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Hypersensibilität als Charakterzug

Kommentar schreiben Freitag, 15. April 2016

Bei hypersensiblen Menschen gehen Eindrücke tiefer und wirken länger nach. Sie sind dünnhäutig, nah am Wasser gebaut und können sich nicht gut abgrenzen. Ihr Gehirn nimmt mehr und genauere Wahrnehmungen ins Bewusstsein auf als andere. Deshalb ist der hypersensible Mensch schnell von der heutigen Reizüberflutung überfordert und zieht sich zurück. Sein Perfektionismus ist stark ausgeprägt, kann aber aus Zeitmangel nicht so gelebt werden, wie er es braucht, was ihn erneut überlastet. Positive Eigenschaften sind Kreativität, Phantasie, starke Intuition und Einfühlungsvermögen. Die Überempfindlichkeit gegenüber Außenreizen erschwert private und soziale Kontakte. Der Betroffene fühlt sich schon als Kind anders, unverstanden und wie aus einer anderen Welt.

Was ist anders bei hypersensiblen Menschen?

Es fehlt ihnen eine Schutzgrenze gegenüber Außeneinflüssen. Sie nehmen jedes Gefühl, jede energetische Schwingung um sie herum auf. Die vermehrten und verstärkten Wahrnehmungen gelangen im Gehirn zum Thalamus. Das ist die Stelle, die bei allen Eindrücken zwischen wichtig und unwichtig unterscheidet, ohne dass wir es merken. Fehlt dieser Sortierungsprozess, können wir uns nicht konzentrieren. Das Vogelgezwitscher von draußen hat dieselbe Bedeutung wie das wichtige Telefonat, das wir gerade mit unserem Chef führen. Das Gehirn trennt unentwegt, was in unser Bewusstsein gelangen soll und was nicht. Diese Trennung ist bei hypersensiblen Menschen anders: Es wird viel mehr als wichtig etikettiert und bewusst erfasst. Daher werden die Betroffenen von zwei Komponenten überfordert: die Dünnhäutigkeit und die mangelnde Filterfunktion im Gehirn. Durch diese Kombination messen sie Aussagen, Mimik und Gestik von anderen eine viel höhere Bedeutung bei, als sie in Wirklichkeit haben. Das führt oft zu Missverständnissen im Privatleben und bei anderen Kontakten.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Hypersensibilität wird nicht als Krankheit oder psychische Störung gewertet. Es ist ein Charakterzug. Wird er früh genug erkannt, hat man als Erwachsener keine großen Probleme damit. Man muss es nur wissen und bewusst damit umgehen. Pionierarbeit in der Erforschung hat die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron seit 1997 geleistet. Sie geht davon aus, dass 15-20 % der menschlichen Bevölkerung hochsensibel ist. Hypersensibilität tritt familiär gehäuft auf. Damit ist diese Konstitution wohl erblich bedingt. Eine genaue neurowissenschaftliche Erklärung gibt es aber noch nicht. Bisher weiß man nur, dass die nervliche Erregbarkeit im Gehirn erhöht ist. Dazu kommt, dass zu viele Reize ins Bewusstsein gelangen. Die Menge an zu verarbeitenden Daten ist weit höher als bei normalsensiblen Menschen. Auch die Empfindlichkeit gegenüber Kaffee, Nikotin, Medikamenten, Hunger- und Durstgefühlen und Schlafmangel ist erhöht. Die Psychologin Aron hat Tests für Erwachsene und Kinder entwickelt, um eine Hypersensibilität festzustellen.

Welche Merkmale sprechen für Hypersensibilität?

Vielleicht hat man als Kind schon gehört: Sei nicht so empfindlich, das bildest du dir alles nur ein. Irgendwie scheint man anders zu sein. Man nimmt Dinge wahr, die sonst keiner spürt. Man fühlt mit den anderen mit, als ob es die eigenen Emotionen wären. Man erträgt keine Menschenmassen, keinen Lärm, keine Konflikte. Alles wird intensiv erlebt und empfunden. Zu viele Reize, zu wenig Zeit, sie zu verarbeiten. Deshalb immer wieder Rückzug und ein Mehrbedarf an Regeneration. Andere finden, dass man nichts aushält und zu schnell schlapp ist. „Ich bin anders und keiner versteht mich“, ist ein Grundgedanke, der quält und Selbstbewusstsein und Selbstliebe schwierig macht. Der Hypersensible denkt, er sei völlig alleine auf der Welt damit, wie er sieht und fühlt. Es ist eine große Erleichterung für ihn, dass es dafür jetzt einen Namen gibt und noch andere so sind wie er. Und er hat viele positive Seiten: Hypersensitive sind ein wichtiger Gegenpol zur harten Leistungsgesellschaft. Es sind hilfsbereite, einfühlsame Menschen. Sie spüren die Interessen und Bedürfnisse anderer und können sie über die eigenen stellen. Ihre Denkweise, Phantasie und intuitive Kraft eröffnen einen neuen Blick. Sie verstehen es, in größeren Zusammenhängen zu denken und zu handeln. Ihr reiches Innenleben beschert ihnen ein hohes Maß an Kreativität und künstlerischem Talent. Sie sind anders und das ist gut so.

Was tun bei Dünnhäutigkeit und Überempfindlichkeit?

Sich über seine außergewöhnlichen Qualitäten freuen und die Empfindsamkeit genießen, mit Musik, Kunst, in der Natur und Stille. Das trägt auch sehr zur Regeneration bei. Dann müssen hypersensitive Menschen lernen, ihre Grenzen zu sehen und zu respektieren. Sie sind nicht dafür gebaut, bis morgens um 4 auf einer Fete zu sein, viele Menschen zu treffen oder in einem Großraumbüro zu arbeiten. Ihre Qualitäten liegen brach, müssen in so einem Umfeld unterdrückt werden, was sie überfordert. Das bedeutet nicht, dass keine sozialen Kontakte oder Teamarbeit möglich sind. Sie müssen nur genau dosieren, wie viel ihnen gut tut, ohne sie zu erschöpfen. Vielleicht nur 3 Stunden zur Fete, nur einen halben Tag mit Kollegen und dafür noch ein paar Stunden zuhause alleine arbeiten. Auf jeden Fall brauchen sie Phasen für Rückzug, Stille und Alleinsein und zur Umsetzung ihrer kreativen Ader. Ihr Bedürfnis nach Harmonie müssen sie als erstes im eigenen Leben stillen: in einem Ausgleich zwischen ausgewählten Kontakten und Zeiten des Alleinseins ohne Außenreize.

Wie können Partner und Freunde damit umgehen?

Sie sollten über diesen Charakterzug informiert sein. Man braucht ihn nicht ständig zu thematisieren. Jeder muss seine Wünsche kennen und seine Grenzen setzen. Es sollten nicht nur vorrangig auf die Überempfindlichkeit Rücksicht genommen, sondern Kompromisse gefunden werden, die beiden gerecht werden. Essen gehen ja, aber der Sensitive geht danach nach Hause, während der andere beispielsweise sich noch mit Freunden trifft. Es finden sich Wege, dass beide bzw. die ganze Clique zusammen sind und die Bedürfnisse des Einzelnen trotzdem berücksichtigt werden. Dafür ist jeder selbst verantwortlich.

Wie unterstützen Eltern ihr hypersensibles Kind?

Sie sollten sich darüber informieren und es als einen Charakterzug wertschätzen wie jeden anderen auch. Das Kind hat besondere Fähigkeiten, die unterstützt und gefördert werden sollten, ohne das Kind zu überfordern. Wenn es alt genug ist, kann man ihm diesen Charakterzug erklären und zeigen, wie man damit umgeht. Manche Kinder brauchen Kampfsport für ihre Aggressionsanfälle, hypersensible Kinder eben Kunstkurse und ein eigenes Zimmer als sicheren Rückzugsort. Die Eltern helfen auch, wenn sie ihren eigenen Stress im Griff haben und einen Ruhepol für das Kind abgeben.

 

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Beate Helm
Autor: Beate Helm

Beate Helm, Heilpraktikerin, freie Redakteurin und Autorin für Gesundheitsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Selfpublisherin. Weiterbildungen in Ernährungswissenschaft, Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Ayurveda, psychologischer Beratung und systemischer Therapie. Langjährige Erfahrung in Yoga und Meditation. Bei apomio seit 04/2015.

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