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Antidepressiva: Stimmungsaufheller mit Schattenseiten?

1 Kommentar Montag, 18. Dezember 2017

Die Welt ist nur noch schwarz. Jeglicher Antrieb, jede Freude am Leben fehlt. Man fühlt sich im wörtlichen Sinn „des Lebens müde“, im schlimmsten Fall wird der Wunsch zu sterben übermächtig. All diese Empfindungen und Symptome sind typische Erscheinungsformen einer echten Depression. Das ist alles andere als einfach nur ein „seelisches Tief“, das, wenn man sich nur ein wenig „zusammenreißt“, von selbst wieder vergeht, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung. Damit sie diejenige Person, die von ihr betroffen ist, nicht im schlimmsten Fall in den Selbstmord treibt, muss sie behandelt werden. Neben verschiedenen Formen der Psychotherapie und anderen Maßnahmen und Angeboten gehören auch Antidepressiva, also Medikamente gegen Depressionen, zu den wichtigsten Bestandteilen einer umfassenden Therapie. Experten sind sich inzwischen weitgehend einig: Antidepressiva – angemessen und verantwortungsvoll eingesetzt – können die Lebensqualität der Patienten entscheidend verbessern. In den 1950er-Jahren kamen Antidepressiva erstmals auf den Markt. Nachdem sie zunächst nur als absolute Spezialmedikation von einigen Psychiatern eingesetzt wurden, entwickelten sich die „Stimmungsaufheller“ im Lauf der folgenden Jahrzehnte rasant zu weit verbreiteten Heilmitteln, die inzwischen flächendeckend eingesetzt werden. Laut dem aktuellen  Arzneiverordnungs-Report werden allein in Deutschland Jahr für Jahr fast 1,5 Milliarden Tagesdosen an Antidepressiva eingenommen – das allerdings längst nicht immer aus gutem Grund. Zu viele Ärzte verschreiben allzu bereitwillig und ohne sorgfältige Prüfung Antidepressiva.

Das Mittel der Wahl – wenn mit Bedacht und kombiniert eingesetzt

Kein Wunder, dass vor allem ganzheitlich orientierte Mediziner, Psychotherapeuten und Pharmazie-Kritiker gegen diesen scheinbar maßlosen Gebrauch zu Felde ziehen. Die Kritik gilt den leichtfertig verschreibenden Ärzten ebenso wie den Patienten, die allzu sorglos die Pillen schluckten, um so bald wie möglich wieder zu „funktionieren“. Für die umfassende und aufwändige Behandlung, die eine echte Depression erfordere, nähmen sich in vielen Fällen weder die Ärzte noch die Betroffenen ausreichend Zeit. Wieder andere Argumente, die ebenso kontrovers diskutiert werden, beziehen sich auf die angeblich mangelnde Wirksamkeit von Antidepressiva – bei gleichzeitig starken Nebenwirkungen. Was dies betrifft, ist sich die Fachwelt heute allerdings weitgehend sicher, dass Antidepressiva überaus effektiv seien, allerdings nur bei schweren Fällen von Depression. Dagegen wird von der medikamentösen Behandlung leichterer depressiver Formen allgemein abgeraten. Fest steht, dass Medikamente niemals die einzige Behandlung einer Depression darstellen dürfen, sondern immer mit regelmäßigen psychotherapeutischen Sitzungen und anderen geeigneten Maßnahmen kombiniert werden sollten. Mit Bedacht eingesetzt, können Antidepressiva viele Betroffene sogar erst in die Lage versetzen, überhaupt eine Psychotherapie zu beginnen und diese auch zu bewältigen. Denn wer tief im schwarzen Loch der Depression gefangen ist, tut sich extrem schwer, Hilfe zu suchen und aktiv an der Heilung mitzuarbeiten. Erst nach einiger Zeit der (ärztlich beobachteten) Medikamenteneinnahme finden viele Patienten den Weg in eine wirklich tiefgründige und nachhaltige Therapie, die an den Ursachen und nicht ausschließlich an den Symptomen ansetzt. Somit sind Antidepressiva wohl zweifellos in vielen Fällen geradezu unverzichtbar. Ob der Einsatz von Antidepressiva im individuellen Fall sinnvoll ist, muss immer im Gespräch mit dem behandelnden Arzt geklärt werden. Patienten sollten, wo immer möglich, gut darauf achten, ob sich ihr Arzt ausreichend Zeit für die Abwägung dieser Frage nimmt und ob er Einnahme und Dosierung verantwortungsvoll kontrolliert.

Wie funktionieren Antidepressiva? Wo setzen sie an?

Bei einer depressiven Erkrankung sind einige Gehirnfunktionen nachweislich verändert. Eine wichtige Rolle dabei spielen Botenstoffe im Gehirn, die u.a. für die Kommunikation zwischen Nervenzellen zuständig sind. Bei der Entstehung und beim Vorliegen einer Depression ist offenbar die Funktion der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin beeinträchtigt. Durch Antidepressiva können diese Funktionsstörungen wieder korrigiert werden. Die Wirkstoffgruppen, die heute für Antidepressiva genutzt werden, arbeiten grundsätzlich nach demselben Prinzip, das wie folgt zusammengefasst werden kann: Die Konzentration der wichtigen Hirn-Botenstoffe muss erhöht werden, um die Stimmung aufzuhellen und die depressiven Zustände zu verringern. Normalerweise wird ein Teil der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin, die von der Nervenzelle in Richtung Gehirn ausgeschüttet werden, von einer bestimmten Kontaktstelle aus (dem synaptischen Spalt) zurück in die Nervenzelle transportiert. Diese „Rückpumpe“ wird durch die Einnahme der gängigen Antidepressiva blockiert. Die Folge ist, dass der Rücktransport der Botenstoffe reduziert ist und sich somit mehr Noradrenalin bzw. Serotonin im synaptischen Spalt befinden – ihre Wirkung ist entsprechend erhöht. Auf diesem Mechanismus basieren sehr viele Typen von Antidepressiva, unter anderem die sogenannten tri- oder tetrazyklischen Antidepressiva und die selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI).

Gleiches Wirkprinzip, unterschiedliche Nebenwirkungen

Die Tri-oder Tetrazyklika sind nach ihrer dreigliedrigen („trizyklischen“) oder viergliedrigen („tetrazyklischen“) chemischen Struktur benannt. Diese, seit den 1950er-Jahren eingesetzten Wirkstoffe erhöhen die Konzentration der wichtigen Hirnbotenstoffe Noradrenalin und Serotonin an den Kontaktstellen der Nerven. Seit den 1980er-Jahren auf dem Markt sind die SSRI. Sie blockieren ein bestimmtes Molekül, das normalerweise den Botenstoff Serotonin vom Ort seiner Wirkung wegtransportiert. Damit erhöhen sie ebenfalls die Serotoninkonzentration im Gehirn, weisen aber weniger Nebenwirkungen auf als die tri- und tetrazyklischen Medikamente. Anders dagegen, nämlich direkt innerhalb der Nervenzellen, wirken sogenannte Monoaminooxidasehemmer (MAO-Hemmer). Sie blockieren ein Eiweiß (Enzym), das für den Abbau von Serotonin und Noradrenalin in der Nervenzelle zuständig ist. Daraus ergibt sich wieder der erwünschte Effekt, dass eine größere Anzahl dieser Botenstoffe vorhanden ist, die in den synaptischen Spalt freigesetzt werden und dort ihre Wirkung entfalten können. Die verschiedenen Arzneimittel, die derzeit zur Behandlung von Depressionen auf dem Markt sind, unterscheiden sich also nur wenig, was ihre Wirkung betrifft, haben aber unterschiedlich starke Nebenwirkungen. Manchmal braucht es seine Zeit und es müssen einige Mittel „ausprobiert“ werden, bis das passende Präparat gefunden ist.

Keine schnell wirkende „Happy Pills“

Die Probleme, die vielen Depressionen zu Grunde liegen, etwa langanhaltender Stress in der Familie oder im Beruf, Trauer um einen Angehörigen oder Schwierigkeiten in der Partnerschaft, können Antidepressiva natürlich nicht beseitigen. Doch können durch die Medikamente die Antriebs-, Freud- und Hoffnungslosigkeit nachlassen, die bestehenden Probleme weniger unüberwindlich erscheinen – somit ist ganz einfach mehr Kraft vorhanden, gegen die Depression anzugehen. Dabei ist es für Patienten essenziell wichtig, dass sie nicht einfach Pillen schlucken mit der Zielsetzung „Ich will so bald wie möglich wieder fröhlich sein“. Vielmehr sollten sie sich mit der medikamentösen Behandlung ebenso bewusst auseinandersetzen wie mit ihrer gesamten Erkrankung und letztlich von Sinn und Wirksamkeit der Einnahme überzeugt sein. Nur dann werden sie die Medikamente regelmäßig und über einen ausreichend langen Zeitraum einnehmen – was nötig ist, denn bei kontinuierlicher Einnahme setzt die Wirkung von Antidepressiva meist erst nach einigen Wochen ein.

Durch richtige Einnahme Rückfälle verhindern

Dass Depression keine einmalig auftretende „Störung“ mit klarer zeitlicher Begrenzung ist, zeigt sich auch dadurch, dass die meisten Depressiven – über 70 Prozent – mindestens einmal einen Rückfall erleiden, meist innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss der Behandlung. Beruhigend zu wissen ist, dass das Rückfallrisiko erheblich reduziert werden kann. Zum einen sollten die Psychotherapie und weitere Maßnahmen konsequent weiterverfolgt werden, auch wenn es dem Patienten inzwischen deutlich besser geht. Ebenso essenziell ist es aber auch, selbst bei einer deutlichen Besserung die Antidepressiva weiter einzunehmen. Denn durch ein vorschnelles Absetzen kann die Depression schnell wieder zurückkommen. Und auch wenn die Depression ganz abgeklungen ist, sollten Antidepressiva noch etwa ein halbes bis dreiviertel Jahr in gleicher Dosierung weiter eingenommen werden. Wenn sich dann nicht erneut eine sogenannte „depressive Episode“ ereignet, kann unter ärztlicher Begleitung das Medikament schrittweise abgesetzt werden – man nennt diesen Vorgang „Ausschleichen“. Dies wird allerdings nur befürwortet, wenn sich der Patient insgesamt stabil fühlt und seine Lebensumstände positiv sind.

Die gefürchteten Nebenwirkungen

Entgegen einer weitverbreiteten Annahme machen Antidepressiva weder süchtig noch „high“. Denn bei Medikamenten gegen Depressionen handelt es sich nicht um Beruhigungs- oder Aufputschmittel, bei denen solche Nebenwirkungen recht häufig vorkommen. Allerdings bringen Antidepressiva einige, manchmal auch schwere, Nebenwirkungen mit sich, die aufmerksam beobachtet werden sollten. Während der Einnahme von Trizyklika kommt es häufig zu Symptomen wie Mundtrockenheit, Verstopfung und sogar Herzrhythmusstörungen. SSRI bringen oft Unruhezustände und Schlaflosigkeit sowie sexuelle Funktionsstörungen mit sich. Besonders in Verruf geraten sind manche Antidepressiva, weil einige Kritiker behaupteten, dass sie das Selbstmordrisiko bei vielen Patienten erhöhten. Dem widersprechen jedoch mehrere anerkannte Experten, die betonen, dass eine Selbstmordgefahr grundsätzlich von der Depression selbst ausgehe. Allerdings wird eingeräumt, dass ein kurz nach Behandlungsbeginn einsetzender antriebssteigernder Effekt auch den Willen zum Selbstmord verstärken könnte – dies sei besonders bei Kindern und Jugendlichen der Fall. Letzteren sollten man deshalb besonders antriebssteigernde Antidepressiva nicht verschreiben. Festzuhalten ist, dass jeder Patient anders auf Antidepressiva reagiert und Nebenwirkungen individuell unterschiedlich stark auftreten können. Bei nicht wenigen Patienten zeigen sich unter der Einnahme von Antidepressiva auch gar keine oder nur leichte unerwünschte Nebenwirkungen. Wichtig ist, alle auftretenden Nebenwirkungen dem behandelnden Arzt mitzuteilen und dann gemeinsam zu entscheiden, ob ein anderes Medikament versucht werden oder die Dosis geändert werden sollte. Bei der heute sehr großen Auswahl an Mitteln gelingt es meist, ein gut verträgliches Präparat zu finden, das letztlich den Weg aus dem schwarzen Loch Depression erleichtert.

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Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

1 Kommentare

Elke – Dienstag, 29. Dezember 2020
Dass es wirksame Medikamente gegen Depressionen gibt ist wirklich ein Segen. Aber eben auch mit Nebenwirkungen. Ich frage mich, ob nicht ein erster Schritt der natürliche Weg sein sollte, mit Johanniskraut, zum Beispiel, Khiao mucuna pruriens oder Rosenwurz. Mehr faszinierende Heilkräuter habe ich im Pflanzenlexikon auf pflanzlich.fit gefunden. Ein sehr spannendes Thema.

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