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Essstörung Pica-Syndrom: Lust auf Glas, Erde oder Porzellan

1 Kommentar Donnerstag, 09. Juli 2015

Egal ob Glasscherben, Erde, Haare, Sand, Papier, Schaumstoff oder Stärke: Personen, die unter dem sogenannten Pica-Syndrom leiden, verspeisen abnormale und mitunter auch lebensgefährliche Gegenstände. Der Zwang diese Dinge zu essen hat unterschiedliche Ursachen, eine Therapie ist in jedem Fall nötig.

Was für gesunde Menschen abartig wirkt, ist für am Pica-Syndrom Erkrankte eine wahre Delikatesse. Sie verspüren Gelüste nach nicht essbaren Gegenständen und Stoffen. Die Krankheit zählt zu den Essstörungen, es steht allerdings nicht die Quantität sondern die Qualität der Speisen im Mittelpunkt. Da sie Dinge wie Holz, Glas, Haare, Staub, Kot oder anderes oft im Verborgenen verspeisen, ist die Krankheit nur schwer zu diagnostizieren. Der Name Pica leitet sich vom lateinischen Namen der diebischen Elster (pica pica) ab, die alles Mögliche in den Schnabel nimmt um daraus ihr Nest zu bauen.

Pica-Syndrom: Gelüste nach Ungenießbarem

Vor allem Kinder sind von der Essstörung betroffen. Zwar ist es in einem bestimmten Rahmen normal, dass Kleinkinder ihre Umgebung mit allen Sinnen erkunden, doch wenn der Nachwuchs auch nach dem zweiten Lebensjahr noch ungenießbares isst, kann es sich um das Pica-Syndrom handeln. Auch schwangere Frauen können von den merkwürdigen Gelüsten eingeholt werden und plötzlich Appetit auf Gips oder Lehm verspüren. Auch Autisten, Demente und Personen mit einer geistigen Behinderung oder verminderter Intelligenz können an dieser Essstörung erkranken.

Zu den Risikofaktoren zählt eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung und eine psychosoziale Belastung. Vor allem Personen aus ärmlichen und sozial schwachen Verhältnissen sind gefährdet. So sind vor allem Schwangere aus Afrika und Südamerika betroffen.

Psychische Erkrankung und Nährstoffmangel

Leidet ein Erwachsener unter dem Zwang ungenießbare Dinge zu essen liegt meist eine psychische Grunderkrankung vor. Bei schwangeren Frauen kann ein Nährstoffmangel zu der Lust nach Erde, Gips oder Lehm führen. Eine Theorie besagt, dass der Körper so zu den fehlenden Nährstoffen gelangen will. Doch diese sind in Lehm und Co. häufig in einer für den Organismus nicht verwertbaren Form gespeichert.

Ganz im Gegenteil: Die zugeführten Stoffe können wichtige Nahrungsbestandteile binden und so die Aufnahme in den Körper verhindern. So kann beim andauernden Verzehr von Gips ein starker Eisenmangel entstehen, da das Eisen gebunden und ausgeschieden wird.

Doch auch Langeweile kann ein Auslöser für das Essen ungenießbarer Gegenstände sein. Etwa das Verspeisen von Haaren kann einen ähnlich beruhigenden Effekt haben wie das Kauen von Fingernägeln.

Die häufigsten Formen der Essstörung

Unter den Pica-Erkrankten gibt es verschiedene Formen. Einige Dinge werden von Personen mit dem Syndrom besonders oft gegessen:

  • Lehm und Erde (Geophagie)
  • Stärke (Amylophagie)
  • Kot (Koprophagie)
  • Haare (Rapunzel-Syndrom, Trichophagie)
  • Holz und Papier (Xylophagie)
  • Bleihaltige Farbe
  • Eis und Schnee
  • Kreide

Ein Psychiater oder Psychotherapeut, sowie der Kinder- oder Hausarzt kann die Essstörung diagnostizieren. Vor allem durch ein intensives Gespräch mit dem Patienten über seine täglichen Gewohnheiten kann er der Störung auf die Schliche kommen. Psychische Erkrankungen müssen bei der Diagnose nach und nach ausgeschlossen werden.

Schnelle Behandlung kann Leben retten

Lagern sich unverdauliche Dinge in Magen und Darm ab, kann es schnell lebensbedrohlich werden. Große Gegenstände können etwa die Atemwege verstopfen und zu einem Kreislaufzusammenbruch oder Ersticken führen. Sammeln sich Haare im Verdauungstrakt, bildet sich mitunter ein meterlanger Zopf. Er kann sowohl zu starken Bauchschmerzen und einem Völlegefühl führen, als auch den Darm verschließen. In diesen Fällen muss der Fremdkörper umgehend und je nach Fall operativ entfernt werden.

Doch auch wer weniger lebensgefährliche Dinge verspeist, muss sich dringend einer Therapie unterziehen. Denn auch Kreide, Stärke und ähnliches haben auf Dauer eine schädliche Wirkung auf den Körper.

Wenn Kinder Gegenstände Essen

Gerade wenn Kinder unter dem Pica-Syndrom leiden ist eine gute Überwachung wichtig. Je nach Alter wissen die Kleinen oft nicht, dass das was sie essen gefährlich ist. Auch wenn sie etwas älter sind fehlt ihnen die Fähigkeit mit den absonderlichen Gelüsten umzugehen. Hinzu kommt, dass Kinder eine gewisse Reife haben müssen, damit eine Therapie greifen kann

Gemeinsam mit dem Kinderarzt oder dem Therapeuten sollten Eltern von betroffenen Kindern eine Strategie ausarbeiten, die den Nachwuchs von den ungenießbaren Gegenständen fern hält. Ablenkung und Ordnung können den kleinen Patienten helfen.

Mit Verhaltenstherapie und Selbstkontrolle gegen die Störung

Stellt ein Arzt, Freund oder Verwandter das Pica-Syndrom fest, muss eine Therapie begonnen werden. Ohne eine Behandlung der Ursache für das abnormale Essverhalten, kann keine Heilung erzielt werden. Medikamente speziell gegen das Syndrom gibt es bisher nicht.

Doch mit bestimmten Selbstkontroll-Techniken, positiver und negativer Bestärkung und dem Erlernen alternativer Verhaltensweisen kann man die Essstörung in den Griff bekommen. Auch autogenes Training oder Muskelentspannung kann eine Therapie sinnvoll unterstützen.

Ist eine Psychose, Depression oder Autismus die Ursache für das ungewöhnliche Verhalten, werden zusätzlich zur Therapie Neuroleptika und Antidepressiva verschrieben.

Pica-Syndrom: Nicht nur Menschen sind betroffen

Doch nicht nur wir Zweibeiner können von den ungewöhnlichen Gelüsten heimgesucht werden. Auch Hund und Katze können unter dem Pica-Syndrom leiden. Die Ursachen bei den Vierbeinern sind oft Stress, eine veränderte Umgebung oder genau das Gegenteil: Langeweile und zu wenig Aufmerksamkeit von Herrchen und Frauchen.

Auch bei Tieren kann es durch den Verzehr von Wolle, Stoffen, Plastik oder Kot zu erheblichen gesundheitlichen Problemen wie Erstickungsgefahr und Darmverschluss kommen. Sollten Sie bei ihrem Vierbeiner dieses Verhalten feststellen, muss umgehend ein Tierarzt oder eine Klinik aufgesucht werden. Mittels Verhaltenstraining und viel Geduld und Aufmerksamkeit kann das unerwünschte Verhalten abgewöhnt werden.

Lisa Vogel
Autor: Lisa Vogel

Von Juli 2014 bis März 2018 arbeitete Lisa Vogel als Werkstudentin in der Redaktion bei apomio.de und unterstützt das Team nun als freie Autorin. Sie hat ein Studium im Fach Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften und Medizin an der Hochschule Ansbach mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen. Hier erlangte sie sowohl journalistische als auch medizinische Kenntnisse. Derzeit vertieft sie ihre medialen Kenntnisse im Master Studium Multimediale Information und Kommunikation.

1 Kommentare

Annett – Mittwoch, 28. Oktober 2015
Hi Lisa, es ist schon unglaublich, was wir Menschen so machen. Es gibt ja den Spruch, es gibt nichts, was es nicht gibt...dieser Spruch scheint wohl zu stimmen. Ich persönlich glaube, dass die Ursache für diese Erkrankung immer mentaler bzw. psychischer Natur ist. Erst der Kopf, dann der Körper und nicht umgekehrt. Liebe Grüße Annett

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