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Hat mein Kind eine Zwangsstörung?

Kommentar schreiben Mittwoch, 24. November 2021

Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter sind keine Seltenheit. Man geht von einer Häufigkeit von 1-3 % aus. Oftmals ist eine Komorbidität mit anderen psychischen Krankheiten – etwa Angststörungen, Ticstörungen oder depressiven Erkrankungen – gegeben.

Zwangsgedanken und -handlungen von unbedenklichen kindlichen Ritualen und Marotten abzugrenzen, ist im Alltag gar nicht so einfach. Doch genau das ist wichtig, um Zwänge bei Kindern und Jugendlichen rechtzeitig zu erkennen und die passende Therapie einleiten zu können.

 

 

Was ist eine Zwangsstörung?

Eine Zwangsstörung im Kindes- und Jugendalter ist durchaus keine Seltenheit. Mit etwa 1-3 % Betroffener unter 18 Jahren zählt sie zu den häufigeren psychischen Erkrankungen in dieser Altersklasse. Tatsächlich wird zwanghaftes Verhalten bei Kindern oftmals über längeren Zeitraum nicht erkannt, lässt es sich vor allem zu Beginn recht gut verbergen.

Im weiteren Krankheitsverlauf ist damit allerdings in der Regel immenser Leidensdruck verbunden, auch im Familiensystem selbst.Im Prinzip zeichnen sich Zwangsstörung bei Kindern und Jugendlichen durch ganz ähnliche Anzeichen und Symptome wie bei Erwachsenen aus.

Der Grat zwischen Ritualen, die dem Alter entsprechen – etwa in der Entwicklungsphase des magischen Denkens – und zwanghaften Verhaltensweisen mit Krankheitswert, ist aber mitunter ein schmaler. Die Zwangsstörung selbst zeigt sich anhand von unerwünschten Gedanken beziehungsweise Impulsen (Zwangsvorstellungen) sowie dem Drang, diesen Folge zu leisten (Zwangshandlungen), um innere Ängste und Anspannung auf diese Weise abzuschwächen.

Solch zwanghafte Vorstellungen und Handlungen sind wiederkehrend, wiederholen sich also. Zudem belasten sie betroffene Kinder und Jugendliche schwer, sind also mit Leidensdruck verbunden. Den Alltag und ein normales Sozialleben kann eine Zwangserkrankung stark in Mitleidenschaft ziehen.2

Betroffenen selbst ist die Sinnlosigkeit beziehungsweise Übertriebenheit ihrer Zwangsgedanken und -handlungen bewusst, doch sie sind dagegen machtlos. Widersetzen sie sich, führt das zu einem starken Anstieg von Spannung und Angst. Anhand entsprechender Gedanken und Handlungen muss diese Anspannung wieder abgebaut werden.

Das Zwangsgeschehen wiederholt sich stereotyp, benötigt Energie und nimmt im Alltag viel Raum ein. Ohne professionelle Unterstützung wird es zudem tendenziell schlimmer.

Zwangsgedanken und -handlungen bringen Betroffene an ihre Grenzen, sind in der Regel mit deutlichem Leidensdruck verbunden und verunmöglichen ein normales Alltagserleben.

 

 

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Wie zeigt sich zwanghaftes Verhalten beim Kind?

Vor allem in jungen Jahren ist es nicht immer einfach zwischen üblichen kindlichen Ritualen/Marotten und zwanghaftem Geschehen zu unterscheiden. Alter und Entwicklungsstand müssen dementsprechend berücksichtigt werden. In manchen Entwicklungsphasen sind zwanghafte Denk- und Verhaltensmuster nämlich eher die Regel als  die Ausnahme (magisches Denken z.B.).

Zudem kommt es nicht selten vor, dass zwanghaftes Denken und Handeln geschickt versteckt wird. Manchmal möchten es Eltern oder andere nahe Bezugspersonen auch nicht wahrhaben und neigen dazu, es zu relativieren. Dabei ist die zeitnahe Therapie für eine gute Prognose wichtig. Grundsätzlich lassen sich Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter nämlich gut behandeln und auch dauerhaft in den Griff bekommen.

Im Alter zwischen drei und elf Jahren sind gewisse Entwicklungsrituale (etwa Tics oder abergläubisches Verhalten etc.) gar keine Seltenheit. Solche Tendenzen nehmen aber ab dem mittleren Grundschulalter stetig ab. Man kann sich also vorstellen, dass der Grat zwischen altersadäquatem und krankhaftem Verhalten ein durchaus schmaler ist.3

Zwangsstörungen zeigen sich gehäuft im frühen Erwachsenenalter, doch auch vor dem 14. Geburtstag kommen sie durchaus oft vor. Es gibt Hinweise darauf, dass Jungen im Kindesalter etwas häufiger von Zwangsgeschehen betroffen sind als Mädchen. Ab dem Jugendalter sind zwischen den Geschlechtern allerdings keine Unterschiede mehr ersichtlich.4

Die Anzeichen einer Zwangsstörung sind bei Kindern und Jugendlichen dieselben wie bei Erwachsenen auch: Es besteht ein innerer Drang, bestimmte Dinge wieder und wieder (stereotyp) zu denken oder zu tun (Zwangsgedanken bzw. Zwangshandlungen). Im Laufe der Zeit steigert sich die Intensität.

Über die fehlende Sinnhaftigkeit sind sich Betroffene in der Regel bewusst. Damit man tatsächlich von Zwängen sprechen kann, muss eine Stereotypie vorhanden sein (stetige Wiederholung) sowie Leidensdruck. Auch eine Verkomplizierung des Alltags ist dann in der Regel gegeben.5

Die Zwangsstörung selbst zeigt sich durch Zwangsgedanken, Zwangsimpulse sowie Zwangshandlungen. Dass etwas Schlimmes passieren wird, man selbst gravierende Fehler begangen habe oder ähnliches sind typische Zwangsgedanken. Zwangshandlungen selbst haben recht häufig rituellen Charakter. Wenn wir von Zwängen bei Kindern und Jugendlichen sprechen, meinen wir meist zwanghaftes Verhalten, also Zwangshandlungen. Auch diese unterscheiden sich im Prinzip kaum von jenen erwachsener Betroffener.

 

Die häufigsten Zwangshandlungen im Überblick:

 

  • Sauberkeits- beziehungsweise Reinlichkeitszwang: Damit ist der typische Waschzwang gemeint. Also untypisch häufiges und langes Waschen der Hände oder Duschen sowie spezielle Hygienezwänge, auch in ritualisierter Form.

 

  • Kontrollzwang: Dinge/Personen müssen stetig kontrolliert werden. Klassische Beispiele sind die Nachschau, ob abgesperrt ist, der Herd oder das Licht abgeschaltet sind oder ähnliches.

 

  • Ordnungszwang: Dinge/Habseligkeiten werden rituell und penibel geordnet. Es ist schwer auszuhalten, wenn etwas durcheinander gerät. Bei Kindern zeigt sich das oftmals in einem zwanghaften Ordnen von Spiel- oder Schulsachen.

 

  • Zählzwang: Es muss gezählt werden. So werden etwa zwanghaft Dinge/Gegenstände gezählt (Autos, Pflastersteine, Treppenstufen,…), oder aber es wird gezählt, bevor eine Tätigkeit ausgeführt wird (z.B.: bis fünf zählen, bevor man die Tür öffnet etc.).

 

  • Verbale Zwänge: Wörter, Sätze oder (Sprach-)Melodien werden rituell wiederholt beziehungsweise eingesetzt.

 

  • Berührungszwang: Verschiedene Dinge oder Personen müssen rituell berührt werden, oder aber Berührungen müssen explizit ausbleiben.6

 

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Bei einer Zwangsstörung werden Sorgen und Ängste beziehungsweise aufgebauter Druck durch zwanghafte Gedanken und Verhaltensweisen reduziert, im besten Fall sogar neutralisiert. Zugrundeliegende Ängste und Zwangshandlung können eine logische Verbindung haben (etwa Waschzwang bei Angst vor Erkrankungen), müssen das aber nicht.

Zwangserkrankungen zeichnet sich durch einen schleichenden Prozess aus. Gerade zu Beginn können Kinder und Jugendliche zwanghafte Gedanken oder Handlungen noch gut verbergen. Irgendwann werden Leidensdruck und Einschränkungen im Alltag aber so schlagend, dass das nicht mehr klappt.7 Für eine Diagnose sind neben dem Aspekt der Wiederholung vor allem ein bestehender Leidensdruck sowie eine Beeinträchtigung des Alltags wesentlich.

Übrigens ist – wie bei Erwachsenen auch – bei Kindern und Jugendlichen mit Zwangsstörung oftmals eine Komorbidität gegeben. So tritt zwanghaftes Denken und Handeln häufig in Kombination mit Angststörungen, Ticstörungen, depressiven Erkrankungen oder ADHS auf.8

 

Zwangsstörung: Symptome im Überblick

 

  • Zwanghafte Gedanken, Impulse und Handlungen (stereotyp/wiederholend)

 

  • Unsinnigkeit der Gedanken und Handlungen ist meist bewusst

 

  • Zwangssymptomatik nimmt an Intensität zu

 

  • Leidensdruck

 

  • Zwangsgedanken/-handlungen benötigen Ressourcen und erschweren den Alltag

 

  • Zudem: gedrückte Stimmung, Rückzug, Unzugänglichkeit, Verhaltensauffälligkeiten, Verheimlichung,…

 

Wie kommt es zu einer Zwangsstörung?

Das Auftreten von Zwangsstörungen dürfte von biologischen, sozialen und psychischen Faktoren geprägt sein. Je nach vorherrschendem Ansatz kann man unterschiedliche Erklärungsmuster ausmachen. So geht etwa die Lerntheorie davon aus, dass die Beziehung zwischen Angst und Zwang erlernt wurde.

Die Zwangshandlung selbst dient hier als Angstbewältigungsstrategie. Psychoanalytische Theorie wiederum sehen Zwänge als verbotene Impulse, die sich aus dem Unbewussten aufdrängen und die wir daher abzuwehren versuchen.

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass bei einer Zwangsstörung – wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen auch – genetische Faktoren und Umweltfaktoren gleichermaßen eine Rolle spielen.

Auch traumatische Ereignisse beziehungsweise belastende Situationen können Einfluss nehmen und als Auslöser fungieren.  Solche Ereignisse sind etwa Todesfälle im nahen Umfeld, Mobbingerfahrung, die Trennung der Eltern, Unfälle, Verletzungen oder Erkrankungen.

Aufgrund der Corona-Pandemie lässt sich aktuell ein gesteigertes Auftreten von Zwangsgeschehen bei Kindern und Jugendlichen beobachten.10 Ist eine genetische Komponente vorhanden, zeigt sich eine Zwangsstörung häufig schon in jungen Jahren.

Sind Verwandte ersten Grades betroffen, steigt das Risiko für die Nachkommen sogar um ein Drei- bis Zwölffaches an. Setzt das Zwangsgeschehen erst später ein, sind mutmaßlich eher Umweltfaktoren ausschlaggebend.11

 

Zwangsstörung: Ursachen und Risikofaktoren im Überblick

 

  • Biologische, soziale und psychische Faktoren sind ausschlaggebend

 

  • Genetische Komponente

 

  • Umweltfaktoren

 

  • Belastende Lebensereignisse (Todesfälle, Mobbing, Trennung der Eltern, Krankheit,...)

 

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Hat mein Kind eine Zwangsstörung?

Wie bereits erwähnt, ist der Grat zwischen normalen Marotten und zwanghaftem Verhalten sehr schmal. Nicht selten sind Eltern von seltsam anmutenden Ritualen und Marotten bei ihrem Kind verunsichert. Dabei sind solche bis zu einem gewissen Alter nicht unbedingt ungewöhnlich.

Immerhin geben ritualisierte Handlungen gerade in stürmischen Zeiten Struktur und Halt. Vor allem in Umbruchsituationen treten sie daher vermehrt auf. Aufmerksam zu bleiben, um altersentsprechende Marotten möglichst rasch von einem Zwangsgeschehen abzugrenzen, ist also die Kunst.

Problematisch dabei ist, dass krankhafte Zwänge Kindern meist sehr bewusst sind. Häufig sind diese stark schambehaftet und werden folgend versteckt. Mitunter reden sogar enge Bezugspersonen kindliche Zwangsgedanken oder -handlungen schön. Auf diese Weise ist jedoch die Gefahr gegeben, dass eine Zwangsstörung tatsächlich übersehen und professionelle Hilfe zu spät eingeleitet wird. Dabei ist eine gute Prognose von einer möglichst zeitnahen Therapie abhängig.

 

Vom schmalen Grad zwischen normalem und zwanghaftem Verhalten

Wir alle kennen zwanghafte Gedanken oder Handlungen aus unserem eigenen Erleben. In den meisten Fällen ist damit kein Krankheitswert verbunden. Es handelt sich eher um abergläubisches Denken, liebgewonnene Rituale, die zum Wohlbefinden beitragen, oder vermehrtes Nachsehen, ob etwa der Herd abgeschaltet oder die Haustür abgesperrt ist.

Das macht uns deutlich, dass Zwangsgedanken beziehungsweise Zwangshandlungen ganz und gar nicht ungewöhnlich sind. Problematisch werden sie erst dann, wenn sie sich stetig wiederholen, viel Zeit in Anspruch nehmen, Leidensdruck verursachen und den Alltag erschweren.

 

Von unbedenklichem Verhalten muss man eine Zwangsstörung abgrenzen, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

 

  • Verhalten und Gedanken sind stereotyp wiederkehrend

 

  • Verhalten und Gedanken verursachen Leidensdruck

 

  • Verhalten und Gedanken schränken im Alltag ein

 

Marotte oder Zwangsverhalten?

Wie bereits erwähnt, sind ritualisierte Verhaltensweisen bei Kindern nicht untypisch, bis zu einem gewissen Grad sogar völlig normal. Vor allem bei jüngeren Kindern, die noch in magischem Denken verhaftet sind, lässt sich das gut beobachten. Doch auch darüber hinaus kommen solche Verhaltensweisen vor.

Vor allem in Schwellensituationen – also etwa beim Übertritt in Betreuungseinrichtungen oder im Urlaub – oder in belastenden Situationen können sie auch verstärkt auftreten. Immerhin geben sie Sicherheit und Struktur, haben also einen großen Nutzen. Solche unbedenklichen Marotten im Kindesalter haben in der Regel aber ein Ablaufdatum.

In welchem Ausmaß Rituale und Marotten in den Alltag eingebaut werden, hängt nicht zuletzt von der Persönlichkeit des Kindes ab. Darüber hinaus ist es auch relevant, ob andere Strategien vorhanden sind, um mit schwierigen Situationen zurecht zu kommen. Treten ritualisierte Marotten im Kindesalter auf, macht es Sinn, sich anschauen, welche Funktion das Ritual für das Kind hat.

Bleibt man als Elternteil aufmerksam, bemerkt man den Zeitpunkt, an dem die Situation kippt – aus einer liebgewonnen Marotte ein Zwangsgeschehen mit Leidensdruck wird – mit höherer Wahrscheinlichkeit. Häufig geben sich Rituale und Marotten aber auch wieder ganz von selbst wieder.12

Rituale und Marotten dienen Kindern als Ventil. Als liebgewonnene Stressbewältiger, die Ängste und Unsicherheiten reduzieren. Auch Erwachsenen ist das nicht fremd. Statt Buntstifte zu ordnen oder Pflastersteine zu zählen, greifen sie dann eben zum Kaffee oder zur Zigarette. „Normale“ Marotten bestimmen den Alltag im Normalfall aber nicht. Sie verursachen keinerlei Leidensdruck.

Aufmerken sollten Eltern oder andere Bezugspersonen dann, wenn ritualisierte Verhaltensweisen unpassend viel Raum einnehmen und sich stetig verstärken. Auch wenn das Kind versucht, seine Marotten zu verstecken, oder deutliche Verhaltensauffälligkeiten bemerkt werden, ist Vorsicht geboten.

Kinder wirken dann bedrückt, ziehen sich zurück und sind auch für nahe Bezugspersonen immer weniger zugänglich. Der Alltag ist aufgrund des Zwangsverhaltens mitunter erheblich erschwert.13

Ebenfalls auffällig ist es, wenn das Kind nicht mehr dazu in der Lage scheint, flexibel mit Veränderung umgehen, weil ihm seine Zwänge im Weg stehen und nicht aufgegeben werden können. Ein entspannender Urlaub oder die gewohnte Übernachtung bei den Großeltern kann dann zur Zerreißprobe werden.14

Auffällige kindliche Verhaltensweisen, die sich nicht durchbrechen lassen sowie ein spürbarer Leidensdruck samt Einschränkungen im Alltag – hier gilt es, aktiv zu werden! Leider ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Zwangssymptomatik bei Kindern als Marotte abgetan wird.

Ebenso gelingt es Kindern gerade im Anfangsstadium ausgesprochen gut, ritualisierte Zwänge geschickt zu verbergen. Das führt dazu, dass es recht lange dauern kann, bis das Kind professionelle Hilfe erfährt. Dabei sind Zwangsstörungen gut behandelbar.

Je früher eine geeignete Therapie einsetzt, desto besser die Prognose.15

 

 

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Zwanghaftes Verhalten bei Kindern: Was tun?

Stellt man stark ritualisierte Marotten bei seinem Kind fest, ist es zunächst wichtig, das Verhalten zu beobachten. Es sollte genau darauf geachtet werden, ob sich entsprechende Verhaltensweisen stetig wiederholen, Leidensdruck verursachen und den Alltag des Kindes einschränken. Wie reagiert der Nachwuchs in Situationen, in denen das Ritual nicht ausgeübt werden kann?

Diese Faktoren können Hinweise auf eine Zwangssymptomatik liefern. Es ist nun wichtig, das Verhalten des Kindes nicht zu verharmlosen, bloß weil psychische Erkrankungen nicht ins gängige Bild der funktionierenden Familie passen. Eine Zwangserkrankung ist eine Erkrankung wie jede andere auch und muss behandelt werden.

Seinem Kind eine zeitnahe Therapie zu ermöglichen, ist bei bestehenden Zwängen das A&O. Zwangsverhalten ist nämlich nichts, das einfach so von selbst wieder verschwindet. Im Gegenteil, es intensiviert sich und die Wahrscheinlichkeit, dass es bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen bleibt, ist erhöht, wenn man mit einer Behandlung zuwartet.

 

Zwänge bei Kindern: So können Eltern helfen

Was ist also zu tun, wenn man zwanghafte Gedanken oder Verhaltensweisen bei seinem Kind feststellt? Der erste Ansprechpartner ist der Kinderarzt. Er überweist in weiterer Folge zum Facharzt (Psychiater) beziehungsweise vermittelt einen kundigen Psychotherapeuten. Nach der Diagnosestellung kommt es zum zügigen Einleiten der passenden Therapie, die – je nach Ausprägung und Schweregrad der Erkrankung – variieren kann.

Bei Zwangserkrankungen ist die Rolle der Angehörigen eine wichtige, noch viel mehr, wenn Betroffene Kinder oder Jugendliche sind. Es besteht nämlich die Tendenz, das Umfeld – Eltern, Großeltern oder Geschwister – in die Zwänge einzubinden, was die Dynamik verstärkt. Der Zwang wird so gewissermaßen genährt.

Das zeigt auf, wie wichtig es ist, dass nahe Bezugspersonen über die Erkrankung und ihre Symptomatik gut Bescheid wissen. Nicht zuletzt braucht es für eine gelungene Therapie auch Handlungsanleitungen für Eltern und andere Bezugspersonen. In der Therapie Erlerntes muss im privaten Rahmen nämlich weitergeführt werden.

 

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Zwangsstörung bei Kindern: Therapie und Prognose

Eine möglichst rasche und fachlich kompetente Therapie bei Zwangserkrankungen im Kindes- und Jugendalter ist wesentlich für eine gute Prognose. Mit entsprechenden Maßnahmen lässt sich Zwangsverhalten in der Regel gut in den Griff bekommen und einer Chronifizierung wird vorgebeugt.

Bei Zwangserkrankungen ist eine kognitive Verhaltenstherapie stets Therapie erster Wahl. Es geht meist um eine Exposition, also um die Konfrontation mit der angstbesetzten und spannungsgeladenen Situation. Im therapeutischen Setting setzt sich der Patient solchen Situationen aus, ohne dabei die Zwangshandlung auszuführen.

Die Erfahrung, dass nichts Schlimmes passiert und es möglich ist, die Situation zu kontrollieren, führt zu Umstrukturierungsprozessen im Gehirn. Mit der Zeit nehmen Intensität des Zwanges sowie Leidensdruck ab. Die Exposition muss über kurz oder lang auch im privaten Bereich durchgeführt werden, was ein enges Einbinden der Bezugspersonen erfordert.

Bei stark ausgeprägtem Krankheitsgeschehen kann parallel dazu auch eine medikamentöse Therapie eingeleitet werden (Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer). Meist ist bei Zwangserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen eine ambulante Therapie ausreichend. Bei schweren Ausprägungen, oder wenn entsprechende Komorbidität vorhanden ist (Depression, Essstörung,…), kann manchmal auch ein stationärer Aufenthalt notwendig sein.16

 

Sind Zwangsstörungen bei Kindern heilbar?

Grundsätzlich ist die Prognose einer Zwangsstörung bei Kindern und Jugendlichen umso besser, je früher die Behandlung einsetzt. Doch der Krankheitsverlauf ist natürlich auch von anderen Dingen abhängig, wie etwa dem Umfeld, den individuellen Ressourcen oder der Ausprägung der Erkrankung.

Nur bei einem kleinem Prozentsatz (5 %) bleibt ein massiver Leidensdruck trotz Therapie langfristig bestehen. Der Großteil aller Betroffenen entwickelt Strategien, um mit den Zwängen im Alltag umzugehen und/oder sie abzulegen.17

 

Zwanghaftes Verhalten bei Kindern: Tipps

Abschließend einige Tipps, um mit Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen besser umgehen zu lernen:

 

  • Information: Informieren Sie sich umfassend über das Krankheitsbild. Worüber man gut Bescheid weiß, das macht einem in der Regel weniger Angst.

 

  • Akzeptanz: Die Zwangsstörung des Kindes muss als Krankheit akzeptiert werden, die eine Behandlung erfordert.

 

  • Professionelle Unterstützung: Ohne professionelle Hilfe lassen sich Zwänge bei Kindern nicht auflösen. Nehmen Sie also möglichst frühzeitig ärztliche und/oder therapeutische Unterstützung in Anspruch.

 

  • Erwartungshaltung reflektieren: Leidet das Kind unter Zwängen, macht es auch Sinn, die eigene Anspruchshaltung an das Kind zu reflektieren und zu hohe Erwartungen gegebenenfalls zurückzuschrauben.

 

  • Nicht einbinden lassen: Angehörige dürfen sich in die Zwangshandlungen des Kindes nicht einbinden lassen. Damit ist langfristig nämlich niemandem geholfen.

 

  • Positive Bestärkung: Fortschritte des Kindes müssen positiv bekräftigt, Rückschritte empathisch aufgefangen werden.18

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Daniela Jarosz
Autor: Daniela Jarosz

Daniela Jarosz ist Sonder- und Heilpädagogin. Während des Studiums hat sie sich intensiv mit Inhalten aus Medizin und Psychologie auseinandergesetzt. Sie arbeitet seit vielen Jahren im psychosozialen Feld und fühlt sich außerdem in der freiberuflichen Tätigkeit als Autorin zuhause. Im redaktionellen Bereich hat sie sich auf die Fachrichtungen Medizin, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Work-Life-Balance sowie Kinder und Familie spezialisiert.

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