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Fair Fashion: Mode ohne Ausbeutung, Krankheit und Tod

Kommentar schreiben Mittwoch, 29. Januar 2020

Wir tragen sie im Alltag, zu festlichen und anderen besonderen Gelegenheiten, geben damit modische Statements ab, unterstreichen mit ihr unsere Persönlichkeit: Kleidung ist – zumindest in reichen Industrieländern wie Deutschland – viel mehr als nur eine Bedeckung des Körpers. Bei den meisten von uns ist der Kleiderschrank übervoll, und dennoch gehen wir ständig shoppen. Die meisten schicken Teile kosten ja auch so schön wenig. Gerade der niedrige Preis unserer „Fast Fashion“ ist es aber, für den viele Tausende von Menschen in den ärmsten Teilen der Welt einen ungleich höheren Preis zahlen müssen.

 

Das wird inzwischen immer mehr Menschen bewusst, spätestens seit dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch im Jahr 2013, bei dem Tausende Textilarbeiterinnen verletzt oder getötet wurden. Immer mehr Modebewusste denken darüber nach, wie unsere preiswerte Kleidung eigentlich hergestellt wird – und suchen nach Alternativen, nach sogenannter „Fair Fashion“. Faire Mode also: Was macht sie aus, wo kann ich sie kaufen und wie teuer ist sie wirklich?

 

Fast 150 Arbeitsschritte braucht die Herstellung eines Kleidungsstücks – angefangen vom Rohstoff über das Spinnen, Nähen, Färben und Besticken. Ein großer Teil der dafür eingesetzten Arbeitskräfte (zumeist Frauen und sehr häufig auch Kinder) schuften unter menschenunwürdigen Bedingungen, für Löhne, von denen sie und ihre Familien kaum oder gar nicht leben können. Die meisten Fabriken stehen in armen Regionen von Bangladesch, Indien, Kambodscha, Vietnam, aber auch in der Türkei, in Italien und China.1

 

In Indien und China, den USA und Brasilien sowie in den afrikanischen Ländern der Subsahara wird weltweit die meiste Baumwolle angebaut, großteils wieder unter elenden Arbeits- und Umweltbedingungen.2,3 Baumwolle wird an der Börse gehandelt – die Kleinbauern in den Anbaugebieten bekommen die Marktschwankungen zu spüren, können natürlich nicht mit den Preisen der fett subventionierten Baumwollplantagen der Industrieländer konkurrieren und werden so dazu gezwungen, ihre Produkte ebenfalls zu Dumpingpreisen zu verkaufen, die ihren Lebensunterhalt nicht annähernd sichern können.4

 

Warum Billigmode hässlich ist

 

Weil die Arbeits- und Lebensbedingungen der unterbezahlten Textilarbeiter so mies sind, können wir hierzulande unsere modischen T-Shirts, Kleider und Hosen für ein paar Euro das Stück shoppen. Dass das so ist, wissen inzwischen viele, noch mehr könnten es wissen, wenn sie sich mit den Herstellungsbedingungen ihrer Kleidung einmal genau befassen würden. Immer, wenn Reporter mal wieder irgendwo auf der Welt skandalöse Zustände aufdecken oder – wie vor Jahren in Bangladesch – ein folgenschweres Unglück passiert, schreien wir auf. Und nehmen uns vor, künftig weniger billiges Zeug und „fair“ zu shoppen. Viele allerdings vergessen das schnell wieder – und finden wenig später mit dem nächsten preisgünstigen Teil ein neues schnelles Modeglück.

 

Dabei ist es mittlerweile gar nicht mehr schwer, fair produzierte und zugleich schicke Kleidung zu bekommen. Immer mehr Boutiquen und (Online-)Shops bieten Naturtextilien an. Wer „faire Mode“ in die Internet-Suchmaschine eingibt, bekommt tausende Ergebnisse. Die Zahl der Fabriken und Zulieferer, die fair und ökologisch produzieren, wächst ebenso wie die Nachfrage. Hippe junge Modemacher gründen Labels und Modeläden mit fair produzierter Fashion.

 

Laut der Studie „Fashion 2025 zur Zukunft des Fashion-Markts in Deutschland“5 ist die Zahl der Menschen, die beim Shoppen auf ethisch vertretbare, nachhaltige Mode achten, in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Gerade junge, umweltbewusste Menschen interessieren sich für Themen wie „Fair Fashion“ oder „Slow Fashion“, informieren sich zunehmend in den sozialen Medien darüber und tauschen sich und ihre gebrauchte Kleidung z.B. über den „Kleiderkreisel“ aus.

 

Das ist gut, denn es gibt noch viel zu verändern. In Kambodscha werden streikende Textilarbeiter von der Polizei erschossen, wenn sie für ihre Rechte und für einen Mindestlohn von umgerechnet 160 Dollar im Monat auf die Straße gehen6, die Textilindustrie in China vergiftet ihre eigenen Gewässer7, tausende Feldarbeiter, die sich ungeschützt auf den mit Pestiziden verseuchten Baumwollplantagen bewegen, sterben an Krebs8.

 

Was ist das eigentlich: faire Mode?

 

Rundum faire Mode wird aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, sie enthält weder Pflanzengifte noch weitere umweltschädliche Chemikalien. Die Menschen, die sie in fernen Ländern herstellen, haben gute Arbeitsbedingungen und bekommen faire Löhne gezahlt. Junge Modelabels wie „3Freunde“, „Shirts for Life“ und „Melawear“ setzen zumindest in den Textilproduzentenländern Indien und Bangladesch neue Standards.

 

Die drei genannten Firmen arbeiten eng mit Transfair Deutschland e.V.4 zusammen, der für den gesamten fairen Handel federführenden deutschen Vereinigung. Transfair Deutschland hat vor einigen Jahren den Fairtrade-Textilstandard und das Fairtrade-Textilprogramm aus der Taufe gehoben, nachdem es weit zuvor bereits zertifizierte Fairtrade-Baumwolle nach Deutschland gebracht hatte. Besonders wichtig ist dabei, dass Transfair nicht nur einzelne Liefer- und Produktionsbereiche, sondern das große Ganze mit strengem Blick unter die Lupe nimmt.

 

Denn die unüberschaubaren Lieferketten, bei denen die Einkäufer (angeblich) gar nicht wissen können, was innerhalb der einzelnen Produktions- und Lieferabläufe passiert, dienen vor allem den großen Modeketten oft als Ausrede, wenn sie in die Kritik geraten. Dass sich Billigmodemarken wie z.B. H&M inzwischen als „nachhaltig“ darstellen und z.B. Tops aus Bio-Baumwolle anbieten, heißt nicht, dass ihre Produkte tatsächlich fair produziert werden. Denn allzu oft wird die Arbeit weiterhin von Zulieferern unter schlimmsten Bedingungen gemacht. Wollen sich Unternehmen am wirklich fairen Handel von Transfair beteiligen, werden sie zu völliger Transparenz verpflichtet, was Lieferanten und Subunternehmer der gesamten Verarbeitungskette angeht.

 

Strenge Standards von A bis Z

 

Mit seinem Textilstandard und dem Textilprogramm geht Fairtrade weit über die Zertifizierung von Produkten und Standardkontrollen hinaus, arbeitet gezielt auch politisch vor Ort, um die Situation dort zu verbessern. Vor allem sollen Arbeiter aufgeklärt und gestärkt werden, sodass sie den Mut finden, für bessere Arbeitsbedingungen und ihre Rechte zu kämpfen. Zum Nachlesen bietet Transfair e.V. auf der Webseite www.fairtrade-deutschland.de umfangreiche Informationen zur gesamten Thematik plus einen praktischen Produkt- und Einkaufsfinder.

 

Transfair ist natürlich nicht der einzige Träger für den weltweiten fairen Handel. Auch die „Kampagne für saubere Kleidung“, ein Zusammenschluss von NGOs mit 24 Mitglieds- und Partnerorganisationen allein in Deutschland, kämpft für menschenwürdige Arbeitsbedingungen entlang der globalen Lieferkette.

 

Ebenso das nach dem Fabrik-Einsturz in Bangladesch gegründete „Textilbündnis“, an dem weit über 100 Organisationen, Behörden und Unternehmen beteiligt sind (darunter auch große Billigmarken wie Kik, H&M und Primark), und das von Gerd Müller, dem Bundesminister für Entwicklung und Zusammenarbeit, initiiert wurde. Das Bündnis wird jedoch vielfach kritisiert. So berichtet u.a. „Orange“, das junge Online-Magazin des „Handelsblatt“9, dass es lediglich auf Freiwilligkeit der Unternehmen setze; unter Bezugnahme auf einen Spiegel-Artikel wird bemängelt, dass etwa Kik seinen Anteil nachhaltiger Baumwolle auf nur 0,45 Prozent erhöhen wolle.

 

Entscheidungshilfen beim Einkauf

 

Apropos Siegel: Die müssen wir beim Shoppen dringend beachten. Denn sie sind die wichtigste Hilfe, um sicherzugehen, dass man wirklich ein faires Stück Mode in der Hand hält. Zu den wichtigsten Siegeln gehören laut Verbraucherzentrale Deutschland10 diese:

 

 Das Fairtrade-Siegel für fair angebaute und gehandelte Baumwolle. Demnächst wird es ein neues Logo geben, das nicht mehr nur für Baumwolle, sondern für Produkte aus dem gesamten Fairtrade-Programm gelten wird. Ein Produkt mit diesem Logo erfüllt derzeit die strengsten Fairness-Standards.

 

 

 

 Das Siegel IVN Best vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft garantiert 100 % zertifizierte ökologische Naturfasern, die Einhaltung der Kernarbeitsnormen der International Labour Organisation ILO bei der Verarbeitung der Baumwolle und die Zahlung von Mindestlöhnen. Die ILO-Kernarbeitsnormen umfassen u.a. das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, Vereinigungsfreiheit und ein Diskriminierungsverbot.

 

 

 

 Das GOTS (Global Organic Textile Standard)-Label basiert ebenfalls auf den ILO-Kernarbeitsnormen; es kennzeichnet Produkte, die zu mindestens 70 % aus Naturfasern aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft oder Tierhaltung bestehen.

 

 

 

 Das Siegel der Fair Wear Foundation

 

 

 

 Cotton made in Africa

 

 

 

 Das neueste ist das staatliche Siegel „Der grüne Knopf“, ebenfalls von Bundesentwicklungsminister Müller 2019 ins Leben gerufen. Es hat allerdings schon im Vorfeld viel Kritiker geerntet. Wie zum Beispiel das „Sonntagsblatt“ schreibt11, bleibt unter anderem unklar, wie die Einhaltung der dem Siegel zugrundeliegenden Kriterien kontrolliert wird. Ein Vertreter der „Kampagne für saubere Kleidung“ sagte dem theologischen Online-Magazin evangelisch.de12, Textilien mit dem Grünen Knopf dürften keinesfalls als fair oder sozial nachhaltig bezeichnet werden. Die Kriterien seien zu schwach, die Überwachung unzureichend und die Ausnahmen zu umfangreich.

 

Also vielleicht doch lieber nach einem besseren Siegel schauen. Das mag den einen oder anderen zunächst überfordern – doch es gibt Hilfe. Wer sich im Dschungel der unterschiedlichen Siegel zu verirren droht, der kann z.B. in der Webseite www.siegelklarheit.de und unterwegs in der zugehörigen App https://www.siegelklarheit.de/unterwegs/ ein gutes Navigationsgerät finden.

 

Faire Kleidung „zu teuer“?

 

Dass faire Mode „unbezahlbar“ ist, mag in manchen Fällen zutreffend sein. Dennoch stimmt das Argument nicht wirklich, wenn man es von allen Seiten betrachtet. Beispielsweise rechnet das Fair-Label Melawear, das sich der fairen Bezahlung entlang der Lieferkette verpflichtet hat, dadurch mit einem Anstieg der Kosten im „niedrigen einstelligen Prozentbereich“.13 Das bedeutet, dass das fair produzierte T-Shirt im Laden nur ein paar Cent oder Euro mehr kostet – ein guter Gegenwert für meist bessere Qualität und vor allem ein besseres Gewissen.

 

Daran und an nachhaltiges Denken appelliert die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler in einem Gastkommentar für das „Sonntagsblatt“.14 „Niemand darf sterben, bloß weil wir gut aussehen wollen. Näherinnen und Schneiderinnen in aller Welt brauchen einen sicheren Arbeitsplatz und gerechte Arbeitsverträge“, schreibt die Bischöfin. Und: „Lieber auf ein Stück mit hoher Qualität sparen, von dem ich dann lange etwas habe.“

 

Also: Weniger, dafür aber Faires und Gutes im Schrank haben. Oder – auch das ist fair – immer mal wieder über Second Hand-Läden oder über Kleider-Tauschbörsen konsumieren und nicht zuletzt schonend und nachhaltig mit der Kleidung umgehen. Dann muss faire Mode auch nicht teuer sein.

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Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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