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Kurzsichtigkeit auf dem Vormarsch – Jedes zweite Grundschulkind betroffen

Kommentar schreiben Freitag, 26. April 2019

Die Kurzsichtigkeit, im medizinischen Fachjargon Myopie bezeichnet, zählt zu den häufigsten Sehstörungen des jugendlichen Auges und beginnt meist im Grundschulalter.

Weltweit ist eine drastische Zunahme der Kurzsichtigkeit in den letzten Dekaden beobachtet worden. Welche Ursachen führen zu einer Kurzsichtigkeit? Warum sind insbesondere Kinder betroffen? Welche Umweltfaktoren beeinflussen das Sehvermögen? Und lässt sich das Risiko einer Kurzsichtigkeit durch bestimmte Maßnahmen mindern? Mehr dazu im folgenden Beitrag.

 

Kurzsichtigkeit und ihre Folgen - Wenn weit entfernte Objekte nur noch unscharf zu erkennen sind!

 

Ein kurzsichtiges Auge ist länger als ein normalsichtiges Auge.1 Aufgrund des zu langen Augapfels befindet sich der optische Brennpunkt somit vor der Netzhaut, weshalb man weit entfernte Objekte nur noch unscharf erkennen kann und nur noch ein scharfes Nahsehen möglich bleibt.2 Betroffene kurzsichtige Personen sind auf optische Hilfsmittel, wie konkave Brillengräser oder Kontaktlinsen angewiesen, um in der Ferne scharf sehen zu können. 3

 

Die Folgen einer Kurzsichtigkeit sollten nicht unterschätzt werden: als Hauptprobleme der Kurzsichtigkeit sind unter anderem die Entwicklung von grünem und grauem Star zu erwähnen sowie das Risiko einer Netzhautablösung, hervorgerufen durch eine Kurzsichtigkeitsveränderung der Netzhautmitte, der Makula.4

Bei einer Kurzsichtigkeit gibt es folgende Ausprägungsformen: es gibt eine geringe Kurzsichtigkeit, von der man bei einer Sehschwäche von Minus 2 oder 3 Dioptrien spricht, und eine hohe Kurzsichtigkeit ab ca. Minus 6 Dioptrien.5

 

Mindestens ein Drittel der Betroffenen mit einer hohen Kurzsichtigkeit entwickeln im Laufe ihres Lebens die oben genannten Probleme in ihren Augen.6

Ein wichtiges therapeutisches Ziel ist daher die Progressionsminderung der Kurzsichtigkeit im frühen Lebensalter. 7

 

Warum nimmt die Kurzsichtigkeit dramatisch zu?

 

In Deutschland ist die Hälfte der Kinder und Jugendlichen kurzsichtig, Tendenz steigend.8

Die Kurzsichtigkeit ist aber alles andere als nur genetisch bedingt.

Kurzsichtigkeit kann als eine Anpassung an geänderte Umweltbedingungen erklärt werden, nämlich auf eine Verlagerung der Sehgewohnheiten vom Fern- in den Nahbereich und vom Freien in geschlossene Räume“.9

Das geänderte Seh-, Lern- und Freizeitverhalten beeinflusst das Sehvermögen: im Jahr 2016 erschien eine Metaanalyse, die im Hinblick auf die Prävalenz der Kurzsichtigkeit nach Regionen eine Prognose stellt:

 

In Südostasien schätzt man die Kurzsichtigkeitsprävalenz für das Jahr 2030 auf 52 Prozent und im Jahr 2050 auf 62 Prozent, während im Jahr 2010 eine Prävalenz von 39 Prozent vermerkt wurde. 10

Für Westeuropa wird eine Kurzsichtigkeitsprävalenz von 56 Prozent für das Jahr 2050 prognostiziert; im Jahr 2010 waren es 29 Prozent.11

Weltweit wird die Rate der Kurzsichtigkeit im Jahr 2050 auf 50 Prozent vermutet. 12

 

Gründe für die Kurzsichtigkeit sind ein Mangel an Tageslicht und die Dauer von Naharbeit.13

Insbesondere die frühe Naharbeit im Vorschul-/Grundschulalter kann eine Kurzsichtigkeit begünstigen: Kinder und Jugendliche müssen sehr viel in die Nähe schauen, was zum Teil auch auf das moderne Schulsystem zurück zu führen ist: die meiste Zeit verbringen Kinder und Jugendliche in geschlossenen Räumen bei wenig Licht und einem in die Nähe fokussierten Blick, wie zum Beispiel beim Lesen.14

 

Kinder, die weniger dem Tageslicht ausgesetzt sind, sind ebenfalls gefährdet.15

Auch die zunehmende Digitalisierung zwingt zur Naharbeit: die Nutzung von Smartphones, Tablets und Computern beeinflusst die Entwicklung von Kurzsichtigkeit und wird so verdammt, weil hierbei der Blick in die Ferne ausbleibt, während dieser bei einem Buch noch getätigt wird. 16

 

Zur Kurzsichtigkeitsprophylaxe bei Kindern wird eine Tageslichtexposition von etwa zwei Stunden pro Tag empfohlen. 17

Eltern sollten darauf achten, dass ihre Kinder Pausen einlegen und sich außerhalb der Schulzeiten genügend im Freien aufhalten. 18

 

Vorbeugende Maßnahmen: Bildung im Freien?!

 

Ergebnisse einer randomisierten klinischen Studie aus China haben bestätigen können, dass Kinder, die sich viel im Freien aufhalten und spielerische Aktivitäten draußen ausüben seltener eine Kurzsichtigkeit entwickeln als Kinder, die als „Leseratten“ daheim bleiben.19

 

Nachdem in zwei kleineren Studien gezeigt werden konnte, dass ein längerer Aufenthalt im Freien die Häufigkeit einer Kurzsichtigkeit senkt, entschieden sich Mingguang He von der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou und Mitarbeiter für eine randomisierte klinische Studie, die von der Einschulung bis zum Ende des dritten Schuljahres durchgeführt wurde.20

 

Zu Beginn der Studie hatte man zwölf Grundschulen auf zwei Gruppen randomisiert: in der einen Gruppe, bestehend aus sechs Schulen, wurde eine zusätzliche Schulstunde eingeführt, die 40 Minuten betrug und im Freien stattfand.21

 

In der anderen Gruppe, der Kontrollgruppe, ebenfalls bestehend aus sechs Grundschulen, sind keine Veränderungen vorgenommen worden.22

Das Ergebnis nach dem dritten Schuljahr: 30,4 Prozent der Kinder mit zusätzlicher Schulstunde im Freien entwickelten eine Kurzsichtigkeit; in der Kontrollgruppe war der Anteil der Kinder, die eine Kurzsichtigkeit entwickelten, mit 39,5 Prozent höher.23 Ein gering erscheinender, aber signifikanter Unterschied!24 

 

Denn Mingguang He von der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou macht darauf aufmerksam, dass eine Kurzsichtigkeit, die schon im Grundschulalter anfängt, später häufig stärkere Refraktionsfehler zufolge hat.25

Aus der Studie gehe zwar nicht hervor, ob der längere Aufenthalt im Freien eine Kurzsichtigkeit wirklich verhindern oder vielleicht doch nur hinausschieben könne, aber auf Basis dieser Studie könnten beispielsweise über gesündere Stundenpläne an Schulen nachgedacht werden.26

 

Lesen macht schlau und kurzsichtig!

 

Die Hälfte aller Schüler verlassen das Gymnasium mit einer Sehhilfe gegen Kurzsichtigkeit.27

Der molekulare Mechanismus, warum Lesen kurzsichtig macht, war bisher nicht eindeutig geklärt worden – Forscher der Universität Tübingen haben herausgefunden, dass hierfür das ganz normale Druckbild, nämlich dunkle Buchstaben auf weißem Hintergrund, verantwortlich sei und ein Zusammenhang zwischen Druckbild und der Aktivierung bestimmter Sehzellen bestehe.28

 

Aus Tierversuchen sind Forscher zu folgender Erkenntnis gekommen: Immer dann, wenn bestimmte Sehzellen, die sogenannten OFF-Zellen, aktiv sind, wird das Wachstum des Augapfels angeregt, was in eine Kurzsichtigkeit mündet.29

Wenn allerdings andere Sehzellen, die ON-Zellen stimuliert werden, bleibt das Wachstum des Augapfels aus. 30

 

Ein Versuch mit menschlichen Probanden wurde dann durchgeführt: die Testleser sollten zunächst die „normale“ Schrift lesen und dann helle Schrift auf dunklem Untergrund.31 Das Ergebnis: bei „Weiß-auf-Schwarz“-Lesen wird das Wachstum des Augapfels gehemmt und somit ON-Zellen erregt.32

 

Ohne auf die Bildungschancen verzichten zu müssen und das Risiko einer Kurzsichtigkeit zu minimieren, könnte diese Lese-Variante ein gesünderes und einfaches Mittel sein, weiterhin viel lesen zu können.33

 

 

Fazit: Der genetische Hintergrund, kurzsichtige Eltern haben kurzsichtige Kinder, ist nicht nur für die Entstehung einer Kurzsichtigkeit verantwortlich. Auch die geringe Tageslichtexposition und die Tätigkeit bei Nahsicht führen dazu, dass Kinder verfrüht zur Kurzsichtigkeit neigen.

 

Das Risiko einer Kurzsichtigkeit kann gesenkt werden, wenn sich Kinder mindestens zwei Stunden pro Tag draußen im Freien bei Tageslicht aufhalten und häufiger Pausen von der Nahsicht einhalten. Aufgrund der drastischen Zunahme der Kurzsichtigkeit sollte es notwendig werden, Pädiater, Eltern und Schulen mit einzubinden und ausdrücklich die Risikofaktoren wie Tageslichtmangel und Naharbeit insbesondere im Hinblick auf die vermehrte Nutzung digitaler Medien aufmerksam machen.34

 

 

 

 

Quellenangaben (Stand 24.04.2019):

1 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

2 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

3 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

4 vgl.: https://www.swr.de/wissen/kurzsichtigkeit-nimmt-dramatisch-zu/-/id=253126/did=21964320/nid=253126/1tzopiz/index.html

5 vgl.: https://www.swr.de/wissen/kurzsichtigkeit-nimmt-dramatisch-zu/-/id=253126/did=21964320/nid=253126/1tzopiz/index.html

6 vgl.: https://www.swr.de/wissen/kurzsichtigkeit-nimmt-dramatisch-zu/-/id=253126/did=21964320/nid=253126/1tzopiz/index.html

7 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

8 vgl.: https://www.swr.de/wissen/kurzsichtigkeit-nimmt-dramatisch-zu/-/id=253126/did=21964320/nid=253126/1tzopiz/index.html

9 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

10 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

11-12 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

13-16 vgl. https://www.swr.de/wissen/kurzsichtigkeit-nimmt-dramatisch-zu/-/id=253126/did=21964320/nid=253126/1tzopiz/index.html

17 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

18 vgl.: https://www.swr.de/wissen/kurzsichtigkeit-nimmt-dramatisch-zu/-/id=253126/did=21964320/nid=253126/1tzopiz/index.html

19-26 vgl. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/64157/Taegliche-Schulstunde-im-Freien-beugt-Kurzsichtigkeit-vor

27 vgl.: https://www.geo.de/wissen/gesundheit/19282-rtkl-kurzsichtigkeit-warum-wir-zukuenftig-mehr-weiss-auf-schwarz-lesen

28-33 vgl.: https://www.geo.de/wissen/gesundheit/19282-rtkl-kurzsichtigkeit-warum-wir-zukuenftig-mehr-weiss-auf-schwarz-lesen

34 vgl.: https://www.aerzteblatt.de/archiv/193148/Myopieprophylaxe

 

J. Ehresmann
Autor: J. Ehresmann

Die ausgebildete Operations-Technische Assistentin hat nach ihrer dreijährigen Ausbildung eine Weiterbildung zur Chirurgisch-Technischen Assistentin in der Allgemein- und Visceralchirurgie in Köln absolviert. Inzwischen blickt sie auf eine mehrjährige Erfahrung in der OP-Assistenz in diesem Fachgebiet zurück. Neben ihrer Tätigkeit im OP studiert Frau Ehresmann Humanmedizin in einem Modellstudiengang in Aachen.

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