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Die „gesündesten Länder der Welt“ – Deutschland ist hier nicht Spitze

Kommentar schreiben Donnerstag, 17. Oktober 2019

Was sind die gesündesten Länder der Welt? Welche Rolle spielt dort, wo die Menschen am wenigsten krank sind und am ältesten werden, die Ernährung? Und wie sieht es eigentlich in Deutschland mit der gesunden Ernährung aus? Diesen und mehr Fragen sind wir einmal nachgegangen.

 

Rangliste der gesündesten Länder

 

Glaubt man einer aktuellen Studie, nämlich der diesjährigen Ausgabe des jährlich erscheinenden „Bloomberg Healthiest Country Index“, müssen die Spanier ein wirklich glückliches Volk sein – und das nicht nur wegen Sonne, Meer, Traumstränden und einer Bilderbuch-Königsfamilie, sondern wohl auch wegen Gazpacho, Paella und Co. Spanien hat inzwischen Italien im Wettlauf um Platz 1 auf dem Index überholt und darf sich nun „das gesündeste Land der Welt“ nennen.1 Die Spanier und Italiener leben demnach weltweit am gesündesten, die Spanier haben dazu europaweit die höchste Lebenserwartung. Unter den globalen Top Ten fanden sich vier weitere europäische Länder, nämlich Island auf Platz 3, die Schweiz auf Platz 5, Schweden auf dem sechsten Rang und Norwegen, die Nummer neun. Weitere sehr gesunde Länder der Welt sind Japan (Nr. 1 Asiens und insgesamt auf Platz 4), Australien (Platz 7) und Israel, immerhin noch Nr. 10.

 

Spanien: das „gesündeste Land der Welt“

 

Internationale Forscher haben für den diesjährigen „Healthiest Country Index“ des Medienunternehmens Bloomberg 169 Wirtschaftsmächte hinsichtlich aller Faktoren untersucht, die zum allgemeinen Gesundheitszustand beitragen, ebenso wurden die allgemeinen Lebensstile (Tabak- und Alkoholkonsum, Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten usw.), die Gesundheitssysteme und Umweltbedingungen (z.B. Hygienestandards oder Zugang zu Trinkwasser) der jeweiligen Länder genau betrachtet. Basis der Studie sind Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der UN-Bevölkerungsabteilung und der Weltbank.

 

Dass es um die Gesundheit gerade der Spanier und Italiener so gut bestellt ist, dafür machen die Wissenschaftler zu einem guten Teil die Ernährung verantwortlich. Denn wie bereits frühere Forschungen gezeigt hätten2, könne die dortige mediterrane Ernährungsweise mit viel Gemüse, Fisch und nativem Olivenöl gesundheitsfördernd wirken und die Lebenserwartung deutlich erhöhen – und das, obwohl in den „gesündesten Ländern der Welt“ auch viel Fleisch auf den Tisch kommt und vielfach sehr spät und üppig gegessen wird.

 

In einem Vergleich der Ernährungsgewohnheiten der Länder Spanien, Schweden (zur Erinnerung: Rang 6 des aktuellen Bloomberg Healthiest Country Index) und Deutschland zeigt ein umfangreicher ARD-Bericht3 auf, dass die besonders „gesunden Länder“ zum Teil deutlich mehr Nahrungsmittel essen, die gemeinhin als „nicht gesund“ gelten, als das in Deutschland der Fall ist. Doch der Vergleich zeigt auch: Offenbar kommt es nicht nur darauf an, was man isst, sondern auch, wie man genießt, wie viele Kalorien man insgesamt aufnimmt und wie viel der besonders gesund geltenden Lebensmittel man verzehrt.

 

Wie gesund isst Deutschland?

 

Alles in allem steht Deutschland gar nicht so glänzend da, wenn es um die Gesundheit seiner Bewohner geht. Denn im Ranking des Bloomberg Healthiest Country Index hat die Bundesrepublik es gerade mal auf Platz 23 geschafft. Da fragt man sich schon: Warum ist ein so reiches, entwickeltes und freies Land wie Deutschland nicht deutlich gesünder?

 

Die Faktoren, die in Deutschland offenbar weniger gesundheitsförderlich sind, scheinen nicht mit der Ernährung in Zusammenhang zu stehen. Das vermittelt zumindest der diesjährige Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, basierend auf einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa.4 Frohgemut hieß es bei der Vorstellung des Reports Anfang des Jahres in Berlin: Die Deutschen achten auf eine abwechslungsreiche Ernährung, essen und kaufen bewusst ein.

 

Für so gut wie alle der Befragten (99 Prozent) soll Essen vor allem gut schmecken; fast ebenso viele (91 Prozent) legen Wert auf gesundes Essen. Laut der Befragung essen mehr als 70 Prozent der Deutschen täglich Obst und Gemüse und 64 Prozent Milchprodukte. Dagegen kommt bei nur 28 Prozent der Befragten täglich Fleisch und Wurst auf den Tisch. Sechs Prozent zählen sich zu den Vegetariern, nur ein Prozent verzichtet als Veganer gänzlich auf tierische Produkte. Die Mehrheit der Deutschen scheint darüber hinaus regelmäßig und gerne zu kochen sowie bewusst und überwiegend frisch einzukaufen. Die Aussagen legen die Vermutung nahe, dass die Deutschen sehr genau wissen, welche Nahrungsmittel gesund sind und welche nicht, und ein Übermaß der „ungesunden“ wie Zucker, Fett, Fleisch und Fertigprodukte eher vermeiden.

 

Die Deutschen halten sich für gesünder als sie sind

 

Alles prima also auf deutschen Tellern? Man darf seine Zweifel haben. Denn der Ernährungsreport des BMEL basiert schließlich nur auf einer freiwilligen Selbstauskunft der Befragten – über das wirkliche Konsum- und Essverhalten gibt er keine verlässliche Auskunft. Selbst forsa-Chef Manfred Güllner konnte bei der Präsentation des Reports 2019 mögliche Abweichungen von der Wirklichkeit nicht ausschließen. Wie die „Ärztezeitung“ berichtet5, sei es laut Güllner möglich, „dass die Antworten auch sozial oder unter Gesundheitsaspekten erwünschtes Verbraucherverhalten widerspiegeln und eine Diskrepanz zwischen Bewusstsein und Realität existiert.“  

 

Es kann also durchaus sein, dass die Deutschen ihre Ernährung für besser halten als sie tatsächlich ist. Dass sie ihre gesamte Lebensweise – und sich selbst – für gesünder halten als es wohl der Realität entspricht, ist eine der Kernaussagen aus einer Umfrage im Auftrag der DKV Deutsche Krankenversicherung. 2018 waren dafür rund 2.900 Deutschen zu ihren Lebensgewohnheiten befragt worden. Wie das „Ärzteblatt“ unter dem Titel „Die Deutschen leben ungesund“ zusammenfasst6, schätzten 61 Prozent der Befragten ihren Gesundheitszustand als „gut“ oder „sehr gut“ ein. Dabei seien es nach Ansicht von Experten jedoch nur neun Prozent, die tatsächlich von sich behaupten könnten, gesund zu leben. Vielmehr seien die Deutschen inzwischen ein Volk von „Bewegungsmuffeln“; nur noch 43 Prozent absolvierten das von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Mindestmaß an körperlicher Aktivität. Zudem gab jeder Zehnte zu, keinerlei Bewegung über zehn Minuten am Stück hinaus zu machen. Stattdessen sitzen die Deutschen an Werktagen im Schnitt fast acht Stunden lang im Büro, vor dem Fernseher, dem heimischen Computer oder auch im Auto.

 

Was beeinflusst das Essverhalten einer Nation?

 

Was aber ist es nun, dass das Ernährungsverhalten einer Nation entscheidend beeinflusst? Es scheint, dass es darauf keine eindeutigen Antworten gibt – zu vielschichtig sind die Faktoren, etwa Traditionen, die Einflüsse internationaler Küchen in Einwanderungsländern, der Stellenwert, der dem Essen beigemessen wird, die allgemeine Lebensweise hinsichtlich Arbeitszeiten usw.

 

Ein wichtiger Faktor ist mit Sicherheit das Geld, sprich der Wohlstand, in dem ein Land lebt. So wird z.B. in einem Artikel der „Neuen Züricher Zeitung“7 ausführlich dargelegt, dass die Bevölkerung umso mehr – und vor allem umso mehr Fleisch! – isst, je reicher das betreffende Land ist.

 

Die Bundeszentrale für politische Bildung (BPD) zeigt in einer ihrer Veröffentlichungen auf, dass sich das Ernährungsverhalten des Menschen bzw. von Bevölkerungen immer wieder wandelt, beeinflusst von sehr vielen Faktoren.8 So könnten unter anderem soziale, kulturelle, ökonomische, technische und politische Prozesse Veränderungen im Ernährungsverhalten hervorrufen. Beispiel Deutschland: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs, mit der ständigen Erweiterung des Nahrungsangebotes, habe sich hier der Ernährungsschwerpunkt weg von überwiegend Kartoffeln und Getreide hin zu Obst, Gemüse und Fleisch verlagert. Heute sei das Lebensmittelangebot so vielfältig wie nie zuvor, die Möglichkeit, sich ausgewogen und abwechslungsreich zu ernähren, sei daher gegeben. Doch auch wenn die Nährstoffzufuhr in Deutschland „überwiegend im wünschenswerten Bereich“ liege und das Thema „Gesunde Ernährung“ scheinbar immer wichtiger werde, sei die Wahl der Nahrungsmittel „noch weit von den Empfehlungen für eine gesunde Ernährung entfernt“ und Übergewichtigkeit weit verbreitet. Es bestehe „Verbesserungsbedarf und -potenzial“, so die BPD mahnend.

 

Die gesundheitlichen Folgen ungesunder Ernährung

 

In diesem Zusammenhang werden Wissenschaftler aller Welt nicht müde zu betonen, wie schädlich ungesunde Ernährung tatsächlich sein kann. Der Spiegel berichtet in einem Online-Artikel9 von einer besonders aufsehenerregenden Studie, die im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlicht wurde10. Wissenschaftler des Institute for Health Metrics and Evaluation (IMHE) an der Universität of Washington in Seattle haben – gestützt auf umfangreichem internationalem Datenmaterial und diversen Quellen zu gesunden und ungesunden Lebensmitteln sowie Ernährungsgewohnheiten in unterschiedlichsten Ländern – herausgefunden, dass in den meisten Ländern zu wenig gesunde Nahrungsmittel konsumiert werden, vor allem Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte, Vollkorn und Ballaststoffe, Nüsse, Samen und mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Dagegen würde vor allem Ungesundes wie z.B. rotes Fleisch und Wurst, Zuckerhaltige Getränke und Salz im Übermaß verzehrt.

 

Die Wissenschaftler berechneten, dass allein im Jahr 2017 elf Millionen Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf- sowie Krebserkrankungen auf die (ungesunde) Ernährung zurückzuführen seien – drei Millionen mehr Todesfälle als sie im selben Jahr auf das Konto von Tabakkonsum gingen. Zudem könnten 255 Millionen in Krankheit verbrachte Lebensjahre auf schlechte Ernährung zurückgeführt werden.

 

Ein Schwachpunkt dieser und ähnlicher Untersuchungen bleibt allerdings im Spiegel-Artikel nicht unerwähnt und wird auch von den Forschern selbst eingeräumt. Die möglichen Zusammenhänge, die zwischen Ernährung und Krankheit bzw. Tod gezogen wurden, basierten einzig auf Studien, in denen Menschen befragt wurden und daraufhin Forscher über Jahre hinweg erfassten, wie viele von ihnen krank wurden oder starben. Belege für tatsächliche Zusammenhänge könnten diese nicht liefern.   

 

Was macht  gesundes Essen aus?

 

Es ist also gar nicht einfach, bis ins Detail festzulegen, wie „gesunde Ernährung“ nun tatsächlich aussieht und welche Folgen „ungesunde Ernährung“ haben kann. Wer zumindest allgemein anerkannte Grundregeln möchte, kann sich an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) halten. Deren „zehn goldene Ernährungsregeln“11 lauten in der Kurzfassung:

 

  • Vielseitig essen, dabei pflanzliche Nahrungsmittel bevorzugen und bei den Zutaten variieren.
  • Bei kohlenhydratreichen Lebensmitteln vor allem zu Vollkornprodukten greifen.
  • Möglichst zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse pro Tag essen – am besten frisch und saisonal.
  • Täglich Milchprodukte und regelmäßig Fisch, dagegen Fleisch und Wurst nur sparsam verzehren.
  • Bei Fetten zu Pflanzlichem greifen, versteckte Fette (z.B. in Wurst, Fertigprodukten und Fast Food) meiden.
  • Zucker und Salz nur sparsam verwenden, beim Würzen lieber Kräuter nehmen.
  • Reichlich trinken, vor allem Wasser und ungesüßten Tee – alkoholische und zuckerhaltige Getränke allenfalls in Maßen.
  • Warme Speisen immer nur schonend kochen, um die enthaltenen Nährstoffe weitgehend zu erhalten.
  • In Ruhe, entspannt und möglichst genussvoll essen.
  • Mehr Bewegung: z.B. im Alltag bewusst mehr Schritte tun, regelmäßig Spaziergänge unternehmen, Treppen steigen statt Lift fahren usw.

 

Beherzigt man weitgehend diese Empfehlungen, macht man kaum etwas falsch und kann schon mit leichten Änderungen seine Ernährungs- und Lebensweise gesünder gestalten! In diesem Sinne: Essen Sie gut – und bleiben Sie gesund!

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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