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Selbstmord: Anzeichen deuten

Kommentar schreiben Donnerstag, 30. August 2018

Selbstmord ist kein Einzelfall. In Deutschland versterben mehr Menschen durch Selbsttötung als Opfer eines Straßenverkehrsunfalls zu sein. Es gibt viele Gründe, warum Menschen Selbstmord verüben. Gibt es sichere Anzeichen für einen bevorstehenden Selbstmord? Warum wählen mehr Männer als Frauen den Freitod? Mehr zu diesem Thema im folgenden Beitrag.

 

Der Wunsch, dem Leben ein Ende zu bereiten

 

Für Suizid, fachsprachlich als Suicidium bezeichnet, gibt es zahlreiche Synonyme: Selbstmord, Selbsttötung, Freitod oder Mors voluntaria – es ist die Beendigung des eigenen Lebens. In Deutschland scheidet ein Mensch durchschnittlich alle 56 Minuten vorsätzlich aus dem Leben, alle 6 Minuten erfolgt ein Selbstmordversuch, so Schätzungen zufolge. Was bedeutet es, des Lebens müde zu sein? Und warum kommt der Wunsch auf, dem Leben ein Ende zu bereiten? In Deutschland ist Selbstmord mit ungefähr 10.000 Suiziden pro Jahr eine der häufigsten Todesursachen und trotz allem immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema. Nicht selten scheint die Selbsttötung von vielen Personen immer noch als Antwort auf ein gescheitertes Leben gedeutet zu werden und als Bedürfnis nach Aufmerksamkeit verurteilt zu werden. Dabei gibt es viele Gründe, warum ein Mensch den Wunsch hat, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Seien es finanzielle Schwierigkeiten, private Lebenskrisen, Konflikte und Trennungen in der Partnerschaft, chronische körperliche oder seelische Erkrankungen – es sind Situationen, in denen Menschen keinen Ausweg sehen und sich möglicherweise überfordert fühlen, der Situation und den dazugehörigen Problemen stand zu halten. Sie bezweifeln, dass es jemals eine Verbesserung der Lebenssituation geben wird und sind des Lebens müde. Aus diesem Grund lässt sich der Grund für die Entscheidung, den Freitod zu wählen keineswegs und niemals pauschalisieren! Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zuwendung ist hierbei nur ein Motiv. Die Hintergründe sind tiefgründiger. Auch ist der Selbstmord keine Erkrankung, sondern für den Betroffenen in dem Moment die Lösung bzw. der Versuch einer Lösung, eine hoffnungslose Situation zu beenden. Wer einen Selbstmordversuch unternommen hat oder mit Selbstmord droht, hat ein Problem, welches von dem Umfeld ernst genommen werden muss und nicht als „nur dahin gesagt“ abgefertigt werden sollte. Ein Suizidversuch zeigt zudem, dass der Betroffene unglücklich ist und keinen anderen Weg sieht, sein Bedürfnis nach Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit zu erfüllen, als mit dem eigenen Leben zu drohen.

 

Gibt es sichere Anzeichen für einen bevorstehenden Selbstmord?

 

Der Verlust eines geliebten Menschen durch Selbsttötung ist schwer und oft fragen sich Angehörige, ob der Selbstmord eventuell hätte verhindert werden können. Gab es Hinweise auf die Tat? Hätte man erkennen müssen, dass der geliebte Mensch Selbstmord begehen wird? Hätte man erkennen müssen, dass jemand stark selbstmordgefährdet war? Es sind vorübergehende Gedanken, aber auch anhaltende Gedanken, die Angehörige nicht loslassen. Auf einen möglichen Suizid können unter anderem folgende Denk- sowie Verhaltensweisen hindeuten:

  • Äußerungen nicht mehr weiter leben zu wollen und müde vom Leben zu sein
  • Selbstmorddrohungen
  • Ausüben waghalsiger Tätigkeiten, wie viel zu schnelles Auto fahren
  • Angelegenheiten, wie Testament schreiben oder umschreiben
  • das Regeln von Hab und Gut, wie Dinge verschenken, die dem Betroffenen viel bedeutet haben
  • Desinteresse und Isolation bzw. sozialer Rückzug
  • Befinden in einer Krisensituation, wie Trennung, Trauer, Verlust, Schulden, chronische Erkrankung, Entlassung im Beruf
  • Vorliegen einer Depression und die Annahme, eine Belastung für Andere zu sein; man ist tieftraurig und empfindet die eigene Lage als hoffnungslos, Schlafstörungen und/oder Essstörungen können diesen Zustand begleiten
  • ein bereits unternommener Selbstmordversuch

Diese oben genannte Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll lediglich einen kleinen Überblick verschaffen, denn sichere eindeutige Zeichen für Suizid gibt es nicht und können auch im Kontext nicht immer aufgedeckt werden. Manchmal kommt ein Selbstmord so plötzlich und ohne jeglichen Hintergrund, dass Hinweise oder Motive für die Tat nicht übersehen, sondern nicht gesehen werden konnten. Als Angehöriger ist es falsch und belastend, sich mit Vorwürfen und Schuldgefühlen zu plagen. Auch Hinterbliebenen muss geholfen werden, wenn sie einen nahe stehenden Menschen verloren haben, der nicht mehr leben wollte oder konnte.

 

Wie hoch ist das Selbstmordrisiko?

 

Jährlich sterben rund 10.000 Menschen durch die eigene Hand. Besonders auffällig ist, dass 70% der Suizide von Männern begangen werden und das Suizidrisiko mit zunehmendem Alter steigt: Das Durchschnittsalter eines Menschen, welcher sich das Leben nimmt, liegt bei etwa 57 Jahren. Vermutet wird, dass das Alter insofern eine Rolle spielt, weil mit dem Alter viele Belastungen auf den Menschen zukommen, die in der Kindheit und Jugend nicht unbedingt vorlagen. Belastungen, wie gesundheitliche Veränderungen, Einsamkeit und finanzielle Ängste und Sorgen, können als Auslöser hierfür genannt werden. Häufig fehlen älteren Menschen vertraute Gespräche, die sie gerne führen würden. Das globale Phänomen „Suizid ist Männersache“ scheint paradox. Der Grund: nicht selten sind Depressionen Ursache für Suizide – mehr als 90 Prozent aller Freitode sind die Folge von psychischen Erkrankungen, insbesondere affektive Störungen wie Depressionen. 

Dabei werden weitaus mehr Frauen wegen Depressionen behandelt als Männer und trotz allem ist die Suizidrate bei Männern höher.

Forscher haben ein komplexes Ursachengeflecht aufgestellt, warum Männer todessicherer als Frauen sind:

  • männliche Suizide sind impulsiver als die der Frauen; Männer begehen öfter sogenannte Kurzschluss-Suizide als Reaktion auf ein Ereignis, welches unerwartet eingetreten und schmerzhaft ist
  • der Entschluss zu sterben ist bei Männern stärker und endgültiger
  • die suizidalen Methoden sind bei Männern gewaltiger

Eine weitere überraschende Erkenntnis: Das Glück der Männer hänge allem Anschein nach an den Frauen und weniger umgekehrt. Verlässt eine Frau einen bereits belasteten Mann, wird dem Verlassenen umgangssprachlich „der Boden unter den Füßen weggezogen“ – der Mann steht vor dem sozialen und emotionalen Nichts. Aber Suizid entsteht nicht allein, weil jemand verlassen wurde.

Im Hinblick auf die Depressionen ist zu erwähnen, dass Frauen im Gegensatz zu Männern mehr die Hilfe suchen und diese auch annehmen. Folglich werden bei Frauen meist schnell Depressionen erkannt, diagnostiziert und therapiert während sie bei Männern unbehandelt bleiben und in ihnen „schlummern“.

 

Telefonseelsorge als Hilfestellung

 

Der Anstoß, Suizidgedanken in die Tat umzusetzen, kann vorhanden sein, wenn das Gefühl der Hoffnungslosigkeit so groß ist und man glaubt, den Schmerz nicht mehr aushalten zu können. Die gefühlte Einsamkeit kann in einem endgültigen Ausweg als einzige Lösung, nämlich der Lösung dem Leben ein Ende zu bereiten, münden. Wer Suizidgedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden und in einem Gespräch die Gedanken an den Freitod auszuräumen. Eine Telefonseelsorge kann Hilfestellung bieten und Dauerthemen wie Einsamkeit, schwere Krankheiten, Beziehungskrisen und Depressionen besprechen. Die Aussage „Ich will nicht mehr leben“ kann im eigentlichen Sinne vielmehr bedeuten, dass jemand nicht mehr so leben möchte und ein Anruf bei der Telefonseelsorge kann Hoffnung geben, dass noch irgendetwas in einem gibt, das noch leben möchte. Ausschlaggebend für einen Selbstmord ist oft, dass der Betroffene keine Perspektive mehr im Leben sehe – kostenlos und rund um die Uhr unter der Telefonnummer 0800/111 0 111 ist die TelefonSeelsorge zu erreichen; für Chancen, Wege und Methoden gegen Suizidgedanken.

 

J. Ehresmann
Autor: J. Ehresmann

Judith Ehresmann ist als gelernte Operationstechnische und Chirurgischtechnische Assistentin in einem Krankenhaus beschäftigt. Das Schreiben hat sich immer mehr als Gegengewicht zu ihrem Vollzeitberuf im Gesundheitswesen entwickelt. Vor allem auch als Ausdruck ihres medizinischen Interesses, mit dem Wunsch, dieses auf ihre Mitmenschen zu übertragen. Frau Ehresmann schreibt unter anderem für den Thieme Verlag und ist seit November 2014 auch als Autorin für apomio.de tätig.

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