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Die Spritze gegen Migräne kommt

Kommentar schreiben Montag, 23. Juli 2018
Im Herbst dieses Jahres soll eine Spritze gegen Migräne auf den Markt kommen. Die Wissenschaftler erhoffen sich, durch das neue Medikament, einen Fortschritt in der Migräne-Therapie. Lesen Sie, wie der neue Wirkstoff funktioniert und für wen die Behandlungsform in Frage kommt. 

Licht, Geräusche und Gerüche werden zur Qual. Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit bestimmen den Alltag vieler Migräne-Patienten. Bis zu drei Prozent der Bevölkerung leiden an mehr als 15 Tagen im Monat an Kopfschmerzen, häufig handelt es sich um eine Migräne. Bis zu 72 Stunden lang kann eine Attacke den Betroffenen regelrecht außer Gefecht setzen. Viele der Betroffenen sind deshalb permanent auf Medikamente angewiesen, damit sie trotz dröhnendem Kopf ihren Job und ihre Verpflichtungen geregelt bekommen. Doch auch diese Behandlung schlägt nicht bei allen Betroffenen gleichermaßen an. Das Problem: Bisher waren die Mechanismen im Gehirn, die zu einem Migräne-Anfall führen, nicht komplett erforscht. Eine Behandlung an der Wurzel der Erkrankung war daher nicht möglich. Lediglich Schmerzmittel und Medikamente gegen Übelkeit sollten die Symptome lindern. Das soll sich nun ändern: In diesem Herbst soll eine Spritze gegen Migräne auf den europäischen Markt kommen. Das Unternehmen Novartis arbeitet mit Hochdruck an der Zulassung eines neuen Therapieansatzes. Das Medikament Erenumab ist unter dem Namen Aimovig bereits in den USA erhältlich und wird in der EU zugelassen.

Erenumab: So funktioniert der neue Wirkstoff gegen Migräne

Es ist das erste Medikament gegen Migräne, das den ursächlichen Kreislauf unterbindet und nicht nur die Symptome behandelt. Forscher konnten bei der Untersuchung von Migräne-Patienten während einer Attacke feststellen, dass ein Peptid – nämlich das Calcitonin Gene-Related Peptid (CGRP) – im Blut deutlich erhöht ist. Dieses Peptid ist an Entzündungsvorgängen beteiligt und führt zu einer Erweiterung der Blutgefäße. Das bestätigen auch die Untersuchungen von Migräne-Patienten im MRT: Bereits 24 Stunden vor einer Attacke zeigt sich eine deutlich gesteigerte Aktivität im Hypothalamus. Vor allem an der Stelle, an der der Trigeminusnerv mit dem Zwischenhirn verbunden ist, waren Interaktionen zu beobachten. An dem Ursprung des Hirnnervs sammelt sich das CGRP an und reizt den Nerv so, dass die Migräneschmerzen entstehen. Der Antikörper Erenumab blockiert vorübergehend die Andockstelle für das auslösende Peptid CGRP, sodass die Kettenreaktion unterbunden wird. Die Antikörper werden mehrmals im Monat per Spritze verabreicht und sollen so prophylaktisch vor den Migräne-Attacken schützen. Studien haben gezeigt, dass die Anwendung des neuen Medikaments die Kopfschmerztage pro Monat um zwei bis sieben Tage senken kann. Der Wirkstoff hat sich bisher in klinischen Tests bewährt und fast alle Hürden für die Zulassung genommen. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) befürwortet die Zulassung des Medikaments. Eine positive Entscheidung der Europäischen Kommission wird im September 2018 erwartet.

Spritze gegen Migräne: Für wen ist sie geeignet?

Erenumab ist für Personen gedacht, die unter chronischen Migräneattacken leiden. Studien zeigen, dass die Medikation bei Patienten mit mehr als acht Migräneanfällen im Monat gut wirkt. Allerdings wirkt das Mittel nicht bei jedem gleich. Einige Patienten sprechen gut auf die Behandlung an, bei anderen ist kaum ein Unterschied zwischen der Spritze mit dem Wirkstoff und einem Placebo auszumachen. Experten sprechen daher von einem Fortschritt in der Migräne-Therapie, allerdings nicht von einem „Allheilmittel“. Menschen mit Grunderkrankungen wie Arteriosklerose, Bluthochdruck oder Rheuma-Erkrankungen sollten allerdings eher nicht mit Erenumab behandelt werden. Denn theoretisch kann der Wirkstoff in vielerlei Art auf die Blutgefäße wirken. Die Gefahr für Herzgefäßerkrankungen, Herzinfarkte und Schlaganfälle könnte durch die Gabe des Wirkstoffs in Kombination mit einer dieser Grunderkrankungen deutlich ansteigen. Auch schwangeren Frauen wird von der neuen Therapie abgeraten, da noch nicht absehbar ist, welche Auswirkungen das Mittel auf das ungeborene Kind haben könnte.

Nebenwirkungen der Migräne-Spritze

Im Gegensatz zu bisherigen Mitteln gegen Migräne-Attacken soll die Spritze kaum Nebenwirkungen aufweisen. Triptane, Betablocker oder Antidepressiva nehmen Einfluss auf das Zentrale Nervensystem und verursachen damit unerwünschte Nebenwirkungen. Bis zu 80 Prozent der Patienten, die mit diesen Medikamenten gegen das Gewitter im Kopf vorgehen, brechen die Behandlung innerhalb eines Jahres ab – aufgrund der Nebenwirkungen. Daher kann die Behandlung mit dem neuen Wirkstoff eine Lösung sein. Allerdings sind die Langzeitfolgen einer dauerhaften Behandlung noch kaum erforscht. Bislang sieht es so aus, als sei eine prophylaktische Behandlung mit Erenumab gut verträglich und nebenwirkungsarm. Studien dazu wird es wohl erst in den kommenden Jahren geben.

Neue Therapie gegen Migräne als letzten Ausweg

Die neue Behandlung für Migräne-Patienten soll vor allem dann in Frage kommen, wenn bereits alle anderen Therapiemaßnahmen wirkungslos waren. Die Behandlung mit der Spritze kostet etwa 6900 Dollar pro Patient im Jahr, das sind etwa 6000 Euro. Damit wäre die Therapie teurer als die bisherigen Maßnahmen gegen Migräne. Wie die Behandlung in Deutschland finanziert wird und was der Einsatz des neuen Mittels überhaupt kosten soll ist bisher noch nicht klar. Doch trotz Spritze müssen Migräne-Patienten ihren Lebensstil ändern, um die Attacken zu vermeiden. Stress gilt als häufiger Auslöser für die Kopfschmerz-Attacken. Ärzte beschreiben einen Migräne-Anfall auch als eine Art Computerabsturz: Betroffene müssen regelmäßig Pausen einlegen, Alltagsstress reduzieren, die Ernährung umstellen und den „Papierkorb“ leeren.

Bisherige Behandlung mit Triptanen: Dauerkopfschmerz?

Bisher wurden den Betroffenen Schmerzmittel und bei schlimmen Migräne-Fällen sogenannte Triptane verschrieben. Dabei handelt es sich um Stoffe, die dem körpereigenen Serotonin sehr ähnlich sind und die Ausschüttung von Entzündungsmedikatoren im Organismus verhindern. Dadurch können die Schmerzen bei Migräne oder Cluster-Kopfschmerz unterbunden werden. Wer die Medikamente allerdings zu häufig einnimmt, riskiert, dass ein Dauerkopfschmerz entsteht. Der Wirkstoff führt dann dazu, dass die Schmerzen trotz Medikation vorhanden sind (medikamenteninduzierter Kopfschmerz) und die Patienten haben Angst davor, das Mittel abzusetzen – ein Teufelskreis entsteht. Bei bei der neuen Therapieform mit Erenumab soll das nicht passieren. Besser noch wäre allerdings auch hier eine Veränderung des Lebenswandels.

Gesunder Lebenswandel gegen Migräne: Stresssituationen vermeiden

Migräniker müssen immer im Hinterkopf behalten, dass sie anfällig für Reize sind. Ihr Nervensystem reagiert anders und intensiver auf spezielle „Trigger“ aus der Umwelt. Vor allem Stress begünstigt Migräne-Anfälle. Wer dazu neigt unter Kopfschmerzen und Migräne zu leiden der sollte seinen Lebenswandel ändern. Es ist wichtig

  • regelmäßig zu schlafen
  • die Mahlzeiten einzuhalten
  • ausreichend zu trinken
  • in stressigen Situationen Pausen zu machen

Menschen im Schichtdienst können etwa die Anzahl der Migräne-Tage reduzieren, wenn sie in ein klassisches Arbeitsverhältnis mit regelmäßigen Arbeitszeiten übergehen. Flexible Zeiten können ebenso dazu beitragen, den Komfort der Arbeitnehmer zu steigern, Stress zu vermeiden und so Migräne und Kopfschmerz zu verhindern – ganz ohne Medikamente und Spritze.

Lisa Vogel
Autor: Lisa Vogel

Von Juli 2014 bis März 2018 arbeitete Lisa Vogel als Werkstudentin in der Redaktion bei apomio.de und unterstützt das Team nun als freie Autorin. Sie hat ein Studium im Fach Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften und Medizin an der Hochschule Ansbach mit dem Bachelor of Arts abgeschlossen. Hier erlangte sie sowohl journalistische als auch medizinische Kenntnisse. Derzeit vertieft sie ihre medialen Kenntnisse im Master Studium Multimediale Information und Kommunikation.

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