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Orthorexia nervosa: Wenn die gesunde Ernährung zum Zwang wird

Kommentar schreiben Mittwoch, 04. Januar 2017

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung steigert die körperliche Leistungsfähigkeit und das eigene Wohlbefinden. Aber was passiert, wenn sich ein krankhaft ausgeprägtes Verlangen entwickelt, sich ausschließlich „gesund“ zu ernähren? Der Ausdruck „Orthorexia nerovsa“ handelt von dieser vermeintlichen Essstörung, an welcher ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leiden sollen. Handelt es sich hierbei um ein ernst zunehmendes Krankheitsbild? Im folgenden Beitrag erfahren Sie mehr.

Definition Orthorexia nervosa

Der Bergriff „Orthorexie“, abgeleitet von den griechischen Worten „orthos“=richtig und „orexis“=Appetit oder auch „Orthorexia nervosa“ ist erstmals im Jahre 1997 von einem amerikanischen Arzt namens Steven Bratman in Anlehnung an die Essstörung „Anorexia nervosa“ (=„nervlich bedingte Appetitlosigkeit“) geprägt worden. Beobachtet wird ein krankhaftes Muster im Umgang mit dem Thema Essen; die Lebensmittel werden nicht nur als gesund und ungesund, sondern auch als moralisch gut bzw. böse kategorisiert. Zudem wird der Ernährung eine ausgeprägte ideologische Komponente zugeschrieben: so solle zum Beispiel eine gesunde Ernährung den Schutz vor Krankheiten versprechen. Hier steht nicht mehr - wie bei anderen Essstörungen - die Quantität oder aber auch der Geschmack im Vordergrund, sondern vielmehr die Qualität der Ernährung. Zu den Ernährungsregeln gehören unter anderem zum Beispiel nur Bio-Produkte, kein Fleisch, kein Fett, kein Zucker, nur Rohkost zu wählen – die Essensregeln werden individuell immer strenger, die Auswahl an Lebensmitteln immer kleiner, sodass bei einer Orthorexia nervosa die Ernährung vom Verzicht geprägt ist. Sofern die Essensregeln nicht eingehalten und gebrochen werden, empfinden die Betroffenen Schuldgefühle. Der Übergang von gesunder Ernährung zum krankhaften Essverhalten kann fließend erfolgen und eine Persönlichkeitsstörung inne haben.

Ist Orthorexia nervosa wirklich eine Krankheit?

Derzeit erkennt die wissenschaftliche Medizin die „Orthorexia nervosa“ nicht als Krankheitsbild an, da es sich hierbei lediglich um eine sogenannte sehr ausgeprägte Fixierung auf die Auswahl von „gesunden“ und dem Verzicht von „ungesunden“ Lebensmitteln handelt. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie spricht von einer Vorstufe zu einer Essstörung, aber noch nicht von einer Krankheit. In diesem Zusammenhang kann einerseits ein sehr aufwendiger Lebensstil verstanden werden und andererseits von einer anfänglichen Krankheit gesprochen werden, wenn folgende Kriterien als Anhaltspunkte erfüllt werden:

  • die Störung dauert über einen längeren Zeitraum an
  • negative Auswirkungen, wie zum Beispiel eine Isolation aus dem Freundeskreis sind zu beobachten; die Lebensqualität des Betroffenen ist eingeschränkt
  • der Betroffene hat ständig kreisende Gedanken um das Essen
  • der Betroffene hat Schuldgefühle, wenn die aufgestellten Essensregeln nicht eingehalten werden konnten und es Abweichungen im Ernährungsplan gegeben hat
  • schwere Gesundheitszustände wie Mangelerscheinungen können festgestellt werden, die schlimmstenfalls zum Tode führen können

Ursache von Orthorexia nervosa

Wenn es um die Gesundheit und die Qualität von Lebensmitteln geht, dann ist das Verhalten eines Orthorektikers noch in einem gewissen Maße nachzuvollziehen und recht zu fertigen: Verantwortlich hierfür sind die zahlreichen Lebensmittelskandale, Lügen von Nahrungsmittelindustrie sowie die Verwendung von schädlichen Zusatzstoffen in Lebensmitteln. Eine bewusste Ernährung und die Auswahl unbeschadeter Lebensmittel ist demnach sehr sinnvoll und alles andere als verwerflich. Die Gefahr besteht erst darin, wenn das gesamte Denken und Tun der Ernährung gewidmet wird, sich ein missionarischer Eifer entwickelt und Mangelerscheinungen aufgrund der strengen Auswahl an Lebensmitteln in Erscheinung treten. Aus einem „normalen“ Ernährungsbewusstsein entwickelt sich dann ein übertriebener „Gesundheitsfanatismus“.

Symptome dieser Esstörung

Typische Anzeichen einer Orthorexie können sein:

  • täglich stundenlang an die Ernährung denken
  • Mahlzeiten und alle ihre Zutaten auf Inhaltsstoffe prüfen und ob diese gut für die Gesundheit sind
  • Mahlzeiten lange planen: schon Tage vorher den Speiseplan zurechtlegen und immer wieder prüfen bzw. ändern; spontan etwas genießen scheint unmöglich zu sein
  • völliger Verzicht auf die Lieblingssüßigkeit: noch nicht einmal ein kleines Stückchen Schokolade erlauben sich Orthorektiker; stattdessen gibt es ausschließlich gesunde Snacks wie einen Apfel
  • je gesünder die Inhaltsstoffe, desto besser: der Nährwert wird wichtiger als Geschmack und Genusserlebnis
  • der Umgang mit sich selbst im Hinblick auf Ernährung und Gesundheit wird strenger als bisher
  • eine Überlegenheit gegenüber anderen entwickelt sich: Orthorektiker sind stolz auf ihre disziplinierte Ernährungsweise und fühlen sich anderen weit überlegen
  • ein Gefühl totaler Selbstkontrolle entsteht, wenn man nur gesund isst
  • Orthorektiker versuchen Andere, die sich weniger gesund ernähren, zu missionieren und für die strenge, extrem gesunde Ernährungsform zu gewinnen
  • soziale Isolation: wer nicht akribisch auf seine Ernährung achtet, wird vom Orthorektiker abgelehnt

Orthorexia nervosa vs. Anorexia nervosa und Bulimia nervosa

Der Zwang zur gesunder Ernährung gilt (noch) nicht als Krankheit wie die Anorexia nervosa, Magersucht oder die Bulimia nervosa, Ess-Brech-Sucht. Der Unterschied liegt darin, dass bei einer Orthorexie nicht die Menge an Lebensmitteln im Vordergrund steht, sondern seine Qualität. Orthorektikern geht es nicht darum, abzunehmen oder ihr Gewicht zu halten oder ständig Kalorien zu zählen, sondern vielmehr Erkrankungen durch gesunde Ernährung vorzubeugen. Allen drei „Ernährungsformen“ ist jedoch gemeinsam, dass der Nahrung ein übertriebener Platz im Leben eingeräumt wird und krankhafte Züge angenommen werden.

Die Folgen des Zwangs

Der zwanghafte Drang sich gesund zu ernähren hat zur Folge, dass man automatisch Gewicht verliert und dazu neigt, abzumagern und Mangelerscheinungen zu entwickeln. Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit und ein eingeschränktes Leistungsvermögen können auftreten. Ebenfalls kann es dazu führen, dass soziale Kontakte vernachlässigt werden: mit Freunden essen gehen oder das gemeinsame Kochen werden gemieden, da sich das Umfeld kaum „bekehren“ lässt und von „gesunden Ernährungsgewohnheiten“ nicht überzeugt werden kann.

Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten

Ein ausführliches Anamnesegespräch mit einem Arzt/ Psychologen deckt die übertriebene Aufmerksamkeit, die dem Essen zugeschrieben wird, relativ schnell auf. Eine Vielzahl von Hilfsmöglichkeiten und Therapieformen haben zum Ziel, sowohl das Essverhalten zu beeinflussen als auch das zugrunde liegende Problem anzugehen. Die Behandlung selbst beginnt häufig mit einem mehrwöchigen stationären Aufenthalt in einer therapeutischen Einrichtung. Ein unter Umständen langjähriger Behandlungsprozess folgt im Anschluss daran, der nicht ohne professionelle Hilfe angegangen werden kann, um wieder ein normales entspanntes Verhältnis zum Essen entstehen zu lassen.

Gesunde Ernährung sollte Spaß machen

Sich gesund ernähren? Zweifellos ein sehr vernünftiger und guter Vorsatz! Allerdings nicht wenn die Beschäftigung mit dem Essen zu einer Obsession führt. Gesunde Ernährung sollte Spaß machen, der Genuss sollte nicht zu kurz kommen, damit auch die Lebensqualität nicht darunter leidet. Ein Stück Schokoladenkuchen ist keineswegs ungesund und sollte auch nicht gemieden werden. Die Ernährung sollte keinen starren Regeln unterliegen und dogmatisch sein, sondern vielmehr flexibel sein und Freiheitsräume bieten können.

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J. Ehresmann
Autor: J. Ehresmann

Die ausgebildete Operations-Technische Assistentin hat nach ihrer dreijährigen Ausbildung eine Weiterbildung zur Chirurgisch-Technischen Assistentin in der Allgemein- und Visceralchirurgie in Köln absolviert. Inzwischen blickt sie auf eine mehrjährige Erfahrung in der OP-Assistenz in diesem Fachgebiet zurück. Neben ihrer Tätigkeit im OP studiert Frau Ehresmann Humanmedizin in einem Modellstudiengang in Aachen.

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