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Superfoods – wenn gesundes Essen zum Wahn wird

Kommentar schreiben Dienstag, 13. November 2018

Gesundes Essen fördert das Wohlbefinden, beugt Krankheiten vor und beruhigt das Gewissen. Wenn es aber zum Zwang wird, sich stundenlang mit den Inhaltsstoffen von Nahrungsmitteln und ihren Wirkungen zu beschäftigen und man sein perfektes Food zur Essenseinladung mitbringt, bewegt man sich in Richtung Orthorexie. Bei der neuen Essstörung, auch wenn sie noch nicht offiziell als Krankheit anerkannt ist, fixiert man sich darauf, nur gute, reine Nahrung zu sich zu nehmen und die „bösen“, vermeintlich gesundheitsschädigenden Lebensmittel rigoros vom Speiseplan zu streichen. Dabei wird Gut und Böse je nach Ernährungstrend unterschiedlich definiert. Neben der festen Überzeugung, nur das Gesündeste zu essen, was es auf dem Markt gibt, gehören Missionsgeist und das Risiko zu Mangelerscheinungen, Depression und sozialer Isolation zum Bild der Orthorexie. Erfahren Sie hier, was Orthorexie genau ist, wie es dazu kommt, woran man sie erkennt und was man dagegen tun kann.

 

Was ist Orthorexie?

 

Bei der Orthorexie will der Betroffene sich gesund und rein fühlen. Was er zu sich nimmt, muss exakt seinen Qualitätskriterien in Bezug auf Inhaltsstoffe und deren Natürlichkeit entsprechen. Paleo-Steinzeit-Diät, Rohkost, Vegetarismus oder Veganismus sind Beispiele, die als Basis für ein zwanghaftes Essverhalten genutzt werden können. Die strikte Trennung zwischen gesunden, guten und ungesunden, „bösen“ Nahrungsmitteln hat eine moralische Komponente. Man fühlt sich überlegen mit seiner Ernährungsweise. Gleichzeitig hat man Schuldgefühle und macht sich Vorwürfe, wenn man ihr ausnahmsweise nicht gerecht werden konnte.

 

Woher kommt das Kranheitsbild Orthorexie?

 

Der Begriff Orthorexie, medizinisch Orthorexia nervosa, wurde 1997 von dem US-amerikanischen Arzt Steven Bratman eingeführt. Vor seinem Medizinstudium arbeitete er als Koch in einer Öko-Kommune in New York. Jeden Abend stand er vor dem Problem, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Mitbewohner gerecht zu werden. Er brauchte z.B. 2 Küchen, um das vegetarische Essen nicht mit dem Fleisch der Alles-Esser zu „verschmutzen“. Bratman ließ sich von dem extremen Essverhalten anstecken und nahm zuletzt nur noch rohes Obst und Gemüse zu sich, das spätestens 15 Minuten vor dem Verzehr geerntet worden ist. Dann studierte er Medizin. Als Arzt spezialisierte er sich auf den Essenswahn, den er aus eigener Erfahrung bestens kannte, und bezeichnete den krankhaften Zwang, sich übermäßig und ausschließlich gesund zu ernähren, als Orthorexie. Übersetzt heißt das „richtiger Appetit“, da sich die Störung nicht wie bei der Magersucht (Anorexie, ohne Appetit) auf die Menge, sondern die Qualität des Essens bezieht. Betroffen sind ähnlich wie bei der Magersucht 1-2 % der Bevölkerung.

 

Welche Ursachen hat das zwanghafte Essverhalten?

 

Manchmal beginnt es mit dem Bedürfnis, sich wegen einer chronischen Erkrankung gesünder zu ernähren. Vielleicht soll auch das Gewicht auf gesunde Weise reduziert werden. Oder eine Nahrungsmittelallergie wird behandelt. Medienberichte zu Massentierhaltungen, Naturzerstörung, Antibiotika im Fleisch und Quecksilber im Fisch oder andere Skandale in der Lebensmittelindustrie verderben einen den Appetit und motivieren zu einer bewussteren Ernährung. Bis dahin ist die Entwicklung auch noch im positiven Bereich und fördert die Gesundheit.
Kippt das Bedürfnis nach gesundem, reinem Essen in ein Zwangsverhalten, steckt oft der Drang nach Kontrolle und Perfektionismus dahinter. Wenn auf schmerzhafte Weise Beruf oder Beziehung nicht erfolgreich gestaltet werden können, wenn man scheitert oder sich ohnmächtig ausgeliefert fühlt, braucht man an anderer Stelle Kontrolle über das Geschehen. Hierfür eignet sich das Einhalten strikter Essensregeln. Das ist zu schaffen. Und es gibt ein umso besseres Gefühl, je strenger die selbst kreierten Auflagen sind. Bei näherem Hinsehen ist diese Kontrolle nur scheinbar vorhanden. Denn bald kontrollieren die Essensregeln das Leben des Betroffenen und nicht umgekehrt.

 

Wann wird es krankhaft? 

 

Solange gesunde Ernährung gut tut, Energie verleiht und Beschwerden lindert, ist sie eine ideale Möglichkeit, die Gesundheit zu stärken. In dem Moment, indem man mehrere Stunden täglich mit Gedanken und Recherchen zum Essen aufbringt und die gesunde Ernährung mehr zum Leid als zur Freud wird, ist Vorsicht geboten. Wenn keine Einsicht besteht, dass der Gesundheitstrip über das gesunde Maß hinausgeht, könnte schon eine Therapie notwendig sein. Auch missionarische Anstrengungen, um das Umfeld von der alleinigen Wahrheit zu überzeugen, deuten auf eine krankhafte Entwicklung hin. Da gesunde Ernährung in unserer Gesellschaft ganz oben auf dem Zettel für Prävention und Heilung von Krankheiten steht, ist es schwierig, an den Essensfanatiker heranzukommen. Er tut aus seiner Sicht schließlich nur etwas für seine Gesundheit!

 

Welche Symptome werden von Ärzten als Kriterien für eine Orthorexie verwendet?

 

Nach der Düsseldorfer Orthorexie-Skala sprechen ständiges und übertriebenes Kreisen der Gedanken um die Ernährung und das Ausrichten des Tagesplans nach der optimalen Ernährungsweise für eine Orthorexie. Der Betroffene hat Angst vor vermeintlich ungesunden Lebensmitteln, stellt die Gesundheit der Nahrung über den Genuss und ritualisiert sein Essverhalten. Ein Verstoß gegen die strengen Regeln fällt schwer und geht mit starken Selbstzweifeln und Schuldgefühlen einher. Auch Mangelerscheinungen und Untergewicht unterstützen die Diagnose einer Orthorexie.
Steven Bratman schlug als Kriterien die zwanghafte Beschäftigung mit der „gesunden Nahrung“, die Fokussierung auf Fragen der Qualität und Zusammensetzung des Essens, eine Intoleranz gegenüber anderen Anschauungen und exzessive finanzielle Ausgaben im Verhältnis zum Einkommen für Nahrungsmittel vor. Das Verhalten ist nicht Ausdruck einer anderen psychischen Störung wie Zwangsstörungen. Es beruht nicht auf strengem Beachten religiöser oder ärztlich vorgegebener Essensvorschriften.

 

Welche Folgen kann eine Orthorexie haben?

 

Möglich sind Mangelerscheinungen und Untergewicht aufgrund der extremen Ernährungsweise. Mangelzustände können zu Konzentrationsschwäche, Leistungsabfall, Antriebslosigkeit und Schlafstörungen führen. Langfristig leidet nicht nur der Orthorexie-Kranke, sondern auch sein Privat- und Berufsleben. Gemeinsames Kochen und Essen ist innerhalb der Beziehung und im Freundeskreis fast nicht mehr möglich. Am Arbeitsplatz lässt die Leistung nach. Das Gefühl der Überlegenheit, das Missionieren und die Weigerung, auch in Gesellschaft kein bisschen von den selbst aufgestellten Ernährungsregeln abzuweichen, kann in die soziale Isolation führen. Der Betroffene grenzt sich zunehmend aus oder wird ausgegrenzt. Orthorexie kann auch Wegbereiter für eine Depression sein.

 

Wie sieht die Therapie von Orthorexie aus?

 

Der Betroffene wird mithilfe einer Ernährungsberatung und Psychotherapie zu einem normalen Essverhalten zurückgeführt. Er lernt, wieder entspannt und mit Genuss zu essen. Bei schwerer Erkrankung kann anfangs eine Behandlung in einer psychosomatischen Klinik, wie der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee oder in einer betreuten WG notwendig sein. Adressen von Ansprechpartnern für eine Therapie finden Sie beim Bundesfachverband Essstörungen e.V. unter www.bundesfachverbandessstoerungen.de

 

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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