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Die Corona-Pandemie: Wo die Forschung derzeit steht

Kommentar schreiben Dienstag, 02. Juni 2020

Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, die durch das Virus ausgelöste Krankheit Covid-19 und ihre dramatischen Folgen halten Deutschland und die Welt weiterhin fest im Griff. An wirksamen Medikamenten gegen Covid-19 und Impfstoffen wird fieberhaft geforscht. Währenddessen versucht man, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten, durch Mittel wie Ausgangsbeschränkungen, Abstandhalten und das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken. Dies vor allem, um einer möglichen Überforderung des Gesundheitswesens vorzubeugen.

 

Parallel dazu wird gestritten, vor allem in der Politik. Hierzulande geht es vor allem um die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen, den Protest dagegen und um Alleingänge einzelner Bundesländer. In anderen Ländern gefallen sich mächtige Männer immer noch darin, das Virus zu verharmlosen und ihre Muskeln spielen zu lassen, während Zigtausende der eigenen Bevölkerungen sterben. Wo steht die weltweite Forschung derzeit, wie nahe sind wir dran am medizinisch-wissenschaftlichen Durchbruch? Ein Überblick über den aktuellen Stand.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Die Bundesregierung gibt auf ihrer Internetseite die deutschen und weltweiten Zahlen bekannt. Demnach haben sich nach Angaben der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität, die laufend die Zahlen zur Corona-Pandemie aktualisiert, bisher fast 5,5 Millionen Menschen in 188 Ländern der Welt mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Zugleich seien mehr als 346.000 Menschen gestorben, über 2,2 Millionen Menschen gelten als genesen (Stand: 26. Mai, 07:47 Uhr)1. Für Deutschland meldet – ebenfalls unter Berufung auf die Johns-Hopkins-Universität – u.a. die „Berliner Morgenpost“ in ihrem Coronavirus-Monitor am Nachmittag des 26. Mai 2020: 180.802 bestätigte Infektionsfälle, ca. 161.599 Genesene und 8.329 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus.2

 

Eindämmung durch Herdenimmunität?

 

Seit geraumer Zeit ist bei der Diskussion über die richtigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie die sogenannte Herdenimmunität ein großes Thema. Damit gemeint ist ein Infektionsschutz, der dadurch entsteht, dass sich ein Großteil der Bevölkerung infiziert, diese Infektion übersteht und anschließend immun gegen das Virus ist. Die Herdenimmunität tritt ein, wenn etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun ist – die Pandemie könnte zum Stillstand kommen, weil sich immer weniger Menschen anstecken. In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder der unschöne Begriff einer „Durchseuchung der Gesellschaft“ genannt – was letztendlich bedeutet, dass man das Virus sozusagen „laufen lässt“, dabei jedoch die besonders gefährdeten Personen (v.a. Alte und Vorerkrankte) unter Schutz nimmt, um die Herdenimmunität zu erreichen.

 

Ein für viele allzu riskanter Weg – und als „Kampfmittel“ gegen die Corona-Pandemie unter Experten umstritten. So empfiehlt die Leiterin des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig Prof. Melanie Brinkmann u.a. in einem Interview mit der ARD, lieber nicht auf die Herdenimmunität zu setzen. „Wir wissen, dass die Patienten eine Immun-Antwort haben. Sie bilden Antikörper, haben einen Immunschutz, aber wie lange dieser aufrechterhalten bleibt, wissen wir nicht“, wird die Wissenschaftlerin u.a. in der Online-Ausgabe des „Münchner Merkur“ zitiert.

 

Man könne jetzt noch nicht sagen, wie lange Patienten, die Covid-19 überstanden hätten, durch ihre Immunantwort geschützt seien. Aktuell gehe man von einem ein- bis zweijährigen Schutz aus. Eine „Durchseuchung“ der Gesellschaft hält Brinkmann „angesichts der Zahlen und der Altersverteilung bei den Patienten für keine gute Idee“. Sie setze da „eher auf die Wissenschaft, die die Brücke baut, damit der Zug nicht in den Abgrund fährt.“3

 

Antikörper im „niedrig einstelligen Bereich“

 

Anders äußert sich – in einem weiteren Bericht von merkur.de – der Münchner Mediziner Hans Theiss, Professor für Kardiologie im Klinikum Großhadern. Er würde Infektionswellen lieber zulassen. Man müsse sich darauf einstellen, dass es bis nächstes Jahr dauern könne, bis eine verlässliche Covid-19-Impfung für die breite Bevölkerung zur Verfügung stehe. „Das bedeutet, dass wir wohl nicht umhinkommen, eine konstante Infektion der Menschen Schritt für Schritt zuzulassen. Den Ausdruck ‚kontrollierte Durchseuchung‘ finde ich schrecklich, aber er trifft es leider“, so Theiss wörtlich.4

 

Bis allerdings 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung eine Covid-19-Erkrankung ausgestanden und Antikörper im Blut haben und somit ein Stillstand der Pandemie erreicht ist, wird wohl noch ein weiter Weg zu gehen sein. Nach aktuellem Kenntnisstand hat bislang wohl nicht einmal jeder zehnte Mensch Coronavirus-Antikörper entwickelt. Im Merkur-Bericht wird eine große Studie aus Kalifornien erwähnt, die bei lediglich 2,8 Prozent der 3.300 Studienteilnehmer Antikörper nachwies. Laut Christian Drosten, dem Leiter der Virologie an der Berliner Charité, könne man dieses Ergebnis auf Deutschland übertragen und somit feststellen, dass man sich, was das Vorhandensein von Antikörpern betreffe, „im ganz niedrig einstelligen Bereich“ bewege.

 

Schweden und sein „Sonderweg“

 

Beim Stichwort „Herdenimmunität“ blickt man inzwischen reflexhaft nach Schweden. Das Land strebt mit seinem „Sonderweg“ in Europa angeblich die „kontrollierte Durchseuchung“ an. Doch offiziell ist dies nicht, wie ein Online-Bericht des WDR-Magazins „quarks“ erläutert.5 So äußere sich etwa der Staats-Epidemiologe der schwedischen Gesundheitsbehörde Anders Tegnell nicht eindeutig, sondern sage in einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin „Nature“ nur, es gebe „genügend Hinweise darauf, dass wir über Herdenimmunität nachdenken können.”

 

Doch gibt Schweden, Wochen nachdem es seinen „Sonderweg“ in Europa eingeschlagen hat, immerhin hoffnungsträchtige Zahlen heraus, die in diese Richtung weisen. Wie „quarks“ berichtet, hat die schwedische Gesundheitsbehörde vor wenigen Tagen Ergebnisse einer groß angelegten Antikörper-Studie veröffentlicht, bei der innerhalb von acht Wochen rund 1200 Blutproben wöchentlich auf Antikörper analysiert wurden. Nach einer Auswertung von etwa 1000 Proben aus dem ganzen Land Ende April gab man folgende vorläufige Zahlen bekannt: 7,3 Prozent der Bewohner Stockholms, jedoch nur maximal 4,2 Prozent der Schweden aus anderen Landesteilen hätten Antikörper gegen das Corona-Virus gebildet.

 

Besonders häufig wiesen 20- bis 64-Jährige eine Immunität auf. Laut Pressemitteilung der schwedischen Gesundheitsbehörde spiegeln die Zahlen „den Zustand der Epidemie Anfang April wider, da es einige Wochen dauert, bis das körpereigene Immunsystem Antikörper entwickelt.” Chef-Epidemiologe Anders Tegnell äußerte zugleich die Meinung, dass inzwischen gut 20 Prozent aller Stockholmer Antikörper gegen das Virus gebildet hätten.

 

Was man aus Schweden hört und liest, ist allerdings nicht wirklich verlässlich. Zum einen gibt es zu den vorläufigen Zahlen noch keinerlei Studien; die Einschätzung von Anders Tegnell wiederum basiert mehreren Medienberichten zufolge auf nicht gesicherten Hochrechnungen.

 

Hoffnung Antikörpertherapie

 

Während nun seit Wochen über den richtigen Weg diskutiert und gestritten wird, wie man der Corona-Pandemie am besten beikommt und die Bevölkerung vor Infektionen schützt, wird weltweit fieberhaft geforscht und an der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen das gefürchtete Virus gearbeitet. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei die Antikörpertherapie, also, vereinfacht gesagt, die Behandlung Erkrankter mit den aufbereiteten Antikörpern von Personen, die bereits von der Viruserkrankung genesen sind. Dabei wird das aufbereitete Immunserum als Medikament oder Schutzimpfungsmittel verabreicht, die darin enthaltenen Antikörper von Genesenen können im Körper eines anderen Erkrankten das Virus erkennen und es somit bekämpfen. Dadurch wird eine sogenannte Passivimmunisierung erzielt. Forscher hoffen in der jetzigen Pandemie auf einen positiven Effekt, wie ihn Antikörpertherapien grundsätzlich bereits vor rund hundert Jahren bei der Spanischen Grippe und später auch bei der Bekämpfung von der Schweinegrippe, SARS oder Ebola gezeigt haben. Doch die Wirkung einer solchen Antikörpertherapie war schon bei den genannten Krankheiten nicht erwiesen und steht auch bei Covid-19 noch nicht fest.

 

Wie der Mitteldeutsche Rundfunk (mdr) ausführlich im Internet berichtet6, ist man mit den entsprechenden Forschungen noch nicht allzu weit. Es gibt erfolgversprechende erste Immunserum-Studien aus China, allerdings mit unzureichendem Datenmaterial und geringer Beweiskraft. Weitere, bessere und wissenschaftlich abgesicherte Studien streben, dem mdr zufolge, das deutsche CAPSID-Programm und weitere Forschungsprojekte an. „Die CAPSID-Studie ist die erste klinische Studie in Deutschland, die auf streng wissenschaftlicher Basis die Wirksamkeit von Immunserum bei Covid-19-Erkrankten testet“, heißt es in dem Bericht.

 

Die Studie soll erweisen, ob das Blutplasma von Menschen, die eine Covid-19-Erkrankung überstanden haben, zur Therapie schwer Erkrankter geeignet ist. Etwa zwanzig Universitäten und Forschungseinrichtungen aus ganz Deutschland sowie zahlreiche ehemalige Covid-19-Erkrankte sind daran beteiligt, teilnehmen sollen 106 schwerkranke Covid-19-Patienten, die nach dem Zufallsprinzip in eine Behandlungs- und eine Kontrollgruppe geteilt werden. Das heißt, dass die eine Hälfte Immunserum erhält, die andere Hälfte nicht. Die Studie wurde – angesichts der Notlage – in Rekordgeschwindigkeit genehmigt, nun hofft man auf ebenso schnelle Ergebnisse.

 

Deutsches CAPSID-Programm: (Wie) wirken Antikörper?

 

Auch die Abteilung für Transfusionsmedizin des Uniklinikums Erlangen nimmt an CAPSID teil, hat aber auch ein eigenes Programm entwickelt, das bereits seit einiger Zeit läuft. Die Erlanger sind die ersten in Deutschland, die aus Antikörpern Genesener Immunserum produzieren und entsprechende Laboruntersuchungen durchführen dürfen.

 

Wie im mdr-Bericht erläutert wird, zielt die Forschung nicht nur darauf ab, die Wirkung einer Antikörpertherapie bei schwer kranken Covid-19-Patienten zu erforschen. Es gehe vielmehr auch um Risiken und Nebenwirkungen einer Immunserum-Therapie. Zugleich wolle man sich besonders um Schwachstellen kümmern, die man in der Antikörpertherapie bereits kenne. So seien beispielsweise Quantität und Qualität der Antikörper je nach Spender ganz unterschiedlich. Dies könne den Effekt haben, dass Antikörper, die bei einem wirkten, bei einem anderen Patienten nicht in der Lage seien, das Virus erfolgreich zu bekämpfen – womit auch Rückschlüsse auf die allgemeine Wirksamkeit dieser Therapie erschwert würden.

 

Wenn bislang auch ein echter Durchbruch in der Prävention und Behandlung des Coronavirus bzw. von Covid-19 noch auf sich warten lässt – eines ist sicher: Mit unterschiedlichsten Ansätzen, Methoden und Mitteln versuchen derzeit zahllose Institute, Einrichtungen und Forschungsgruppen auf der ganzen Welt, dem Coronavirus so bald wie möglich seinen Schrecken zu nehmen.

 

Weltweite Forschung der Pharmaindustrie

 

Enorm aktiv ist natürlich auch die Pharmaindustrie. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) liefert auf seinen Internetseiten einen ausführlichen Überblick über den aktuellen Stand der Entwicklungen.8,9 Demnach laufen weltweit mindestens 138 (Stand 26.5.2020) Impfstoffprojekte von Unternehmen und Instituten gegen SARS-CoV-2, die für alle Phasen der Entwicklung – von der Analyse des Virus über die Erprobung an Tieren und Freiwilligen bis hin zu Zulassungsverfahren und Großproduktion – angelegt seien. Etliche davon seien schon in die Erprobung mit Freiwilligen eingetreten. Deutschland sei mit besonders vielen Projekten dabei, so der vfa. Wann mit einem erwiesen wirksamen und verfügbaren Impfstoff zu rechnen sei, diese Frage wagen aber auch die forschenden Arzneimittelproduzenten nicht zu beantworten. Viele Unternehmen unterstützten sich gegenseitig, andere stellten sich bereits jetzt darauf ein, ihre Produktionskapazitäten auszuweiten – stehen also offenbar „Gewehr bei Fuß“.

 

Was die Erforschung und Entwicklung von Arzneimitteln angeht, ist die Welt laut vfa ebenso aktiv. Die Hoffnungen richteten sich darauf, dass sich wirksame Medikamente gegen Covid-19 noch schneller als ein Impfstoff finden ließen. Im Zentrum stünden dabei bereits gegen andere Erkrankungen zugelassene Arzneimittel oder solche, die derzeit gegen andere Krankheiten entwickelt würden, da deren Umfunktionierung („Repurposing“) schneller gehe als eine komplette Neuentwicklung.

 

Nicht vergessen: Blutspenden ist systemrelevant!

 

Was angesichts der Corona-Pandemie bei vielen Menschen in Vergessenheit geraten mag, darauf weisen das Deutsche Rote Kreuz und andere medizinische Einrichtungen derzeit besonders hin: Es gibt auch noch viele andere schwere Erkrankungen, und viele kranke Menschen brauchen Blutspenden! So ermutigt z.B. das Bayerische Rote Kreuz ausdrücklich zur Blutspende, ganz abgesehen von Plasmaspenden zur Corona-Bekämpfung. „Blutpräparate sind für zahlreiche Kranke und Verletzte die einzige Überlebenschance“, heißtes, und: „Es gibt keine Hinweise für die Übertragbarkeit des (Covid-19-)Erregers durch Blut und Blutprodukte.

 

An der Präparatesicherheit für Transfusionsempfänger hat sich nichts geändert.“ Wer unsicher ist, wird im Internet umfassend darüber aufgeklärt, dass Blutspenden auch in der derzeitigen Pandemie nötig ist, von der Bundesregierung als „systemrelevant“ eingestuft und ausdrücklich erlaubt wurde und für Gesunde gefahrlos möglich ist. Alle Fragen, die sich im Zusammenhang von Corona und Blutspenden ergeben, werden ausführlich beantwortet.10

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Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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