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Unsere Kleinen richtig durch die Trotzphase begleiten!

Kommentar schreiben Montag, 20. Mai 2019

Die Trotzphase bringt viele Eltern an ihre Grenzen. Wann ist aus dem süßen, strahlenden Wonneproppen bloß solch ein Wutzwerg geworden? Toben, Stampfen, Schreien und Hauen gehören nun zum Repertoire und so mancher Elternteil fragt sich, was er falsch gemacht hat. Doch verunsicherte Eltern dürfen unbesorgt sein: Die kindliche Autonomiephase ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Hier werden wesentliche Grundsteine für das spätere Leben gelegt. Es liegt nun an den Eltern, die Trotzphase mit empathischer Konsequenz zu begleiten und ihr Kind dabei zu unterstützen, mit Grenzen und Emotionen zurechtzukommen.

 

Erfahren Sie in diesem Artikel Wissenswertes zum Trotzalter sowie Tipps und Tricks, wie Sie mit den Autonomiebestrebungen Ihres Nachwuchses am besten umgehen.  

 

Was versteht man unter Trotzphase?

 

Die Entwicklungsphase, die wir umgangssprachlich als Trotzphase oder Trotzalter bezeichnen, beginnt um den 18. Lebensmonat herum und erstreckt sich bis ins frühe Grundschulalter. Die Hochphase des Trotzens liegt zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag. So manchem mag der Ausdruck „Terrible Twos“ vielleicht ein Begriff sein. Wutanfälle, die aus Autonomiebestrebungen resultieren, sind nach dem dritten Lebensjahr zwar nicht vorbei, jedoch ändern sich Ausmaß und Frequenz. Denn im Laufe der Zeit erwirbt das Kind Strategien und Fähigkeiten, um mit Grenzen sowie Emotionen, wie etwa Frust oder Wut, adäquat umzugehen. Was es dazu braucht? Empathische, aber konsequente Begleitung durch seine Bezugspersonen. Erziehung ist nun über die Maßen wichtig! 1

 

Den Auftakt zur Trotzphase bildet eine wesentliche Erkenntnis: Das Kind begreift sich als eigenständige Person, die – losgelöst von Mutter und Vater – etwas bewirkt und eigene Entscheidungen trifft. Zum Bedürfnis nach Bindung gesellen sich nun Autonomiebestrebungen sowie der Wunsch nach Selbstbehauptung. Da dem neu entdeckten Forscherdrang und Eigensinn nicht selten schier unverständliche Regeln und Verbote entgegengesetzt werden, entsteht eine gewisse Dynamik, die so manchen Tobsuchtsanfall zur Folge hat. Die häufigsten Auslöser? Das Kind muss etwas tun, das es nicht tun will oder aber es möchte etwas tun, das es nicht tun darf. 2  

 

Die Autonomiephase aus Sicht der Entwicklungspsychologie

 

Der Begriff „Trotzphase“ ist aus entwicklungspsychologischer Sicht veraltet. Zu stark fokussiert er auf unerwünschtes Verhalten, das es zu durchbrechen gilt. Dabei sind die Verhaltensweisen des Kindes während dieser Übergangsphase ganz natürlich und für dessen Entwicklung wesentlich. Aus diesem Grund spricht man in der Fachliteratur von der Autonomiephase des Kindes. Während dieser löst sich das Kind nicht nur vom Willen anderer, es erkennt auch, dass es dabei auf Grenzen stößt. Nicht alle seine Bedürfnisse und Wünsche werden erfüllt. Das hat emotionale Dynamik zur Folge.

 

Für Eltern mit Kindern in der Trotzphase ist es also wichtig, im Trotzverhalten des Nachwuchses kein „schlimmes“ Benehmen zu sehen, das es zu durchbrechen gilt. Viel mehr ist es ihre Aufgabe, das Kind empathisch durch diese Phase zu begleiten und ihm dabei zu helfen, seinen Willen und seine Emotionen zu steuern. Dabei ist es wichtig, dem Kind trotz Grenzsetzung zu vermitteln, dass es in Ordnung ist und geliebt wird. Mitsamt Gefühlschaos und Wutausbrüchen! Das stärkt seinen Selbstwert nachhaltig. Zudem werden dadurch wesentliche Grundsteine für sein weiteres Leben gelegt.

 

Trotzphase: Darum ist sie so wichtig

 

Während der Trotzphase ist Erziehung wichtiger denn je. Es gilt, dem Kind genügend Freiraum zu lassen, damit es seinen Autonomiebestrebungen nachkommen kann, gleichzeitig aber die Grenzsetzung nicht aus den Augen zu verlieren. Grenzen müssen sinnvoll und nachvollziehbar sein und konsequent eingehalten werden.

 

Das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Bindungsbedürfnis, zwischen Forscherdrang und von außen gesetzten Grenzen, löst beim Kind eine Vielzahl von negativen Gefühlen sowie Widerstand aus. Das müssen Eltern und andere Bezugspersonen aushalten und empathisch begleiten können. Denn der sogenannte „Trotz“ wächst sich nicht aus, er muss aufgefangen und bearbeitet werden. Das Kind benötigt beim Regulieren seiner Emotionen Unterstützung. Auf diese Weise werden in der Trotzphase wesentliche Grundsteine für die Zukunft gelegt, weshalb ihr entwicklungspsychologisch große Bedeutung zukommt. 3

 

Das Kind erlernt in diesen Jahren etwa:

 

die Regulation seiner Emotionen

das Einhalten von Grenzen

eigene Grenzen zu wahren

Durchhaltevermögen

adäquaten Umgang mit Frust und Stress

seine Bedürfnisse aufzuschieben

 

Was geht bei einem Trotzanfall im Kopf des Kindes vor?

 

Bei einem Trotzanfall wirken Kinder mitunter wie von Sinnen. Sie brüllen, kreischen, stampfen mit den Füßen oder wälzen sich am Boden. Auch Zwicken, Kratzen und Hauen sind keine Seltenheit. In einzelnen Fällen kann es sogar zu einer kurzen Ohnmacht kommen. 4

 

Auf Ansprache scheinen Kinder, die außer sich sind, gar nicht richtig zu reagieren. Nehmen sie in ihrem Gefühlschaos Worte überhaupt wahr? Kaum – so würden Hirnforscher auf diese Frage antworten. Denn bei Kindern – vor allem bei sehr kleinen – setzen einzelne Areale der linken Gehirnhälfte in heftigen Stresssituationen mitunter einfach aus. Die linke Gehirnhälfte ist unter anderem für Sprache sowie logisches und analytisches Denken zuständig. Übermäßig starke Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst können also bewirken, dass das Kind schon rein physiologisch auf Ansprache gar nicht entsprechend reagieren kann. Was nun wichtig ist? In kurzen Sätzen zu sprechen, diese zu wiederholen und die Emotionen des Kindes zu spiegeln, um es aus der Situation zu holen. 5

 

Trotzphase – mit Emotionen umgehen lernen

 

Im Laufe der Trotzphase lernen Kinder mit einer Vielzahl von Emotionen umzugehen. Wut, Ärger, Ohnmacht oder Angst, all diese Gefühle brechen über sie hinein. Auslöser sind oftmals Kleinigkeiten. Eine Mütze, die im Winter aufgesetzt werden muss oder die Lieblingssüßigkeit, die beim Einkauf nicht im Wagen landet, vermögen es, wahres Drama heraufzubeschwören.

 

Eltern sind ob der Heftigkeit dieser Anfälle oftmals überfordert. Vor allem aggressive Verhaltensweisen, selbstverletzendes Verhalten oder kurze Ohnmachtsanfälle bringen einen rasch an die eigenen Grenzen. Damit auch heftige Trotzanfälle gut begleitet werden können, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und das Verhalten des Kindes richtig zu begreifen. Entgegen aller Annahmen passiert kindlicher Trotz nicht absichtlich, um den Eltern eines auszuwischen. In der Dynamik zwischen Autonomie und Grenzerfahrung können aufbrechende Emotionen einfach noch nicht richtig kontrolliert werden.  6

 

Vor allem, wenn sich das Kind sprachlich noch nicht gut ausdrücken kann, können solche Wutanfälle erschreckend heftig ausfallen. Aggressives Verhalten ist dann keine Seltenheit. Das ist nichts, das Eltern persönlich nehmen sollten, denn vor allem Kindern unter drei Jahren fehlt die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, noch komplett. Erst nach dem dritten Geburtstag setzt die Entwicklung von Empathie ein. Aggressive Verhaltensweisen in der Trotzphase mögen demnach vielleicht zielgerichtet stattfinden, rühren in der Regel aber aus emotionaler Überforderung sowie fehlender Empathiefähigkeit heraus. Dennoch darf solch grenzüberschreitendes Verhalten natürlich nicht akzeptiert werden. Es gilt, dieses sofort zu unterbrechen und Alternativen aufzuzeigen. Ein Klassiker wäre hier etwa das Schlagen in ein Kissen. 7

 

Von Regeln und Grenzen im Trotzalter

 

Regeln und Grenzen sind für Kinder wesentlich. Gerade in der Trotzphase werden diese entsprechend ausgereizt. Je jünger das Kind, desto wichtiger ist es für Eltern, Erwartungshaltungen zurückzuschrauben. Kinder unter drei Jahren verstehen Regeln meist noch gar nicht richtig, da Regelverständnis und Empathiefähigkeit eng miteinander verknüpft sind. Es ist daher sinnvoll, wenige Regeln aufzustellen, diese dafür aber auch wirklich konsequent durchzuziehen (zum Beispiel: „Auf der Straße musst du mir die Hand geben.“ oder „Vor dem Essen gibt es keine Süßigkeiten.“). 8

 

Sanktionen aufgrund von Grenzverletzungen müssen in sich schlüssig sein. Verweigert das Kind beispielsweise im Straßenverkehr seine Hand, macht es wenig Sinn, ihm die abendliche Fernsehsendung zu streichen. Muss es allerdings als Konsequenz in den Kinderwagen oder wird der Ausflug abgebrochen, ist das eine logische Folge seines Verhaltens. 9

 

Gelassen durch die Trotzphase

 

Die Trotzphase gelassen zu nehmen, das ist leichter gesagt als getan. In erster Linie gilt es, ruhig zu bleiben und sich auf keine Machtkämpfe einzulassen. Den Bezugspersonen muss der Spagat gelingen, Grenzen deutlich aufzuzeigen, dabei aber dennoch Empathie und Verständnis für die Emotionen des Kindes zu zeigen. Im Hinblick auf fixe Regeln konsequent und unnachgiebig zu bleiben, ist vielleicht nicht immer einfach, aber für die kindliche Entwicklung wesentlich.

 

In einem Trotzanfall ist das Kind für Ansprache kaum empfänglich. Es gilt hier, Taten sprechen zu lassen, das Kind also aus der Situation zu nehmen und grenzüberschreitende Handlungen zu unterbinden. Einfache Sätze, Wiederholungen sowie das Spiegeln von Emotionen machen ebenfalls Sinn. Sobald der Trotzanfall vorüber ist, ist Versöhnung wichtig. Das Gefühl, auch in Ausnahmesituationen akzeptiert und geliebt zu werden, gibt dem Kind Sicherheit und wirkt sich zudem positiv auf seinen Selbstwert aus. Eltern sollten stets versuchen, das Verhalten des Kindes als Entwicklung zu sehen und nicht persönlich zu nehmen.

 

Vier Tipps für die Trotzphase:

 

1: Kinder müssen sich ausprobieren dürfen

 

Den Autonomiebestrebungen des Kindes darf ruhig ein wenig nachgegeben werden, denn das entspannt den Alltag mit kleinen Trotzköpfen oftmals erheblich. Wenn sich das Kind ausprobieren darf, fühlt es sich nicht nur ernst genommen, auch sein Selbstvertrauen wird gestärkt. Die Balance zwischen Freiheit und Grenzen zu finden, das ist die Herausforderung, der sich Eltern stellen müssen.

 

2: Trotzanfälle vermeiden

 

So manchem Trotzanfall kann vorgebeugt werden. Langeweile, Hunger und Müdigkeit befeuern emotionale Ausnahmesituationen geradezu. Ein kleiner Snack oder ein Spielzeug zur Ablenkung können einen Wutanfall unter Umständen im letzten Moment abfangen. Auch sollten heikle Situationen, wie beispielsweise der Einkauf, nach Möglichkeit gemieden werden, wenn das Kind müde ist.   

 

3: Möglichkeiten schaffen, um Gefühle auszuleben

 

Bei einem Trotzanfall wird das Kind von seinen Gefühlen übermannt. Hier ist es sinnvoll, diese nicht nur zu benennen, sondern dem Kind auch Möglichkeiten zu geben, negative Gefühle lauthals auszuleben. Das kann zum Beispiel ein Kissen sein, in das es boxen und schreien darf. Oder gleich eine ganze „Wutecke“, die so gestaltet ist, dass sich das Kind beim Wüten nicht verletzten kann.

 

4: Nicht auf die Versöhnung vergessen

 

Einen Trotzanfall entsprechend abzuschließen, ist für Kind und Eltern gleichermaßen wichtig. Eine liebevolle Umarmung oder tröstende Worte geben dem Kind das Gefühl, mit all seinen Stärken und Schwächen angenommen zu werden.

 

 

 

Quellenangaben (Stand 17.05.2019):

1 vgl. https://www.focus.de/familie/erziehung/was-geht-im-trotzkopf-vor-trotzphase-so-baendigen-eltern-kleine-

tyrannen_id_4818816.html

2 vgl. https://www.focus.de/familie/erziehung/was-geht-im-trotzkopf-vor-trotzphase-so-baendigen-eltern-kleine

-tyrannen_id_4818816.html

 3 vgl. https://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/trotzphase-wuetende-kinder-stellen-

eltern-auf-geduldsprobe-a-866897.html

 4 vgl. Kast-Zahn Annette: Gelassen durch die Trotzphase, Gräfe und Unzer, 2015, S. 45-47.

5 vgl. https://hilfe-fuers-kind.de/mit-koepfchen/ 

6 vgl. Kast-Zahn Annette: Gelassen durch die Trotzphase, Gräfe und Unzer, 2015, S. 40-43.

7 vgl. https://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/trotzphase-wuetende-kinder-stellen

-eltern-auf-geduldsprobe-a-866897.html

 8 vgl. https://www.focus.de/familie/erziehung/was-geht-im-trotzkopf-vor-trotzphase-so-

baendigen-eltern-kleine-tyrannen_id_4818816.html

 9 vgl. https://www.focus.de/familie/erziehung/was-geht-im-trotzkopf-vor-trotzphase-so-

baendigen-eltern-kleine-tyrannen_id_4818816.html

 

Kast-Zahn, Annette: Gelassen durch die Trotzphase, Gräfe und Unzer, 2015

 

 

Daniela Jarosz
Autor: Daniela Jarosz

Daniela Jarosz ist Sonder- und Heilpädagogin. Während des Studiums hat sie sich intensiv mit Inhalten aus Medizin und Psychologie auseinandergesetzt. Sie arbeitet seit vielen Jahren im psychosozialen Feld und fühlt sich außerdem in der freiberuflichen Tätigkeit als Autorin zuhause. Im redaktionellen Bereich hat sie sich auf die Fachrichtungen Medizin, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Work-Life-Balance sowie Kinder und Familie spezialisiert.

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