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Nachgefragt bei Frau Helm: Probleme, nein danke?!

Kommentar schreiben Donnerstag, 23. August 2018

Beate Helm hat als Heilpraktikerin jahrelange Berufserfahrung in den Bereichen Naturheilkunde und Psychotherapie. Heute leitet sie ihr eigenes Ausbildungsinstitut und ist zudem als Autorin tätig. In ihrer apomio-Kolumne „Nachgefragt bei Frau Helm“ berichtet sie regelmäßig und ganz persönlich über eigene Erfahrungen, Meinungen und Wissenswertem zu den Themen Gesundheit, Prävention, natürliches Heilen und Persönlichkeitsentwicklung.


Sonne satt und immer noch unzufrieden? Wie kann man es uns bloß recht machen? Kaum gibt es einen Sommer, der den Namen verdient, schon ist er wieder zu heiß. Die Pflanzenwelt leidet tatsächlich, aber wir? Wir meckern einfach aus Prinzip. Ich schließe mich da nicht aus, wenn ich schweißtriefend am Schreibtisch vor dem PC sitze und alles klebt. Das Leben ist hart!

 

Wir lieben unsere Probleme!

 

Aber es kommt noch besser. Wir meckern nicht nur aus unerfindlichen Gründen. Wir meckern auch dann noch, wenn es gar nichts mehr zu meckern gibt. Wir bekommen nicht einmal mit, wenn ein Problem gelöst ist. Das habe ich oft genug in meinem Umfeld (und bei mir selbst) beobachtet. Wissenschaftlich belegt hat es nun der US-amerikanische Psychologie-Professor Daniel Gilbert an der Harvard University: Wir tun alles, um Probleme möglichst nicht zu lösen, besser gesagt ihre Lösung nicht wahrzunehmen. Kaum zu glauben, aber wahr: Wir lieben unsere Probleme! Und wenn wir gerade keine richtigen haben, machen wir uns welche, indem wir sie unter das Vergrößerungsglas legen. Ich frage mich: Wie können wir es schaffen, die schönen Zeiten des Lebens besser zu genießen? Dazu müssen wir erst mal das übliche Verhalten verstehen:

 

Tun, was bekannt ist: Das Leben durch eine negative Brille sehen

 

Es fällt uns schwer, die Welt aus einem positiven oder wenigstens neutralen Blickwinkel zu betrachten. Am liebsten machen wir sie schlecht. Das kennen wir und das können wir. Das ist am einfachsten. Das füllt die Nachrichten und gibt Gesprächsstoff. Mit dem Nachbarn und der besten Freundin. Und es gibt immer einen Grund, um sich aufzuregen, zu kämpfen und auf bessere Zeiten zu warten, in denen sich das Leben endlich lohnt.

 

Problem gelöst, Krankheit geheilt, das kann doch nicht wahr sein!

 

Ist das Problem gelöst oder die Krankheit geheilt, machen wir uns unbewusst auf die Suche. Wir schärfen unsere Sinne, strecken die Fühler aus und gehen auf Empfang. Und zack haben wir es gefunden, dasselbe Problem in Miniaturausgabe oder ein Zipperlein im Vergleich zur vorherigen Krankheit. Gott sei Dank! Unter dem Mikroskop der verschärften Wahrnehmung wächst sich etwas völlig Ungefährliches, ein Miniproblem zu einer ungeheuerlichen Größe aus. Zu der Größe, die wir gewohnt sind. Wir brauchen die Sorgen und den Stress. Sind sie nicht da, wird die Realität so lange gedreht und gewendet, bis Not und Aufregung wieder hergestellt sind. Damit verbringen wir den Tag! Wollen Sie das weiterhin? Alternativen finden Sie am Ende der Kolumne.

 

Die Tests im Labor: Das Auge sieht, was es sehen will.

 

Daniel Gilbert und seine Kollegen haben dazu interessante Studien durchgeführt: Sie setzten ihre Testpersonen vor einen Monitor, auf dem eine Großzahl von blauen und violetten Punkten zu sehen waren. Aufgabe war, die blauen Punkte zu zählen. Dann wurde die Anzahl der blauen Punkte reduziert. Und siehe da: Die Testpersonen haben einfach violette Punkte als blaue angesehen und mitgezählt, so dass sich die Anzahl nicht änderte. Blau bleibt Blau, auch wenn es Lila ist. Selbst als Gilbert den Testpersonen vorher ankündigte, dass die Anzahl der blauen Punkte im nächsten Bild geringer sein wird und dass es zusätzlich Geld für die korrekte Zählung gibt, wurden weiterhin violette Punkte munter zu blauen umfunktioniert. Das Auge sieht, was es sehen will. Es erhöht die Sensibilität und Wahrnehmungsfähigkeit für eine Sache, wenn ihre Anzahl abnimmt. Folge: Es sieht auch da Blau (z.B. ein Problem), wo Violett (kein Problem) ist.

 

Probleme werden einfach nicht als gelöst erkannt!

 

Gutes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Das Gedicht von Gomringer an der Wand einer Berliner Hochschule musste ganz dringend überpinselt werden. Der Grund: Die Worte Blumen, Alleen, Frauen und ein Bewunderer kommen im gleichen Satz vor. Also ich fühle mich da nicht diskriminiert. Aber wenn Feministinnen so gar nichts anderes mehr finden, wird die Aneinanderreihung dieser harmlosen Worte zu einem Riesenproblem in der angeblich immer noch so patriarchalen Gesellschaft hochstilisiert. Sonst hat man ja gar nichts mehr zu tun. Nur noch 1-2 blaue Punkte zum Thema diskriminierte Frau im Land? Da machen wir doch mehr draus!

 

Es ist, was ich denke, das ist.

 

Wir haben die Freiheit, uns das Leben schön oder schlecht zu denken. Dass unsere Beurteilung im Kopf darüber entscheidet, ob wir uns gut fühlen oder nicht, ob der Tag erfolgreich wird oder nervig, bestätigt sich immer wieder für mich. Es ist, was ich denke, das ist. Das weiß ich schon. Aber dass wir uns Probleme oder blaue Punkte oder Krankheiten wieder groß denken, wenn sie schon klein oder fast weg sind, war mir in diesem Ausmaß noch nicht bekannt.

 

Echte Krankheit oder Mode-Erscheinung?

 

Magengeschwüre sind gefährlich und müssen behandelt werden. Magenkrebs kann tödlich sein. Sich über die 27. Nahrungsmittelintoleranz aufzuregen, die man vor 20 Jahren noch nicht mal entdeckt, geschweige denn in dem Maß gespürt hat, gehört heute fast schon zum guten Ton. Es ist eine neue Form der Selbstdarstellung geworden: „Was verträgst du denn nicht?“ „Ach, bei mir ist es x, y und z.“ „Wow, gibt es das auch? Muss ich sofort einen Test dazu machen.“. Wer den Elefanten als Krankheit nicht hat, interpretiert ihn in seine kleine Mücke hinein und macht sie ganz groß. Und schon gehört man zum Nahrungsunverträglichkeits- oder –allergie-Zirkel dazu: Man kann bei den Krankheitsgesprächen und Foren mithalten, sich mit seiner besonderen Unverträglichkeitsvariante hervortun und den Gastgeber bei einer Essenseinladung zum Wahnsinn treiben, weil er bei über 2 Personen Besuch gar nicht mehr weiß, was er noch kochen kann und darf.
Was sind wir nur alle krank! Wo man nur hinschaut: blaue Punkte ohne Ende!
(Ich möchte die Beschwerden durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten nicht herunterspielen. Sie sind nur vergleichsweise gering zu schweren Erkrankungen. Und sie können durch Verzicht auf die unverträglichen Nahrungsmittel und die Beantwortung der Frage: „Was oder wen vertrage ich eigentlich nicht in meinem Leben?“ schnell reduziert werden.)

 

So gehen Sie konstruktiv mit Ihren „blauen Punkten“ um

 

Bei allem, was Sie länger oder intensiv belastet, haben Sie es selbst in der Hand, wie viele „blaue Punkte“ Sie der Sache geben. Um das Prozedere zu vereinfachen, nehmen Sie als Höchstzahl die 10. Bei 10 blauen Punkten ist es so richtig schlimm, sei es die Existenzangst, die Krankheit, der Liebeskummer, das Übergewicht, das Aussehen o.a. 10 ist unerträglich. 1 ist sehr gut. Null heißt: Problem gelöst. Die Situation muss deshalb nicht aufgehoben sein, aber Sie können damit umgehen. Es belastet Sie nicht mehr.

 

Geben Sie täglich eine realistische Punktzahl ab

 

Nehmen Sie Ihren schwierigsten Lebensbereich. Wählen Sie die momentane Zahl an blauen Punkten zwischen 0 und 10. Definieren Sie Ihre Wunschzahl für in 1 Monat, in 3 und 6 Monaten oder in anderen Zeitfenstern, die Ihnen sinnvoll für Ihr spezielles Problem erscheinen. Notieren Sie die Zeitfenster mit den Wunschzahlen in einer Liste. Schreiben Sie jedes Mal, wenn ein Zeitfenster zu Ende ist, die tatsächliche Zahl, so wie Sie Ihr Problem gerade wahrnehmen, daneben.

 

Das sind die Parameter für Ihre Blaue-Punkte-Zahl

 

Um nicht mehr blaue Punkte zu sehen, als wirklich da sind, machen Sie Ihre Punktzahl an bestimmten Parametern fest. Beispiele sind Blutwerte, Zahl der Einladungen zu einem Bewerbungsgespräch (bei Jobsuche), Kontostand, Zahl neuer Kontakte oder Dates (bei Partnersuche), Zahl der Wohnungsbesichtigungen (bei Umzugswunsch), definierte Änderungen in der Beziehung oder am Arbeitsplatz, Gewicht in Kilo oder was sonst Abbild einer Veränderung in Richtung Ihres Wunschziels ist. Legen Sie von Anfang an fest, an welchen Parametern Sie die Anzahl der blauen Punkte ausrichten. Nur so können Sie die Angewohnheit durchbrechen, Besserungen nicht zu sehen, und stattdessen der Lösung Ihres Problems zustimmen.

 

Problem gelöst?

 

Betrachten Sie Ihr Problem als gelöst, wenn Ihre Parameter es nachweislich bezeugen oder wenn Sie mit der erreichten Situation einverstanden und zufrieden sind. Erlauben Sie mehr und mehr in Ihrem Leben, dass Probleme gelöst sein dürfen.

 

So nutzen Sie eine Genussliste im Alltag

 

Um dem Problemfetischisten in Ihnen ein weiteres Schnippchen zu schlagen, schreiben Sie 6 Tätigkeiten auf, die Ihnen gesichert größten Genuss liefern. Sie sollten möglichst einfach im Alltag umzusetzen sein. Schreiben Sie sie auf einen Zettel und hängen Sie die Liste an einer Stelle auf, an der Sie sie oft sehen. Wenn der Problematiker in Ihnen so gar keine Ruhe geben will, obwohl es hier und jetzt gar keinen Grund für Sorgen und Stress gibt, setzen Sie sofort mindestens einen Ihrer Lieblingsgenüsse um. Sie haben es in der Hand, welchen Anteil in sich, dem Problematiker oder dem Genussmenschen, Sie füttern und groß und stark werden lassen. Und Sie können sich jeden Moment neu entscheiden!

Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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