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Bloß nicht sauer werden! Basische Ernährung

2 Kommentare Montag, 07. März 2016

Bei einer überwiegend basischen Ernährung werden Nahrungsmittel bevorzugt, die weniger säurebildende und mehr basisch wirkende Anteile enthalten. Das Konzept geht davon aus, dass viele Lebensmittel, die in westlichen Zivilisationen reichlich verzehrt werden (z.B. Fleisch, Zucker, Weißmehl- und Milchprodukte sowie Alkohol), zu einer Übersäuerung im Körper führen.

Diese wiederum wird als Ursache für zahlreiche Krankheiten vieler Organe gesehen, darunter typische „Zivilisationskrankheiten“ wie Arteriosklerose und Bluthochdruck, Gicht, Arthrose und Rheuma, Neurodermitis, Osteoporose und viele mehr. Verfechter der Übersäuerungstheorie gehen davon aus, dass nahezu alle Krankheiten zumindest teilweise auf eine Übersäuerung des Körpers zurückgeführt werden können.

„Basische“ Lebensmittel sollen dazu beitragen, den Säure-Basen-Haushalt im Körper auszugleichen, so die Übersäuerung und ihre Folgen abzubauen bzw. zu verhindern. Typische „Basenlieferanten“ sind viele Gemüsesorten, Obst und Trockenfrüchte. Auch saures Obst gehört dazu. Entgegen der verbreiteten Ansicht, saure Lebensmittel wirkten auch säurebildend, gehören die meisten Obstsorten (selbst Zitronen) wie auch Essig und Sauermilchprodukte eher zu den Basenbildnern. Säuren, die in Lebensmitteln wie Obst, Essig und Sauermilch enthalten sind, werden vom Organismus vollständig zu Kohlendioxid und Wasser abgebaut.

Eine basische Diät wird als Ernährungsform seit Anfang des 20. Jahrhunderts von Alternativ- und Komplementärmedizinern sowie Naturheilkundlern empfohlen. Die Hypothesen zur Übersäuerung des Körpers wurden von mehreren Diät-Begründern vertreten, darunter Howard Hay, der „Erfinder“ der Trennkost, und Maximilian Bircher-Benner, der Schweizer Pionier der Vollwertkost, dem wir das „Bircher-Müsli“ verdanken.

„Chronische Übersäuerung“ – Ursache vieler Krankheiten?

Bei chronisch übersäuerten Menschen ist, so die Anhänger der basischen Ernährung, die Fähigkeit des Körpers, das eigene gesunde Gleichgewicht wieder herzustellen, eingeschränkt. Überschüssige Säuren, die der Körper nicht von selbst abbauen kann, richten nach dieser Überzeugung viel Schaden an. So sollen sie u.a. Blutgefäße verstopfen, zu Haarausfall und Augenproblemen führen, Gelenke blockieren und die Alterung der Haut beschleunigen. Ein überwiegend saures Milieu im Körper soll außerdem schädliche Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Pilze „anziehen“, häufige Infekte, Ausschläge, Allergien und pilzbedingte Erkrankungen begünstigen sowie insgesamt das Immunsystem schwächen.

Wichtig ist festzuhalten, dass mit der „chronischen Übersäuerung“ nicht eine akute, krankheitsbedingte und lebensgefährliche Azidose des Blutes gemeint ist. Vielmehr geht es um einen dauerhaften Zustand, der sich oft erst nach Jahren in chronischen Krankheiten äußert.

Sauer und alkalisch: der Säure-Basen-Haushalt

Durch den Stoffwechsel wird jede Mahlzeit, die wir zu uns nehmen, im Körper anschließend in brauchbare und unbrauchbare Bestandteile zerlegt. Das Brauchbare wird verwertet, Unbrauchbares wieder ausgeschieden. Der gesamte Stoffwechsel im Körper spielt sich in einem wässrig-flüssigen Milieu ab. Abhängig sind die Stoffwechselvorgänge unter anderem vom pH-Wert. Dieser zeigt an, ob eine Flüssigkeit sauer (pH-Wert unter 7), neutral (pH-Wert 7) oder alkalisch, d.h. basisch (pH-Wert über 7) ist.

Die meisten Körpersekrete, das Bindegewebe und viele Organe haben im gesunden Körper einen leicht basischen Charakter. Im Dickdarm hingegen sollte ein leicht saurer pH-Wert herrschen. Sauer ist das Milieu in Mund und Speichel, sehr sauer ist es im Magen. Die Säure sorgt für eine optimale Verdauungsleistung. Während in vielen Bereichen des Körpers der pH-Wert immer wieder schwankt und ausgeglichen wird, muss er im Blut konstant im leicht basischen Bereich zwischen 7,3 und 7,4 liegen. Der stabile pH-Wert dort ist lebenswichtig, schon geringe Abweichungen in die eine oder andere Richtung haben lebensbedrohliche Folgen. Denn Schwankungen des Blut-pH-Wertes stören lebenswichtige Funktionen wie z.B. den Nährstoff- und Sauerstofftransport, die Elektrolytverteilung, die Funktion von Enzymen und Hormonen und vieles mehr. Daher ist der Körper ständig in Aktion, um den pH-Wert im Blut konstant zu halten.

Der Körper aktiviert verschiedene Puffersysteme, um Schwankungen des Blut-pH-Wertes auszugleichen und die Säure-Basen-Balance wieder herzustellen. Um Säuren abzufangen, treten Hämoglobin (roter Blutfarbstoff) und Proteine auf den Plan. Weil die abgefangenen Säuren wieder abgegeben werden müssen, werden sie über Lunge und Nieren als Kohlendioxid und Wasser aus dem Körper herausgeschleust. Über die Lunge werden rund zwei Drittel der Säuren aus dem Körper „abgeatmet“. Langwieriger und komplizierter ist die Ausscheidung über die Nieren, die auch diejenigen Säuren eliminieren, die nicht abgeatmet werden können. Damit das gut funktioniert, ist es wichtig, ausreichend zu trinken. Eine gewisse Menge an Säuren gibt der Körper zudem über Schweiß und Darm wieder ab.

Das klingt nun nach einem perfekten System, das nach Ansicht von Schulmedizinern und vielen Ernährungswissenschaftlern ausreicht, um die gesunde Säure-Basen-Balance aufrechtzuerhalten. Anhänger der Übersäuerungstheorie glauben jedoch, dass vor allem durch Ernährungsfehler Säureüberschüsse im Körper entstehen, die der Organismus eben nicht mehr selbstständig bewältigen kann.

Wie kommt die Säure in den Organismus und was richtet sie dort an?

Die meisten der Säuren, die nicht „ganz einfach“ durch den Stoffwechsel wieder abgeatmet werden können, entstehen beim Abbau schwefel- und phosphorhaltiger Verbindungen. Diese finden sich in allen eiweißhaltigen Lebensmitteln, vor allem in Fleisch und Fisch, Milchprodukten wie Käse, Getreideprodukten, Nüssen und vielen Weinen. Phosphor wird als Zusatzstoff z.B. in Cola verwendet.

Um die „Säureflut“ aus solchen Lebensmitteln zu neutralisieren, braucht der Körper viele Mineralstoffe, die er bei einer überwiegend säurebildenden Nahrung nicht zugeführt bekommt. Also muss er die Mineralien aus eigenen Ressourcen beschaffen, sie sich aus Knochen, Zähnen, Blutgefäßen und Organen holen.

Damit sind nach Auffassung der „Basen-Anhänger“ körperliche Schäden wie Karies, Haarausfall, Osteoporose und andere Leiden vorprogrammiert, die durch eine jahrelange „zu saure“ Ernährung schleichend entstehen.

Was kann nun basische Ernährung dagegen ausrichten?

Die Befürworter der basischen Ernährung gehen davon aus, dass diese Ernährungsform alle Körperbereiche, die für ihr optimales Funktionieren einen basischen pH-Wert brauchen, von überschüssigen Säuren befreit. Basische Ernährung, sagen sie, sorgt gleichzeitig dafür, dass der Magen nicht zu viel Säure produziert, und dass sich in „sauren Bereichen“ wie z.B. Dickdarm und Vagina die für das dortige Milieu nötigen säurebildenden Bakterien ansiedeln.

Die basische Ernährung soll den Körper außerdem mit allen lebenswichtigen Mineralien und Spurenelementen versorgen. Antioxidantien, Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe und Chlorophyll vitalisieren den Körper, stärken seine Entgiftungsorgane und fördern die Ausleitung von Giftstoffen. Zudem unterstützen sie dauerhaft die Immunabwehr und wirken entzündungshemmend. Die meisten basischen Lebensmittel, vor allem Obst und Gemüse, haben einen hohen Wassergehalt. So verfügt der Körper immer über ausreichend Flüssigkeit, sodass die Nieren funktionsfähig bleiben. Nicht zuletzt stabilisiert basische Nahrung die gesunde Darmflora und fördert insgesamt die Darmgesundheit. Außerdem soll basische Ernährung schlank halten bzw. machen, da sie zu einem Großteil aus kalorienarmen Lebensmitteln besteht.

Übrigens: Nicht alle Säurebildner sind schädlich!

Anders als stark industriell verarbeitete Nahrungsmittel wie Fertiggerichte, Milch- und Sojaprodukte, Produkte aus konventioneller Tierhaltung sowie Alkohol, sind manche säurebildende Lebensmittel durchaus gut für den Körper. Ihr Verzehr wird sogar empfohlen, um die Basenbildner optimal zu ergänzen. Zu den „guten Säurebildnern“ gehören u.a. Nüsse, Hülsenfrüchte, hochwertiger Kakao, bestimmte Getreide- und Pseudogetreidesorten (darunter Quinoa und Buchweizen) und tierische Produkte aus biologischer Landwirtschaft wie Bio-Eier und Fisch aus Bio-Aquakultur.

Wie sieht eine ausgewogene basische Ernährung aus?

Grundnahrungsmittel bei der basischen Ernährung sind sämtliche Gemüsesorten und Salate in allen Formen der Zubereitung, am besten ergänzt durch Sprossen. Als sättigende Beilagen bieten sich vor allem Kartoffeln und z.B. Maroni an.

Herkömmliche Reis- oder Pastagerichte sollten möglichst durch Quinoa-, Buchweizen- oder Hirseprodukte ersetzt werden.

Statt Fleisch, Fisch und Wurst kann man sich Bratlinge aus Nüssen und Samen schmecken lassen. Es wird allerdings empfohlen, wenigstens einmal pro Woche Fisch zu essen. Hier sollte es dann aber ausschließlich zertifizierter Bio-Fisch sein, ebenso wie Fleisch und andere Tierprodukte „bio“ sein sollten.

Früchte können manchen zuckerhaltigen Snack ersetzen. Trauben, Ananas oder Bananen sättigen gut und liefern ausreichend Fruchtzucker.

Bei Ölen und Fetten bewusst auswählen: Gesunde Fette sind Olivenöl zum Kochen oder für die kalte Küche, Kokosöl zum Braten und Frittieren, Lein- und Hanföl für Rohkost und hochwertige Bio-Butter oder Olivenbutter als Brotaufstrich.

Pro und Contra basische Ernährung

Die Schulmedizin und viele Ernährungswissenschaftler, darunter auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bezweifeln die therapeutische Wirkung einer basischen Diät. Sie argumentieren, dass ein gesunder Organismus von selbst für die Säure-Balance im Körper sorgen könne. Eine ausgewogene Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst, viel Trinken und Bewegung schützten ausreichend vor Übersäuerung.

Eine Vermeidung von Krankheiten durch basische Ernährung ist wissenschaftlich nicht erwiesen, abgesehen von Nebeneffekten durch eine insgesamt gesündere Ernährung. Ebenso wenig hat aber jemals ein Wissenschaftler die gesundheitsfördernde Wirksamkeit basischer Ernährung widerlegt. Letztlich muss also jeder für sich entscheiden, ob er diese Form der Ernährung für sich wählt. Experten der basischen Ernährung, viele Naturheilkundler und viele Laien, die diese Ernährungsform ausprobiert haben, sind von ihrer therapeutischen und wohltuenden Wirkung überzeugt. Schaden kann diese Ernährung jedenfalls nicht, da sie viele naturbelassene, gesunde Lebensmittel enthält, erwiesen schädliche Nahrung ablehnt und nicht zuletzt viel Wert auf Ausgewogenheit legt.

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

2 Kommentare

Helga Boschitz – Dienstag, 19. September 2017
Hallo Alejandro, es ist nicht so, dass Bio-Produkte von Tieren wie Fleisch, Fisch und Eier keine Säurebildner sind. Denn alle Lebensmittel, die viel tierisches Eiweiß enthalten - wie die genannten - gehören zu den Säurebildnern im Körper. Bei den Bio-Produkten tierischer Herkunft ist es allerdings so, dass sie wesentlich mehr gesunde Nährstoffe als konventionelle tierische Nahrungsmittel enthalten. Sie werden deshalb den eher schwachen und daher "guten Säurebildnern" zugeordnet. Zwar sind sie nicht basisch, werden aber - in Maßen genossen - für eine gesunde und ausgewogene Ernährung empfohlen. Experten raten, im Rahmen einer basenreichen Ernährung 80 Prozent basenbildende und 20 Prozent gute säurebildende Lebensmittel zu sich zu nehmen. Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage hiermit beantworten. Freundliche Grüße, Helga Boschitz
Alejandro – Donnerstag, 14. September 2017
Es wird nicht erklärt warum Fleisch, Eier etc aus konventioneller Tierhaltung Säure im Körper verursachen, während Bio Produkte nicht. Wo liegt der Unterschied? Ich freue mich sehr auf eine Ekrlärung.

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