© Dean Drobot - 123rf.com

Toxische Menschen – und wie sie ihre Umgebung vergiften

Kommentar schreiben Dienstag, 07. April 2020

Kennen Sie das? Sie haben Kontakt mit einem Menschen und fühlen sich danach irgendwie müde, erschöpft, vielleicht auch niedergeschlagen oder gereizt. Ihr Bauchgefühl rät Ihnen, diese Person zu meiden. Wahrscheinlich haben Sie es mit einem sogenannten „toxischen“ Menschen zu tun, also mit jemandem, der seine Umgebung buchstäblich nach und nach „vergiftet“ – meist in schleichender und zunächst unauffälliger Art und Weise. Toxische Menschen können einem überall begegnen – ob am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld. Umso wichtiger ist es, sie und ihr giftiges Treiben frühzeitig zu erkennen und zu lernen, sich von ihnen abzugrenzen.

 

Toxische Menschen weisen meist ausgeprägte Persönlichkeitszüge in Form der sogenannten „dunklen Triade“1 auf. So nennen Wissenschaftler die Kombination aus drei ziemlich zerstörerischen menschlichen Zügen, die häufig zusammen auftreten: Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Narzissmus zeigt sich in einer ausgeprägten Selbstüberhöhung bzw. -überschätzung, einer extremen Gier nach Bewunderung, gepaart mit der Unfähigkeit, Kritik an der eigenen Person anzunehmen. „Machiavellisten“ sind machthungrige Menschen, die andere gnadenlos manipulieren, um ihre eigenen Ziele durchzusetzen. Dabei agieren sie oft völlig mitleidlos und gehen buchstäblich „über Leichen“, sprich über moralische und nicht selten auch gesetzliche Grenzen. Haben narzisstische und machiavellistische Menschen dann auch noch ausgeprägt psychopathische Züge, sind sie ganz besonders wesenskalt, mitleid- und empathielos und kennen in ihrer Rücksichtslosigkeit weder menschliche Werte noch Tabus.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Die „dunkle Triade“ macht das Gift

 

Toxischen Menschen gelingt es verblüffend gut, die eigenen Ziele zu erreichen. Sie kommen häufig erst einmal gut an, wirken charmant, faszinierend und insgesamt positiv. Ihre Rücksichtslosigkeit wird zunächst als Durchsetzungskraft und „Power“, ihre Mitleidlosigkeit als „Coolness“ verkannt. Dazu kommt: Kaum jemand hält sie auf. Denn obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung vergleichsweise klein ist, so ist ihre Wirkung doch oft durchschlagend, da alle anderen so anständig sind, dass sie nicht wissen, wie sie dem bösen Treiben ein Ende setzen sollen. 

 

Im Grunde trägt jeder Mensch den Ansatz in sich, toxische Umgangsformen zu entwickeln – jeder, der wenigstens ein bisschen Selbsterkenntnis besitzt, wird „dunkle“ Anteile in sich selbst identifizieren können. Ob sich jemand zu einer toxischen Persönlichkeit entwickelt, hängt letztlich von der Ausprägung der entsprechenden Anteile, von Sozialisation und Erziehung ab. Diese Faktoren werden in der Regel entscheiden, ob letztlich die positiven (sozialverträglichen) oder die negativen (toxischen) Persönlichkeitszüge die Oberhand gewinnen.

 

Woran man sie erkennt ...

 

Wer die typischen Wesenszüge eines toxischen Menschen erkennt, dem fällt es leichter, sich vor ihm und seiner giftigen Wirkung in Acht zu nehmen. Wichtig ist nur, dass man nicht jeden, der sich einmal wenig sozialverträglich benimmt, gleich als toxischen Menschen charakterisiert – vielleicht macht der Betreffende gerade nur eine schwierige Zeit durch oder hat sich über irgendetwas besonders geärgert. Wirklich toxische Menschen legen über lange Zeit immer wieder dieselben Verhaltensmuster an den Tag, sie

  • tun alles, um ihren Willen zu bekommen – auch lügen, (emotional) erpressen, erniedrigen, Schuldgefühle erzeugen ...;
  • wissen alles besser;
  • kritisieren, hetzen, petzen, mobben, spielen Menschen gegeneinander aus;
  • stellen sich permanent als Opfer der anderen dar, um jemanden auf ihre Seite zu ziehen;
  • entschuldigen sich für nichts (denn sie sind ja an nichts schuld, sondern die anderen sind´s!);
  • brechen schon wegen Kleinigkeiten Streit vom Zaun;
  • sind grenzüberschreitend und übergriffig;
  • belegen andere vollkommen mit Beschlag, vor allem in engeren Beziehungen;
  • verhalten sich generell unsozial, rücksichtslos und destruktiv.

 

Fazit: Nicht jeder Mensch ist direkt toxisch, nur weil er sich ab und zu schlecht verhält. Erst wenn bestimmte Verhaltensmuster über einen längeren Zeitraum auftreten, kann man wirklich von toxischen Menschen sprechen.

 

... und wie ihr Gift wirkt

 

Die meisten Menschen, die in den unguten Wirkungskreis einer toxischen Person geraten, verspüren typischerweise u.a. Erschöpfung (toxische Menschen saugen anderen meisterhaft die Energie aus), Zweifel an der eigenen Wahrnehmung/am eigenen Verstand (die toxische Person stellt immer wieder so überzeugend die Tatsachen auf den Kopf, dass man am Ende nicht mehr weiß, was real und was Täuschung ist) sowie Schuldgefühle und Rechtfertigungszwang, denn eine toxische Person schafft es, durch wiederholtes Jammern, ewige Vorwürfe und Dauerklagen dem anderen das Gefühl zu geben, für ihr Elend verantwortlich zu sein.

 

Vorsicht vor giftigen Kollegen

 

Wer eine toxische Person im Team hat oder sogar ein Büro mit einem solchen Menschen teilen muss, braucht besonders gutes Rüstzeug, um sich gegen das Gift, dem er rund acht Stunden täglich ausgesetzt ist, zu wappnen. Je näher einem ein toxischer Kollege oder Vorgesetzter ist, desto schlimmer. So hat man schon automatisch Mühe damit, nicht von deren Toxizität angesteckt zu werden (und in der Folge immer mehr andere Menschen damit zu infizieren). Denn die Spiegelneuronen im Gehirn sorgen dafür, dass das toxische Verhalten eines anderen nach und nach auf einen selbst abfärbt2. Das bedeutet: toxisches Verhalten ist ansteckend!

 

Wie aber schaffen wir es, diese Ansteckung zu verhindern? Indem wir die „Giftigkeit“ dieser Menschen so schnell wie möglich erkennen und uns dann bewusst entscheiden: Ich will mich von der toxischen Person weder aus der Balance bringen noch anstecken lassen. Das bewirkt schon eine gewisse „Grundimmunität“. Ist eine toxische Person identifiziert, gilt: So viel Abstand wie möglich halten, nur die nötigsten Gespräche führen und ausschließlich auf der Arbeitsebene kommunizieren. Ist dies erschwert oder unmöglich, sollte man in Erwägung ziehen, den Vorgesetzten oder den Betriebs-/Personalrat einzuschalten; sie sind eventuell geschult im Umgang mit toxischen Menschen. 

 

Verliebt in einen toxischen Menschen?

 

Eine Frau weint und sitzt neben ihrem verärgertem FreundBesonders verhängnisvoll ist eine Liebesbeziehung mit einem toxischen Menschen. Die Kölner Beziehungsexpertin Tanja Grundmann, die ein Buch über toxische Beziehungen geschrieben hat, vergleicht in einem Radiointerview mit dem Südwestrundfunk3 die toxische Beziehung mit einer Berg- und Talfahrt zwischen „extrem schönen und extrem schrecklichen Momenten“. Eine Mischung aus „Liebe, Streit, Nähe, Hass und Trennungsandrohungen“ sei eine solche Beziehung. Tanja Grundmann zufolge sind Menschen, die ein „Mangelgefühl, eine tiefe Sehnsucht“ mitbrächten, besonders anfällig für toxische Persönlichkeiten. Zunächst erlebe man, dass der neue Partner genau diesen Mangel ausgleichen könne – doch ein toxischer Mensch kann dies nicht über längere Zeit gewährleisten. Typischerweise stelle der toxische Partner alles genau dann in Frage, wenn man glaube, endlich „angekommen“ zu sein. „Man fällt in einen irre tiefen Schmerz und hat das Gefühl, dass nur der Andere das wieder in Ordnung bringen kann“, sagt Grundmann. Und: „Wir tun alles dafür, um das Gefühl wieder zurückzubekommen. Das ist der Moment, in dem wir verletzbar und manipulierbar werden.“

 

Tanja Grundmann und anderen Experten4 zufolge bedeutet eine solch giftige Beziehung Dauerstress, der die Betreffenden immer mehr erschöpft. Oft werden Partner toxischer Menschen auch körperlich krank. Das Hauptproblem dieser Art von Partnerschaft benennt Tanja Grundmann so: „Ich weiß nicht, ob es das Schlimmste ist, was mir je passiert ist oder ob es die tollste Beziehung überhaupt ist. Man fragt sich: Ist das, was wir machen, absoluter Wahnsinn oder sind wir Pioniere der Partnerschaftserforschung?“

 

Dauerstress bis zur totalen Erschöpfung

 

Tanja Grundmann will Betroffenen helfen, indem diese zunächst einmal mit ihrer Hilfe erkennen, ob sie überhaupt in einer toxischen Beziehung stecken. Hierfür stellt sie auf ihrer Webseite5 einen Fragenkatalog zur Verfügung; werden mehr als vier davon mit „Ja“ beantwortet, ist die „Liebe“ in Wahrheit das pure Gift.

 

Eine toxische Beziehung zu beenden, fällt den meisten Betroffenen extrem schwer, da sie in einem Teufelskreis aus Liebe und Leid gefangen sind. Expertin Grundmann betont, man brauche in einem solchen Fall mitfühlende Menschen, die einem helfen, „sich selbst wieder zu verstehen und sich zu „ent-schulden“. Nur wer nachsichtig mit sich selbst umgehe, komme wieder „in seine Kraft zurück“. Und erst dann könne man konkret über Abgrenzung- und Trennungsentscheidungen nachdenken. Wem das allein zu schwer fällt, der sollte sich Hilfe bei einem Therapeuten oder in einer Beratungsstelle suchen.

 

Übrigens: Wer glaubt, seinen toxischen Partner „entgiften“, also heilen zu können, irrt in aller Regel. Ablegen können toxische Menschen ihre verhängnisvollen Eigenschaften nur selbst – vorausgesetzt, sie erkennen sich selbst und wollen sich wirklich verändern. Erfolgversprechend: ein Coaching oder eine Psychotherapie. Der Partner/die Partnerin könnte dann allenfalls unterstützen oder im Rahmen einer Paartherapie an der Genesung mitarbeiten.

Quellen anzeigen

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

Schreib einen Kommentar

help
help
help

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Zu unseren Datenschutzbestimmungen.

Beiträge die Sie auch interessieren könnten

Perfektionismus: Wenn „gut“ niemals „gut genug“ ist
Perfektionismus: Wenn „gut“ niemals „gut genug“ ist

Bestimmt kennen Sie auch so jemanden: eine Person, die immer alles zu 100 Prozent machen muss – weniger geht gar nicht. Den Kollegen, der immer als letzter nach Hause geht, weil er – seiner Meinung nach – die Arbeit noch nicht zufriedenstellend erledigt hat. Die Nachbarin, die ihre Rosenbüsche und ihren Rasen so perfekt haben will wie im stylishen Gartenmagazin. Das Mädchen aus der Klasse Ihres Sohnes, das immer heult, wenn es mal mit Zwei statt mit Eins benotet wir...

––– Weiter lesen