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Lesen und Schreiben ungenügend: Millionen Analphabeten in Deutschland

Kommentar schreiben Donnerstag, 23. Januar 2020

Ein Hinweisschild lesen oder die Reiseinformationen am Bahnhof, schnell eine Mail schreiben oder einen Liebesbrief, ein Formular ausfüllen oder beim Autofahren dem Wegweiser folgen – alles selbstverständliche Dinge. Glauben wir zumindest. Denn für einen erschreckend großen Teil der Bevölkerung in Deutschland sind diese „Selbstverständlichkeiten“ unüberwindliche Hindernisse. Einer aktuellen wissenschaftlichen Studie zufolge können mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland nicht lesen und schreiben oder haben massive Probleme damit und sind nicht oder kaum in der Lage, längere zusammenhängende Texte zu verstehen. Diese Männer und Frauen gelten als „funktionale Analphabeten“. Zwar ist seit dem Jahr 2010 die Zahl der Menschen mit erheblichen Lese- und Schreibdefiziten deutlich zurückgegangen. Doch dass Analphabetismus immer noch über zwölf Prozent der Bevölkerung in Deutschland betrifft, rüttelt auf.

 

Inhaltsverzeichnis:

 

Bei der 60-jährigen Frau ging es um nichts weniger als um ihr Leben. Sie stand kurz vor einer Herzoperation, als ihr ein Arzt die Hausordnung der Klinik vorlegte und sie aufforderte, diese zu lesen. Da gab sich die Patientin einen Ruck, überwand ihre seit Jahren tief sitzende Scham und gestand dem fassungslos blickenden Arzt, dass sie nicht lesen konnte. Ihre Diagnose konnte die Analphabetin natürlich auch nicht entziffern, dazu brauchte sie eine verständnisvolle Freundin.

 

Die Frau, deren Schicksal in einem SPIEGEL Online-Artikel1 beschrieben wird, steht stellvertretend für 6,2 Millionen Menschen im gesamten Bundesgebiet, die Fachleute als „gering literalisiert“ bezeichnen. 12,1 Prozent der Gesamtbevölkerung können hierzulande nicht ausreichend lesen und schreiben. Diese alarmierenden Zahlen hat die sogenannte LEO-Studie („Leben mit geringer Literalität in Deutschland“) der Universität Hamburg ergeben2.

 

Weltweit 750 Millionen Analphabeten 

 

Analphabetismus reicht von der völligen Unfähigkeit zum Lesen und Schreiben bis hin zur Fähigkeit, wenigstens einzelne Sätze zu lesen und zu schreiben, ohne jedoch zusammenhängende Texte erfassen zu können. Es gibt ihn weltweit in schockierend hohem Ausmaß. Nach Angaben der UNESCO3 können auf der ganzen Welt mindestens 750 Millionen Menschen nicht oder kaum lesen und schreiben. 102 Millionen davon sind zwischen 15 und 24 Jahren alt, zwei von dreien sind weiblich.

 

Von den über sechs Millionen Betroffenen in Deutschland sind nach Erkenntnissen der LEO-Studie rund 47 Prozent älter als 45 Jahre, mehr als 58,4 Prozent sind Männer. Wer glaubt, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund diese Defizite aufweisen, täuscht sich: Bei mehr als der Hälfte ist Deutsch die Herkunftssprache.

 

Die Bildungsforscherinnen und -forscher der Universität Hamburg, die die LEO-Studie durchführten (zusammen mit einem Umfrageinstitut und begleitet durch einen wissenschaftlichen Beirat aus deutschlandweit tätigen Professorinnen und Professoren), haben im Jahr 2018 rund 7.200 18- bis 64-Jährige aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen befragt. Die aus den Interviews ermittelten Daten sind repräsentativ.

 

Seit 2010 rückläufige Zahlen 

 

2010 waren zum ersten Mal verlässliche Zahlen zu Analphabetismus in Deutschland veröffentlicht worden; sie lösten einen regelrechten Schock aus. Damals lag die Zahl der ermittelten Betroffenen noch bei 7,5 Millionen Menschen bzw. 14,5 Prozent der Bevölkerung. Dass die Zahlen nun deutlich niedriger sind, dafür haben die Verfasser der Studie unterschiedliche Erklärungen, etwa das allgemein gestiegene Bildungsniveau mit höheren Schulabschlüssen und der höhere Anteil der Gesamtbevölkerung an Erwerbstätigkeit (2010: 56,9 Prozent, 2018: 62,3 Prozent). Auch politische Maßnahmen, allen voran die vom Bundesbildungsministerium seit 2016 betriebene „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ mit Infokampagnen, Studien und Projekten zur Alphabetisierung4 zeigten Erfolge, so die Bildungsforscher.

 

Da aber für die Studie ausschließlich Menschen mit ausreichenden Deutschkenntnissen interviewt wurden, kann man schon davon ausgehen, dass die tatsächliche Zahl der Analphabeten in Deutschland höher liegt als bei den ermittelten 6.2 Millionen. Wie u.a. der SPIEGEL erläutert5, wurden weder Zugewanderte ohne deutsche Sprachkenntnisse noch Geflüchtete, die nach wie vor in Sammelunterkünften leben, interviewt. Auch alte, in Heimen untergebrachte Menschen lieferten keine Daten für die LEO-Studie.

 

Dass laut der Studie unter den „gering literalisierten Erwachsenen“ fast 17 Prozent einen hohen Schulabschluss wie Abitur, 18,5 Prozent einen mittleren und mehr als 40 Prozent einen niedrigen Schulabschluss geschafft haben, verblüfft ebenfalls. Wenn nachgewiesenermaßen rund 76 Prozent der funktionalen Analphabeten, also Millionen von Menschen, im hochentwickelten Deutschland eine Schule bis zum Ende besuchten, ohne dabei ausreichend Lesen und Schreiben gelernt zu haben, liegt ein weitreichendes Versagen des Schulsystems nahe. Dabei scheint die Verantwortung der Schulen häufig in der Vergangenheit zu liegen. In einem Online-Bericht von „Deutsche Welle“6 kommt eine Frau zu Wort, die in den 1960er- und 1970er-Jahren in einem norddeutschen Dorf aufwuchs und bereits als Grundschülerin eine Lese- und Schreibschwäche aufwies. „Mein Lehrer hat meine Schwierigkeiten nicht wirklich mitbekommen", sagt sie, ebenso wenig wie ihre Eltern sich darum gekümmert hätten. Ihren Schulabschluss verdankt die heute knapp 60-Jährige ihren guten mündlichen Leistungen – ihren Analphabetismus musste sie mit ins Leben nehmen.

 

Vielfältige Ursachen 

 

Wie in dem Bericht der „DW“ weiter ausgeführt wird, nennen Experten noch ganz andere und vielfältige Ursachen für den funktionalen Analphabetismus in Deutschland. Dazu gehörten Schlüsselfaktoren wie das Wohn- und Lebensumfeld, aber auch organisch-psychologische Defizite wie Legasthenie, Aufmerksamkeitsstörungen wie das sogenannte ADHS-Syndrom oder auch psychische Belastungen, die den Kindern das Lernen erschwerten, etwa die Trennung und Scheidung der Eltern oder der Tod eines nahestehenden Menschen.

 

Bei rund vier von zehn Menschen rühren ihre Lese- und Schreibdefizite daher, dass sie schon in ihren Herkunftssprachen kaum alphabetisiert wurden und danach, auf dieser lückenhaften Basis, Deutsch lernten. Der SPIEGEL berichtet eindrucksvoll von der Rentnerin Dimitra Gotter, die aus Griechenland stammt, jedoch bereits seit fünf Jahrzehnten in Deutschland lebt.1 Nach einem nur zweijährigen Schulbesuch in Griechenland musste sie dort schon als Kind und Jugendliche arbeiten. Kaum 18-jährig, kam sie als „Gastarbeiterin“ nach Deutschland. Für den Einreiseantrag musste sie eigentlich Formulare ausfüllen, doch ein Beamter erledigte das für sie. Denn Dimitra Gotter hatte auch im Griechischen kaum lesen und schreiben gelernt. Wäre das anders gewesen, hätte sie möglicherweise später auch das Deutsche besser beherrscht, führt in dem Artikel der Bamberger Analphabetismus-Forscher Jascha Rüsseler aus.

 

Von sozialer Isolation bedroht 

 

Wie dramatisch sich die „geringe Literalität“ im Alltag der Betroffenen auswirken kann, liegt auf der Hand. Viele gehen kaum noch aus dem Haus oder verlassen zumindest ihr vertrautes Viertel nicht mehr, weil sie sich weder mittels Straßen- oder Hinweisschildern noch anderweitig gedruckten Informationen orientieren können. Medikamente werden falsch eingenommen, weil man die Packungsbeilage nicht versteht, neu gekaufte Geräte können nicht richtig bedient werden, denn die Bedienungsanleitung ist ein Buch mit sieben Siegeln. Führerschein machen, Rechnungen online bezahlen, Formulare ausfüllen – unmöglich. Aus Scham verbergen viele Betroffene ihr Leiden jahrzehntelang, finden immer wieder neue Ausflüchte und enden schließlich in einem Vermeidungsverhalten, das sie in ihrem alltäglichen Leben ungeheuer einschränkt. Kein Wunder, dass Forscher warnen und vor allem die Politik zum Handeln aufrufen: Unzureichende Lese- und Schreibkenntnisse erhöhten die Gefahr für Betroffene, mehr und mehr aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

 

Bei aller Notwendigkeit zum politischen Handeln sind es jedoch letztlich die Analphabeten selbst, die aktiv werden müssen, um ihre Lese- und Schreibfähigkeiten auszubauen und damit ihr Leben zu verbessern. Natürlich ist das leichter gesagt als getan, vor dem Hintergrund von Scham, mangelnder Kenntnis über Hilfsangebote und sozialer Isolation. Die Verfasser der LEO-Studie weisen darauf hin, dass Menschen mit Lese- und Schreibproblemen offenbar eher selten an gezielten Alphabetisierungsmaßnahmen teilnehmen. 

 

Wo Betroffene Ermutigung und Hilfe finden 

 

Die meisten Analphabeten suchen sich anscheinend erst dann Hilfe, wenn ein einschneidendes Erlebnis sie praktisch dazu zwingt. Das berichten die Aktiven vom „Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung“7, die besonders viel Erfahrung mit gering literalisierten Menschen haben. Im „Deutsche Welle“-Bericht6 erzählen sie, dass viele anriefen, nachdem wichtige Menschen, die ihnen bisher geholfen haben, durch Tod, Trennung oder Umzug verloren gingen, wenn ein neuer Job angetreten werden müsse, ein Kind geboren werde oder die heranwachsenden Kinder Unterstützung in der Schule bräuchten. Wenn sie sich dann endlich dazu entschlössen, das Ruder herumzureißen, erlebten sie meist eine dramatische Verbesserung ihrer gesamten Lebenssituation.

 

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. ist oft die erste Anlaufstelle. Bei der bundesweit tätigen Einrichtung mit Sitz in Münster erhalten Betroffene Informationen, weiterführende Hilfe und moralisch-seelische Unterstützung, nicht zuletzt weil sie hier mit Schicksalsgenossen in Kontakt kommen und sich austauschen können. Auch eine Vielzahl von ermutigenden persönlichen Erfolgsgeschichten ehemaliger Analphabeten kann der Verein erzählen, einige sind auf der Webseite veröffentlicht. Dazu kommen zielgerichtete Projekte, Kampagnen und Initiativen, eine effiziente Vernetzung und nicht zuletzt eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit, durch die die gesamte bundesdeutsche Bevölkerung mehr über Analphabetismus erfahren kann und so für das Thema und die Probleme der Betroffenen sensibilisiert wird. Auch wirkt der Verein darauf hin, die Lese- und Schreibkurse im ganzen Land ständig zu erweitern und zu verbessern.

 

Auch anonyme Beratung möglich 

 

Hilfesuchende sollten zuerst einmal zum Telefonhörer greifen und das sogenannte ALFA-Telefon unter der Nummer 0251-49 09 96-0 anrufen. Hier kann man auch anonym bleiben. Alle weiteren Informationen finden sich auf der Webseite des Vereins alphabetisierung.de.

 

Wer den ersten Schritt wagt und sich hier meldet, für den beginnt ein mühsamer, aber erfolgversprechender Weg. So wie es bei Kerstin Goldenstein aus Trier war. Der „Deutschen Welle“6 berichtete sie, wie sich mit einem ersten Deutschkurs an der Volkshochschule ihr Leben entscheidend verbessert hat: „Ich werde nie richtig gut schreiben können, aber ich habe viele Fortschritte gemacht und kann jetzt das tun, was ich nie für möglich gehalten hätte: Kurzgeschichten schreiben.“ Mittlerweile hat die ehemalige Analphabetin sogar eine eigene Schreibwerkstatt gegründet und ist als „Lernbotschafterin“ für den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. aktiv. Eine Erfolgsgeschichte, wie sie das Leben schreibt – und die hoffentlich immer mehr Menschen künftig lesen können.

 

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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