder Blumenschmuck auswählen; an der Trauerrede mitwirken
Daniela Jarosz
Autor: Daniela Jarosz

Daniela Jarosz ist Sonder- und Heilpädagogin. Während des Studiums hat sie sich intensiv mit Inhalten aus Medizin und Psychologie auseinandergesetzt. Sie arbeitet seit vielen Jahren im psychosozialen Feld und fühlt sich außerdem in der freiberuflichen Tätigkeit als Autorin zuhause. Im redaktionellen Bereich hat sie sich auf die Fachrichtungen Medizin, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Work-Life-Balance sowie Kinder und Familie spezialisiert.

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