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Fehlgeburt - Was Frau und Mann über dieses Tabuthema wissen sollten

Kommentar schreiben Dienstag, 14. Juli 2020

Noch immer trauen sich viele Frauen nicht, in der Öffentlichkeit über eine Fehlgeburt zu sprechen. Hochempfindliche Tests ermöglichen bereits ab dem sechsten Tag nach Ausbleiben der Periode eine Aussage hinsichtlich einer Schwangerschaft. Immer mehr Frauen werden daher frühzeitig mit einer Fehlgeburt konfrontiert. Die Medizin steht einer drohenden Fehlgeburt heute nicht mehr hilflos gegenüber. Viele Ursachen wurden in den letzten Jahren erforscht und können durch entsprechendes Handeln teilweise vermieden werden.

Die seelische Belastung und Trauer, welche sich nach einer Fehlgeburt einstellt, sollten professionell begleitet werden.

Inhaltsverzeichnis

 

Fehlgeburt oder Totgeburt

Vorab soll ein wenig Licht in den Dschungel der medizinischen Fachausdrücke gebracht werden. Unter Abort wird bei Medizinern ein Schwangerschaftsabbruch verstanden. Kommt dieser auf natürliche Weise zustande, handelt es sich um eine Fehlgeburt. Bei einem Frühabort endet die Schwangerschaft vor der 12. Schwangerschaftswoche (SSW). Zwischen der 13. und 22. SSW spricht man von einem Spätabort. Davon muss der Begriff einer Totgeburt abgegrenzt werden. So bezeichnet wird der Embryo, wenn er nach der 23. SSW und einem Gewicht von mehr als 500 Gramm vorzeitig abstirbt. Die Unterscheidung dient vor allem dem juristischen Umgang mit dem Fötus. Eine Totgeburt muss nach deutschem Recht standesamtlich gemeldet werden. Während hier eine Bestattung vorgeschrieben ist, besteht bei Fehlgeburten eine rechtliche Unsicherheit.

Wie häufig muss mit einer Fehlgeburt gerechnet werden?

Ein Mann und eine Frau halten BabyschuheMehr als die Hälfte aller Schwangerschaften enden vor der sechsten Schwangerschaftswoche. Bis zur zehnten Woche müssen immer noch 10 bis 20 Prozent aller schwangeren Frauen mit einer Fehlgeburt rechnen. Im späteren Verlauf der sinkt die Wahrscheinlichkeit.

Mit zunehmendem Alter muss von einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine Fehlgeburt ausgegangen werden. Frauen im Alter bis 30 Jahre besitzen ein Risiko von etwa 15 Prozent, während sich die Rate bis zum 44. Lebensjahr auf 40 Prozent steigert.

Frühere Fehlgeburten erhöhen die Gefahr zusätzlich. So ist bei jungen Frauen mit mehr als drei bekannten Fehlgeburten das Risiko eines weiteren Abortes mit 40 Prozent anzunehmen. Frauen über vierzig besitzen eine Gefährdung von 65 Prozent. Bei 0,5 bis 2 Prozent aller Paare mit Kinderwunsch finden sich drei oder mehr Fehlgeburten. Finden diese vor der 20. Schwangerschaftswoche statt, spricht man von einem habituellen Abort.1

Aussagen hinsichtlich der Häufigkeit einer Fehlgeburt stellen in erster Linie eine statistische Wahrscheinlichkeit dar. Die Ursachen liegen stets in der individuellen Situation der Frau oder des Mannes begründet.

Welche Symptome deuten auf eine Fehlgeburt hin?

Die Anzeichen einer Fehlgeburt sind vom Stadium und dem Verlauf abhängig. Als wesentliches Symptom ist eine verstärkte vaginale Blutung anzusehen. Diese wird häufig von starken Unterbauchschmerzen und Beschwerden im Rücken begleitet. Während sich der Frühabort durch Blutungen bemerkbar macht, deutet nach der zwölften Schwangerschaftswoche vielfach eine verstärkte Wehentätigkeit auf eine Fehlgeburt hin.

Drohende Fehlgeburt

In beinahe einem Drittel aller Schwangerschaften kommt es in der Frühphase zu Blutungen. Ab der sechsten Woche lässt sich der Herzschlag des Embryos im Ultraschall erkennen.2 In Kombination mit der Bestimmung des HCG-Wertes kann der Arzt eine solche Blutung von einer drohenden Fehlgeburt (Abortus imminens) abgrenzen. Können kindliche Herztöne wahrgenommen werden und liegt die Konzentration des HCG im erwarteten Bereich, wird die Schwangerschaft trotz der Blutung ohne Probleme bestehen bleiben. Eine Behandlung erscheint in diesem Fall nicht nötig. Sind indes keine Herztöne mehr festzustellen und weist das HCG einen abnehmenden Trend auf, muss von einer beginnenden Fehlgeburt ausgegangen werden.

Beginnende Fehlgeburt

Ein beginnender Abort (Abortus incipiens) ist ein nicht mehr umkehrbares Stadium, an dessen Ende der tote Embryo aus der Gebärmutter ausgestoßen wird. Dieser Vorgang deutet sich für die Frau mit starken, bisweilen krampfartigen Schmerzen an. Obgleich noch Lebenszeichen des Fötus nachweißbar sein können, ist der Muttermund bereits geöffnet. In manchen Fällen fallen in der Blutung kleine Gewebeteile auf.

Bei einer vollständigen Fehlgeburt (Abortus completus) wird neben dem Embryo auch die Plazenta ausgestoßen. In wenigen Fällen verbleiben geringe Gewebereste zurück, welche vorsichtig entfernt werden.3 Nach der 16. Schwangerschaftswoche ist ein vollständiger Abort nicht mehr wahrscheinlich.

Bei einem späteren Abgang handelt es sich meist um eine unvollständige Fehlgeburt. Häufig verbleiben Teile des Mutterkuchens in der Gebärmutter. Die Entfernung mittels einer Kürettage erfordert die Einweisung in ein Krankenhaus. Zumal neben weiteren vaginalen Blutungen ein erhöhtes Infektionsrisiko für die Frau besteht.

Verhaltene Fehlgeburt

Während eine beginnende Fehlgeburt von betroffenen Frauen schmerzhaft wahrgenommen wird, treten beim verhaltenen Abort (Missed Abortion) keine der oben genannten Symptome zutage. Auffällig ist zudem die fehlende Kindsbewegung sowie eine deutliche Verringerung ansonsten typischer Schwangerschaftszeichen, wie Übelkeit, Spannungsgefühl in den Brüsten oder die Wahrnehmung außergewöhnlicher Gelüste. Erfolgt ein Missed Abort vor der 12. Schwangerschaftswoche, versucht man den Gebärmutterhals medikamentös zu weiten. Diese Maßnahme dient dazu, Verletzungen vorzubeugen und einer Gefährdung zukünftiger Schwangerschaften entgegenzuwirken. Der verstorbene Embryo wird entweder abgesaugt oder es erfolgt eine Ausschabung. Bei einem Spätabort wird die Geburt mit wehenfördernden Medikamenten eingeleitet.

Eine verhaltene Fehlgeburt wird meist aufgrund der regelmäßig stattfindenden Ultraschalltermine festgestellt. Dennoch kann es zur seltenen Problematik des sogenannten Dead-Fetus-Syndroms kommen. In diesem Fall bleibt das tote Embryo unbemerkt über einen langen Zeitraum in der Gebärmutter. In der Folge kann es bei der Mutter zu einer schweren Gerinnungsstörung kommen.4

Wie kommt es zu einer Fehlgeburt?

Lebensstil und Verhalten

Werden schädliche Substanzen innerhalb der ersten zwei Wochen nach der Befruchtung aufgenommen, haben diese entweder keine schädliche Wirkung auf das Wohl des Embryos oder dieses wird meist unbemerkt ausgestoßen.5

Alkohol und Rauchen gelten als die größten Risikofaktoren für das ungeborene Kind. Verschiedene tabakspezifische krebsauslösende Substanzen (Nitrosamine) führen sowohl bei aktiven wie bei passiven Rauchern zu einer deutlich erhöhten Rate spontaner Fehlgeburten.6 Die Giftstoffe besitzen die Fähigkeit die Plazentaschranke zu überwinden und schädigen das Ungeborene auf direktem Weg.7 Die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen gefährden die Entwicklung und das Verhalten des Fötus im Mutterleib. Das Embryo reagiert einer Arbeit der Durham University zufolge unmittelbar auf den Tabakkonsum der Mutter. Sie greifen sich eindeutig häufiger in die Augen und verziehen den Mund.8

Das Risiko für eine Fehlgeburt beim Konsum von Koffein ist offensichtlich dosisabhängig. In einer Studie wurde die Auswirkung einer täglichen Menge von weniger als 150 mg (etwa 2 bis 3 Tassen) bis größer 300 mg Koffein (etwa 4 bis 6 Tassen) erfasst.9

Erbanlagen

Die häufigste Ursache für das Eintreten einer Fehlgeburt stellen Änderungen in der Struktur des Erbmaterials (Chromosomenaberration) dar. Insbesondere bei Früharborten lässt sich eine solche Störung zu etwa 50 Prozent nachweisen.9 Die Wahrscheinlichkeit eines Abortes aufgrund einer chromosomalen Veränderung sinkt bei Folgeschwangerschaften im Vergleich zur ersten Fehlgeburt nur unwesentlich.10 Mit dem Alter der Mutter nimmt die Gefahr einer Trisomie 16 und Trisomie 22 deutlich zu.11 Insbesondere ein daraus resultierender Herzfehler sowie eine stark verminderte Muskelspannung (Muskelhypotonie) führen zu einem vorzeitigen Abort.

Die Diagnostik genetischer Erkrankungen im Vorfeld einer Schwangerschaft (Präimplantationsdiagnostik) ist in Deutschland ausschließlich bei einer zu erwartenden Schädigung des Kindes erlaubt. Überprüft werden hierbei nur die Erbanlagen der Frau. Die Behandlung einer Chromosomenaberration ist weder möglich noch erlaubt. Im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung kann ein genetisches Präimplantationsscreening (PGS) eine Alternative zur, auf natürliche Weise nicht möglichen Schwangerschaft darstellen.12

Rhesus-Unverträglichkeit

Eine Situation, bei der in früheren Jahren Fehlgeburten häufig vorkamen, ist die sogenannte Rhesus-Unverträglichkeit. Besitzt die Mutter eine Rhesus-negative Blutgruppe und ist das ungeborene Kind Rhesus-positiv, bildet der mütterliche Organismus Antikörper gegen diese Rh-positiven Bluteigenschaften. Für das erste Kind verläuft dieser Zustand im Wesentlichen harmlos. Bei einer Folgeschwangerschaft können diese Antikörper das Kind im Mutterleib schädigen. Mit der Rhesus-Prophylaxe existiert seit langer Zeit eine wirksame Therapie, sodass Fehlgeburten aufgrund dessen ausgeschlossen sind.

Fehlbildungen

Ein vorzeitiger Abbruch einer Schwangerschaft kann auch durch eine Fehlbildung im Bereich der Gebärmutter geschehen. Aufgrund einer Teilung der Gebärmutterhöhle in zwei Hälften (Uterus subsepeptus) kann die Ausbildung der Plazenta und eine vollständige Einnistung des Embryos unterbunden werden. Diskutiert werden zudem Wucherungen im Uterus (Myome) oder Polypen. Hier fehlen jedoch noch aussagekräftige Studien hinsichtlich des Abortrisikos.9

Infektionen

Bakterien, Viren oder sogenannte Protozoen (Toxoplasmen, Malariaerreger) stellen eine geringe Gefahr für eine Fehlgeburt dar. Gleichermaßen führt ein Ungleichgewicht der vaginalen Bakterienbesiedelung selten zu einem Abort. Die Infektion der Eihöhle, der Plazenta oder des Fötus stellen zwar eine Notfallsituation dar, sind indes selten die Ursache einen vorzeitigen Abgang.9

Hormone

Hormone sind auf vielfältige Weise an der Entstehung einer Schwangerschaft beteiligt. Für eine Fehlgeburt kommt vor allem eine Funktionsstörung der Schilddrüse infrage. Verschiedentlich wird ein erhöhter TSH-Wert (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) als mögliche Ursache einer Fehlgeburt genannt. Dies ist jedoch ähnlich unklar, wie der Zusammenhang mit erhöhten Werten der Schilddrüsenantikörper. Ein Bezug zwischen einer Störung im Verlauf der Gelbkörperphase (2. Zyklushälfte) und einem Abort scheint gleichfalls nicht gegeben.9

Dagegen müssen Diabetes ebenso ein starkes Übergewicht hinsichtlich des Risikos einer Fehlgeburt ernst genommen werden.

Stress bringt das hormonelle Gleichgewicht durcheinander. Es gibt Hinweise, welche eine Beeinflussung des Gelbkörperhormons vermuten lassen. Dieses Progesteron ist wesentlich für die Einnistung des Embryos zuständig.13

Das Immunsystem - Gegner des Embryos

Die Immunologie in der Schwangerschaft ist ein komplexes Teilgebiet der Medizin. Überschießende Abwehrreaktionen können bei einem Kinderwunsch problematisch werden. Insbesondere der Einnistungsprozess des Embryos in der Gebärmutterschleimhaut scheint hiervon betroffen. So können Eigenschaften, welche der Vater dem Embryo mitgegeben hat, vom mütterlichen Gewebe nicht toleriert werden. Dies führt dann in einer frühen Phase der Schwangerschaft zu einer Abstoßreaktion.

Gerinnungsstörung

Schwangere Frauen leiden häufig an einer Störung der Gerinnung. Dies kann durch einen Mangel an Gerinnungsfaktoren verursacht, aber auch hormonell begründet sein. In beiden Fällen kann es in den Blutgefäßen des Mutterkuchens zu kleinen Blutgerinnseln kommen. Eine Minderversorgung und das Absterben des Embryos sind eine mögliche Folge.9

Wie kann vorgebeugt werden?

Inwiefern eine Fehlgeburt aufgehalten werden kann, hängt vom Stadium ab. Lediglich bei einem drohenden Abort ist ein wirksames Gegensteuern möglich. Sind noch Herztöne zu erkennen, wird der Arzt vor allem Ruhe verordnen. Dies kann vom Verzicht auf belastende Sportarten bis hin zur absoluten Bettruhe reichen. In jedem Fall sollte der behandelnde Frauenarzt hinzugezogen werden. Besteht der Verdacht auf Krankheiten, welche eine Schwangerschaft erschweren können oder ist eine frühere Fehlgeburt bekannt, sollte eine ausführliche Diagnostik stattfinden. Schwangerschaft ist keine Krankheit. Ein ausgeglichener Lebenswandel und eine gesunde Ernährung werden sowohl der Mutter sowie dem Kind helfen, gesund zu bleiben. Die zusätzliche Einnahme von Folsäure kann Missbildungen und einer möglichen Fehlgeburt vorbeugen. Auch bei anderen Vitaminen und Spurenelementen steigt der Bedarf während der Schwangerschaft.

Trauer

Der Gesetzgeber hat bestimmt, dass ein Fötus, welcher nach der 23. Schwangerschaftswoche stirbt, beerdigt werden muss. Doch abseits rechtlicher Regelungen kann auch eine Fehlgeburt eine seelische Belastung darstellen. Nicht selten bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Wichtig ist, sich die Trauer zuzugestehen. Trauer kann auf sehr unterschiedliche Weise bewältigt werden. Der Austausch mit dem Partner oder Freunden ist eine Möglichkeit. Bevor die Bewältigung zu einer dauerhaften Depression führt, steht immer der Weg offen, sich professionelle Hilfe zu holen.

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Jürgen Kressel
Autor: Jürgen Kressel

Sein beruflicher Werdegang hat sich in letzter Zeit mit persönlichen Vorlieben verbunden. Als Medizinisch technischer Assistent haben sich die Erfahrung und Ehrgeiz zu einem ganz ordentlichen Wissen auf einigen Gebieten entwickeln können. Fachlich ist er vor allem im Bereich der Allergologie (insbesondere Nahrungsmittelallergien), Endokrinologie (allgemein und Kinderwunsch) und Gastrologie versiert. Seine letzten Berufsjahre als MTA hat er in einem Notfalllabor eines großen Krankenhauses eingebracht.

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