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Klimawandel: Heilpflanzen in Gefahr?

Kommentar schreiben Dienstag, 04. August 2020

Der Klimawandel bringt extreme Wetterverhältnisse mit sich. Sie gefährden Mensch, Tiere und Pflanzen. Er geht so schnell, dass sich die Lebewesen kaum anpassen können. Das betrifft leider auch die Heilpflanzen. Ein Forscherteam warnt vor dem klimabedingten Aussterben der Arzneipflanzen. Betroffen sind Länder mit einer naturheilkundlichen medizinischen Versorgung genauso wie die Industriestaaten, in denen die Pflanzenheilkunde durch mehr Offenheit für eine Ganzheitsmedizin an Bedeutung gewinnt. Welche klimatischen Bedingungen gefährden die Heilpflanzen und was sind die Folgen? Wie tragen Menschen zusätzlich zu deren Aussterben bei? Welche Heilpflanzen sind besonders bedroht? Welche Maßnahmen kann man ergreifen, um sie zu retten?

 

Inhaltsverzeichnis

 

Welche Bedeutung haben Heilpflanzen?

 

Heilpflanzen unterstützen die Prävention und Heilung von Krankheiten auf der ganzen Welt. Länder, die noch eng mit der Natur verbunden sind und in einer langen Tradition mit einer ganzheitlichen Heilung von Mensch und Tier stehen, können sich eine Medizin ohne Heilpflanzen gar nicht vorstellen. Ihre Apotheke besteht zu 70 bis 95 Prozent aus den Helfern aus der Natur. Aber auch bei uns, in Zeiten der Antibiotikaresistenzen und zum Teil nebenwirkungsreichen Medikamenten wächst die Nachfrage nach Alternativen. Es existieren unzählige Studien, die die Wirkung von Heilpflanzen nachweisen. Daher ist es ein großer Schaden für Mensch und Tier, wenn der Klimawandel anhält und keine Gegenmaßnahmen getroffen werden, um gefährdete Arzneipflanzen zu erhalten.1

 

Welche klimatischen Bedingungen gefährden die Heilpflanzen?

 

Der Klimawandel bringt Wetterextreme mit sich. Temperaturanstiege und Kälteeinbrüche, Starkregen, Hitzewellen, Dürren und ein Anstieg von Kohlendioxid (CO2) in der Luft gefährden die Ernte von Nutzpflanzen und Heilpflanzen gleichermaßen. Er führt auch zu einer zunehmenden Verbreitung von Krankheitserregern und Schädlingen.2 

 

Welche Folgen hat der Klimawandel für die Heilpflanzen?

 

Ein internationales Forscherteam aus den USA, Australien und Europa unter der Leitung von Wendy L. Applequist hat in dem Appell „Scientists‘ Warning on Climate Change and Medical Plants“, ausgeführt, wie der Klimawandel und der Mensch das Vorkommen von Heilpflanzen ernsthaft gefährden: Dürren und Starkregen schwächen die Produktivität und Qualität von Heilpflanzen. Es werden nicht nur der Bestand, sondern auch die Charakteristika der Pflanzen verändert. Sie wachsen z.B. mehr in die Höhe, weil ihr Lebensraum immer mehr eingeschränkt wird, oder werden von Nachbarpflanzen, die mehr Raum einnehmen, überwuchert. Wenn möglich, „wandern“ sie z.B. in Berggebieten immer höher, um der unverträglichen Wärme zu entgehen. Frage ist dann nur, was tun die Pflanzen, die schon ganz oben leben? Für sie gibt es keinen Ausweg und kein Entkommen.

 

Ein NadelwaldUngewohnte Hitze und Kälte, Trockenheit und extremer Regen wirken sich auf Wachstum, Entwicklung und die Widerstandskraft der Heilpflanzen gegenüber Krankheitserregern, insbesondere Pilze, und Schädlingen aus. Aufgrund der warmen Winter breiten sich z.B. Pilzerreger wie Rostpilz aus und dezimieren Millionen Hektar von Nadelhölzern. Die milden Winter begünstigen auch die Vermehrung schädlicher Insekten wie Borkenkäfer. Innerhalb dieser Nadelholzwälder, z.B. in Kanada und Nordamerika, sind auch langsam wachsende Heilpflanzen zuhause.

 

Die Zerstörung der Nadelhölzer durch Pilzkrankheiten, Käfer und Wildfeuer aufgrund des Klimawandels sowie zusätzlich durch Abholzen zerstören gleichzeitig den Lebensraum der Arzneipflanzen.1 So wird nicht nur die Pflanze direkt von den Wetterextremen getroffen, sondern auch indirekt durch die Schädigung des Umfelds.

Manche Pflanzen brauchen bestimmte „Nachbarn“, um optimal zu gedeihen. Sie speichern Wärme oder Wasser, spenden Schatten spenden oder halten Schädlinge von der Heilpflanze fern. Ist dieses Umfeld gestört, hat es direkt Auswirkungen auf das Wachstum und die Entwicklung der Heilpflanze.3

 

Welche Heilpflanzen sind besonders bedroht?

 

Als besonders gefährdet gelten Heilpflanzen, die im Gebirge beheimatet sind, besonders auf Schneehöhe, im Bereich der Schneegrenze und in der Region darunter. In den nördlichen Breitengraden werden die schwerwiegendsten Veränderungen im Pflanzenreich durch den Klimawandel erwartet. Sie können ganz oben der Erwärmung nicht ausweichen. Aber auch Arzneipflanzen aus den Wüstenregionen sind gefährdet. Die Ural-Süßholzwurzel (Glycyrrhiza uralensis) z.B., eine der wichtigsten wild gesammelten Pflanzen der chinesischen Medizin, steht heute unter Schutz.

 

Da die kultivierte Form nicht dieselbe Wirkstoffkonzentration wie die Wildsammlung aufweist, führt China einfach wild gesammeltes Süßholz aus anderen Ländern wie Pakistan und Afghanistan ein. Die vermehrte Ernte in anderen Ländern kann auch dort zu einem ernstzunehmenden Rückgang der Heilpflanze führen.1 Das antibakterielle, antivirale und pilzwidrige Süßholz wird bei Husten, Bronchitis, Asthma, Infektionen im Mund- und Rachenraum, bei Sodbrennen, Gastritis und zur schnelleren Abheilung von Magen- und Darmgeschwüren benötigt.4

 

Der Weihrauchbaum (Boswellia) ist in gleicher Weise klimabedingt reduziert. Bei ihm tragen zudem die Ausbreitung des Farmlands, Brände, übermäßige Ernte des Holzes oder Harzes, Käferbefall und das intensive Abgrasen der Setzlinge und jungen Pflanzen zu seinem Untergang bei. Eine Studie mit 12 nordäthiopischen Weihrauchpopulationen ergab, dass, wenn es so weiter geht, der Weihrauchbestand in 15 Jahren um 50 Prozent und in 50 Jahren um 90 Prozent zurückgegangen ist.1 Weihrauch wird auch im Westen als entzündungshemmendes, schmerzlinderndes Mittel bei rheumatoider Arthritis, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Asthma, Borreliose sowie Neurodermitis und Schuppenflechte zum Einsatz gebracht.4

 

Der amerikanische Ginseng ist doppelt gefährdet: Durch den Klimawandel ist er innerhalb von 70 Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 6 Prozent vom Aussterben bedroht, durch das Abernten zu 8 Prozent und durch die Kombination von beidem liegt das Risiko für sein Aussterben bei 65 Prozent!1 Ginseng ist als kraftspendendes Tonikum bei Erschöpfung, Konzentrations- und Leistungsschwäche, Müdigkeit und in der Rekonvaleszenz bekannt.4

 

Auch das vitalisierende Anti-Aging-Tonikum Felsenblümchen aus den kolumbianischen Anden ist stark durch die Kombination aus Klimawandel und kommerzieller Ernte gefährdet. Das Hundsgiftgewächs Tylophora hirsuta aus Pakistan, das bei Asthma und Harnverhalt angewendet wird, soll schon bald gar keinen Lebensraum mehr haben und jetzt schon vom Aussterben bedroht sein.1

 

Wie tragen Menschen zusätzlich zum Rückgang und Aussterben von Heilpflanzen bei?

 

Neben dem Klimawandel zerstören oder zersplittern Menschen durch ihre Besiedelung den Lebensraum von Arzneipflanzen. Auf den kleinen Einheiten ist das Risiko für die Ausbreitung von eindringenden anderen Pflanzen und fremdartigen Krankheitserregern deutlich höher. Auch das illegale Überernten von Wildsammlungen, um die große Nachfrage zu bedienen, wie z.B. bei Ginseng sowie der schmerzlindernden indischen Kostuswurzel und der entzündungshemmenden kanadischen Gelbwurz haben großen Anteil an dem Aussterben der Heilpflanzen. Neben dem Überernten zerstören auch Abholzungen und Brände den Lebensraum der Heilpflanzen.1 

 

Hat der Klimawandel auch Einfluss auf die Qualität der Wirkstoffe?

 

Das Klima beeinflusst die Bildung sekundärer Pflanzenstoffe. Sie haben Anteil an der pharmakologischen Wirkung der Pflanze.3 Bei Sojabohnen z.B. ist eine Reduktion der Isoflavone von 90 Prozent beobachtet worden, wenn die Temperaturen durch Klimawandel erhöht sind. Ölsaaten können weniger Öl und vor allem weniger der gesundheitsfördernden ungesättigten Fettsäuren enthalten. Heilpflanzen sind klimabedingt empfänglicher für Pilze und andere Krankheitserreger. Klimawandel kann die Sicherheit der Heilwirkung einschränken.1

 

Welche Länder und Menschen sind am meisten betroffen?

 

Besonders in Ländern und Regionen, in denen die Bevölkerung vollkommen auf Pflanzenheilkunde setzt, ist der Niedergang wichtiger Arzneipflanzen eine Katastrophe. Das betrifft besonders kleinere und indigene Volksgruppen. Aber auch bei uns gibt es viele Menschen, die mit Erfolg auf die Alternative Pflanzenheilkunde setzen und diese nebenwirkungsarme Heilmethode dann nicht mehr anwenden könnten.

 

Welche wirtschaftlichen Folgen hat der Rückgang der Heilpflanzen?  

 

Menschen wenden Heilpflanzen nicht nur an, sondern sammeln sie auch, um sie zu verkaufen. Weltweit werden jährlich pflanzliche Inhaltsstoffe im Wert von etwa 33 Milliarden US-Dollar exportiert.2 

 

Welche Maßnahmen kann man ergreifen, um die Heilpflanzen zu retten?

 

Die Autoren der Studie empfehlen, die Bauern in der nachhaltigen Bewirtschaftung von Feldern und Wiesen und in der Überwachung der Qualität der Pflanzen zu schulen. Arzneipflanzen sollten verstärkt in Gemeinschaftsgärten angebaut werden. So bleibt der lokale Zugang erhalten. Man sollte die Migration der Pflanzen in neue Lebensräume unterstützen und eine standortunabhängige Saatenbank anlegen.2

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Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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