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Nachgefragt bei Frau Helm: Wunderwerk Darm!?

1 Kommentar Mittwoch, 17. Oktober 2018

Wir sind nicht allein! In und auf uns tummeln sich Billionen von Untermieter. 90 % davon im Darm. Gemeint sind nützliche Bakterien. Sie haben dauerhaft Quartier bezogen und breiten sich großzügig aus, wenn wir ihnen optimale Lebensbedingungen verschaffen. Da sie für Gesundheit und gute Laune sorgen, sollten wir uns alle Mühe geben, sie gut durchzufüttern. Es lohnt sich!

 

Sie können sofort damit starten!


Der Weg dahin ist einfach. Es braucht dazu keine neumodischen Stuhltests, die Ihr persönliches Mikrobiom analysieren und Ihnen sagen, was Sie am besten essen sollen. Das klingt zwar interessant und ist eine clevere Geschäftsidee im Zuge des Darmflora-Hypes, aber völlig unnötig. Es ist ohnehin keine medizinische Untersuchung, sondern ein Life-style-Produkt. Sparen Sie sich das Geld! Es geht viel einfacher und ohne zusätzliche Kosten. Wir brauchen nicht nach dem Individuellen, ganz Persönlichen im Darm zu suchen und dort die Lösung zu finden. Unseren Drang nach Individualität sollten wir lieber in die mutige, unangepasste Gestaltung unseres Lebens einfließen lassen! Nein, es ist ganz einfach mit der Ernährung für uns und unsere unzähligen Mitbewohner. Wir können sofort damit anfangen.

 

Das tut uns gut und das lieben auch unsere Mitbewohner im Darm

 

Grünzeug ohne Ende und mit viel Abwechslung! Kombinieren Sie das unvermeidliche Obst und Gemüse mit wertvollen nativen Bio-Ölen wie Walnuss-, Lein-, Raps- und Olivenöl, Nüssen, Samen, Getreide, Hülsenfrüchte, etwas Lachs und Makrele, wenig weißes Fleisch, frische Kräuter, wenig Salz. Zum Trinken eignen sich nüchtern und zwischendurch Wasser mit frisch gepresster Zitrone, ansonsten Grüntee, Kaffee ohne tierische Milch, Kräutertee, verdünnte Obst- und Gemüsesäfte, ab 50 darf es auch mal ein Rotwein sein, ansonsten Alkohol nur zu besonderen Gelegenheiten. Fertig ist das genüssliche Mahl. Wir müssen uns nur noch dazu aufraffen. Und schon sind alle glücklich und zufrieden: wir, unser Gewissen, unsere Mitbewohner im Darm. Auch der übrige Körper freut sich über die Nährstoffe, die er in Kleinstteile zerlegt über das Blut kredenzt bekommt. Sogar die Seele lebt mit auf. Alles ist gut!

 

Auch Sport lässt die Mikrobenwelt im Darm erstarken!

 

Lässt man eine Gruppe von Mäusen im Laufrad rennen, während die andere Gruppe nur untätig herumsitzt, und überträgt den Stuhl der trainierten und untrainierten Testmäuse auf Empfängermäuse, kommt es ans Licht: Die Darmwelt der sportlich aktiven Mäuse enthält deutlich mehr nützliche Bakterien als die der unbewegten Nager. Also rauf aufs Rad oder was Ihnen sonst an Bewegung so Spaß macht!

 

Was ist mit probiotischen Joghurts und Drinks?

 

Mit zusätzlichen Milchsäurebakterien angereicherte Joghurts und Drinks können die Darmflora aufstocken, heißt es. Klar, sind milchsaure Produkte gut für den Bauch. Das wusste schon Oma und da sind sich alle einig. Aber muss es die teure Variante mit tüchtig viel Zucker und Farb- und Aromastoffen sein? Auch der gewöhnliche Joghurt enthält lebende Milchsäurebakterien, die bis zu 30 % die Magen-Darm-Passage überleben und ihre Wirkung tun. Bei probiotischen Joghurts sind es auch nur bis zu 40 %. Also so groß ist der Unterschied nicht.

 

Und Probiotika als Pillen?

 

Anders sieht es mit probiotischen Arzneimitteln aus, die zur Behandlung immer wiederkehrender oder chronischer Entzündungen, z.B. der Blase sowie von Antibiotika-assoziierten Durchfällen eingesetzt werden. Auch probiotische Nahrungsergänzungsmittel mit einer hohen Anzahl und unterschiedlichen Stämmen an Bakterien können beim Wiederaufbau oder der Verbesserung der Darmflora nützlich sein. Es ist immer alles für etwas gut. Aber ist es wirklich notwendig? Aus meiner Sicht nur bei chronischen Infektionen und nach einer Antibiotika-Behandlung. Alles andere kann die richtige Ernährung auch bieten. Auf den Mix zwischen Schokoriegel und zum Ausgleich ein Probiotikum fällt der Darm ohnehin nicht rein! Das reicht nicht zur Gesundung. Wichtig: Bei starker Immunschwäche sollte die Einnahme von Probiotika mit dem Arzt abgesprochen werden.

 

Was sind Präbiotika und was ist ihre Funktion?

 

Die gesundheitsfördernden Bakterien haben auch Hunger. Sie brauchen Ballaststoffe, also unverdauliche Bestandteile der Pflanze. Dazu zählt Inulin, z.B. zu finden in Chicorée, Topinambur, Zwiebeln, Schwarzwurzeln, Radicchio und Bananen. Inulin unterstützt außerdem die Aufnahme von Calcium und Magnesium im Darm, fördert damit stabile Knochen, beugt Osteoporose vor und soll das Risiko für Dickdarmkrebs senken. Wo man auch hinschaut, gibt es keine isolierten Vorgänge. Alles ist miteinander verwoben und hat mehrere positive Effekte gleichzeitig. Denn die Ballaststoffe aus Obst, Gemüse, Getreide u.a. werden auch noch zu wertvollen Produkten abgebaut.

 

Was machen denn die fleißigen Helfer im Darm? 

 

Milchsäurebakterien schaffen ein saures Milieu, in dem krankmachende Keime nicht wachsen können oder gleich sang- und klanglos untergehen. Die guten Bakterien heften sich eng aneinander gereiht an der Darmschleimhaut an und bilden einen Schutzwall gegen Stoffe, die nicht in den Körper gelangen dürfen. Die Armee baut Ballaststoffe zu kurzkettigen Fettsäuren wie Butter-, Essig- und Propionsäure ab und gewinnt damit Energie, zum Teil für sich selbst und für die Darmschleimhautzellen, die als Grenzschutz dienen und hauseigene antibiotische Substanzen produzieren. Zudem regen die Bakterien die Darmbewegung an. Dickdarmbakterien produzieren die Vitamine B1, B2, B6, B12, K und Biotin. Sie binden körperfremde Stoffe wie Kunststoffe und Pflanzenschutzmittel und stärken die Abwehrkraft.

 

Wie arbeiten Darmbakterien mit dem Immunsystem zusammen? 

 

Darmbakterien haben ganz schön was zu tun. Sie trainieren neben den ganzen anderen Jobs auch noch das Immunsystem. Im Darm befinden sich etwa 70 % aller Abwehrzellen. Nach ihrer Ausbildung wirken sie vor Ort oder schwärmen über die Blutbahn in den Körper aus, um dort Krankheitserreger zu bekämpfen. Die kurzkettigen Fettsäuren stärken die Schleimhaut und ihre Barrierefunktion. Sie fördern ihre Durchblutung und Abwehrkraft. Buttersäure regelt die Überreaktion des Immunsystems herunter und hemmt Entzündungen. Das verhindert die Entstehung von Allergien und Autoimmunerkrankungen. Essigsäure blockiert Entzündungsprozesse, wie sie bei chronischer Colitis, Asthma und rheumatoider Arthritis ablaufen. Die Abbauprodukte aus den Ballaststoffen wirken auf die Immunkraft im ganzen Körper.

 

Voraussetzung ist das Gleichgewicht zwischen guten und schlechten Bakterien

 

Das ist nur möglich, wenn das Gleichgewicht zwischen nützlichen (85%) und schädlichen (15%) Bakterien stimmt. Verschiebt es sich durch die falsche Ernährung, zu wenig Bewegung und zu viel Stress zugunsten der krankmachenden Kleinstlebewesen, gärt es nicht nur im Darm. Es bedeutet auch eine ständige Schwächung des Immunsystems im gesamten Organismus und hält chronische Entzündungen aufrecht.

 

Auch die Abwehrkraft im Gehirn wird aktiviert

 

Darmbakterien tauschen sich mit Immunzellen des Gehirns aus. Das geschieht über die kurzkettigen Fettsäuren. Sie gelangen über das Blut ins Gehirn und beeinflussen die Fresszellen, die für die Entsorgung von Keimen und abgestorbenen Nervenzellen zuständig sind. Dadurch wird das Risiko für Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und Multipler Sklerose gesenkt.

 

Helfen Darmbakterien beim Abnehmen?

 

Die kurzkettigen Fettsäuren stimulieren die Bildung von Leptin. Das Hormon bewirkt die Herstellung von appetithemmenden Hormonen und verringert die Produktion von appetitanregenden Hormonen. Das Hungergefühl nimmt ab. Das Sättigungsgefühl wird verstärkt. Und das alles nur mit Hilfe der richtigen Bakterien im Darm, wenn sie ordentlich von uns gefüttert werden. Wie praktisch!

 

Bauchhirn an Großhirn: Austausch zwischen oben und unten

 

Es gibt zwei Wege für die Kommunikation zwischen dem Bauchhirn, das sich durch die Wand des gesamten Darms zieht und der Größe des Gehirns eines Hundes gleichkommt, und dem Kopfhirn: Der eine Weg verläuft über die Blutbahn, der andere über den Vagus, ein Nervenstrang Richtung Gehirn. 90 % der Infos gehen vom Bauch zum Kopf. Diese Infos sind wohl wichtiger. Das Bauchhirn ist ohnehin autonom. Es kann unabhängig die Bewegung des Darms und seine Funktionen steuern und kontrollieren. Das Kopfhirn hat nicht viel zu melden. Es kommt nur in extremen Situationen wie Vergiftungen zu Wort. Dann organisiert es von oben Krämpfe, Erbrechen und Durchfall, um die Gefahr schnellstmöglich aus dem Körper zu schaffen. Den Rest, das Tagesgeschäft, erledigt das Bauchhirn völlig eigenständig.

 

Wie beeinflussen sich Bauchhirn und Kopfhirn?

 

Das Bauchhirn ist von den Zelltypen und Botenstoffen her genauso gebaut wie das Kopfhirn. Ist Gewebe im Kopf erkrankt, z.B. bei Parkinson, Alzheimer oder BSE, findet sich entsprechend geschädigtes Gewebe im Darmhirn. Wissenschaftler hoffen deshalb, dass in Zukunft frühzeitig Diagnosen von Krankheiten im Gehirn über die Untersuchung des Bauchhirns möglich sein wird. Und es gibt noch andere Zusammenhänge:

 

Medikamente wirken im Kopf und Bauch

 

Medikamente für Migräne beruhigen auch den Bauch. Sekretin, ein Verdauungshormon, soll zur Behandlung von Autismus eingesetzt werden. Arzneien gegen Depressionen wirken auch auf die Verdauung. Betäubungsmittel für das Gehirn können Entzündungen im Darm vermindern. Unser Körper ist ein beeindruckendes Netzwerk.

 

Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus gefällt

 

Wenn 90 % der Infos von unten nach oben gehen, können wir uns ausrechnen, wie groß der Einfluss unseres Bauchgefühls auf unsere Entscheidungen ist. Auch wenn analytische Vorgänge und Auswertungen früherer Ereignisse bei Entscheidungen mitspielen. Der Haupteinfluss kommt aus dem Bauch.

 

Macht eine gesunde Darmflora glücklich?

 

Wenn man Mäusen den Stuhl depressionskranker Personen implantiert, werden sie auch deprimiert. Man sieht, es besteht ein Zusammenhang zwischen Darmflora und Gefühlen. Deshalb kann sich eine gesunde Mannschaft an Untermietern im Darm nur vorteilhaft auf unsere Laune auswirken. Umgekehrt tun wir unserer Darmgesundheit etwas Gutes, wenn wir mit Stress und negativen Gefühlen bewusst umgehen können. Denn sie wirken ihrerseits direkt auf den Bauch: Ärger schlägt auf den Magen, Trauer beeinflusst die Darmbewegung, Liebe dagegen lässt Schmetterlinge im Bauch flattern.

 

Fazit: Was brauchen wir für Gesundheit und Wohlbefinden?

 

Wenn die Gesundheit über den Darm und seine vielen Hebel, die er dafür ansetzt, laufen soll, brauchen wir uns nicht in Feinarbeit verlieren. Was ist wofür gut? Das ist spannend, aber in der Praxis nicht wirklich wichtig. Am effektivsten ist ein Rundumschlag mit Gemüse, Ölen etc., wie ich es eingangs geschildert habe. Sie können bei Belastungen und Stress auch mal Mineralstoffe und Vitamine zusätzlich einnehmen. Im Alltag fahren Sie aber am sichersten mit dem Frischkost-Paket. Da ist alles drin. Auch die Wirkstoffe, die noch gar nicht von der Wissenschaft entdeckt worden sind. Und nicht isoliert, sondern in abgewogenem Verhältnis zueinander. Es ist alles da. Wir brauchen nur noch zuzugreifen. Unsere Darmflora, die so viel regelt, lebt auf. Und wir auch. Gemüse etc. bieten nicht nur Nährstoffe. Sie sind Ausgangsbasis für ein ganzes Universum in unserer inneren Welt. Wenn Sie essen, denken Sie daran: Sie füttern nicht nur sich, sondern auch Ihre Mitbewohner im Darm, die nützlichen oder die krankmachenden. Sie haben die Wahl!

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

1 Kommentare

Sportfeak – Sonntag, 21. Oktober 2018
Toller Text! Sehr informativ, weil viele Zusammenhänge in unserem Körper sehr verständlich erläutert werde. Ab sofort werde ich wieder öfter zum Naturjoghut am Morgen greifen.

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