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Wenn Sex zur Sucht wird: Was mit „Nymphomanie“ wirklich gemeint ist

Kommentar schreiben Montag, 12. November 2018

„Nymphomaniac“ hieß ein Film mit zahlreichen gewagten Sexszenen, der vor einigen Jahren selbst in unserer heutigen aufgeklärten Zeit einigen Staub aufwirbelte. Erzählt wurde die Geschichte einer Frau, die geradezu zwanghaft mit immer wieder anderen Partnern ihre Lust auf sexuelle Erlebnisse auslebte. Die Geschichte einer „Nymphomanin“ also, einer Frau, die unter „Nymphomanie“ leidet. Diese Begriffe zu wählen, ist allerdings heute nicht mehr gängig und außerdem ziemlich irreführend – inzwischen ist eher der neutralere Begriff „Sexsucht“ in Gebrauch. Doch auch diese Bezeichnung will näher erläutert werden: Was man darüber lesen kann – meist in Kombination mit mehr oder weniger voyeuristischen Berichten über das ausschweifende Sexleben prominenter Zeitgenossen –, hat oft mit der Realität hinter dem Schlagwort wenig zu tun. Sexsucht oder auch Nymphomanie: Was steckt nun eigentlich wirklich dahinter?

 

Viele verstehen heute noch unter Nymphomanie eine ausufernde sexuelle Begierde von Frauen – tatsächlich werden ausschließlich sie als „Nymphomaninnen“ bezeichnet. Die männliche Entsprechung dazu lautet Satyriasis oder „Don-Juan-Komplex“. Daneben gibt es noch den geschlechtsneutralen Begriff „Erotomanie“. Doch werden diese Bezeichnungen heute selbst von Wissenschaftlern nur noch selten genutzt, stattdessen sind eher die Begriffe „Hypersexualität“ oder „Sexsucht“ gängig. Wichtig ist aber, zunächst die unterschiedlichen Fachbegriffe und das, wofür sie stehen, voneinander abzugrenzen.

 

Die Bezeichnung Nymphomanie ist aus den griechischen Wörtern für Braut (nymphe) und Wahnsinn, Raserei (mania) zusammengesetzt. Darunter versteht man ein Krankheitsbild, nach dem Frauen mit häufig wechselnden Partnern unablässig sexuelle Befriedigung suchen – und gleichzeitig häufig nicht in der Lage sind, zu einem sexuellen Höhepunkt zu kommen. Statt eine innere Bindung zu einem Sexualpartner aufzubauen, sind sie zwanghaft getrieben, immer wieder neue Männer zu finden, mit denen sie endlich sexuelle Erfüllung finden können. Genauso ergeht es Männern, denen Satyriasis oder der „Don-Juan-Komplex“ zugeschrieben wird.

 

Frauen sind „nymphoman“, Männer „stoßen sich die Hörner ab“

 

Wobei – sind wir mal ehrlich: In der öffentlichen Meinung werden Männer mit einem starken Sexualtrieb meist eher positiv gesehen: „Er stößt sich eben die Hörner ab“ oder „Der lässt halt nix anbrennen“ heißt es dann gerne anerkennend. Die „Gleichberechtigung“ ist in diesem Bereich ganz offensichtlich noch nicht wirklich angekommen. Frauen mit ausgeprägtem Sexualtrieb werden weit schneller in die Kategorie „unnormal“ gedrängt, gar als „Schlampen“ oder „Huren“ abgewertet – oder eben, etwas vornehmer, als „Nymphomaninnen“ bezeichnet. Dabei geht es aber um Frauen, die frei von Scham und jahrhundertelang kultivierten Moralvorstellungen, einfach nur ihre Sexualität ausleben möchten. Ein Verhalten, das in früheren Zeiten – aus denen der Begriff „Nymphomanie“ ja stammt und in denen weibliche Lust ganz einfach als „ungehörig“ gesehen wurde – als abnorm und krankhaft galt und nach allgemeinem Verständnis von Psychiatern behandelt werden musste.

 

Das immerhin hat sich – zumindest in unserem Kulturkreis – gründlich geändert. Obwohl weibliche Sexualität durchaus immer noch geprägt ist von den kulturellen Wertvorstellungen und der öffentlichen Sexualmoral früherer Zeiten, ist heute doch unstrittig: Mädchen und Frauen mit häufigen und auch befriedigenden sexuellen Kontakten sind völlig gesund und mit Sicherheit nicht sexsüchtig. Heutzutage gilt eine Frau, die gerne leidenschaftlichen Sex hat, Wert auf ihre eigene sexuelle Befriedigung legt, bei der Annäherung die Initiative ergreift und gerne auch mal ihre Partner wechselt, zumindest in der öffentlichen Meinung sicher nicht mehr als abnorm. So ist der Begriff Nymphomanie unter Wissenschaftlern heute auch veraltet.

 

Die große Frage: welches Sexverhalten ist „normal“?

 

Mit dem zwanghaft gesteigerten Geschlechtstrieb von Männern und Frauen befasst sich heute die moderne Psychiatrie und Psychotherapie und versteht ihn meist als Symptom von Neurosen und verschiedener Persönlichkeitsstörungen. Doch auch hier sind die Grenzen vom „normalen“ zum „krankhaften“ oft schwer zu ziehen. Egal ob es um Frauen oder Männer geht: Inzwischen wird in unserer aufgeklärten Kultur die Frage, welches Sexualverhalten als „normal“ gilt und welches als „übermäßig“, viel weiter gefasst. Deshalb ist z.B. auch der Begriff „Hypersexualität“ (= „übermäßige Sexualität“) unter Medizinern und Psychotherapeuten umstritten, da man sich eben noch nicht einmal einig ist, wo die „Übermäßigkeit“ eigentlich anfängt. Nachdem nun die Begriffe Nymphomanie, „Don-Juan-Komplex“, Satyriasis oder Hypersexualität eher kritisch betrachtet werden, spricht man heute meist vereinfacht von „Sexsucht“, um das zwanghafte Ausleben von Sexualität auf den Punkt zu bringen. Die wenigen aussagekräftigen Zahlen zur Sexsucht lassen darauf schließen, dass wohl etwa jeder fünfzehnte Deutsche davon betroffen ist. Das wären also einige hunderttausend Frauen und Männer, wobei der Anteil der Männer auf 70 bis 80 Prozent, der der Frauen auf maximal 30 Prozent geschätzt wird.

 

Was bedeutet es, sexsüchtig zu sein?

 

Das, was die Betroffenen erleben, kann tatsächlich mit einer Sucht, wie der Sucht nach Alkohol, anderen stofflichen Drogen oder der Spielsucht verglichen werden. Das, wonach man süchtig ist, stellt eine Ersatzbefriedigung dar. Wer sich in seinem zwischen- oder gleichgeschlechtlichen Verhalten auf die sexuelle Ebene fixiert, also hauptsächlich sexuelle Nähe herstellt, hat aus psychologischer Sicht meist tief im Inneren große Angst vor einer echten partnerschaftlichen, also seelischen und körperlichen Bindung. Deswegen, so die gängige These, versucht ein Sexsüchtiger häufig sein Bedürfnis nach Nähe in der Sexualität auszuleben, während er eine wirkliche Liebesbeziehung ängstlich vermeidet. Gleichzeitig wird Selbstbefriedigung als Ventil genutzt, um Druck, Ängste, Ärger oder andere Emotionen abzubauen.

 

Experten zufolge kann man eine echte Sexsucht meist an drei klassischen Symptomen erkennen: Die Betroffenen befriedigen sich sehr häufig selbst (meist mehrmals täglich), konsumieren bis zu mehreren Stunden am Tag Pornografie und wechseln sehr oft ihre Sexpartner. Dabei bleibt Sex meist völlig unpersönlich – intime Sexualität ist eher unheimlich und wird vermieden. Dass Sex als Belohnung, als Entspannungs- und Aufheiterungsinstrument dient, ist ebenfalls typisch für eine Sexsucht. Wie ein Alkoholiker in die Trunksucht, flüchtet sich der Sexsüchtige in den Sex. Oft wird gar kein anderes Mittel gekannt, um mit Problemen umzugehen

 

Das Verhalten eines Sexsüchtigen geht meist mit einem Kontrollverlust einher. Sexuelle Aktivität wird nicht als angenehm und „freiwillig“ empfunden, sondern zunehmend als Zwang. Die Betroffenen können ihr Sexualverhalten nicht mehr steuern, alle anderen bisherigen Interessen werden vernachlässigt, häufig leiden auch Beruf, Freundschaften und natürlich auch eine bestehende Partnerschaft darunter. Doch trotz negativer Konsequenzen kann man von dem süchtigen Verhalten nicht lassen. In der Regel wird mit der Zeit auch das Lustgefühl beim Sex immer weniger intensiv – mit der Folge, dass die Aktivität gesteigert wird, dass Sex immer häufiger und immer heftiger benötigt wird, um den Suchtdruck zumindest kurzfristig abzubauen.

 

Die Flucht in den Sex endet in innerer Einsamkeit

 

Dabei sind Sexsüchtige keinesfalls allesamt Anhänger unüblicher Praktiken, etwa Fetischisten oder Sadomasochisten. Sehr viele Betroffene sehnen sich im Grunde nach einer „ganz normalen“, engen Liebesbeziehung, nach Erotik und Romantik. Sex mit immer demselben Partner verliert jedoch meist schnell seinen Reiz, kann das übermäßige Bedürfnis nach „immer mehr, immer intensiver“ nicht stillen  – so brechen Partnerschaften sehr oft auseinander. Tief im Inneren sind Sexsüchtige sehr einsame Menschen.

 

Tragisch ist auch, dass sich Sexsucht, nach einem zunächst schleichenden Beginn wie auch bei Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht, so weit steigert, dass die persönliche Freiheit zunehmend eingeschränkt wird und das alltägliche Leben kaum oder nur noch mit großer Mühe und unter hohem Verheimlichungsaufwand aufrecht erhalten werden kann. Der Leidensdruck wächst und wird immer schwerer zu ertragen. Bei längerem Andauern tauchen zudem häufig gesundheitliche Problemen auf; nicht selten kommt es durch häufig wechselnde Geschlechtspartnern zu Infektionskrankheiten. Auch echte Persönlichkeitsveränderungen sind oft die Folge einer Sexsucht.

 

Mögliche Ursachen und Therapie von Sexsucht

 

Wie bei anderen Süchten auch, gibt es keine allgemeingültige, eindeutig zu bestimmende Ursache für eine Sexsucht; viele Ursachen kommen in Frage. Oft liegen diese in der Kindheit, in der individuellen Veranlagung und Entwicklungsgeschichte. Ungelöste innere Konflikte, gestörte emotionale Beziehungen, traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit, z.B. frühere Verlusterfahrungen mit daraus folgenden Verlustängsten und einem übersteigerten Bedürfnis nach Nähe, Minderwertigkeitsgefühle – all das und mehr kann in eine Sexsucht führen. Auch das Internet mit dem leichten Zugang zur Pornografie begünstigt die Entstehung der Sucht, ebenso können Menschen mit einem stärkeren Sexualtrieb suchtgefährdeter sein als andere. Die genauen Ursachen werden meist nur im Rahmen einer therapeutischen Aufarbeitung herausgefunden und aufgelöst.

 

Wird der Leidensdruck eines Sexsüchtigen unerträglich, ist das – zum Glück – dann oft der Auslöser, sich professionelle Hilfe zu holen. Kein leichter Schritt, denn üblicherweise ist die Scham bei Süchtigen groß; zunächst einmal muss man die schwere Aufgabe bewältigen, vor sich selbst einzugestehen, dass man sexsüchtig ist und es aus eigener Kraft nicht schafft, aus dieser Sucht herauszufinden. Erst dann ist es überhaupt möglich, den Schritt in eine Therapie zu machen. Manchmal sind auch Angehörige, Freunde oder die/der eigene Partner/-in diejenigen, die das Problem anpacken und Hilfe suchen.

 

Mittlerweile ist das etwas einfacher geworden, denn nicht nur die Sexsucht selbst ist öffentlich bekannter, sondern auch die Tatsache, dass es Wege gibt, aus dem Gefängnis dieser Sucht herauszufinden. Vor allem in größeren Städten gibt es Suchtberatungsstellen, z.B. von Pro Familia oder der Caritas, oder gut organisierte Selbsthilfegruppen wie „Anonyme Sexaholiker Deutschlands“, die nach den Prinzipien der bekannteren Anonymen Alkoholiker arbeiten (www.anonyme-sexsuechtige.de). Bei Beratungsstellen kann man sich zunächst einmal Hilfestellung bei der Frage holen, ob man wirklich sexsüchtig ist. Fällt die Antwort positiv aus, ist eine Psychotherapie meist das richtige Mittel gegen die Sucht. Doch ist es oft alles andere als leicht, einen kompetenten Therapeuten zu finden, denn die Auswahl an spezialisierten und in diesem Bereich erfahrenen Behandlern ist derzeit noch relativ klein.

 

Auch Sexsüchtige können zu einer erfüllenden Sexualität finden-Therapieverfahren

 

Zwar gibt es kein spezielles Therapieverfahren bei Sexsucht, dafür sind die jeweiligen Persönlichkeiten und zugrundeliegenden Probleme der Hilfesuchenden zu unterschiedlich.  Doch gilt insbesondere die Verhaltenstherapie als geeignet, da hier die Betroffenen am konkretesten lernen können, sich in bestimmten Situationen anders zu verhalten und ihre Impulse besser zu steuern. So wird Schritt für Schritt erlernt, Probleme nicht mehr durch sexuelle Aktivität zu verdrängen oder zu lösen. Auch wird häufig ein Training durchgeführt, in dem eingeübt werden kann, Nähe und Intimität zuzulassen.

 

Eine wirksame Therapie ist meist intensiv und dauert mehrere Jahre. Darin geht es insbesondere um die (sexuelle) Lebens- und Familiengeschichte der/der Betroffenen, wobei nicht selten ein sexueller Missbrauch aufgedeckt wird. Auch die Rolle des Suchtmittels Sex, das Aushalten von Gefühlen und letztlich das Erreichen von Selbstwertgefühlen und anderen positiven Selbsterfahrungen sind zentrale Bestandteile einer Therapie. Es geht darum, dass die/der Sexsüchtige eine gute, gesunde Beziehung zu sich selbst aufbaut und auf dieser Basis dann auch eine gesunde Beziehung zu anderen möglich wird.

 

Fazit: Hilfe zu suchen lohnt sich!

 

Im Unterschied zur Behandlung von Alkohol- und anderen Drogensüchten geht es bei der Therapie von Sexsucht nicht darum, danach abstinent zu bleiben. Angestrebt wird vielmehr die Fähigkeit, einen kontrollierten Umgang mit Lust und Sexualität zu lernen. Abstinent zu bleiben, wäre nicht sinnvoll – schließlich herrscht Einigkeit darüber, wie wichtig eine erfüllte Sexualität für ein zufriedenes, glückliches Leben ist. Sicherlich ein bedeutender Mutmacher für alle Betroffene: zu wissen, dass man nicht zu einem Leben ohne Sex verurteilt ist, wenn man sich entschließt, die eigene Sexsucht zu bekämpfen!

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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