Nachgefragt bei Frau Helm: Heuschnupfen - Kampf mit den Pollen?!

Kommentar schreiben Montag, 23. April 2018
Beate Helm hat als Heilpraktikerin jahrelange Berufserfahrung in den Bereichen Naturheilkunde und Psychotherapie. Heute leitet sie ihr eigenes Ausbildungsinstitut und ist zudem als Autorin tätig. In ihrer apomio-Kolumne „Nachgefragt bei Frau Helm“ berichtet sie regelmäßig und ganz persönlich über eigene Erfahrungen, Meinungen und Wissenswertem zu den Themen Gesundheit, Prävention, natürliches Heilen und Persönlichkeitsentwicklung. Es ist wieder soweit. Das Grün sprießt und schießt aus allen Ecken. Draußen scheint die Sonne, trällern die Vögel, tollen die Kinder lautstark auf dem kleinen Spielplatz direkt vor meiner Wohnung. Es hält mich nichts mehr auf meinem Schreibtischstuhl. Die Arbeit verschiebe ich auf den Abend. Jetzt muss ich erst mal raus in dieses pralle Leben. Also schnell das ausgewaschene, recht formlose Hauskleid aufs Bett geworfen und in die neue Outdoor-Kluft geschlüpft. Wow, chic sehe ich aus im farbenfrohen Kleid, das meinen Energiepegel gleich noch ein Stück weiter anhebt. Nichts wie los. Die Treppen hinunter in den Fahrrad-Raum, der sich komfortabel auf der Ebene der Straße befindet, den Drahtesel geschnappt, die Tür hinaus und gleich mal Richtung Park gestrampelt. Der erstreckt sich nur ein paar Fahrrad-Minuten von meiner Wohnung entfernt auf der linken Seite in seiner ganzen Pracht. Das Leben ist schön!

Was kribbelt da und juckt unsäglich?

Ich trete in die Pedale und visiere als Zielpunkt den Uni-See an. Dann spüre ich das erste Kribbeln in meiner Nase. In meinem sportiven Überschwang schiebe ich es zügig aus meiner Wahrnehmung. Kribbeln halt. Doch es wird aufdringlicher und penetranter, dieses Kribbeln. Ich reibe ein paar Mal mit dem Handrücken über die Nasenlöcher, als ob ich die nahende Sturmflut so würde abwenden können. Und schön weiter strampeln. Ein Bilderbuchwetter und ich voller Elan im saftigen Grün. Was will man mehr? Das Kribbeln erhebt sich wie ein Crescendo zu einem vollen Juckreiz, an dem ich mit meiner Wahrnehmung nicht mehr vorbeikomme. Zu allem Überfluss fangen jetzt auch noch die Augen an zu jucken. Und im Hals kratzt und beißt und juckt es auch. Himmel nein, mein erster Heuschnupfenanfall dieses Jahr! Das darf doch nicht wahr sein!

Knockout in wenigen Minuten

Da ich im Vergleich zu früher, als ich in der Pollen-Hochsaison das Vollbild aller Heuschnupfen-Symptome abgab, heute nur noch ab und zu mit dem heftigsten aller Schnupfen zu kämpfen habe, vergesse ich ihn bis zum nächsten Frühjahr immer wieder. Und dann kommt das böse Erwachen. Mit dem Fahrrad im größten Pollenflug und ohne schützende Sonnenbrille fröhlich und arglos unterwegs, damit die kleinen Fruchtbarkeitsstäube auch die optimale Angriffsfläche auf meiner Bindehaut finden. Ganz tolle Idee! Super! Natürlich auch kein Tempo dabei. Denn plötzlich läuft es in Strömen aus Nase und Augen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie schnell mich ein paar Pollen schlagartig umhauen. Ein totaler Knockout.

Nichts wie raus aus diesem Grün!

Bevor der Schnupfen noch mehr wie ein strömender Fluss aus der Nase davonläuft, wende ich mein Fahrrad und trete mit letzter Kraft den Rückweg an. Ich will nichts mehr sehen, hören und schon gar nichts mehr riechen. Nichts wie heim in die schützenden vier Wände, gut abgeschottet von der überschwänglichen Natur. Mein Bedarf ist erstmal gedeckt.

Geschafft, endlich zuhause!

Daheim angekommen verstaue ich das Fahrrad an seinem angestammten Platz – da herrscht ziemliche Ordnung hier im Haus – und schleppe mich die Treppen hinauf zu meiner Wohnung im 2. Stock. Selbst in dieser gesundheitlich schweren Stunde folge ich dem unausgesprochenen Gesetz: Nicht mit dem Aufzug, sondern schön zu Fuß! Tür aufschließen, rein mit meiner triefenden Nase und den juckenden Augen, Tür hinter mir zu, Outdoor-Klamotten vom Leib reisen, schließlich sind sie pollenverseucht, und zurück ins unauffällige, aber pollenreine Homedress. Puh, das war vielleicht ein Ausflug. Ein Blick in den Spiegel bestätigt aufs Gnadenlose meine Diagnose: Die Augen sind rot und etwas zugeschwollen, wie nach einem Boxkampf, aus der Nase fließt weiterhin nonstop ein Fluss, aus jedem Nasenloch einer.

Ich will es wissen: Was steckt dahinter?

Da ich ein ziemlich bewusster Mensch bin und deshalb total neugierig und wissen will, warum Dinge sind wie sie sind, lege ich mich nach ausgiebigem Nasenputzen, das genau 2 Minuten für Erleichterung sorgen wird, mit einer Haushaltsrolle als Riesentempo bewaffnet, aufs Sofa zur Erholung und zum Nachdenken. Da mir der Schnupfenanfall einen ziemlichen Matschkopf beschert hat, muss ich mich wohl eher auf meine Intuition als auf tolle Selbstanalysen verlassen. Warum habe ich mir heute gerade einen Heuschnupfenanfall an Land gezogen? Egal, erst mal hinlegen, alle Viere von mir strecken, und wieder herunterkommen von dem Histamin-Stoß.

Was passiert im Körper beim Heuschnupfen?

Beim Heuschnupfen ist es wie bei jeder Allergie. Der Körper macht das erste Mal Bekanntschaft mit einem fremden, aber ungefährlichen Stoff. Er ist kein Bakterium, kein Virus, kein Pilz, kein Parasit - alles üble Burschen, die im Körper großen Schaden anrichten können. Nein, es ist ein harmloser Fremdkörper wie ein Staub oder Schmutzteilchen. Völlig ungefährlich. Er gelangt auf die Schleimhaut in Nase, Rachen und Auge, die für solche alltäglichen Fälle mit einer dünnen Auflage an flüssigem Schleim ausgestattet ist.

Die Schleimhaut als Fliegenklebestreifen

Die Älteren von Ihnen kennen ihn sicher noch: den Fliegenklebestreifen. Er hängt von der Decke herab, die Fliegen bleiben an ihm kleben und zappeln umsonst um ihr Leben. Es gibt kein Entrinnen. Wenn Sie sich endgültig verausgabt haben, sterben sie den Erschöpfungstod. Sah echt gut aus, so ein voll mit toten und halbtoten Fliegen gespickter Leimstreifen in der Küche. So ähnlich geht es Staub, Pollen und Keimen, die in unsere Körperöffnungen eindringen oder einfach so hineingeraten. Sie werden von einer zwar nicht so klebrigen, aber ähnlich effektiven Schleimmasse umgeben, von der Nase aus in den Rachen transportiert, in den Magen geschluckt und von der Magensäure gekillt. Normalerweise.

Beim Allergiker ist alles anders: 1. Das Aufklärungskommando

Nicht so beim Allergiker, der Pollen zu seinem Gegner erklärt hat. Aus dem harmlosen, unauffälligen und einfach zu entsorgenden Staub wird ein monströses Feindbild geschaffen. Der Körper reagiert entsprechend. Er fährt seine Abwehrgruppe auf, als ob es ums Überleben ginge. Die Sezierer-Abteilung im Immunsystem zieht den Feind unter das Mikroskop und untersucht ihn im Reagenzglas. Wenn Sie seine Formel geknackt hat, wird das Gegengift entwickelt. Bei diesem ersten Kontakt passiert sonst nichts. Er läuft unter Aufklärungskommando.

2. Infos über „Feind“ und Gegengift werden griffbereit aufbewahrt

Da unser Körper sehr effektiv arbeitet und beim nächsten Kontakt sofort gerüstet sein und erbarmungslos zuschlagen will, wird das Team der Gedächtniszellen herbeizitiert. Sie nehmen die Erkennungszeichen des Feindes (Antigen) in einer neuen Datei auf und fügen auch gleich die Formel für das Gegengift (Antikörper) dazu. Die Datei wird z.B. unter „Birkenpollen“ abgelegt.

3. Beim nächsten Kontakt mit dem kommt der sofortige Gegenschlag

Komme ich bei der nächsten Fahrradtour mit diesem jetzt bekannten Feind in Berührung, geht es blitzschnell: Der Feind (Antigen, hier Pollen) wird identifiziert. Die Gedächtniszellen öffnen die Datei und geben die Information über den Aufbau des Gegengifts (Antikörper) bekannt. Das Gegengift wird hergestellt, der Feind gefangen genommen und von der Gegengiftpartei festgehalten. Dieses Feind-Gegengift-Paar, medizinisch der Antigen-Antikörper-Komplex, wird in der Leber abgebaut. Mit zum allergischen Geschehen gehört das Histamin. Es erweitert die Blutbahnen und macht sie durchlässig für Flüssigkeit, so dass andere Immunzellen besser und schneller an den Ort des Geschehens kommen können. Die Schleimhaut rötet sich durch die vermehrte Durchblutung. Sie schwillt an und will durch die Mengen an flüssigem Nasensekret alles Krankhafte und Schädliche ausschwemmen. Daher der nicht enden wollende Fließschnupfen.

Wogegen kämpfe ich in Wirklichkeit?

Ja, so ist das abgelaufen vorhin im Park und läuft in meiner Nase und meinen juckend-brennenden Augen auf dem Sofa immer noch etwas ab. Doch wogegen kämpfe ich eigentlich an? Wofür stehen die armen, unschuldigen Pollen, gegen die ich eine überdimensionierte Armada aufgestellt habe? Was für ein Fight läuft hier energieraubend über meinen Körper ab, der eigentlich auf ganz anderer Bühne aufgetragen werden müsste. Oder noch deutlicher: Was habe ich davon?

Jede Krankheit hat ihre Vorteile

Man macht nie etwas umsonst. Dafür sind wir und unser Körper viel zu zielorientiert und effektiv. Auch wenn es wahrlich angenehmeres als einen Heuschnupfen-Anfall gibt, muss es etwas noch Schlimmeres geben, dem ich damit aus dem Weg gehen kann. Der Nutzen ist immer größer als der Aufwand und der Schaden, glauben Sie mir. Eine harte Erkenntnis, aber ohne sie kommt keine Bewegung ins Programm.

Was habe ich von meinem Heuschnupfenanfall?

Wie profitiere ich von meinem schlappen Zustand. Denn heute ist auf jeden Fall nichts mehr mit mir anzufangen. Das steht schon mal fest. Was ist gut daran, dass ich flach liege? Meine Arbeit liebe ich, ihr will ich sicher nicht aus dem Weg gehen mit meinem Zustand. Nach längerem Grübeln fällt sie mir trotz Matschbirne ein, des Rätsels Lösung: Am späten Nachmittag wollte Rüdiger bei mir reinschauen. Oh Schreck!

Rüdiger!

Rüdiger ist supernett und ein toller, anregender Gesprächspartner. Diesbezüglich harmonieren wir bestens miteinander. Rüdiger stellt sich aber mehr mit mir vor. Obwohl er weiß, dass ich in einer guten, festen Beziehung bin, lässt er nicht locker und zieht alle Register. Ich habe mich sehr klar ausgedrückt, aber ohne Erfolg. Jetzt blieb mir nur noch, die Freundschaft endgültig auf Eis zu legen, zumindest solange er an seinem Plan festhielt, mich mit aller Gewalt erobern zu wollen.

Angst, Nein zu sagen

Da ich Rüdiger mag, ihm nicht wehtun möchte und ihn als Freund eigentlich auch nicht verlieren will, drücke ich mich schon die ganze Zeit davor, endgültig Nein zu sagen zu seinen Besuchen, die immer anstrengender wurden. Nein sagen. Stopp sagen. Dort und dem gegenüber mein Abwehrschild hochhalten, wo es anliegt. Hätte ich es gestern am Telefon geschafft, es ihm direkt zu sagen, wäre dieser Knockout, der Heuschnupfen-Anfall, eine Super-Ausrede, um sich leider nicht treffen zu „können“, nicht nötig gewesen. Ich wäre sicher zu späterer Stunde losgefahren, hätte meine Sonnenbrille aufgesetzt und einen Weg nicht mitten durchs saftige Grün gewählt, nicht jetzt in der Pollen-Hauptsaison.

Auf den Tisch schlagen statt sich durch Heuschnupfen-Schwäche davonmachen

Nein-Sagen, mich abgrenzen, auf den Tisch schlagen, wenn es sein muss, muss ich noch besser üben. Wenn ich es an richtiger Stelle, zum richtigen Zeitpunkt in aller Klarheit mache, brauche ich bald keine Pollen als Ersatzfeinde mehr und mein Heuschnupfen ist vollends aus meinem Leben verschwunden. Er ist nicht mehr notwendig. Ich werde mein Bestes geben. Doch heute hat es mich nochmal erwischt.

Hallo Rüdiger…

Ich schnäuze zum x-ten Mal in ein immer neues Haushaltsrollen-Blatt, hole das Telefon und rufe Rüdiger an. Nein, heute kann ich wirklich nicht. Voll heuschnupfengeschädigt. Aber auch in nächster Zeit nicht. Rüdiger soll bitte respektieren, dass ich mich in einer Beziehung befinde und in ihr auch bleiben will. Rüdiger sagt ja. Hm. Das hat er schon öfter gesagt. Aber vielleicht hat meine Krankheitserkenntnis doch eine Veränderung ins Rollen gebracht. Ich bin gespannt. Und hole mir ziemlich gut gelaunt einen leckeren Saft. Den habe ich mir verdient.

Zuletzt: Auch das sind Vorteile von Heuschnupfen

Apropos Saft. Auch der ist Thema beim Heuschnupfen. Der sexuellen Lust kann man mit einem Heuschnupfenanfall genauso aus dem Weg gehen wie Tatkraft, Initiative, Männlichkeit und Durchsetzungsvermögen. Alles nicht so meine Problemfelder, ich habe mich ja mehr auf Abgrenzungsprobleme spezialisiert, aber Themen von anderen Heuschnupfen-Geplagten, wie ich weiß. Deshalb schreibe ich sie der Vollständigkeit halber dazu. Als Anregung für Änderungswillige. Ich habe mein Soll für heute erfüllt!
Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm ist Heilpraktikerin und hatte 8 Jahre die Leitung des Bereichs Fachfortbildungen in Naturheilkunde und Psychotherapie einer großen Heilpraktikerschule in Deutschland und der Schweiz. Heute leitet sie ihr eigenes Ausbildungsinstitut und ist Autorin von Fachbüchern und Artikeln zum Thema Gesundheit, Prävention, natürliches Heilen und Persönlichkeitsentwicklung.

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