Die Elektrotherapie: Hirn unter Strom Freitag, 21. April 2017

Die Elektrotherapie: Hirn unter Strom | apomio Gesundheitsblog © christian42 – Fotolia.com

Eine Vielzahl neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen werden in Verbindung gebracht mit einer Über- oder Untererregbarkeit von Neuronen – die Elektrotherapie soll hier Abhilfe schaffen und zum Bespiel Depressionen behandeln können. Aber auch Lerndefizite und Müdigkeit sollen unter anderem mit Impulsen ins Gehirn therapiert werden können. Die Elektrotherapie: Fluch oder Segen? Wissenswertes im folgenden Beitrag.

Die Elektrotherapie boomt

Schon in der Antike ist bekannt gewesen, dass das Gehirn auf Strom reagiert: Hartnäckige Kopfschmerzen wurden auf Empfehlungen des römischen Arztes Scribonius Largus mit Stromstößen eines Zitterrochens, welcher über dem Kopf des Patienten gehalten wurde, therapiert. Die systematische Erforschung und Weiterentwicklung der Elektrotherapie setzte sich fortan fort und erlebt aktuell einen neuen Boom. Denn weltweit werden Erprobungen verschiedenster Verfahren durchgeführt, in welchen die Aktivität des Gehirns mit Strom beeinflusst wird und deren Ergebnisse und Studien veröffentlicht werden. Zu diesen gehören unter anderem: Schlaganfallrehabilitationen, chronische Schmerzen, therapieresistente Depressionen, Schizophrenie, Autismus, Müdigkeit, Migräne, Lerndefizite. Die Anwendungsfelder sind hierbei sehr unterschiedlich, da man es mit ganz grundlegenden Vorgängen im Gehirn zu tun hat, die für die verschiedensten kognitiven Leistungen eine Rolle spielen.

Die Elektrotherapie im Experimentalstadium

Im Dortmunder Leibnitz Institut erforscht Michael Nitsche, Leiter der Psychologie und Neurowissenschaften, im Labor Methoden zur elektrischen Stimulation des Gehirns. Die Elektrotherapie setzt bei der Magnetstimulation an, bei welcher durch eine Magnetspule ein elektrisches Feld über dem Schädel erzeugt wird, mit folgendem Effekt: Das elektrische Feld ist stark genug, um die Neuronen in den darunter liegenden Arealen feuern zu lassen. So zuckt zum Beispiel die Hand, wenn die Spule über dem Bereich der motorischen Kortex entladen wird.

Bei der Gleichstromstimulation wird ein gleichmäßiger Strom über Elektroden über die Kortex geleitet – dieses Verfahren ist schwächer: Neuronen werden nicht gefeuert, sondern verändern nur ihr Ruhepotential, sprich wenn ein Reiz die stimulierenden Neuronen erreicht, ist deren Reaktion empfindlicher oder unempfindlicher als sonst. Der Effekt hält beim Verfahren von Nitsche etwa eine Stunde nach der Stimulation. In diesem Zeitraum werden Testaufgaben von Probanden bearbeitet oder Bewegungsabläufe erlernt, um feststellen zu können, ob der Strom – Stromstärken von ein bis zwei Milliampere werden hier verwendet – positive Auswirkungen hierbei hat. Nitsche und sein Team betreiben Grundlagenforschung und sind bestrebt, durch das Nutzen verschiedener Stimulationstechniken, zu eruieren, was im Gehirn bei bestimmten Aufgaben vor sich geht und was bei Erkrankungen womöglich anders verlaufe. Die Stromstärken dringen durch den Schädelknochen ein und erreichen nur wenige Zentimeter vom Gehirn, die Wirkung betrifft also nur die Großhirnrinde und erreicht tiefer gelegene Areale des Gehirns nicht, bzw. nicht direkt: durch die neuronalen Netzwerke des Gehirns erfolgt natürlich eine Kommunikation untereinander, sodass sich ein Reiz an einer Stelle, in weitere Regionen fortsetzen kann. Weitere Techniken werden noch erforscht, um direkt tiefer auf das Gehirn einzuwirken, ohne dabei den Schädel zu eröffnen. Die Elektrotherapie sei hierbei – mit einer Ausnahme – noch im absoluten Experimentalstadium. Ein einziges Verfahren, welches als repetitive Magnetstimulation bezeichnet wird, ist in den USA und in Europa zugelassen und wird zur Behandlung von schweren Depressionen eingesetzt.

Anwendungsfelder: Depressionen und Co.

Eindeutig erforscht ist, dass bei Depressionen der linke präfrontale Kortex weniger aktiv ist als normal. Mit der Elektrotherapie könne man versuchen, dieses Ungleichgewicht auszubalancieren, indem man eine Seite ein wenig puscht und gleichzeitig die andere Seite bremst, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen, so die Annahme von Nitsche.

Darüber hinaus stehen nicht nur psychische Erkrankungen im Vordergrund der Forschung. In einer Studie vom Universitätsklinikum Freiburg ist erwiesen worden, dass mithilfe der Gleichstromstimulation das Schlafbedürfnis von den Probanden minimiert werden konnte. Forscher hoffen nun, schon bald Patienten mit einem krankhaft gesteigerten Schlafbedürfnis mit dieser Technik behandeln zu können. In der Universität Oxford ist von Patienten nach einem Schlaganfall, die Hand und Arm nicht mehr richtig bewegen konnten, über neun Tage lang eine Gleichstromstimulation durchgeführt worden, in welcher ihre motorische Kortex trainiert wurde. Das Ergebnis: Drei Monate später konnten sie sich besser bewegen als die Probanden der Kontrollgruppe. Andere Studien ergeben, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten durch Stimulationen profitieren, aber diejenigen, dessen Lernoptimum und kognitiven Fähigkeiten bereits schon vorher erreicht waren, keinen Nutzen erfahren oder sogar eine Verschlechterung hinnehmen können. Daher sei von einer Gleichstromstimulation bei Gesunden abzuraten.

Erfolgsversprechende Resulatate in vielen Anwendungsfeldern, die nur fachgerecht, unter Aufsicht und mit den richtigen Geräten ausgeführt werden sollten – diese Aussage soll eine Warnung an diejenigen sein, die nach Bauanleitungen aus dem Internet experimentieren oder nach frei verkäuflichen Exemplaren hantieren, um ihre Leistungsfähigkeit auf eigene Faust zu optimieren. Und gerade weil sich die Elektrotherapie noch im Experimentalstadium befindet fehlen derzeit noch Studien über Langzeitwirkungen und langfristigen Risiken. Die Elektrotherapie: ein Feld im Aufbruch und in der Weiterentwicklung, an dem Forscher immer mehr arbeiten und jetzt schon sehr überzeugt sind.

Autor: Judith Schega

Judith Schega ist als gelernte Operationstechnische und Chirurgischtechnische Assistentin in einem Krankenhaus beschäftigt. Das Schreiben hat sich immer mehr als Gegengewicht zu ihrem Vollzeitberuf im Gesundheitswesen entwickelt. Vor allem auch als Ausdruck ihres medizinischen Interesses, mit dem Wunsch, dieses auf ihre Mitmenschen zu übertragen. Frau Schega schreibt unter anderem für den Thieme Verlag und ist seit November 2014 auch als Autorin für apomio.de tätig.

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