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Elektrosmog: Der unsichtbare Feind?

Kommentar schreiben Dienstag, 12. November 2019

Haushaltsgeräte, Telefone, Mobilfunkantennen, Handys: Strom und Strahlung sind immer und überall um uns herum und verantwortlich für den sogenannten Elektrosmog. Anders als der Smog aus Rauch (smoke) und Nebel (fog), der als gut sichtbare Dunstschicht über stark schadstoffbelasteten Metropolen liegt, bleibt Elektrosmog völlig unsichtbar. Doch weil man ihm immer weniger entgehen kann, macht er vielen Menschen Angst. Sie glauben, dass das, was Geräte, Handys und Internet ausstrahlen, ihrer Gesundheit schadet. Ob das tatsächlich so ist, darüber wird seit vielen Jahren teils erbittert gestritten – und intensiv geforscht, bislang allerdings ohne ganz eindeutige Ergebnisse.

 

„Elektrosmog” ist eigentlich ein rein umgangssprachlicher Ausdruck. Wissenschaftlicher formuliert, bezeichnet das Wort elektrische, magnetische und elektromagnetische Strahlungsfelder, die täglich auf Menschen, Tiere und Umwelt einwirken. Manche von ihnen – vor allem die elektromagnetische Strahlung, steht seit langem in Verdacht, gesundheitsschädliche Wirkungen zu besitzen.

 

Elektrische, magnetische und elektromagnetische Strahlung

 

Dabei schließt Elektrosmog unterschiedliche physikalische Phänomene ein, die verschiedene Wirkungen auf den menschlichen Organismus haben. Zum einen sind das die niederfrequenten elektrischen und magnetischen Felder, zum anderen die hochfrequenten elektromagnetischen Felder. Niederfrequente Felder entstehen durch den Betrieb von Haushaltsgeräten, die mit Wechselstrom betrieben werden, dessen Frequenz (= die Zahl der Schwingungen pro Sekunde) bei unter 100 Kilohertz, also relativ niedrig liegt.

 

Sobald man diese Geräte an die Steckdose anschließt, entstehen elektrische Felder, auch wenn das Gerät gar nicht läuft. Sobald elektrischer Strom fließt, also sobald das Gerät angeschaltet wird und in Betrieb ist, entstehen zusätzlich magnetische Felder. Von den niederfrequenten Feldern glauben die meisten Experten, dass sie kein Gesundheitsrisiko darstellen.

 

Bei den hochfrequenten elektromagnetischen Feldern sieht die Sache schon etwas anders aus. Hier liegt der Schwingungsbereich zwischen 100 Kilohertz und 300 Gigahertz; innerhalb dieser Spanne treten parallel elektrische und magnetische Felder auf. Sie entstehen durch Mobilfunksendemasten und Handys, durch Funksender (Fernsehen und Radio), Mikrowellenherde, die Basisstationen von schnurlosen DECT-Schnurlostelefonen oder kabelloses Internet (WLAN).

 

Hochfrequente Felder (man spricht auch von elektromagnetischer Strahlung) breiten sich von ihrer Entstehungsquelle aus wellenförmig aus und können – anders als niederfrequente Strahlung – nicht durch Mauern, Hausdächer oder herkömmliche Fenster abgeschirmt werden. 

 

Die große Frage: Macht das Handy am Ohr krank?

 

Um die elektromagnetischen Felder gibt es immer wieder erhitzte Fachdiskussionen, da sie zumindest im Verdacht stehen, den menschlichen, ggf. auch den tierischen Organismus zu schädigen. Vor allem die Mobilfunkantennen bzw. Sendemasten lösen bei vielen Menschen regelrecht Angst und Schrecken aus. Keiner kann bisher mit Gewissheit sagen, wie gefährlich die Strahlung in ihrer Umgebung wirklich ist. Auch bei der viel diskutierten möglichen gesundheitsschädigenden Wirkung von Handys konnte die Wissenschaft noch zu keinem eindeutigen Schluss kommen; tragfähige Erkenntnisse gibt es nicht.

 

Klar ist nur, dass von unseren vermutlich unverzichtbaren Mobiltelefonen eine kurzfristige, relativ hohe Strahlung ausgeht (je schlechter der Empfang, desto höher), und dass ein Teil dieser Strahlung während des Telefonierens in den Kopf gelangt, sofern man das Handy dabei ans Ohr hält. Für Handys gibt es deswegen einen gesetzlich festgelegten Grenzwert, der auf der gemessenen „spezifischen Absorptionsrate", kurz SAR, beruht. Diese beziffert die Menge der Strahlung, die bei der Verwendung des Handys pro Kilogramm Körpergewicht in den Körper gelangt. Innerhalb der EU liegt der Grenzwert bei maximal zwei Watt pro Kilogramm. Die Hersteller von Handys sind verpflichtet, die SAR-Werte anzugeben; diese können außerdem auf der Webseite des Bundesamts für Strahlenschutz gesucht werden.1

 

Kritik: Grenzwerte sind zu niedrig

 

Ob die allgemeinen Grenzwerte für elektromagnetische Strahlung tatsächlich eine Schutzwirkung entfalten – auch das ist unter Fachleuten umstritten. Viele halten sie generell für zu niedrig. So bemängeln Kritiker bei den SAR-Werten der Handys, dass das Gerät bei den zugrundeliegenden Messungen fünf Millimeter vom Ohr entfernt gehalten wird, was in der Realität meist nicht der Fall ist. Fakt ist: Die in der EU geltenden Grenzwerte wurden auch von der unabhängigen Internationalen Strahlenschutzkommission (ICNIRP) übernommen. Dieser Zusammenschluss internationaler Wissenschaftler mit Sitz in Kanada gibt Empfehlungen und Richtlinien zum Strahlenschutz heraus, die dazu dienen sollen, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.2

 

Fakt ist auch: Die offiziellen Empfehlungen beruhen auf der Annahme, dass die elektromagnetische Strahlung Wärme erzeugt, die den Körper schädigen kann. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hält es zumindest für erwiesen, dass die elektromagnetischen Felder in den Körper gelangen und dort vor allem eine Wärmewirkung erzeugen.3 Dort, wo der Körper mit dem Smartphone in Berührung kommt, steigt demzufolge die Temperatur in Gewebe und Zellen – mit bisher ungeklärten (schädlichen) Folgen. Manche Forscher glauben darüber hinaus, dass sich nicht nur die Wärme, sondern auch kurzzeitige Leistungsspitzen beim Handy negativ auswirken könnten. Sollte dies so sein, müssten dann auch die Grenzwerte deutlich herabgesetzt werden.

 

„Möglicherweise krebserregend“

 

Es bleiben also viele Fragen bezüglich des Gesundheitsrisikos durch Handys offen. Nach Angaben u.a. des Krebsinformationszentrums des Deutschen Krebsforschungszentrums DKFZ4 stuft die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC)5, die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört, elektromagnetische Strahlung als "möglicherweise krebserregend" ein. Es gibt also zumindest Hinweise darauf. Dennoch geht die Mehrheit der mit diesem Thema befassten Wissenschaftler zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass Mobilfunk zumindest für erwachsene Menschen vermutlich keine Gefahr darstellt.

 

Die bisher größte Untersuchung dazu ist die sogenannte „Interphone-Studie“ der WHO und des IARC, an der Forscher aus 13 Staaten mitwirkten. Dabei wurden zwischen den Jahren 2000 und 2004 mehr als 6.000 Patienten mit Tumoren im Kopf danach befragt, wie und wie oft sie Handys benutzten; insgesamt haben mehr als 12.000 Personen an der Untersuchung teilgenommen. Die Studie sollte die zentrale Frage beantworten, ob der regelmäßige Gebrauch von Handys Krebs im Gehirn oder im Ohr erzeugen könne. Letztlich wurden bei durchschnittlicher Nutzung des Handys kein erhöhtes Tumorrisiko und keine erhöhte Krebsrate bei Handynutzern festgestellt.

 

Allerdings wurde zum Teil massive Kritik an der Studie laut. Zusammenfassend berichtete u.a. das Ärzteblatt über die Ergebnisse und Reaktionen. Darin relativierte selbst die Studienleiterin das Ergebnis. Ihre Aussage: Es könne aus dem Ergebnis nicht gefolgert werden, dass durch Handynutzung kein Risiko bestehe, da es genug Hinweise gäbe, die auf eine mögliche Gefährdung deuten. Kritiker betonen zudem, die Studie weise eine Vielzahl von Unklarheiten, Widersprüchen und „Verzerrungen“ auf. Eine Gruppe von etwa 40 Experten stellten insgesamt elf Mängel fest, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bewertete die Bedingungen der Studie als „praxisfern“ und sieht „schwere handwerkliche Mängel“. So würden in der Studie bereits diejenigen Personen zu den „regelmäßigen Nutzern“ gezählt, die ihr Handy über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens einmal pro Woche verwendeten. Ein weiterer erheblicher Kritikpunkt stellte die Tatsache dar, dass die Studie ausgerechnet durch die Mobilfunkindustrie mit 5,5 Millionen Euro mitfinanziert wurde.6

 

Im „Ärzteblatt“-Artikel kommt auch Thomas Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz zu Wort, der sich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk geäußert hatte. Demnach sieht Jung zwar keine akute Gefährdung durch Handynutzung, schränkt aber ein, dass man vor allem zu wenig über die Wirkungen der Handystrahlung auf Kinder und über die Langzeitwirkungen wisse. Daher empfiehlt der BfS-Experte allen Eltern, ihre Kinder dazu zu bringen, nur „dringend notwendige Gespräche“ zu führen.

 

5G – verstärkt die neue Generation die Gefahren?

 

Die Debatte über einen möglichen Zusammenhang hält also an – und die Forschungen auch. Und das muss auch so sein, denn mit 5G, dem neuen Mobilfunkstandard, gehen die Befürchtungen noch weiter. 5G, die fünfte Mobilfunkgeneration, soll schon ab 2020 verfügbar sein und ein Vielfaches der bisher möglichen Geschwindigkeiten bieten – was auch höhere Frequenzen, sehr viele neue Sendemasten und damit auch viel höhere Strahlung mit sich bringt. Bis geklärt ist, wie sich die Mobilfunkstrahlung auf die Gesundheit auswirkt, kämpfen Umweltschützer und Mediziner teils erbittert gegen den 5G-Ausbau an; zahlreiche Videos im Internet warnen vor den Gefahren, vor allem vor einem höheren Krebsrisiko und einer größeren Belastung für elektrosensible Menschen. Diese glauben, dass elektromagnetische Strahlen bei ihnen Schlafstörungen, Kopfschmerzen und andere Beschwerden auslösen. Das Bundesamt für Strahlenschutz dagegen kann keine Gefahren durch 5G erkennen.

 

Im Deutschlandfunk (DLF) wurde der Streit um 5G sehr differenziert dargestellt. Hier äußert sich etwa eine Vertreterin des BfS dahingehend, dass es – abgesehen davon, dass bisher jeder Beweis für eine Schädlichkeit fehle – grundsätzlich keinen Unterschied zwischen den elektromagnetischen Feldern der bisherigen Mobilfunknetze und denjenigen der 5G-Netze gebe, was bedeute, dass man die bisherigen Erkenntnisse weitgehend auf 5G übertragen könne. Ganz anders sehen das die Gegner. Im DLF-Beitrag sagt etwa Wilfried Kühling, Wissenschaftler vom BUND, es gebe bereits jetzt genug Hinweise für negative Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung, und durch den Ausbau der 5G-Netze werde die Strahlenbelastung noch deutlich zunehmen. Dass man das alles erstmal „durchpowere“, bevor genügend Kenntnis zur Sache vorliege, sei „unverantwortlich“. Wobei auch das BfS zumindest weitere Forschungen zu 5G verspricht.7

 

Strahlenbelastung durch Mobilfunk reduzieren – wie geht das?

 

Wie auch immer man die Gefahr nun persönlich einschätzt – schaden kann es sicherlich nicht, die Strahlenbelastung durch Mobilfunk zumindest zu vermindern. Wie das geht? Zum einen sollten regelmäßige Handynutzer das Gerät nicht ans Ohr halten, sondern ein Headset benutzen und das Handy dabei nicht in die Tasche stecken, sondern z.B. in der Hand halten. Viel gewonnen ist auch schon dadurch, dass man Telefonate mit dem Handy möglichst kurzhält und bei schlechtem Empfang am besten gar nicht telefoniert. Empfohlen wird außerdem, sämtliche Strahlung aus dem Schlafzimmer raus zu halten, also keine Handys und Fernseher am und im Bett zu benutzen, und das WLAN über Nacht auszuschalten.

 

Und das am besten so lange, bis uns eines Tages – hoffentlich – die Forschung eindeutige Erkenntnisse liefern wird.

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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