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Wenn der Alltag zum "Haare raufen" ist: Trichotillomanie

Kommentar schreiben Mittwoch, 22. Juni 2016

Die Redewendung „Es ist zum Haare raufen“ und ihre Bedeutung ist allgemein bekannt. Aber was wenn man den zwanghaften Drang verspürt, sich die Haare vom Kopf auszureißen? Und das sogar büschelweise, bis kahle Stellen zum Vorschein kommen. Trichotillomanie ist die medizinische Bezeichnung für dieses zwanghafte Verhalten, von der etwa ein Prozent in Deutschland und schätzungsweise zwischen 0,5 bis 15 Prozent weltweit betroffen sind. Wie entsteht diese Erkrankung, die bisher kaum bekannt ist? Und wie ist die Heilungsprognose? Informationen zur Trichotillomanie im folgenden Beitrag

Definition Trichotillomanie

Der medizinische Begriff Trichotillomanie wird zusammengesetzt aus den griechischen Worten thrix (Haar), tillein (rupfen) und mania (Raserei, Wahnsinn) und handelt von den abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle, welches sich in häufiges Ausreißen der Haare mit starkem Haarverlust äußert. Typische Kennzeichen hierfür sind eine wachsende innere Spannung bis zur Handlung und eine starke Erregung nach der Ausführung; das Gefühl der Entspannung und Befreiung wird erreicht. Meist handelt es sich um die Kopfhaare, häufig sind aber auch Augenbrauen und Wimpern betroffen und auch andere Körperhaare (Bart, Schamhaare) können zum Ausreißen bevorzugt werden.

Lange Zeit ist die Trichotillomanie, dessen Begriffsentstehung im Jahre 1887 auf einen französischen Dermatologen namens Francois Henri Hallopeau zurück zu führen ist, als schlechte Gewohnheit fehlinterpretiert worden bis diese erst Ende des 20. Jahrhunderts als ein eigenständiges Krankheitsbild erkannt wurde.

Wie entsteht diese Erkrankung?

Bislang ist von den Wissenschaftlern nicht eindeutig geklärt worden, warum die Trichotillomanie entsteht bzw. warum Menschen anfangen, sich die Körperhaare auszureißen. Die meisten sogenannten „Trichfälle“ beginnen in der Pubertät, zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr, Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Aber auch bei jüngeren Kindern vor Pubertätsbeginn kann die Trichotillomanie auftreten. Die Auslöser für Trichotillomanie sind verschieden, weshalb es keine einzelne Ursache für die Entstehung für Trichotillomanie gibt. Auslöser kann zum Beispiel sein

  • ein traumatisches Erlebnis
  • eine Verlusterfahrung, wie zum Beispiel der Verlust einer geliebten Person
  • andauernder Stress (bei Kindern zum Beispiel infolge von Ortswechsel mit Schwierigkeiten in der Schule)

Bei der Entstehung von Trichotillomanie liegt oft auch eine Kombination von verschiedenen Faktoren auf psychozialer, neurochemischer und genetischer Ebene vor, welche sich in gegenseitiger Wechselwirkung verstärken können.

Wie äußert sich die Erkrankung?

Beim Herausreißen der Haare verspüren die Betroffenen keinen Schmerz, ganz im Gegenteil sogar: Eine große Erleichterung wird empfunden und besonders wohltuend und befriedigend ist es sogar dann, wenn man die Haare mit der kompletten Haarwurzel ausgerissen hat. Oft wird die Trichotillomanie von Betroffenen aus Scham verheimlicht.

Zu den Symptomen von Trichotillomanie zählen auch beißen, kauen und sogar schlucken der Haare – in diesem Fall spricht man von einer Trichotillophagie, die folgende Komplikation mit sich bringen kann: durch das Herunterschlucken der Haare kann ein sogenannter Trichobezoar entstehen, wodurch wiederkehrende Oberbauchschmerzen entstehen. Auch andere psychische Erkrankungen können neben der Trichotillomanie in Erscheinung treten, die man als „psychiatrische Komorbidität“ bezeichnet: Depressive Erkrankungen, Angst-, Tic- und Zwangs- sowie Anpassungsstörungen können nebenher bestehen.

Zusammenfassend weist die Trichotillomanie folgende Kriterien auf:

  • wiederholtes Ausreißen der Haare, was einen deutlichen Haarverlust zur Folge hat
  • Ein zunehmendes Spannungsgefühl entsteht unmittelbar vor dem Haareausreißen oder beim Versuch, der Handlung zu widerstehen (innere Unruhe, innerer Druck)
  • während des Haareausreißens wird Vergnügen, Befriedigung oder Entspannung empfunden
  • die erwünschte Entspannung ist nur temporär, da nachfolgend Scham, Wut und Angst (Frustrations- und Minderwertigkeitsgefühle) wegen des Kontrollverlusts und der nun kahlen Stellen entstehen und die innere Spannung verstärkt wird – ein Teufelskreis entsteht; es kommt erneut zu einem zwanghaften Impuls
  • die Störung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen: die Betroffenen versuchen die kahlen Stellen durch Kopfbedeckungen, geschicktes Frisieren oder Perrücken vor der Öffentlichkeit zu verstecken – diese Versuche sind sehr zeit- und energieaufwendig; die Bewältigung des normalen täglichen Lebens ist erschwert und die Betroffenen geraten in eine zunehmende soziale Isolation

Tipps für Eltern und Angehörige sowie Freunden von den Betroffenen mit Trichotillomanie

Für besorgte Eltern und Angehörige sowie Freunde können folgende Tipps befolgt werden: Zunächst ist es wichtig, einen lockeren Umgang mit dem Problem zu haben und die/den Betroffenen nicht unter Druck setzen, hänseln oder für das Verhalten sogar bestrafen. Häufig ist man als außenstehende Person verunsichert und möchte zwar helfen, aber nichts falsch machen. Zudem möchte man das Verhalten verstehen, aber mit Fragen, die man stellt, nicht aufdringlich wirken. Dinge, die man tun kann, können zum Beispiel sein:

  • sich über Trichotillomanie informieren
  • die/den Betroffene/n fragen, was sie/er braucht oder möchte
  • Hilfe anbieten, ohne dabei aufzudrängen
  • Zuhören und die Wünsche der/des Betroffenen respektieren (wenn diese/r zum Beispiel keine Behandlung wünscht)
  • den Rücken der/des Betroffenen stärken; zeigen, dass man die/den Betroffenen liebt/akzeptiert, wie sie/er ist
  • Niemals Vorwürfe machen, wenn die/der Betroffene nach einer langen Phase Reißfreiheit einen Rückfall hat
  • Sätze meiden, wie „Warum machst du das?“, „Hör doch einfach auf!“, „Das ist nur eine Macke!“, „Du reißt schon wieder!“ „Das sieht so schlimm aus, wie kann man sich das bloß antun?!“

Behandlungsmöglichkeiten für die Betroffenen

Therapeutisch gibt es keine einheitlichen Richtlinien, wie man die Trichotillomanie behandeln kann. Die gute Nachricht ist aber: Trichotillomanie ist heilbar und die Prognose zur Heilung ist sehr günstig. Empfohlen werden verhaltenstherapeutische Maßnahmen, zum Teil auch in Kombination mit einer medikamentösen Therapie. In der Verhaltenstherapie werden die Betroffenen unterstützt, die Verhaltensweisen aufzudecken und Ersatzverhalten einzuüben. Man lernt mit der Erkrankung sowie den Folgen besser umzugehen. Bestimmte Medikamente können dabei helfen, den zwanghaften Impuls zu unterdrücken und Begleiterscheinungen wie Depressionen und Ängste zu behandeln.

Trichotillomanie ist keine lebensbedrohliche Erkrankung, da es sich „nur“ um Haare handelt, die in der Regel auch wieder nach wachsen. Deshalb sollte man einem Betroffenen niemals eine Therapie aufzwingen, wenn diese nicht gewollt ist bzw. der Wunsch darin besteht, dass keine Behandlung erfolgen soll. Eine erzwungene Therapie kann keinen Erfolg bringen oder wird nicht lange durchgehalten. Zwanghaftes Haareausreißen ist keine schlechte Angewohnheit und hat auch nichts mit mangelnder Disziplin oder fehlender Willensschwäche zu tun, sondern ist eine medizinisch anerkannte Zwangsstörung – in einer Selbsthilfegruppe können Betroffene ihr Leid mit anderen teilen, denn gemeinsam geht es leichter, die Krankheit zu bewältigen.

J. Ehresmann
Autor: J. Ehresmann

Die ausgebildete Operations-Technische Assistentin hat nach ihrer dreijährigen Ausbildung eine Weiterbildung zur Chirurgisch-Technischen Assistentin in der Allgemein- und Visceralchirurgie in Köln absolviert. Inzwischen blickt sie auf eine mehrjährige Erfahrung in der OP-Assistenz in diesem Fachgebiet zurück. Neben ihrer Tätigkeit im OP studiert Frau Ehresmann Humanmedizin in einem Modellstudiengang in Aachen.

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