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Perfektionismus: Wenn „gut“ niemals „gut genug“ ist

Kommentar schreiben Montag, 26. November 2018

Bestimmt kennen Sie auch so jemanden: eine Person, die immer alles zu 100 Prozent machen muss – weniger geht gar nicht. Den Kollegen, der immer als letzter nach Hause geht, weil er – seiner Meinung nach – die Arbeit noch nicht zufriedenstellend erledigt hat. Die Nachbarin, die ihre Rosenbüsche und ihren Rasen so perfekt haben will wie im stylishen Gartenmagazin. Das Mädchen aus der Klasse Ihres Sohnes, das immer heult, wenn es mal mit Zwei statt mit Eins benotet wird. Perfektionismus zeigt sich in allen Bereichen des Lebens, ist bei jungen Menschen wie bei Erwachsenen ausgeprägt und bei denen, die auch mal fünfe gerade sein lassen, immer für eine spöttische Bemerkung gut. Perfektionisten sind selten beliebt bei ihrer Umwelt – leiden allerdings im Grunde selbst am meisten unter ihrem immerwährenden Streben nach Perfektion. Denn wer perfekt sein will, hat immer große Angst: Angst, etwas falsch zu machen. Angst, zu versagen. Angst, aufgrund der eigenen „Mangelhaftigkeit“ abgelehnt zu werden.

 

Allerdings ist die Grenze zwischen einem Menschen, der überaus gewissenhaft und ehrgeizig ist – oft etwas unfein als „Korinthenkacker“ oder wahlweise auch als Pedant, Pingel, „päpstlicher als der Papst“ usw. bezeichnet – und einem krankhaften Perfektionisten nicht einfach zu ziehen. Gegen die zuerst genannten Eigenschaften ist eigentlich wenig einzuwenden. Ein gewisses Streben nach Vollkommenheit ist wohl im Menschen verankert. Zudem braucht jede Gesellschaft die überaus gewissenhaften Menschen, um herausragende Leistungen zu erreichen, die etwas „schlampigeren“ Ergebnisse anderer auszugleichen und Verlässlichkeit zu sichern. Doch gibt es neben dem „gesunden“ Perfektionismus eben auch die ungesunde, neurotische, also pathologische Variante, die Art von Vollkommenheits-Sucht also, die einem Menschen nicht selten krank macht und ihn häufig zum Psychologen oder Psychiater führt.

 

Der Hauptunterschied lässt sich am besten so auf den Punkt bringen: Beim gesunden, vielfach als „pingelig“ bezeichneten Menschen stehen die Perfektion und das Ergebnis im Vordergrund. Bei Menschen, die es zu Ruhm und Spitzenerfolgen gebracht haben, war es wohl auch zu einem guten Teil ihr Perfektionismus, der sie zu so großen Erfolgen gebracht hat. Ihr Streben nach Höchstleistungen ist Leidenschaft und Lebenseinstellung zugleich, ohne dass es diese Menschen krank macht oder ihre Umgebung unangemessen in Mitleidenschaft zieht. Den neurotischen Perfektionisten treibt dagegen hauptsächlich die Angst an, Fehler zu machen, und wichtig sind ihm weniger die Leistung und das Ergebnis, sondern hauptsächlich die Außenwirkung. Sein Ziel ist, etwas absolut Perfektes zu leisten, um einem perfekten Bild von sich zu entsprechen und aus Angst, getadelt zu werden. Das treibt er mitunter so weit, dass er zunehmend in die Isolation und innere Einsamkeit gerät, was nicht selten auch in eine psychische oder physische Krankheit mündet.

 

Die Psychologie sucht nach den verborgenen Gründen

 

Psychologen und Psychiater befassen sich noch nicht allzu lange mit dem Thema Perfektionismus. Auf dem Markt sind einige Selbsthilfebücher für Betroffene, die für Menschen, die unter ihrer Störung stark leiden, jedoch nicht nachhaltig wirksam sein dürften. Fachliteratur zum Thema findet sich bislang kaum. Doch rückt das Thema mittlerweile mehr und mehr in den Fokus, wohl weil sich in der heutigen, extrem leistungsbezogenen Welt auch immer mehr dieser extremen Störungen zeigen. Experten konzentrieren sich bei der Diagnose wie bei der Behandlung von pathologischem Perfektionismus hauptsächlich auf die Gründe für die Störung. Entsprechend gelten derzeit auch zwei Erklärungsmodelle als grundlegend für das Erkennen eines krankhaften Perfektionismus.

 

Das sogenannte Sechs-Facetten-Modell weist sechs Merkmale (Facetten) als typische Symptome aus. Demnach ist ein Perfektionist durch 1. übermäßig hohe persönliche Standards, 2. starke Organisiertheit, 3. übertriebene Sensibilität für eigene Fehlleistungen, 4. starke Zweifel in Bezug auf eigene Leistungen, 5. verinnerlichte elterliche Erwartungs­haltungen und 6. andauernde elterliche Kritik gekennzeichnet. Im Sechs-Facetten-Modell gilt hauptsächlich das Verhalten (insbesondere eine besonders hohe Erwartungshaltung) der Eltern dem Betroffenen sein Leben lang als Maßstab für alles und führt zu dem Zwang, „immer alles richtig“ machen zu müssen.

 

Daneben richten sich viele Therapeuten auch nach dem Drei-Facetten-Modell: Demnach lassen sich zunächst drei verschiedene Arten von Perfektionismus unterscheiden: der auf sich selbst bezogene, der sozial vorgeschriebene und der fremdorientierte Perfektionismus. Im Rahmen dieses Modells befasst man sich, wie im Sechs-Facetten-Modell auch, mit der Frage nach den Ursachen des Perfektionismus; zudem wird untersucht, welche Person mit ihrer Bewertung für den Betroffenen so wichtig ist, dass er mit Vollkommenheitsstreben reagiert.

 

Mit einem viel beachteten psychodynamischen Modell zur Erklärung von krankhaftem Perfektionsstreben hat erst vor einigen Jahren der Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli  die bestehenden Erklärungsmodelle noch abgerundet. Bonelli, aktuell einer der gefragtesten Experten zum Thema, sieht im Entstehen von krankhaftem Perfektionismus die Konsequenz eines Vermeidungsverhaltens auf der Grundlage von großer Angst. Dieses Verhalten gründet ihm zufolge auf einem Missverhältnis zwischen dem Ideal (Soll), der individuellen Realität (Ist) und dem gefühlten Zwang, dem Ideal entsprechen zu müssen (Muss).

 

Wie Perfektionisten sich selbst und andere krank machen

 

Welches Modell man auch heranziehen mag – die Erklärungen, Symptome und genannten Phänomene lassen schnell erkennen, wie quälend ein ausgeprägter Perfektionismus nicht nur für das nahe Umfeld der zwanghaften Person, sondern vor allem auch für die Betroffenen selbst sein kann. 

 

Perfektionisten sind in ständiger Gefahr, von ihrem krankhaften Ehrgeiz geradezu aufgefressen zu werden. Um die (scheinbaren) Erwartungen anderer an sie zu erfüllen, werden sie nicht selten zu rücksichtslosen Konkurrenzkämpfern und Karrieristen, die alle anderen übertrumpfen wollen. Zugleich ist es ihnen schwer erträglich, Fehler zu machen und zuzugeben – eine solche „Unperfektheit“ glauben sie, sich nicht leisten zu können, und verkennen vollkommen, dass doch gerade nicht perfekte Menschen sympathisch sind. Werden sie ihren eigenen hohen Standards mal nicht gerecht, geraten sie in höchste Verzweiflung und denken oft, dass schon kleinste Fehler ihnen die Verachtung ihrer Umwelt einbringen. Ihr Selbstwertgefühl beruht in hohem Maß auf Leistungen und Erfolge; erreichen sie diese nicht, werten sie sich selbst ab.

 

Und das Streben nach Vollkommenheit bezieht sich nicht etwa nur auf den beruflichen Bereich. Auch im Privatleben sind neurotische Perfektionisten bestrebt, alles 100-prozentig zu machen – ob beim Sport, im Chor oder in der Familie. Unübertroffen sind sie auch darin, an die Menschen in ihrem Umfeld die eigenen perfektionistischen Maßstäbe anzulegen. Damit können sie auch andere krank machen – man denke nur an krankhaft ehrgeizige „Helikopter-Eltern“, die ihre eigene Störung buchstäblich an ihre Kinder weitervererben. Das Bestreben einer Mutter oder eines Vaters, beim Kind Vollkommenheit zu erreichen, kann dieses in ein schweres Dilemma stürzen. Es will zum einen die Erwartungen erfüllen, was aber bei perfektionistischen Erwartungen praktisch nie möglich ist. Befriedigt es die hohen Ansprüche jedoch nicht, muss es sich zwangsläufig immer wieder als „Versager“ fühlen. Die Folge ist dann häufig, dass dieses Kind auch noch als Erwachsener die überzogenen Ansprüche von Mutter oder Vater erfüllen will, statt – wie es gesund wäre – eigene Wünsche zu entwickeln, diesen zu folgen und zu lernen, an die eigenen Fähigkeiten und Talente angemessene Maßstäbe anzulegen. Es liegt also auf der Hand, dass Kinder von Perfektionisten häufig dieselbe Störung wie ihre Eltern entwickeln.

 

Krankhafter Perfektionismus: Ursachen und Folgen

 

Neben den prägenden elterlichen Verhaltensweisen oder den Einflüssen anderer Personen und Gleichaltriger werden heute auch genetische Faktoren zumindest teilweise als bedeutende Ursachen für die Entstehung eines krankhaften Perfektionismus angesehen. Eine Neigung zu dieser Störung kann also durchaus angeboren sein. Zugleich sieht die moderne Wissenschaft aber auch ein bestimmtes Verhalten als Ursache, gegen oder für das man sich durchaus „frei“ entscheiden kann – zum Beispiel das angstvolle Vermeiden von Fehlern. So ist bekannt, dass sogenannte „Workaholics“ in ihrer Kindheit von den Eltern allenfalls dann gelobt wurden, wenn sie etwas Größeres geleistet hatten. Bei ihnen hat sich demnach im Inneren das Gefühl ausgebreitet, weitgehend inkompetent oder ein kompletter Versager zu sein. Irgendwann, so die Meinung vieler Psychologen, haben sie beschlossen, statt z.B. zu resignieren oder im Leben tatsächlich zu versagen, immer neue Höchstleistungen zu schaffen, damit ihre (gefühlte) Inkompetenz nur ja niemand bemerkt. Damit gehen sie immer wieder über ihre eigenen Grenzen – bis sie irgendwann nur noch ein Burnout bremsen kann.

 

Tatsächlich muss, wer einen pathologischen Perfektionismus entwickelt, mit oft gravierenden Folgen für seine seelische und körperliche Gesundheit rechnen – abgesehen davon, dass Perfektionisten oft sehr einsame Menschen sind, da kaum einer sie mag. Der Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli bringt es mit einem prägnanten Formulierung auf den Punkt: „Perfektionismus (...) schießt sich ins eigene Knie, verengt den Handlungsspielraum und reduziert die persönliche Freiheit.“ Man kann es auch ganz einfach ausdrücken: Perfektionismus wird dann zum echten Problem, wenn die Erfüllung der eigenen hohen Ansprüche auf Dauer zu anstrengend wird und man immer mehr daran leidet.

 

Studien haben ergeben, dass Perfektionisten besonders oft mit bestimmten Störungen und Erkrankungen zu tun haben, darunter vor allem der schon genannte Burnout, aber auch Ess- und Zwangsstörungen, chronische Erschöpfung und ständige Kopfschmerzen, Depressionen und sogar Selbstmordgedanken oder tatsächlicher Suizid. Besonders häufig treten auch andere Neurosen im Zusammenhang mit Perfektionismus auf – wobei man dabei nur individuell bestimmen kann, welche davon als Ursache in Frage kommen und welche sich als Folge eines Perfektionismus einstellen. So sind ausgeprägte Perfektionisten nicht selten auch von Alkoholmissbrauch, Panik und Angst, Narzissmus und diversen Zwangsstörungen betroffen.

 

Wege aus dem Gefängnis der Perfektion

 

Perfektionismus ist also alles andere als einfach nur „Pingeligkeit“, sondern eine ernstzunehmende Störung, die mit einem hohen Leidensdruck bei den Betroffenen einhergeht. Wie aber nun herauskommen aus der elenden Spirale aus unerfüllbar hohen Erwartungen, Leistungsdruck und der Angst, zu versagen?

 

Ist der Perfektionismus leichter ausgeprägt, sind die Verhaltensweisen noch nicht zu tief in der Gesamtpersönlichkeit verwurzelt, kann es – am besten mit Hilfe eines gut ausgebildeten Coachs – schon viel bringen, systematisch neue, „lockere“ Gewohnheiten einzuüben. Etwa regelmäßig Dinge zu unternehmen, die ausschließlich Spaß machen und keinem Leistungsdruck unterliegen, oder bewusst Zeiten einzubauen, in denen ganz einfach gar nichts getan wird. Dazu sollten Perfektionisten ihr Verhalten immer wieder überprüfen und für sich Fragen klären wie z.B. „Ist die große Mühe, die ich mir in diesem oder jenem Bereich mache, überhaupt sinnvoll oder dient sie nur dazu, dass ich vor mir und anderen möglichst gut dastehe?“ Das alles ist natürlich nicht einfach – wie bei allen tief greifenden Veränderungen braucht es Zeit und viel Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten. Doch dass sich die Mühe lohnt, steht außer Frage.

 

Coaching oder Therapie

 

Wer sich so schlecht fühlt und spürt, dass er allein nicht aus der Perfektionismus-Falle herausfindet, der sollte Hilfe in einer Psychotherapie suchen. Auch dort wird es in der Regel vor allem darum gehen, das Verhalten Schritt für Schritt zu verändern – entsprechend ist häufig auch die Verhaltenstherapie die Behandlungsform der Wahl. Dabei geht es nicht darum, den Patienten jegliche Gewissenhaftigkeit abzutrainieren und die peniblen, akribischen Anteile der Gesamtpersönlichkeit „wegzutherapieren“. Einfach alle Ansprüche generell abzusenken, stellt keine probate Lösung des Problems dar. Im Gegenteil, die Eigenschaften, die dem ungesunden Perfektionismus zu Grunde liegen, können genutzt und gestärkt werden. Der Perfektionist soll letztendlich darin unterstützt werden, zu erkennen, was er selbst eigentlich will, seine eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen und selbst festzulegen, wieviel Energie er in welche Bereiche des Lebens investieren will. Das kann also auch bedeuten, in einzelnen Bereichen die Ansprüche noch zu erhöhen, in anderen sie abzusenken – alles in einem zum individuellen Charakter passenden Rahmen. So ist das Ziel einer Therapie oft, das neurotische Perfektionsstreben umzuwandeln in ein „gesundes“, funktionierendes Streben nach Vollkommenheit – oder auch nach „Gewissenhaftigkeit“, wie es Raphael M. Bonelli nennt. Wer in dieser gesunden Form nach Top-Leistungen strebt, wird sich durchaus auch hohe Ziele setzen, jedoch keine unerreichbaren. Mit eigenen Fehlern wird er umgehen können und es verstehen, diese als Chance zum Lernen zu nutzen.

 

Es gibt also eine gute Chance für Perfektionisten, dass sie sich mit der Zeit wandeln von einer zwanghaft leistungsfixierten in eine leistungsmotivierte Person – eine Person, die die Dinge gerne gut und gewissenhaft erledigt, die aber auch weiß, wann es ganz einfach „gut genug“ ist.

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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