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Konversionstherapie – Homosexualität, Bisexualität oder Transsexualität – Bin ich abartig?

Kommentar schreiben Montag, 23. März 2020

Konversionstherapie – also Behandlungen mit dem Ziel, sexuelle Orientierung beziehungsweise geschlechtliche Identität zu verändern – findet auch heute noch weltweit statt. Abgesehen von moralischen Aspekten, sind die Folgen einer solchen Therapie für Betroffene oftmals verheerend. Ein Verbot, wie es in vielen Ländern angestrebt beziehungsweise bereits angewendet wird, macht also durchaus Sinn.

 

In diesem Artikel beschäftigen wir uns ausführlich mit dem Thema Konversionstherapie. Was versteht man darunter genau? Wie läuft die Behandlung ab und wer führt sie durch? Aus welchen Gründen lassen sich (gerade junge) Menschen auf Konversionstherapie ein und welche Folgen kann ein solcher „Umpolungsversuch“ nach sich ziehen? Abschließend möchten wir uns dem Gesetzesentwurf zum Verbot von Konversionstherapie in Deutschland widmen.

 

Inhaltsverzeichnis:

 

Was ist Konversionstherapie?

 

Bei der Konversionstherapie handelt es sich um verschiedenartige Behandlungen mit dem Ziel, sexuelle Orientierung beziehungsweise die individuell empfundene geschlechtliche Identität zu unterdrücken oder zu verändern. Solche Maßnahmen fußen auf der Annahme, dass alles das, was nicht der „allgemeinen Norm“ entspricht, behandlungsbedürftig sei. Dazu zählen – so Verfechter der Konversionstherapie – etwa Homosexualität, Bisexualität oder Transsexualität.1

 

Dabei macht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) deutlich darauf aufmerksam, dass weder Homosexualität noch Transsexualität als Erkrankungen zu sehen sind. Damit bestehe auch keinerlei Veranlassung zu irgendeiner Form der Therapie. Im Gegenteil, dem Weltärztebund nach zu urteilen, können entsprechende Behandlungen die Gesundheit gefährden und stehen in direktem Widerspruch zu den Menschenrechten. Auch der Deutsche Ärztebund warnte schon vor einigen Jahren vor den Konsequenzen solcher Therapien.2

Dennoch geht die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld von etwa 1000-2000 solch unsäglicher Therapien pro Jahr aus. Die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher sein. Auch Rückverrechnungen mit Krankenkassen müssen angenommen werden.3

 

An dieser Stelle muss deutlich betont werden: Was keine Krankheit ist, bedarf auch keiner Behandlung! Konversionstherapien sind nicht nur moralisch mehr als bedenklich, sie können auch großen psychischen und physischen Schaden anrichten. Ein Verbot solcher Behandlungen – wie es bereits in vielen Ländern der Welt diskutiert und auch umgesetzt wird – ist also durchaus sehr sinnvoll.4

 

Woher kommt das Angebot zur Konversionstherapie?

 

Konversionstherapien liegen in der Regel starre – durchaus auch religiös geprägte – Weltanschauungen zugrunde. Unter dem Deckmäntelchen der Therapie geht es darum, Menschen „umzupolen“ - mit verheerenden Folgen. Meist werden Angebote zu den Behandlungen nicht unbedingt großartig beworben, sondern verbreiten sich durch Mundpropaganda. Entsprechende Kontakte werden unter der Hand weitergegeben. Dass dies häufig in kirchlichem Rahmen passiert, ist ein offenes Geheimnis.5

 

Angebote finden sich in ganz unterschiedlichen Fachrichtungen. So bieten Mediziner oder Psychotherapeuten Konversionstherapie an, aber auch Priester, Seelsorger, Lebensberater oder Coaches – eine große Bandbreite ist hier gegeben. In manchen Fällen kann auch eine konventionell gestartete Psychotherapie durch massive Grenzverletzung von Seiten des Therapeuten in eine Konversionstherapie übergehen.6

 

Warum wird Konversionstherapie überhaupt genutzt?

 

Konversionstherapie fällt genau dort auf fruchtbaren Boden, wo (junge) Menschen in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität sehr unsicher sind. Häufig sind hier Ängste vorherrschend, wie etwa die Angst davor, anders zu sein und ausgegrenzt zu werden – aber auch Furcht vor Gewalt, Mobbing oder Diskriminierung. Nicht selten kommt auch ein geringer Selbstwert zum Tragen und der Wunsch, „normal“ zu sein, wird übermächtig.

 

Spielt Religion eine große Rolle im Leben, kommt oftmals der Aspekt der „Sünde“ hinzu. Immerhin hatte Homosexualität geschichtlich betrachtet in allen großen Weltreligionen einen sehr schweren Stand. Auch in unseren Breiten galt sie noch vor gar nicht allzu langer Zeit offiziell als Krankheit und war bei Strafe verboten. Betroffene haben nicht selten massive Ängste, dass sich Gemeindemitglieder, Familie oder Freunde aufgrund ihrer „Sünden“ abwenden könnten.7

 

Konversionstherapie: Methoden und Abrechnung über die Krankenkassen

 

Inhalte und Methodik (bei) einer Konversionstherapie können ganz unterschiedlich sein. Häufig geht es darum, ein gesellschaftlich „geachtetes“ Verhalten anzutrainieren. Hier gelangen verschiedene Stereotype in den Fokus. Anhand von Verhaltensmerkmalen, äußerlichen Aspekten wie Kleidung oder „geschlechtstypischer“ Freizeitgestaltung, sollen Betroffene „lernen“, sich ihrem Geschlecht gemäß zu verhalten.8

 

In anderen Fällen finden sogar regelrechte Austreibungen statt, die fast schon an einen Exorzismus denken lassen. Auch homöopathische Behandlungen, um Patienten umzupolen, sind keine Seltenheit.9

 

Viele Anbieter von Konversionstherapie rechnen darüber hinaus problemlos mit den Krankenkassen ab. Eine solche Abrechnung funktioniert, weil nicht ersichtlich ist, dass sich hinter den Behandlungsmaßnahmen eine Konversionstherapie verbirgt. Immerhin lassen Tätigkeitsbeschreibungen wie „tiefenpsychologische Therapie“, „Behandlung psychischer Erkrankung“ oder „Erörterung lebensverändernder Erkrankung“ tatsächlich andere, stimmige Inhalte vermuten!10

 

Homosexualität: Umpolungsversuche haben weitreichende Folgen

 

Konversionstherapie arbeitet mit dem Irrglauben, dass sexuelle Orientierung beziehungsweise geschlechtliche Identität veränderbar oder heilbar sei. Tatsächlich ist sie das aber natürlich nicht. Damit muss eine Konversionstherapie zwangsläufig scheitern, was bei Betroffenen das Gefühl des Versagens hervorruft. Sitzende dunkelhaarige Frau mit Hand am KopfDas wirkt sich in weiterer Folge nicht nur negativ auf den – ohnehin meist schon geringen – Selbstwert aus, es kann im schlimmsten Fall schwere Depressionen bis hin zu Suizidalität zur Folge haben.11

 

Umerziehen und Umpolen ist grundsätzlich gar nicht möglich, hier sind sich Biologen und Sexualmediziner einig. Entsprechende Veranlagung ist ein Faktum und nicht veränderbar.12 Auf dieser Grundlage kann Konversionstherapie schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Neben schon erwähnten Depressionen sowie einem erhöhten Suizidrisiko sind solche beispielsweise vermehrte Ängste, massiver Stress, Aggression sowie Libidoverlust.13

 

Konversionstherapie: mögliche Folgen im Überblick:

 

  • Gefühl des Versagens/Scheiterns
  • Einbußen in Selbstwert und Selbstbewusstsein
  • Ängste
  • massiver Stress
  • Aggression
  • Libidoverlust
  • Depression
  • erhöhtes Suizidrisiko

 

Verbot von Konversionstherapien: Gesetzesentwurf in Deutschland

 

Der Entwurf für ein Verbot von Konversionstherapien in Deutschland liegt bereits vor, das Gesetz soll Mitte 2021 in Kraft treten. Nach diesem sind sämtliche medizinische Interventionen verboten, die zum Ziel haben, sexuelle Orientierung oder selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person zu verändern oder zu unterdrücken. Verstöße sollen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr beziehungsweise hohen Geldstrafen geahndet werden.

 

Darüber hinaus wird jegliches öffentliches Anbieten, Werben oder Vermitteln von Konversionstherapie unter Strafe gestellt. Bei minderjährigen Betroffenen ist auch nichtöffentliches Anbieten, Werben oder Vermitteln von Therapieangeboten strafbar.

Ausgenommen von dem Verbot sind natürlich Behandlungen, die die Störung der Sexualpräferenz betreffen (zum Beispiel Exhibitionismus oder Pädophilie) sowie Therapien, die der selbstempfundenen geschlechtlichen Identität des Betroffenen zum Ausdruck verhelfen.14

 

Solche Verbote beziehungsweise Gesetzesentwürfe sind übrigens bereits weltweit vorhanden. So verbot Malta im Jahr 2015 als erstes EU-Land Konversionstherapien. Außerdem sind derlei Therapien in etlichen US-amerikanischen Bundesstaaten strafbar.15 Auch in Österreich forderte der Nationalrat im Sommer 2019 ein Verbot von Konversionstherapie an Minderjährigen.

 

Daniela Jarosz
Autor: Daniela Jarosz

Daniela Jarosz ist Sonder- und Heilpädagogin. Während des Studiums hat sie sich intensiv mit Inhalten aus Medizin und Psychologie auseinandergesetzt. Sie arbeitet seit vielen Jahren im psychosozialen Feld und fühlt sich außerdem in der freiberuflichen Tätigkeit als Autorin zuhause. Im redaktionellen Bereich hat sie sich auf die Fachrichtungen Medizin, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Work-Life-Balance sowie Kinder und Familie spezialisiert.

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